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Mint-Berufe „Technically single“ – Wie eine Serie Frauen Technik-Berufe näher bringen soll

Frauen interessieren sich für Mint-Berufe, wenn sie weibliche Vorbilder in den Medien zu sehen bekommen bekommen. Eine Serie hat genau das zum Ziel.
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Mädchen können sich genauso für Technik begeistern wie Jungen, haben aber weniger Vorbilder zum Orientieren. Quelle: dpa
Mädchen im Roboterwettkampf

Mädchen können sich genauso für Technik begeistern wie Jungen, haben aber weniger Vorbilder zum Orientieren.

(Foto: dpa)

Die hübsche dunkelhaarige Juli steht samt Freundin vor einem Hörsaal der TU München und kann’s kaum fassen: „Ich werd jetzt echt E-Technik-Studentin“, jubelt sie per Facetime ihrem schnöseligen Freund zu. Doch der Macho-Möchtegern-Diplomat steht nicht auf nerdige Technik-Frauen, die im Blaumann arbeiten – und macht online Schluss.

Juli, gespielt von Alina Stiegler, ist am Boden zerstört – doch dann sagt die blonde langbeinige Professorin für Regelungstechnik vorn an der Tafel lächelnd: „Denken Sie dran: Die Summe aller Probleme bleibt zwar konstant – aber die Anzahl der Lösungswege geht gegen unendlich.“

Maria Furtwängler mimt Professorin Bornholm in der neuen Webserie „Technically single“, die seit Kurzem auf Maxdome und dem Onlinesender „Sixx“ läuft. Furtwängler unterstützt das Projekt ihrer Alma Mater, weil sie das Ziel gut findet: junge Frauen auf coole Art für MINT-Berufe begeistern – also für alles rund um Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

18 Jahre Girls’Day und diverse MINT-Initiativen haben keine wirkliche Wende gebracht: Nach wie vor entscheidet sich nur ein knappes Viertel aller Studienanfängerinnen für ein technisch-naturwissenschaftliches Studium, ihr Anteil ist trotz deutlich besserer Job- und Verdienstchancen als in vielen weiblich dominierten Fächern nur minimal gewachsen.

Bei den männlichen Studienanfängern wählen gut 53 Prozent ein MINT-Fach. Bei Azubis sieht es noch trüber aus: 47 Prozent aller männlichen Lehrlinge wählen einen Beruf mit technisch-naturwissenschaftlichem Bezug wie Elektriker und Kfz-Mechatroniker – aber gerade mal sieben Prozent der weiblichen Azubis. Die Enttäuschung in der Wirtschaft ist groß.

Um dem etwas entgegenzusetzen, hat Professor Klaus Diepold, jahrelang Vizepräsident der TU München für Diversity, „Technically single“ gemeinsam mit der Hochschule für Film und Fernsehen produziert. „Wir wollten eine Serie mit Heldinnen der Naturwissenschaften produzieren“, erzählt er, „mit Klischees über das Ingenieurstudium spielen und auf eine unterhaltsame Art zeigen, dass die längst nicht immer zutreffen.“

Wie im Film gibt es auch an der realen TU aktuell zwei Professorinnen für Regelungstechnik. „Ich denke, es ist ganz wichtig für junge Frauen, dass sie im Studium auch auf weibliche Vorbilder treffen“, so Diepold. Nachholbedarf habe aber auch die TU, räumt er ein.

Forscher setzen auf den „Scully-Effekt“

Diepold setzt auf den Scully-Effekt: Dana Scully ist Agentin und Forensikerin in der TV-Serie „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“, die von 1993 bis 2002 und neuerdings wieder im US-Fernsehen lief. Eine weibliche Figur, gespielt von Gillian Anderson, wie es sie bis dahin nicht und seither nur im Ausnahmefall gab: objektiv, skeptisch, verlässlich, brillant und das krasse Gegenteil ihres chaotischen Partners.

