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Auditorium in der Amazon-Zentrale

Der Internetgigant hat 2017 mehr als 1000 MBA-Absolventen eingestellt.

(Foto: Bloomberg)

Führungskräfte-Nachwuchs Amazon auf der Jagd nach MBA-Absolventen

Internetgigant Amazon stellt massenhaft MBA-Absolventen ein – und macht Unternehmensberatungen und Investmentbanken das Leben schwer.
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BonnErst waren es die Buchhändler, dann die Kaufhäuser und Musikkonzerne. Jetzt ist das drittgrößte Internetunternehmen der Welt dabei, einen weiteren Markt aufzumischen. „Amazon nimmt alles auf, was es an Absolventen bekommen kann, wie ein Staubsauger“, heißt es an einer internationalen Business-School. „Amazon ist der größte Rekrutierer hier“, hört man an einer anderen. Das Onlinekaufhaus ist auf Shopping-Tour – und MBA-Absolventen stehen ganz oben auf der Einkaufsliste.

Der aus den USA stammende Wirtschaftsabschluss Master of Business Administration gilt als einer der renommiertesten akademischen Titel für Manager, umfassend und praxisnah zugleich. Genau die richtige Qualifikation für den eigenen Führungsnachwuchs, befand Amazon. Und wie alles, was der Versender tut, wird auch dieses Thema in großen Dimensionen verfolgt. Mehr als 1000 Absolventen habe der Onlineriese 2017 an den 20 führenden Business-Schools der Welt rekrutiert, ließ Miriam Park, in der Amazon-Zentrale in Seattle verantwortlich für Universitätskontakte, Ende letzten Jahres wissen.

Und nicht nur Amazon hat eine Einstellungsoffensive für MBA-Absolventen gestartet: Auch andere Technologiekonzerne wie Google, Microsoft, Sales Force, Uber, Expedia oder Wipro heuern mittlerweile regelmäßig eine große Zahl von Studienabgängern der bekannten MBA-Kaderschmieden an, wie der Blick auf die Absolventenstatistik etwa des IESE Business-School in Barcelona oder der London Business-School (LBS) verrät. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre haben sich die Internetkonzerne in der Liste der bevorzugten Arbeitgeber weit nach vorn geschoben – und damit dem Führungsnachwuchs eine neue Welt eröffnet.

In der vordigitalen Zeit kannte die Mehrheit der Absolventen der Top-Hochschulen nur zwei Richtungen in die Berufswelt: Wer einen Abschluss von Harvard, Wharton, Insead oder IESE in der Tasche hatte, wählte in den meisten Fällen den Einstieg bei einer großen Unternehmensberatung oder nahm einen Job im Investmentbanking an. Je nach Ausbildungsstätte wählten 40 bis 60 Prozent der Studienabgänger Arbeitgeber aus diesen beiden Branchen, weil es hier das meiste Geld und die besten Aufstiegschancen gab.

Doch inzwischen müssen sich McKinsey, Boston Consulting Group (BCG) und Bain auf der einen und Goldman Sachs, UBS und Citibank auf der anderen Seite auf neue Konkurrenten mit strahlkräftigen Arbeitgebermarken einstellen. An der LBS etwa stieg der Anteil der Absolventen, die bei einem Unternehmen im Technologiesektor anheuerten, innerhalb von vier Jahren um 50 Prozent. Jeder fünfte Absolvent tritt seine erste Stelle heute bereits bei einem Arbeitgeber an, der aus der Digitalwirtschaft kommt.

Allen voran: Amazon. Bis vor wenigen Jahren noch ein No-Name auf dem Rekrutierungsmarkt für MBA-Absolventen, bestimmt das Onlinekaufhaus an einigen Schulen inzwischen die Regeln. An der Ross School of Business (University of Michigan) sowie an der spanischen IESE ist Amazon schon jetzt der größte Rekrutierer, wie der Informationsdienst „MBA-Journal“ ermittelt hat. Und an der Business-School Chicago Booth liest sich die Liste der beliebtesten Arbeitgeber heute so: 1. McKinsey, 2. Amazon, 3. BCG, 4. Bain.

Verfall der guten Sitten

Der verstärkte Wettbewerb verdirbt an mancher Ausbildungsstätte bereits die guten Sitten. Amazons Kopfjäger sprechen aussichtsreiche Kandidaten teilweise schon an, bevor diese überhaupt die erste Vorlesung ihres MBA-Studiums gehört haben. „Und wenn ich denen sage, dass die Räumlichkeiten der Schule tabu sind für eine solche Art der Ansprache, dann machen sie es in Cafés und Restaurants auf der anderen Straßenseite“, beklagte Scott DeRue, Dean der Ross-School, kürzlich im US-Wirtschaftsblatt „Wall Street Journal“.

