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Schweizer Elitehochschule HSG

Die Negativschlagzeilen mehren sich.

(Foto: mauritius images)

Hochschule Chaos an der Uni St. Gallen – Doch das schadet der Manager-Kaderschmiede kaum

Mutmaßliche Spesenexzesse, fragwürdige Nebenmandate und ein Honorarprofessor in U-Haft: An der Universität St. Gallen häufen sich derzeit Ungereimtheiten.
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Sankt Gallen Draußen strahlt die Sonne, drinnen pilgern junge Männer und Frauen scharenweise durch die Gänge, um Hörsäle, Bibliothek und Mensa zu besichtigen. Es ist „Master-Infotag“ auf dem Rosenberg in Sankt Gallen. An Tischen stellen Studenten an diesem Tag ihre Studiengänge vor – vom Rechnungswesen bis zur internationalen Politik ist es nur ein kurzer Weg. Weltoffen, praxisnah, exzellent: So präsentieren sie sich hier gern an der Universität St. Gallen, kurz HSG.

Doch seit Kurzem nagen gleich mehrere Negativschlagzeilen am Vorzeigeimage der Ostschweizer Elitehochschule: Vom „Niedergang der HSG“ war kürzlich etwa in der „Weltwoche“ zu lesen. Es geht um Ungereimtheiten bei Spesenabrechnungen von Uni-Mitarbeitern, fragwürdige Professoren-Nebentätigkeiten, selbst der Rektor steht im Visier der Kritik. „Die letzten Monate waren außerordentlich intensiv“, sagt HSG-Rektor Thomas Bieger im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das liege nicht nur an den vielen Großprojekten wie einem neuen Campus, den die Universität gerade angeht. Sondern auch an „verschiedenen Themen, die aufgetreten sind“.

Was Bieger so global-galaktisch als „Themen“ bezeichnet, trübt seit einigen Monaten den Glanz seiner Elitehochschule. Im Juni etwa kam heraus, dass Mitarbeiter überhöhte Spesen abgerechnet haben sollen. Wie das „Tagblatt“ aus Sankt Gallen berichtete, hätten sich die Vorfälle am Institut für Finanzrecht ereignet.

Die Universität will das nicht weiter kommentieren. Die HSG ist eine staatliche Hochschule. Sollte sich der Verdacht erhärten, ginge es auch um Steuergelder, an denen sich einzelne Mitarbeiter bereichert hätten.

Ebenfalls seit Juni sitzt ein bekannter langjähriger Honorarprofessor der HSG in Untersuchungshaft. Es ist Ex-Audi-Chef Rupert Stadler. Die Staatsanwaltschaft München wirft ihm Mitwisserschaft im Dieselskandal vor. Zudem soll er versucht haben, Zeugen zu beeinflussen. Stadler weist die Vorwürfe nach früheren Angaben mit Nachdruck zurück.

Die Causa Stadler wirft ein Schlaglicht auf die engen Bande der HSG zu dem Manager – und zu Audi. Der deutsche Autobauer fördert die HSG auch finanziell, beide Seiten kooperieren etwa mit einem gemeinsamen Labor. Stadler sei der Titel damals wegen seines „langjährigen und erfolgreichen außeruniversitären Leistungsnachweises in der Wirtschaft“ verliehen worden, erklärt Rektor Bieger.

Während sich Audi und die Konzernmutter Volkswagen von dem Manager trennten, hält die HSG weiter an Stadler fest. Seine Professur sei lediglich ausgesetzt worden, erklärt Rektor Bieger und verweist auf die Unschuldsvermutung: „Solange die Vorwürfe nicht aufgeklärt sind, wurde die Honorarprofessur von Herrn Stadler sistiert.“ Sollten sich die Zweifel an Stadlers unternehmerischen Leistungen erhärten, könne der Titel aberkannt werden. Die Hängepartie geht weiter.

Die 1898 gegründete HSG ist nicht irgendeine Hochschule. So, wie bei Audi Oberklassefahrzeuge vom Fließband laufen, produziert die kleine, aber feine Hochschule mit ihren derzeit mehr als 8500 Studierenden ständig neue Topmanager.

Wer den renommierten Executive MBA absolviert, kann sich nach dem Abschluss oft zwischen mehreren gut dotierten Führungsjobs entscheiden. Unter den Business-Schools spielt die staatliche HSG in einer Liga mit privaten Hochschulen, die deutlich höhere Studiengebühren kassieren.