Diese Figur wandelte das Bild, zeigte, dass nicht nur weiße Männer im Laborkittel coole Kriminaler und Wissenschaftler sein können, sondern auch Frauen. Und es motivierte Frauen, vermehrt MINT-Berufe zu ergreifen, die auf Englisch STEAM (Science, Technology, Engineering, Mathematics) heißen. Dachte man. Zumindest ist seither in den angelsächsichen Ländern die Rede vom „Scully-Effekt“.

Dazu trug auch Anne Simon bei, wissenschaftliche Beraterin der Serie Akte X und Autorin des populärwissenschaftlichen Buchs „The Real Science Behind The X-Files: Microbes, Meteorites and Mutants“. Sie fragte in ihrer Vorlesung Ende der 90er-Jahre, „ob irgendjemand wegen der X-Files dort sei. „Zwei Drittel der Hände gingen in die Höhe. Ich bekomme immer noch E-Mails von Menschen, die mir mitteilen, dass sie mein Buch gelesen haben, weil sie die X-Files mochten. Jemand hatte das Buch für sie gekauft, und sie konnten es nicht mehr aus der Hand legen und dass sie jetzt Wissenschaftler sein wollen.“

Dass Vorbilder schon auf ganz niedrigem Niveau wirken, zeigte unlängst eine Studie über den Effekt von Wissenschaftlerfotos in Klassenzimmern: Hingen dort weibliche Wissenschaftler, stieg die Lust der Mädchen auf Wissenschaft messbar.

Nun hat eine Studie des „Geena Davis Institute on Gender in Media“ den Scully-Effekt tatsächlich nachgewiesen: Eine Onlinebefragung von gut 2.000 Frauen, die heute arbeiten und alt genug sind, dass sie in den 90ern Akte X sehen konnten, ergab: Fast zwei Drittel sagen, Scully hat ihre Meinung gefestigt, dass MINT-Fächer wichtig sind. Unter den treuen Akte-X-Fans gibt es deutlich mehr Frauen, die meinen, man sollte junge Frauen ermuntern, solche Fächer zu studieren. Sie würden das auch eher ihren Töchtern und Enkelinnen empfehlen, als die Frauen, die Scully nie oder nur selten sahen. Zudem sagen von den treuen Akte-X-Zuschauerinnen deutlich mehr, sie würden einen MINT-Beruf wählen, wenn sie noch einmal die Wahl hätten.

Frauen sind auch im deutschen Fernsehen unterrepräsentiert

Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet das Institut der US-Schauspielerin Geena Davis – Slogan: „If she can see it, she can be it“ – damit befasste und nicht eines der vielen Wirtschaftsinstitute, die so gern betonen, dass die Industrie mehr weibliche Fachkräfte in Technikfächern braucht.

Oskar-Preisträgerin Davis, 62, – bekannt aus „Thelma und Louise“, „Welcome, Mrs. President“, „Eine Klasse für sich“ oder „Sprachlos“ und Mitglied der Hochbegabtenvereinigung Mensa – gründete das Institut 2007, um das Missverhältnis der Geschlechter in der Filmindustrie wissenschaftlich zu beleuchten. In einer 2014 veröffentlichten Studie belegte das Institut Davis’ Annahme, dass Frauen in der Filmindustrie immer noch unterrepräsentiert sind.

Hier schließt sich der Kreis zu Maria Furtwängler. Die „Tatort“-Kommissarin engagiert sich ebenfalls für Frauenrechte und Gleichstellung. Ihre „MaLisa Stiftung“, die sie mit ihrer Tochter Elisabeth gründete, initiierte 2017 eine aufsehenerregende Studie zur Rolle von Frauen im deutschen Fernsehen und Film.

Das ernüchternde Ergebnis: Nur ein Drittel aller Rollen sind überhaupt weiblich. Und fast jeder zweite Film fällt beim legendären „Bechdel“-Test durch, weil er diese Kriterien nicht erfüllt: Treten zwei Frauen auf, die einen Namen haben? Sprechen sie miteinander? Reden sie über etwas anderes miteinander als über Männer? Eine intensive Debatte unter deutschen Filmgewaltigen und heilige Versprechen, es besser zu machen, waren das Ergebnis. Das könnte vielleicht zumindest langfristig helfen, auch den Mangel an MINT-Nachwuchs zu lindern.

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