Auch beim Gehalt ist Amazon längst in der Spitzengruppe angekommen: Im ersten Jahr bekommt ein Absolvent einer renommierten Business-School ein finanzielles Paket von rund 173.000 Euro; es setzt sich zusammen aus einer Art Begrüßungsgeld bei Vertragsunterzeichnung („Signing Bonus“), dem Jahresgehalt sowie einem Jahresendbonus. Damit steht der Versender den Angeboten anderer Top-Rekrutierer kaum nach: Bei McKinsey gibt es für Einsteiger 185.000 Euro, bei BCG umfasst das Startpaket 191.000 Euro, bei Goldman Sachs 186.000 Euro. Das hat der Datendienstleister Transparent Career ermittelt, der Gehaltsdaten am MBA-Markt auswertet.

Auch auf der immateriellen Seite sammelt der Internetkonzern Pluspunkte. „Absolventen interessieren sich heute mehr als noch vor Jahren für ihre persönliche Work-Life-Balance“, sagt Jörg Ritter, Partner bei der Personalberatung Egon Zehnder in Berlin und langjähriger Kenner des Arbeitsmarktes für Führungskräfte. Hier könne Amazon punkten – weil die Jobs anders als bei den meisten Strategieberatern nicht mit vier oder fünf Tagen pro Woche Leben aus dem Koffer verbunden seien. Auch der Zeitgeist spielt den Digitalunternehmen in die Hände. „Die großen Tech-Unternehmen verkörpern aus der Sicht der Studenten die Zukunft“, sagt Vicki Lambiri, die bei IESE für die Kontakte zu Arbeitgebern aus dem Tech-Sektor verantwortlich ist. „Sie wachsen stark, schaffen dadurch ständig eine Menge interessanter, neuer Jobs – und damit viele Karrieremöglichkeiten.“ Wer zu Amazon, Google oder Microsoft gehe, stehe im Zentrum der Innovation.

Das macht diese Arbeitgeber attraktiv – auch weil Multis ähnlich wie kleine Internet-Start-ups eine „Wir verändern die Welt“-Geschichte liefern. „Die jungen Absolventen gehen gerne in Jobs mit spannenden Inhalten. Sie wollen Teil der großen Veränderungen sein – und nicht nur Zaungäste“, sagt Edward Dallas, der an der London Business-School die Kontakte zu den Arbeitgebern betreut. „Das lockt viele ins Herz der Digitalwirtschaft.“

Für die MBA-Absolventen bedeutet das rosige Aussichten. Wer den Abschluss einer der weltbesten Hochschulen vorweisen kann, kann oft zwischen mehreren Jobofferten auswählen. „Auf diesem Arbeitsmarkt herrschte schon immer ein Kampf um die besten Köpfe – und der wird weitergehen“, sagt LBS-Mann Dallas.

Aber auch für Amazon selbst bedeutet die massenhafte Rekrutierung von Managementexperten einen tiefgreifenden Wandel. „Bislang gab es bei uns viele bunte Hunde, Nerds und Seiteneinsteiger“, sagt eine Amazon-Führungskraft, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Doch diese alte Firmenkultur werde sukzessive abgelöst. „Der Hunger auf MBAs schafft eine Monokultur unter den leitenden Angestellten.“

Amazons Einstellungsoffensive läuft seit 2014. Damals hatte Chefrecruiterin Park angekündigt, dass der Konzern seine Aktivitäten an den Business-Schools verstärken werde. Allein im Folgejahr stellte der Digitalkonzern nach eigenen Angaben bereits mehrere Hundert MBA-Absolventen ein.

Aktiv rekrutiert wird in Europa bevorzugt an der London Business-School, bei Insead in Frankreich sowie an den Business-Schools IESE, Esade, IMD und Oxford Saïd. Auch Absolventen deutscher Business-Schulen wie der Berliner ESMT oder der HHL in Leipzig hat Amazon bereits angeheuert. Als „Staubsauger“ hat sich das Internetwarenhaus zumindest hierzulande aber bisher noch nicht positioniert.

Lernen im Dampfkochtopf

Amazon und die anderen Technologiekonzerne schätzen an den Business-Absolventen die Kombination aus langfristig-strategischem Denken und Wissen um dessen praktische Umsetzung. „Die Diversität ihrer Erfahrungen und ihre analytischen Fähigkeiten bringen uns neue Sichtweisen auf unser Geschäft, die sehr wertvoll sind“, sagt Amazon-Managerin Park.

Firmen-Kontaktmann Dallas von der London Business-School bestätigt diese Sichtweise. „Arbeitgeber wie Amazon, Expedia oder Google brauchen Führungsnachwuchs, der die Managementwerkzeuge sicher beherrscht und gleichzeitig gute Analysen machen kann, auch und gerade mit großen Datenmengen.“

Hinzu komme noch ein weiterer Nutzen, der bei den Arbeitgebern aus der Internetwelt gut ankomme: An den führenden Business-Schools der Welt würden die Studenten derart gedrillt, dass sie später mit nahezu jeder Situation in der realen Arbeitswelt gut zurechtkämen. „Das MBA-Studium ist ein Dampfkochtopf. Hier lernen die Studenten, unter Druck zu arbeiten.“

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