Mehr als 27.000 Mitglieder zählt der Ehemaligen-Klub der Ostschweizer Uni. Ob der Prinz von Liechtenstein Hans Adam II., Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner, Swatch-Chef Nick Hayek oder die Bankmanagerin Dorothee Blessing: Sie alle haben auf dem Rosenberg studiert.

Die Nähe zu den Mächtigen in Politik und Wirtschaft ist tief in der DNA der Universität verwurzelt. In Sankt Gallen ist man stolz darauf, dass sich die HSG nur zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln finanziert. Das restliche Geld werben die Forscher auf anderem Wege ein, etwa über strategische Kooperationen mit Unternehmen.

Gefährliche Nähe

Dass die Wirtschaftsnähe allerdings auch Risiken für die HSG birgt, musste Rektor Bieger zuletzt gleich in zwei Fällen erleben. Einer davon betrifft den HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm, der andere Bieger selbst.

Rüegg-Stürm leitet an der HSG das Institut für systemisches Management und Public Governance. Der Experte für gute Unternehmensführung hat das St. Galler Modell weiterentwickelt, das zu den wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften der Uni zählt. Doch in seinem Zweitjob als Chefkontrolleur der Schweizer Raiffeisen-Bank machte Rüegg-Stürm keine gute Figur.

Die drittgrößte Bank der Schweiz war bereits 2017 in einen Skandal verwickelt, der in Deutschland weitgehend unbeachtet blieb. So soll sich der langjährige Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz an Firmen beteiligt haben, in die Raiffeisen selbst investierte. Als Vorsitzender des Verwaltungsrats, des Pendants zum deutschen Aufsichtsrat, hätte HSG-Professor Rüegg-Stürm eingreifen müssen, stattdessen ließ das Gremium den Manager quasi unbehelligt gewähren. Auch die Schweizer Finanzaufsicht Finma attestierte Raiffeisen „schwerwiegende Mängel“ in der Corporate Governance.

Die Aufseher stellten fest, dass Rüegg-Stürm und seine Verwaltungsratskollegen die Aufsicht über Vincenz – übrigens auch er ein HSG-Alumnus – vernachlässigt haben. Inzwischen ist die oberste Führungsriege der Raiffeisen-Bank ausgetauscht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Vincenz wegen Untreue, er hatte die Vorwürfe zurückgewiesen. Rüegg-Stürm hat sich ein Forschungsfreisemester an der HSG genommen. Eine Anfrage des Handelsblatts an ihn blieb unbeantwortet.

Dass sich Professoren in der Praxis betätigen, sei „ausdrücklich gewünscht“, erklärt Hochschulchef Bieger. „Dabei lässt sich nun mal nicht ausschließen, dass es zu Fehlern kommt.“ Möglicherweise könne es für die Studierenden „sogar sehr lehrreich sein, wenn Johannes Rüegg-Stürm seine Erfahrungen nach seiner Rückkehr im Unterricht einbringt“, erklärt der Rektor. Eine etwas eigenwillige Interpretation von praxisnaher Lehre.

Auch Bieger selbst hat ein Amt als Chefkontrolleur, das ihm Probleme bereitet. Wer sein Büro besucht, entdeckt im Regal einen Modellzug mit den berühmten roten Waggons der Jungfraubahn: Sie bringt jährlich rund eine Million Besucher zum Jungfraujoch, einem der größten Touristenmagneten der Schweiz. Bieger ist Verwaltungsratschef des Mittelständlers, dessen Aktien an der Börse in Zürich notieren.

Im September rügte die Finanzaufsicht den Bahnbetreiber. Den Börsenkontrolleuren war aufgefallen, dass der Aktienkurs der Bahngesellschaft an den Jahresenden 2014 bis 2016 auf Talfahrt ging. Für die Kurseinbrüche fanden die Aufseher eine überraschende Erklärung: Die Jungfraubahn warf ihre eigenen Aktien gezielt auf den Markt, um den Kurs zu drücken. Man habe sich dafür eingesetzt, „nicht als Spekulationsobjekt wahrgenommen zu werden“, erklärte der Mittelständer die Marktmanipulationen.

Wusste Thomas Bieger von den Markteingriffen bei der Jungfraubahn oder nicht? Segnete der Verwaltungsrat sie womöglich sogar ab? Der Rektor will sich dazu nicht äußern – und verweist auf das Geschäftsgeheimnis und eine offizielle Mitteilung des Bahnunternehmens. Der zufolge habe die Jungfraubahn die umstrittene Praxis eingestellt.

Mit den Geschäften habe die Jungfraubahn zwar gegen das Aufsichtsrecht verstoßen, erklärt die Finma auf Anfrage des Handelsblatts. Es bleibt jedoch bei einer Rüge, ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft droht dem Unternehmen und Bieger nicht.

