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Valerie Mocker

(Credit: Privat)

Rolemodel Valerie Mocker „Man ist nie allein erfolgreich – Erfolg ist immer vielen zu verdanken“

Valerie Mocker ist Entwicklungschefin bei der Innovationsstiftung Nesta. Im Interview erklärt sie, warum es für Chefs wichtig ist, loszulassen und andere mit hochzuheben.
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Bonn Eine Digitalisierung, von der alle profitieren – für diese Vision kämpft Valerie Mocker. Sie ist Direktorin bei Nesta, einem gemeinnützigen Fonds für soziale Innovationen, der vor 20 Jahren von der britischen Regierung ins Leben gerufen wurde. Die Stiftung berät Regierungen, Unternehmen und Organisationen im Bereich der gemeinwohlorientierten Digitalisierung in mittlerweile über 40 Ländern von Chile bis in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Die gebürtige Hamburgerin ist außerdem eine gefragte Rednerin im In- und Ausland und wurde in die „40 unter 40“-Liste deutscher Führungskräfte des „Capital“-Magazins aufgenommen.

Bevor sie 2013 zu Nesta in London stieß, arbeitete Mocker im Technologie-, Innovations- und Policy-Bereich in Deutschland, Spanien, Peru und Großbritannien und forschte im Bereich Verhaltensökonomie. Sie hat zwei Abschlüsse von der Universität Oxford und schreibt für den Handelsblatt-Expertenrat eine regelmäßige Kolumne.

Im Interview rät die „pathologische Optimistin“, weiterzumachen, wo andere resignieren und erklärt, warum es für Chefs und Organisationen unglaublich wichtig ist, loszulassen und andere mit hochzuheben.

Frau Mocker, welche Hobbies hatten Sie in Ihrer Jugend? Worin waren Sie richtig gut?
Rudern. Als ich mein Studium in Oxford begann, setzte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Ruderboot, wurde schnell Kapitänin und dann für das Uni-Team vorgeschlagen. Allerdings waren mir dann zwölf Trainingseinheiten pro Woche doch zu viel mit den ganzen Prüfungen.

Im Rückblick: Was hat dazu geführt, dass Sie richtig gut geworden sind darin? Was haben Sie getan oder gelassen?
Ich liebe Sachen, die schwer sind. Leicht und gemütlich hat mich noch nie angezogen. Gut geworden bin ich, weil ich schnell zwei Dinge übers Rudern und über das Leben verstanden habe: Erfolgreiche Menschen spüren genauso wie alle anderen Angst, Schmerz und Unsicherheiten. Sie sind erfolgreich, weil sie trotzdem weitermachen. Zweitens sind die besten Teams divers, also aus Menschen gemacht, die alle verschiedene Stärken haben.

Wie fängt Ihr Tag an?
Damit, Raum für Perspektiven und Klarheit zu schaffen. Die Welt ähnelt oft einem Sandsturm um dich rum – komplex, laut, herausfordernd und unklar. Ich mache meinem Mann und mir einen Kaffee und lese als erstes etwas, worüber ich am Tag sonst nicht nachdenken würde. Momentan „Salt, Fat, Acid and Heat“, eine tolles Kochbuch darüber, wie man mit Salz, Fett, Säure und Hitze beim Kochen experimentieren kann. Dann meditiere ich, schreibe mein Dankbarkeits-Buch, mache Sport und tanze zu einem Lied richtig ab. Egal was war, danach ist alles besser.

Was machen Sie morgens als erstes im Büro?
Meine Tage sind sehr vielfältig und unterschiedlich. Womit ich aber täglich starte, das sind ein paar Minuten mit meiner „Vision Wand“. Die habe ich auf einem großen Korkbrett zuhause und digital und sie ist voll mit meinen Ideen, Zielen, Werten und verschiedenen Karten mit Sprüchen, die für mich etwas bedeuten. Quasi mein Kompass, den ich täglich checke und mit meinen Prioritäten abgleiche, um wichtige und schwierige Entscheidungen gut treffen zu können.

