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Kein Elan?

Wer zu viel motiviert, demotiviert seine Mannschaft.

(Foto: Fotolia.com)

Karrierecoach Martin Wehrle „Je mehr wir motivieren, desto demotivierter werden die Mitarbeiter“

Lassen sich Mitarbeiter von Prämien, Lob oder Incentive-Reisen motivieren? Auf gar keinen Fall, sagt Gastautor und Karrierecoach Martin Wehrle. Sogar das Gegenteil kann eintreten.
2 Kommentare

Düsseldorf„Was kann ich tun, um meine Mitarbeiter besser zu motivieren?“, fragte mich der junge Bereichsleiter im Coaching und zupfte an seiner roten Krawatte.

„Was tun Sie denn bislang?“, frage ich zurück.

„Das volle Programm“, sagte er. „Wir setzen individuelle Leistungsprämien aus. Wir belohnen Abteilungen für einen geringen Krankenstand. Wir betreiben systematische Personalentwicklung, um Mitarbeiter durch Kurse noch besser zu machen. Und jedes Jahr ergänzen wir die individuellen Motivationsgespräche durch einen motivierendes Teamevent.“

„Ganz schön viel, was Sie da für die Motivation tun.“ Ein Lächeln ließ seine Zähne aufblitzen.

„Das ist längst nicht alles! Wir zeichnen auch einen Mitarbeiter des Jahres aus. Und wir haben eine kleine Bibliothek mit motivierender Literatur eingerichtet.“

„Und dennoch sitzen Sie hier, weil Sie mit der Motivation Ihrer Mitarbeiter unzufrieden sind“, erinnerte ich ihn. Nachdenklich sah er mich an. „Haben Sie denn eine Idee, was die Motivation bremst?“

Martin Wehrle ist Gehaltscoach und Buchautor. Dieser Gastbeitrag ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem neuem Buch „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch“. Quelle: PR
Der Autor

Martin Wehrle ist Gehaltscoach und Buchautor. Dieser Gastbeitrag ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem neuem Buch „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch“.

(Foto: PR)

Ich bat ihn in die Mitte des Raums. „Strecken Sie Ihre Arme und die Handflächen nach vorne.“ Ich fuhr meine Arme ebenfalls aus und legte meine Handflächen gegen seine. Dann begann ich, ihn nach hinten zu drücken, wie bei einem Kampf.

Überrascht ließ er sich ein paar Schritte schieben. Dann drückte er dagegen. Jetzt ging ich rückwärts. Schließlich standen wir keuchend im Raum, und ich sagte: „Wenn Sie jemanden in die eine Richtung drücken, drückt er immer dagegen.“

„Ich kann Ihnen nicht folgen.“

„Sagen Sie zu einem Menschen: ‚Sei endlich motivierter‘ – und schon ist seine Motivation futsch. Das ist die paradoxe Wirkung des Appells.“

„Aber es kann doch kein Fehler sein, einen Menschen zu motivieren.“

„Doch, Sie nehmen ihm die Chance zur Eigenmotivation. Vielleicht wäre er freiwillig in diese Richtung gegangen. Aber sobald Sie ihn schieben, leistet er Widerstand.“

„Schieben? Wir tun von Jahr zu Jahr mehr, um die Eigenmotivation zu ermöglichen.“

„Was kommt bei einem Mitarbeiter an, wenn er zum Motivationsgespräch gebeten wird? ‚Du bist nicht motiviert genug!‘“ Er klemmte die Spitze seiner Krawatte zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Aber Personalentwicklung ist doch sinnvoll.“

„Personalentwicklung ist unmöglich“, sagte ich. „Jeder kann sich nur selbst entwickeln, als ganzer Mensch – und nicht nur als ‚Personal‘. Und Ihre Teamprämie für geringen Krankenstand sagt indirekt: ‚Ihr seid potenzielle Krankmacher.‘ Wer traut sich noch, krank zu sein, wenn er damit seinem Team die Prämie raubt?“

„Dann meinen Sie also: Je mehr wir motivieren, desto demotivierter werden die Mitarbeiter?“ Endlich hatte er es begriffen.

Chefs haben zwei Möglichkeiten, einen Mitarbeiter für faul zu erklären: Sie mahnen ihn ab. Oder sie motivieren ihn. Was mehr wehtut, darüber kann man streiten. Motivierung ist Leistungs-Doping. Und wann wird Doping nötig? Wenn die Zeiten, die einer ohne läuft, zu langsam sind.

Doch was tut ein Mitarbeiter, wenn er schon jeden Tag sein Bestes gibt? Er wird bockig und verlangsamt sein Tempo. Weil er spürt, dass er angeschoben wird, hält er dagegen. Niemand will als zum Leben erweckte Motivationsleiche gelten.

Aber gibt es nicht Mitarbeiter, die sich von Prämien, Lob oder Incentive-Reisen doch motivieren lassen? Ja, aber solche Drogen nutzen sich ab. Das erste Lob des Chefs löst noch Leistungsfeuerwerke aus. Das zweite Lob lässt noch ein paar Funken sprühen. Und beim dritten ist der Ofen aus.

Ähnlich verpuffen Prämien und Incentives. Oder haben Sie je erlebt, dass ein fauler, schlampiger, demotivierter Kollege – Abrakadabra! – durch eine Prämie dauerhaft zu einem fleißigen, achtsamen und motivierten Kollegen geworden wäre? Wer ohne Prämie nichts gerissen hat, wird auch mit Prämie nichts reißen.

