Zum The Shift! Special von Handelsblatt Online

Flexibilität Vom Arbeitsplatz der Zukunft sind wir weit entfernt

Hinter dem „Arbeitsplatz der Zukunft“ verbirgt sich die Forderung nach mehr Flexibilität. Die ist schon 20 Jahre alt. Trotzdem sind wir vom flexiblen Arbeiten weit entfernt. Denn nur mit Home-Office ist es nicht getan.
Kommentieren
Die ersten Büros gab es ab 1800 für Händler, Beamte und Handwerker. Diese Räume waren ausschließlich für Schreibtischarbeit gedacht. Während Anfang des 20. Jahrhunderts gerade einmal drei Prozent aller Beschäftigten als Büroangestellte tätig waren, ist es heute fast jeder Zweite. Seitdem hat sich die Office-Landschaft stark gewandelt. Das Arbeitsplatz-Fachportal Steelcase hat die größten Trends der vergangenen Jahrzehnte zusammengestellt. Quelle: dpa
Trends der Office-Landschaft

Die ersten Büros gab es ab 1800 für Händler, Beamte und Handwerker. Diese Räume waren ausschließlich für Schreibtischarbeit gedacht. Während Anfang des 20. Jahrhunderts gerade einmal drei Prozent aller Beschäftigten als Büroangestellte tätig waren, ist es heute fast jeder Zweite. Seitdem hat sich die Office-Landschaft stark gewandelt. Das Arbeitsplatz-Fachportal Steelcase hat die größten Trends der vergangenen Jahrzehnte zusammengestellt.

(Foto: dpa)

Angela Merkel hat mit 140 Quadratmetern das wohl größte Chefbüro Deutschlands. Und damit liegt sie voll im Trend. Obwohl überall von Open Space und dynamischen Arbeitsplätzen die Rede ist, die passend zur aktuellen Aufgabe gewählt werden – 58 Prozent von Deutschlands Bossen sitzen nach wie vor im Einzelbüro mit Panoramablick, wie eine Studie von Ipsos und dem Büroausstatter Steelcase zeigt.

Zum Vergleich: Nur 21 Prozent der Angestellten haben ein eigenes Büro. Mit dem viel gepriesenen Arbeiten der Zukunft oder New Work hat die Zweiklassen-Gesellschaft im Büro nicht viel zu tun. Allgemein herrscht in Deutschland bei der Veränderung des Arbeitens Nachholbedarf.

Zwar halten sich 40 Prozent der Unternehmen beim modernen Arbeiten für relativ fortschrittlich. Dafür hat sich jedes siebte Unternehmen noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt. Entsprechend winken 79 Prozent der Deutschen ab, wenn sie gefragt werden, wie modern ihr Arbeitsumfeld ist. Dies sei „weit entfernt“ beziehungsweise „nur ansatzweise so“, wie sie sich den Arbeitsplatz der Zukunft vorstellen.

Das ist das Ergebnis einer Studie, für die das Düsseldorfer Telekommunikationsunternehmen sipgate gemeinsam mit dem Umfrageinstitut IDG Research Services mehr als 1500 Unternehmen und Mitarbeiter zu ihren Vorstellungen über den Arbeitsplatz der Zukunft befragt hat.

Für Udo-Ernst Haner ist das Thema nicht neu „Seit 20 Jahren benennen wir den Bedarf, Arbeitsweisen zu flexibilisieren“, sagt der Leiter des Bereichs „Information Work Innovation“ beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Entsprechend lange gibt es auch die Definition des modernen Arbeitsplatzes.

Er ist kommunikativ, ermöglicht die Zusammenarbeit verschiedener Kollegen, im Zweifelsfall ist er mobil, auf jeden Fall aber flexibel. Heißt: Er passt sich den Arbeitsanforderungen und den Bedürfnissen der Mitarbeiter an – und nicht umgekehrt.

Das Büro früher und heute
Trends der Office-Landschaft
1 von 9

Die ersten Büros gab es ab 1800 für Händler, Beamte und Handwerker. Diese Räume waren ausschließlich für Schreibtischarbeit gedacht. Während Anfang des 20. Jahrhunderts gerade einmal drei Prozent aller Beschäftigten als Büroangestellte tätig waren, ist es heute fast jeder Zweite. Seitdem hat sich die Office-Landschaft stark gewandelt. Das Arbeitsplatz-Fachportal Steelcase hat die größten Trends der vergangenen Jahrzehnte zusammengestellt.

Vorbild USA
2 von 9

Nach dem Zweiten Weltkrieg hält Farbe Einzug in deutschen Büros, wie dieses Bild aus dem Jahr 1953 zeigt. Als Vorbild dienen bei der Gestaltung hierzulande laut Steelcase die USA.