Was sind Ihre Stärken? Beziehungsweise: Was würden Ihre alten Kollegen oder Ihr alter Chef sagen auf die Frage, was Sie auszeichnet?
„Das geht nicht“, „das darfst du nicht“, „das kannst du nicht“ geht bei mir ins eine Ohr rein und mit dem Schnellexpress aus dem anderen Ohr wieder raus. Ich habe mal gehört, wie Leute in meinem Team einen neuen Mitarbeiter einwiesen mit den Worten: „Sag nie zu Valerie: das geht nicht!“, sonst musst du das machen, um zu zeigen, dass es doch geht“. Mein Mantra ist: „Am besten: Testen“.
Ich glaube, dass wir mehr pathologischen Optimismus in der Welt brauchen. In dem Sinne, wie Dietrich Bonhoeffer das mal beschrieben hat: Optimismus bedeutet nicht, dass im Moment alles toll ist. Optimismus ist eine Lebenskraft. Eine Kraft, niemals aufzugeben. Weiterzumachen, wo andere resignieren. Die Zukunft niemals dem Gegner zu überlassen, sondern sie für sich in Anspruch zu nehmen.

... was Sie besser können als alle anderen im Team?
Wenn es noch nichts gibt und alles sehr unklar und unsicher ist, kann ich mir vorstellen, was sein könnte, eine Vision aufbauen und andere dafür begeistern. Für die Umsetzung brauche ich dann natürlich ein super Team.

Beschreiben Sie eine Arbeitssituation, in der Sie komplett im Flow und erfüllt sind?
Ich bin im Flow, wenn ich andere Menschen hoffnungsvoller und optimistischer machen kann. Ob es durch meine Vorträge, Radio, Fernsehen, Video oder Mentoring ist. Jeder Mensch – jeder! – hat Feuer in sich; so viel Potenzial und wichtige Dinge, die die Welt braucht. Leider wird bei vielen dieses Feuer klein gehalten oder ausgetreten, wenn sie ständig hören, dass sie alles nicht können und was alles angeblich unmöglich ist. Ich bin im Flow, wenn ich dieses Feuer wieder etwas anzünden oder größer machen kann und dann sehe, wie die Menschen alles bewegen können und was alles möglich ist.

Wenn Sie Leiter der Bill Gates Foundation wären, die finanziellen Mittel jedoch nur für ein einziges Anliegen verwenden könnten, welches wäre es?
Ich würde in „tech for good“ investieren, also gemeinwohlorientierte Digitalisierung. Digitalisierung ist eines der mächtigsten Instrumente, mit denen wir die Zukunft bauen. Damit diese Zukunft allen gehört, müssen alle Zugang zum Instrument Digitalisierung haben und diese mitbestimmen können. Praktisch würde ich in vielen Ländern Nesta-ähnliche Organisationen aufbauen, die gemeinwohlorientierte Digitalisierung finanzieren und bei denen jeder seine Ideen einbringen kann.

Bitte ergänzen Sie den Satz: Ich unterstütze meine Mitarbeiter (Nachwuchskräfte, Kolleginnen und Kollegen) in schwierigen Situationen, indem…?
... ich sie als ganze Personen behandele. Mit Gefühlen und Gedanken, Höhen und Tiefen, Stärken und Schwächen. Dein Job sollte meiner Meinung nach ein Ort sein, wo du deine ganze Person mitbringen kannst und nicht die Hälfte Zuhause lassen musst. In meinen Team-Meetings habe ich dafür zum Beispiel „EQ Check-ins“ eingeführt. Am Anfang teilen alle kurz mit, wo sie sich auf einer Skala von 1 – mir geht es sehr schlecht – bis 10 – mir geht es super – befinden und warum.
In schwierigen Situation ist es genau das, was du als Leader machen solltest: einen Raum schaffen, in dem deine Mitarbeiter den verletzlichen oder angegriffenen Teil von sich sicher und ehrlich mitbringen können. Ich rede mit meinem Team über Scheitern, Impostor-Syndrom, Schwangerschaften, Krankheiten und Tod.

