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Kommentar Pro und Contra – Darf man Mitarbeiter per Software vermessen?

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Contra-Position: Juristin Manuela Mackert
Die Juristin ist Compliance-Chefin der Deutschen Telekom.
Manuela Mackert

Die Juristin ist Compliance-Chefin der Deutschen Telekom.

Altes hinter sich zu lassen hat schon immer Neues geschaffen. Auch neue Ängste. Doch wir sollten uns nicht fürchten vor dem Neuen, sondern es aktiv gestalten. Noch haben wir bei der Künstlichen Intelligenz (KI) die Chance dazu. Mein Plädoyer lautet: Um die positiven Aspekte von KI zum Vorteil des Menschen zu nutzen, müssen wir uns einen ethischen Rahmen geben.

Doch wie? Es ist wie an einer Weggabelung mit zwei Richtungspfeilen: Auf dem einen steht „Vertrauen“, auf dem anderen „Kontrolle“. Aber wem oder was vertrauen? Und wen oder was kontrollieren? Aus meiner Sicht ist die Antwort eindeutig: Wir sollten dem Menschen vertrauen und die Technologie kontrollieren.

Schaut man auf People Analytics, die KI-basierte Analyse von Mitarbeiter- und Unternehmensdaten, scheint es genau umgekehrt: Das Leitbild ist die Kontrolle des Mitarbeiters, also des Menschen. Kontrolle verdrängt jedoch Vertrauen – und eine Gesellschaft ohne Vertrauen reduziert sich zur Diktatur. In dem Fall: eine Diktatur der Daten.

Befürworter der Analyseprogramme argumentieren, dass diese Kontrollmechanismen die Produktivität und damit die Wertschöpfung von Unternehmen steigern, Arbeitsabläufe analysieren, die Effizienz der Beschäftigten erfassen und sogar am Verhalten einzelner Mitarbeiter die Wahrscheinlichkeit ermitteln, ob diese kündigen werden.

Außerdem seien die KI-Systeme in der Lage, emotionslose, rein faktenbasierte Entscheidungen zu treffen und so optimale Lösungen für Unternehmen und Mitarbeiter zu finden – das alles ohne größere Eingriffe in das sensible Ökosystem Unternehmen.

Tatsächlich ist umstritten, ob Algorithmen objektiv entscheiden. Denn KI kann nicht vorurteilsfrei etwa Leute einstellen oder entlassen – weil ihre Entscheidungen altbekannten Mustern folgen, die oft mit Diskriminierung verfärbt sind. Außerdem „lernt“ KI von seinen menschlichen Programmierern.

Zudem sollten wir uns grundlegend fragen, inwieweit wir bereit sind, den Preis für Entscheidungen zu bezahlen, die ein Algorithmus getroffen hat. Und damit auch den Preis für den Verlust von Selbstbestimmtheit, Individualität und von der Freiheit, auch falsche Entscheidungen zu treffen und daraus zu lernen. Wäre ein Mensch, der nur noch ideale Entscheidungen treffen darf, überhaupt noch „Mensch“ oder nicht schon „Objekt“? Ein Algorithmus kann das nicht berechnen.

Bei uns im Unternehmen fördern wir bewusst Eigenständigkeit, flache Hierarchien, flexibles Arbeiten und agile Arbeitsmethoden. Mit People Analytics müssten nicht nur wir uns abwenden von Vertrauensarbeitszeit und Ergebniskultur – und stattdessen Kontrolle und Präsenzarbeitszeit einführen. So etwas will ich nicht – weder für unser noch für ein anderes Unternehmen.

Ohne Fehler keine Kreativität und Innovation

Ethik sollte deshalb die Infrastruktur der KI sein. Wir Europäer sind Meister darin, uns selbst zu unterschätzen. Wir haben gewichtige Werte, eine starke Kultur, eine hohe technologische Kompetenz und das höchste Datenschutzbewusstsein. Auf diese Werte sollten wir uns bei KI und People Analytics konzentrieren und selbstbewusst mit ihnen umgehen, unabhängig bleiben und uns so abgrenzen, etwa gegenüber der kulturellen Identität und den Interessen Nordamerikas oder gegenüber Tendenzen aus China.

Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga hat den Menschen in seinem Buch „Homo Ludens“ als kulturbildenden Faktor beschrieben – als spielerisch, schöpferisch, neugierig. Um diesen kreativen Ideenmotor in uns allen am Laufen zu halten, müssen Fehler erlaubt sein, denn nur so lernen wir und entwickeln Innovationen. Dem Medizinpionier Alexander Fleming hatte neben seiner positiven Fehlerkultur noch der Zufall unter die Arme gegriffen.

Denn nur, weil er eine Petrischale mit Bakterienkulturen versehentlich über Tage im Spülbecken stehen ließ und sich Schimmelpilze ansiedelten, entdeckte er schließlich das Antibiotikum, das ihm 1945 den Nobelpreis einbrachte: Penicillin. In einer „perfekten“, datengetriebenen Welt wäre die verunreinigte Probe womöglich entsorgt und Penicillin nicht entdeckt worden.

Technologie soll unterstützend wirken, unsere Fähigkeiten erweitern und ergänzen, sie aber keinesfalls einschränken. KI darf nicht zum Überwachungsinstrument verkommen und muss unseren ethischen Grundwerten entsprechen. Sie muss dem Menschen Freiräume verschaffen für Inspiration, Kreativität, Intuition, Empathie – unsere echten Stärken im Vergleich zur Maschine. People Analytics erstickt diese Stärken jedoch und fördert Misstrauen, Gleichmut, Ignoranz, Angst.

Sicher, Fehler bedingungslos zu tolerieren wäre eine falsch verstandene Fehlerkultur. Wir müssen aus unseren Fehlern lernen, alles andere wäre Stillstand, weil wir immer wieder an derselben Stelle scheitern würden. Doch Fehler erst einmal zuzulassen erfordert den Mut, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

People Analytics birgt die Gefahr, dass nicht mehr die Menschen, die Führungskräfte, sondern die KI die Entscheidungen trifft. Entscheidungen über Mitarbeiter, über Finanzen, Restrukturierungen, Strategien, kurzum: über das ganze Unternehmen. Wir müssen uns schnell entscheiden, in welcher Welt wir leben wollen. Noch haben wir die Wahl.

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