Aber die Motivation der Leistungsträger kann durch die Prämie bombardiert werden. Wie soll eine Kundenberaterin, die ihren Beruf wirklich liebt, mit Prämie besser beraten als ohne? Wer schon alles gegeben hat, kann nicht mehr nachlegen – und fühlt sich in seiner Leistung verkannt.

Der Psychologie-Professor Martin Seligman, Pionier der Positiven Psychologie, schreibt: „Eine Berufung ist die am meisten befriedigende Art von Arbeit, eben weil sie eine Belohnungshandlung ist und deshalb um ihrer selbst willen getan wird – statt für die materiellen Vorteile, die sie bringt.“ Diese Voraussetzung sei „wichtiger als die materiellen Kompensationen für Arbeit“.

Arbeitsfreude ist ein Funke, der aus der Tätigkeit an sich auf Menschen überspringt und intrinsische Motivation entfacht. Keine Firma kann einen Beschäftigten dauerhaft von außen motivieren. Aber ihn dauerhaft zu demotivieren, das gelingt leicht. Einige Unternehmen tun das täglich, ohne sich dessen bewusst zu sein:

  • Mitarbeiter müssen Entscheidungen umsetzen, hinter denen sie nicht stehen.
  • Vor lauter Bürokratie kommt kein Mensch mehr zum Arbeiten.
  • Schmale Budgets stehen vernünftigen Arbeitsplätzen und –mitteln im Weg.
  • Führungskräfte haben kaum noch Zeit für ihre Mitarbeiter.
  • Aktionäre werden schneller informiert als die eigene Belegschaft.
  • Meetings wuchern wie Krebsgeschwüre und bringen die Arbeit zum Erliegen.
  • Durch geringe Personalstärke fehlt die Zeit, noch sorgfältig zu arbeiten.
  • Die Arbeitsplätze wackeln, obwohl es dem Unternehmen gut geht.
  • Gehaltsverhandlungen bringen keine vernünftigen Ergebnisse, nur Demütigungen.

Der beste Weg, Mitarbeiter zu motivieren? Sie fair behandeln. Sie fair bezahlen. Ehrlich zu ihnen sein. Und sie fragen, was sie brauchen, um ihre Arbeit gut zu machen. Der Rest passiert von ganz allein. Arbeitsfreude motiviert am meisten. Wir brauchen wieder mehr davon.

Martin Wehrle, Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch
Mosaik
München 2018
380 Seiten
15 Euro
ISBN: 978-3442393268

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2 Kommentare zu "Karrierecoach Martin Wehrle: „Je mehr wir motivieren, desto demotivierter werden die Mitarbeiter“"

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  • Wie bei vielen anderen Giften kommt es auch hier auf die Dosis an.
    Schleimiges Lob kommt natürlich negativ an. Aber wertschätzenden und freundlichen Umgang empfinde ich als positiv, ebenso wie eine Sonderzahlung bei besonderen Erfolgen und Leistungen.

  • Was Herr Wehrle da aufstellt hat an Thesen, kann ich absolut bestätigen.
    Ich hatte, unabhängig vom Unternehmen, regelmäßig Führungsgespräche.
    Hier werden Ziele definiert, weil von der Personalabteilung (Neo Germanisch: Human Resource) das ganze eingefordert wird.
    Ob ich die Ziele tatsächlich erreiche oder nicht ist (...) egal. Der direkte Vorgesetzte entscheidet das . Meist mit nicht mal mit objektiv messbaren Zielen. Man wird hingedrückt, wo die Vorgesetztenebenen einen sehen wollen.
    Es wird der Persönlichkeit u. den zukünftigen Anforderungen nicht ansatzweise gerecht. Ich soll mich zum Experten im Bereich Elektromobilität entwickeln. Ein Witz. Wo die Reise da wirklich hingeht ist nicht wirklich sicher. Je mehr man sich mit dem Thema befasst, desto mehr merkt man das die derzeitigen Ansätze völliger Schwachsinn sind. Gesagt habe ich es. Auch unterlegt mit Argumenten. Akzeptiert wird es nicht.
    Fazit: ich suche nach immer mehr Gegenargumenten und das schöne ich finde sie auch.
    - Akkus sind zu schwer. Masse und Energie sind einander Proportional. 25% Mehrgewicht bedeutet 25% mehr Energie
    - Akkus haben eine (...) Leistungsdichte
    - sie haben eine geringe Haltbarkeit 500 - 1000 Ladezyklen oder 100.000 bis 150.000 km
    - Es wird nie ausreichend Ladestellen geben. Entweder Ladeplatz oder Parkplatz. Wird Lustig für Laternenparker
    - Kupfer wird Sau teuer. Auf den Kupferpreis spekuliere ich lieber nicht, weil ich nicht dran glaube.
    - Es gibt nie einen vernünftigen Gebrauchtmarkt, da die Akkus zu schnell "hin" sind
    - Das beste Argument kam von einem Kollegen: Da hat man soviel Geld reingesteckt, anderes macht keinen
    Sinn. Er macht mit Akkus weiter. Dem verlorenen Geld noch gutes hinterherwerfen.
    Es schließt sich der Kreis. Das Motiviert voll.
    Ich freue mich schon auf das nächste Gespräch. Vorbereitung ich 0 Stunden. Mein Vorgesetzter 1 Stunde. Dauer 1 Stunde. Nachbereitung 2h: Kosten: 4 Stunden.
    Ziel: Blabla
    Nutzen: Keiner ausser die Zeit rumgebracht. Innovation: NULL Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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