Wunsch nach Effizienz
3 von 9

Zehn Jahre später geht der Trend vor allem in den USA zum Gemeinschaftsbüro, um das Wirtschaftswachstum weiter voranzutreiben. „Wie keine andere Büroform steht es für Effektivität, Produktivität und Flächeneffizienz“, schreibt Steelcase. In Deutschland werden Großraumbüros erst einige Jahre später populär.

Trend stärker in den USA als in Deutschland
4 von 9

Anfang der 1970er-Jahre finden schon deutlich mehr Angestellte Platz in US-Büros – und auch in Deutschland verbreitet sich das Großraumbüro langsam. Bis heute hat sich nach Einschätzung des Fachportals der Trend zum Großraumbüro in den USA stärker durchgesetzt als hierzulande. Demnach arbeitet jeder zweite Amerikaner heute in „Open Spaces“, in Deutschland ist es nur jeder Vierte. Ein Grund dafür könnten laut Steelcase die Baustrukturen sein: Die klassischen Verwaltungsgebäude mit langen Fluren und Einzelbüros in Deutschland können erst nach und nach in Großraumbüros umgewandelt werden.

Chefbüros bleiben bestehen
5 von 9

Obwohl es immer mehr Gemeinschaftsräume gibt, bleiben Einzelbüros – insbesondere klassische Chefbüros – bestehen. „Nach wie vor existiert in Unternehmen weltweit das Chefbüro, wobei der Status einer Führungskraft meist über die Größe des eigenen Büros definiert wird“, sagt Marc Nicolaisen, Director Customer Experience bei Steelcase.

Computer halten Einzug im Büro
6 von 9

Ende der 1980er-Jahre arbeiten in den Großraumbüros die ersten Mitarbeitern mithilfe von Computern. Die anfängliche Digitalisierung löst Jahre später eine neue Trendwelle aus.

Das Home-Office entsteht
7 von 9

Zur Jahrtausendwende ermöglichen Laptops und Handy mobiles Arbeiten – das Home-Office entsteht. Trendsetter dieser Entwicklung: die USA.

Das ist auch den Angestellten sehr wichtig, wie die besagte Studie „Arbeitsplatz der Zukunft“ zeigt: 60 Prozent der Frauen wollen im Home-Office arbeiten können, für Männer ist der standortunabhängige Datenzugriff besonders wichtig. „Das ist allerdings – aus verschiedenen Gründen – noch nicht überall verinnerlicht und in Angriff genommen“, sagt Haner. „Im Mittelstand steht häufig das operative Geschäft und insbesondere die Produktion, im Vordergrund. Die Wissensarbeit im Büro ist gerne mal nachrangig. Außerdem ist es tatsächlich eine Herausforderung, die eigene Arbeitsweise zu hinterfragen und zu verändern.“

Dazu gehöre mehr als nur ein neuer Laptop, höhenverstellbare Schreibtische oder eine Home-Office-Regelung, wie Haner sagt. „Es ist all das zusammen und noch mehr – und das abgestimmt auf die Bedürfnisse des Unternehmens und seiner Mitarbeiter. Es ist eine Veränderung der Unternehmenskultur und eine Aufgabe der Organisationsentwicklung. Deshalb gehen die Unternehmen auch alle unterschiedlich mit dem Thema um.“

Überall dieselben Fragen – und unterschiedliche Antworten

Um beim modernen Arbeiten voran zu kommen, müssten die Unternehmen sich nicht nur über Büroeinrichtungen und technische Ausstattung Gedanken machen, sondern sich auf den Mehrwert konzentrieren, den modernes Arbeiten generieren kann und soll. „Das ist Schnelligkeit, Mitarbeiterzufriedenheit und letztlich Innovationsfähigkeit. Hier müssen sich die Unternehmen fragen, wie sich das bewerkstelligen lässt“, sagt Haner. Dafür könne man sich natürlich anschauen, wie es andere Unternehmen machen. Was aber nicht funktioniere, sei, die Lösung eines Unternehmens einfach auf ein anderes zu übertragen. „Ein technikaffines Unternehmen aus der IT-Branche hat potenziell einen ganz anderen Zugang zu modernen Arbeitsweisen, als beispielsweise eines aus der Baubranche“, sagt er. Zwar müssten sich beide dieselben Fragen stellen, die Antworten seien jedoch andere.

Flexibilisierungsmöglichkeit Coworking
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Flexibilität - Vom Arbeitsplatz der Zukunft sind wir weit entfernt

0 Kommentare zu "Flexibilität: Vom Arbeitsplatz der Zukunft sind wir weit entfernt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%