Ein No-Go im Umgang mit Mitarbeitern ist für mich…?
... andere runterdrücken. Egal in welcher Form: andere anschreien, klein machen, schlecht über sie reden, von oben herab behandeln oder dieses weitverbreitete höfische Zeremoniell und Ego-Tam-Tam. Wir müssen in der Arbeitswelt dringend zwei Lügen aufdecken. Die Stärken-Lüge erzählen sich viele, indem sie meinen, andere runterzudrücken wäre ein Zeichen von Stärke. Nein, es ist immer ein Zeichen von eigenen Unsicherheiten und Neid.
Starke Menschen heben andere mit hoch. Die Stress-Lüge besagt, dass Stress dein eigenes Problem ist und du dir einfach einen dickeren Panzer zulegen musst. Nein, gute Leader und Organisationen sollten emotionale Gewalt genauso unterbinden wie physische Gewalt. Nur weil man die Wunden von Sexismus und Mobbing und ungesunden Hierarchien nicht sieht, darf man sie nicht einfach ignorieren und zulassen.

Wenn Sie ein Buch schreiben müssten: Wovon würde es handeln?
Von jungen, weiblichen Raketen. In Deutschland hat mir vor einiger Zeit jemand gesagt: „Valerie, seien wir mal ganz ehrlich: es gibt einfach keinen Platz für junge, weibliche Raketen wie dich!“. Ich solle mich besser hinter älteren Männern verstecken, weil nur denen das zugetraut wird, was ich selbst mache.
Erschreckend viele, besonders junge Frauen, hören so etwas und ziehen dann die Handbremse an. Mein Buch wäre voll mit Brennstoff für all die jungen Raketen da draußen, um nach oben schießen zu können. Jede und Jeder haben es verdient, aufrecht durchs Leben zu gehen und sich nicht klein machen zu müssen.

Welches Tool ist bei der Arbeit für Sie unverzichtbar und welche Apps haben Sie im täglichen Einsatz?
„The One Thing“ ist mein wichtigstes Tool, also die Frage „Was ist eine Sache, die wir heute/diese Woche/für dieses Problem machen können, um alles andere einfacher zu machen?“ Das hilft für Perspektive, Strategie und Klarheit. Als App nutze ich täglich Audible und höre darüber Bücher beim Kochen und beim Reisen.

Inspirierende Newsletter, Podcasts oder Webseiten?
Hacker News.

Ihr persönlicher Produktivitätskiller?
Ein klingelndes, pingendes Handy. Ein riesiger Produktivitätsbooster war für mich, mein Handy dauerhaft auf lautlos zu schalten und alle Notifications, die eine neue Mail oder SMS oder Social Media Nachrichten aufzeigen, abzuschalten. Ich liebe Digitalisierung! Aber ich kämpfe ja täglich dafür, dass wir keine technologiegetriebene Gesellschaft werden. Sondern dass wir Technologie kontrollieren und sie bewusst einsetzen. Wenn ich selbst nicht die Dinge mache, über die ich sprechen, wer dann?

Her mit dem Geld: Ihr Ratschlag an Kolleginnen und Kollegen für Gehaltsverhandlungen?
Wann immer ich mein Gehalt verhandelt habe, habe ich mir vorher Sorgen gemacht und mich unwohl gefühlt. Obwohl ich immer wusste, dass es richtig war. Ein mentaler Trick hat mir sehr geholfen, nachdem ich gelesen hatte, dass Frauen für sich selbst ungern verhandeln, für andere aber sehr gut verhandeln können. Deshalb habe ich mir gesagt: „Ich mache das jetzt nicht nur für mich. Sondern für alle Frauen – die „jungen Raketen“ – da draußen. Wenn ich mutig jetzt bin, dann ist es für andere nach mir einfacher, weil ich das Stigma gegen Frauen, die ihr Gehalt verhandeln, herausfordere.“

Der größte Benefit, den Sie bisher aus einem Ihrer Netzwerke gezogen haben?
Hilfe bekommen. Als ich zum Beispiel anfing, in Deutschland bundespolitisch zu arbeiten, musste ich plötzlich mit Sexismus und Nepotismus kämpfen und brauchte Hilfe. Ich habe dann Brigitte Zypries um Rat gefragt. Wir kannten uns zu dem Zeitpunkt kaum! Ich bin auch in keiner Partei. Aber Brigitte hatte mir nach einem meiner Vorträge ihre Hilfe angeboten. Dafür bin ich ihr unglaublich dankbar. Und dieses Angebot anzunehmen war das Beste, was ich machen konnte. Wir glauben fälschlicherweise, dass es stark ist, alleine mit seinen Herausforderungen zu kämpfen. Dabei ist einander Helfen die wirkliche Stärke. Gemeinsam kämpft es sich immer besser.