Für den Hochschulrektor zählen die Nebentätigkeiten zum „Erfolgsmodell“ der HSG. „Nur so können wir die Praxisorientierung in Lehre und Forschung sichern sowie Professorinnen und Professoren nach Sankt Gallen holen, die wir allein mit dem öffentlichen Gehalt nicht bekämen.“ Auch in seinem eigenen Fall sieht er „zwischen beiden Mandaten keinen Konflikt“. Schließlich sehe das Lastenbuch der Jungfraubahn vor, dass sich der Verwaltungsratschef nur einen halben Tag pro Woche für sein Amt engagiere.

Tatsächlich dürfen HSG-Professoren einen Arbeitstag pro Woche für ihre Nebentätigkeit verwenden – und werden dabei voll bezahlt. Immerhin hat der Universitätsrat der HSG auf die jüngsten Zwischenfälle reagiert und beschlossen, dass Rektoren künftig auf jede Nebentätigkeit während ihrer Amtszeit verzichten müssen. Allerdings gilt die neue Regelung erst für Biegers Nachfolger.
In sozialen Netzwerken solidarisieren sich Studenten unter dem Hashtag #jesuisbieger mit ihrem Rektor. Und für das Hochschulmagazin Prisma sind „der Rektor Thomas Bieger und der Verwaltungsratspräsident der Jungfraubahn Thomas Bieger zwei verschiedene Personen“. Auch Studentenvertreter Florian Wußmann sagt: „Wir setzen auf Kooperation, nicht auf Konfrontation mit dem Rektorat.“ Trotzdem pochen die Studentenvertreter darauf, dass die Vorfälle restlos aufgearbeitet werden. „Unsere Professoren müssen sich an denselben Maßstäben messen lassen, die sie auch in der Lehre vermitteln“, so Wußmann.

Fehler im System

„Das Problem liegt nicht im persönlichen Fehlverhalten einiger Dozenten, sondern im System“, bemerkt Max Lemmenmeier, Parteipräsident der St. Galler Sozialdemokraten. Zwar erachtet auch er den Austausch zwischen HSG und Wirtschaft als wichtig und legitim. Doch es brauche klarere Regeln, gerade für Nebentätigkeiten. „Eigentlich sollten Wissenschaftler nicht hierherkommen, um lukrativen Nebenjobs nachzugehen, sondern weil sie zum Wohle aller Menschen forschen wollen“, sagt der Politiker.

Lemmenmeiers Plan: Er will deshalb Lehrkräfte dazu verpflichten, einen Teil ihrer Einnahmen aus Nebentätigkeiten an die Universität abzugeben, was woanders längst üblich ist. Davon sollen Forschungsfelder profitieren, die einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten, sich aber mit dem Einwerben von Drittmitteln schwertun. „Eine Universität darf nicht nur zu Themen forschen, die Geld einbringen“, so Lemmenmeier, der als promovierter Historiker die Fallstricke privater Forschungsfinanzierung aus eigener Erfahrung kennt.

Nicht nur die Ausrichtung, sondern auch die Krisenkommunikation der Universitätsleitung sorgt in Sankt Gallen für Kritik. Dass die Universität etwa im Fall der falsch abgerechneten Spesen nicht einmal offiziell macht, um welche Summen es geht, ließ die Gerüchteküche auf dem Rosenberg erst so richtig brodeln – und lässt das Problem womöglich größer erscheinen, als es in Wahrheit ist.

Bieger verweist auf die laufenden Untersuchungen. Die Kritik an seiner Kommunikation blockt er ab: „Wo immer es geht, suchen wir den Dialog und wollen Transparenz schaffen“, erklärt der Hochschulrektor. Von Fehlern möchte er nicht sprechen. „Allerdings sehen wir angesichts der jüngsten Ereignisse einen gewissen Adjustierungsbedarf.“ So sei etwa denkbar, dass Kriterien wie Transparenz oder Nachhaltigkeit beim Einwerben von Drittmitteln eine größere Rolle spielen. Regeln soll dies auch das neue Universitätsgesetz, das derzeit ausgearbeitet wird. Dessen Überarbeitung sei aber bereits vor den Vorfällen angestoßen worden.

So oder so, zumindest auf den guten Ruf der Lehre in Sankt Gallen hatten die jüngsten Skandale bislang keinen sichtbaren Einfluss. Im aktuellen Ranking der „Financial Times“, das vor Kurzem erschien, landete der Master in „Strategy and International Management“ gerade wieder auf dem ersten Platz.

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