In Konfliktsituationen bin ich…?
... überraschend ruhig. Nur danach ärgere ich mich oft über unmögliches Verhalten von anderen und überlege zu viel, was ich alles hätte sagen können oder sollen.

Pannen sind…?
Eigentlich alltäglich. Wenn sie das nicht sind, sind wir nicht ambitioniert und mutig genug.

Auf welche Fehlentscheidung hätten Sie rückblickend trotzdem gerne verzichtet?
Nicht eher schon um Hilfe gebeten zu haben. Früher habe ich „Führen durch Vorbild“ missverstanden. Ich dachte, dass eine gute Führungsperson alles wissen und alle Antworten haben muss und alles besser kann, als die anderen. Völliger Quatsch. Für mich war der Moment sehr befreiend, in dem ich zu mir selber ehrlich war und mich gefragt habe, was ich gerne mache, was ich absolut nicht machen will, was meine Stärken was meine Schwächen sind. Für mein Team was das natürlich auch besser, weil ich ihnen so helfen konnte, auch ihre Stärken zu finden und viel mehr Raum und Verantwortung einzunehmen.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Digitalministerin. Wahrscheinlich, weil ich viele praktische Ideen habe, was wir besser machen könnten. Politik ist für mich allerdings eine ziemlich abschreckende Karrierevorstellung, weil sie in vielem überhaupt nicht zu meiner Weltsicht und meinen Werten passt. Ich möchte für eine gemeinsame Sache und nicht für eine Partei kämpfen und dafür, dass Leute aufgrund ihrer Qualifikation, ihres Potenzials und ihrer Leistung Jobs bekommen.

Wie gehen Sie mit Stress um?
Wie ich vorhin schon gesagt habe, ignoriere ich das nicht, sondern nehme es ernst. Je mehr Stress ich habe, desto stärker achte ich auf alles, was ihn ausgleicht: gut schlafen, gesund essen, ausreichend Sport machen.

Sie merken, dass Sie unglücklich sind in Ihrem Job. Was tun Sie?
Das ist eine tolle Chance, um seine Weltsicht und Werte zu verstehen. Nutzen Sie diese, um herauszufinden, was Sie stört und was Ihnen dementsprechend wichtig ist! Dann gibt es zwei Optionen: ändern oder gehen.

Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde?
„Ich“ war erfolgreich. Denn niemand ist jemals alleine erfolgreich. Erfolg ist immer vielen zu verdanken.

Anderen Chefs würde ich gerne sagen, …
Ihr Ziel sollte sein, sich selbst zu ersetzen. Das war einer der besten Tipps den Geoff, Nestas CEO, mir mal gegeben hat. Das erfordert sehr viel Mut und ist nicht leicht, besonders bei Projekten, die als „ihr Baby“ gestartet sind. Das Ziel führt aber zu vielen guten Verhaltensweisen und Leadership-Fähigkeiten: Sie kümmern sich darum, das beste in ihrem Team hervorzubringen, Sie machen Platz und drücken andere nicht runter, Sie müssen Ihr Wissen teilen und Ihre Vision klarer artikulieren. Der Schlüssel zu erfolgreichen Organisationen, Wachsen und Skalieren ist es, loszulassen und andere mit hochzuheben.

In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Ich würde gerne mal bei einem Tango-Championship tanzen. Dafür müsste ich aber sehr viel mehr üben...

Wie schalten Sie abends ab und wann gehen Sie ins Bett?
Puh, Abschalten fällt mir sehr schwer, die Ideenwerkstatt in meinem Kopf ist eigentlich immer am rattern, zu oft auch nachts. Über gute Abschalt-Tipps von anderen würde ich mich sehr freuen.

Frau Mocker, ich danke Ihnen für das Interview.

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