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Serie Ratgeber MBA – Teil 6 Wischen für den Mastertitel – Online-MBAs sind auf dem Vormarsch

Digitale Bildungsangebote werden immer beliebter, Onlinekurse zum festen Teil des Studiums. Kommt bald der MBA-Abschluss per Smartphone?
Update: 16.07.2018 - 13:06 Uhr Kommentieren
Wie Menschen lernen, ist auch eine Frage der Sozialisation. Quelle: imago/Science Photo Library
Onlinestudium zu Hause

Wie Menschen lernen, ist auch eine Frage der Sozialisation.

(Foto: imago/Science Photo Library)

BerlinLaurie Pickard war 33, als sie sich entschied, auf ihren Master in Geografie noch einen weiteren akademischen Abschluss draufzusatteln: einen Master of Business Administration. Der MBA gilt als Karriereturbo für Führungskräfte, an einer renommierten Business School schlägt die Ausbildung mit rund 100.000 US-Dollar zu Buche – durchaus eine Hürde, wenn man wie Pickard noch Schulden aus dem Erststudium abzahlt und gerade als Entwicklungshelferin in Ruanda arbeitet.

„Ich wollte keinen weiteren Kredit aufnehmen und ich wollte nicht aufhören zu arbeiten“, schreibt die Amerikanerin in ihrem Blog, in dem sie ihren ungewöhnlichen Weg zum MBA aufgeschrieben hat: Die heute 36-Jährige hat sich ihren Abschluss selbst zusammengebaut – im Netz.

Viele Top-Universitäten bieten sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs) an. Das sind kostenlose Onlinekurse für jedermann. Pickard klickte sich durch und meldete sich für zahlreiche Gratisvorlesungen an, die auch in klassischen MBA-Programmen vorkommen, von der University of Pennsylvania über die University of Virginia bis zur Université de Genève.

Mithilfe der digitalen Angebote kostete das Studium sie weniger als 1.000 Dollar, gleichzeitig war sie jederzeit völlig flexibel bei der Wahl ihres Lernortes.

Ihre Erfahrungen dokumentierte die Frau aus St. Louis in ihrem Blog NoPayMBA – und machte ein Geschäftsmodell daraus. Per E-Book verkauft sie ihre Tipps an andere Lernwillige weiter. 2017 gab sie ihren Job bei der Entwicklungsbehörde USAID auf und arbeitet seither hauptberuflich als Studienberaterin. „Ich habe eine Leidenschaft entwickelt, anderen dabei zu helfen, mit digitalen Werkzeugen ihre professionellen Potenziale auszuschöpfen“, sagt sie.

Der Fall illustriert, wie grundlegend digitale Lerninhalte das Bildungswesen verändern. Onlineangebote ermöglichen einen viel breiteren Zugang zu Wissensinhalten – und zwar weltweit. Und sie eröffnen Chancen für neue Anbieter. Wissensvermittlung ist nicht mehr nur großen Einrichtungen vorbehalten, im Gegenteil: Die Platzhirsche hinken beim Strukturwandel sogar hinterher. Ein Entkommen aber gibt es nicht: Selbst regionale Hochschulen haben inzwischen digitale Inhalte in ihr Curriculum geschrieben.

Der Markt für E-Learning wächst rasant: 2016 wurden einer Schätzung des Marktforschungsunternehmens Ambient Insight zufolge weltweit knapp 47 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Sprachlern-Apps wie Babbel oder Duolingo haben inzwischen eine so breite Nutzerschaft, dass man nach Lern-DVDs fast suchen muss.

Über Videoportale und sogar Facebook kann man live an universitären Vorlesungen teilnehmen, einzige Voraussetzung ist ein Smartphone mit Internetverbindung. Lernplattformen wie Udemy oder Udacity bieten über ihre Apps zahlreiche Videokurse an, haben aber für Nutzer auch die Möglichkeit geschaffen, sich untereinander zu vernetzen und gemeinsam zu lernen. Selbstverständlich kann man die Kurse ebenfalls herunterladen und unterwegs studieren, egal ob im Zug oder im Flugzeug.

Spielerei statt Nutzen

Für die meisten etablierten Bildungsanbieter hierzulande sind digitale Angebote bislang aber vor allem Spielerei und Zusatzangebot. Marcus Klug, Autor und Experte für digitale Bildung und Arbeit, hält das für einen Fehler. „Digitalisierung ist immer noch kein wichtiges Thema bei uns, wir denken, dass wir das nicht brauchen.“ Zwar beobachtet er durchaus strukturelle Veränderungen im Bildungssektor. Die allerdings gehen nicht von den traditionellen, großen Anbietern aus.

„Es gibt im Bildungsbereich große Lücken, Themenfelder, die von Universitäten nicht abgedeckt, von Studenten aber nachgefragt werden“, so Klug. Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, Business-Skills, Selbstorganisation, aber auch Grundlagenkurse in BWL, Design, Marketing, die heute fast jeder braucht. Seiner Meinung nach unterschätzen viele Hochschulen die Relevanz dieser Inhalte – was wiederum den Markt öffne für kleinere und private Anbieter aus der ganzen Welt.

Dabei gibt es sie durchaus, die digitalen Bildungsangebote deutscher Universitäten und Business Schools. Mit MOOCs, virtuellen Lernplattformen, Apps, Videochats sowie interaktiven Workshops und Foren versuchen sie, auf die Onlineoffensive der überwiegend US-amerikanischen Konkurrenz zu antworten. So bietet etwa die HHL Leipzig Graduate School of Management gemeinsam mit fünf anderen europäischen Einrichtungen den Euro-MBA an – und hat es damit sogar unter die Top Ten des „Financial Times“-Rankings für Online-MBA-Programme geschafft.

Das Programm wirbt mit hoher Flexibilität, bietet eigene Apps für Smartphone und Tablet an. Die Teilnehmer können sich in Webinare einwählen und so unabhängig von ihrem aktuellen beruflichen Einsatzort mit ihren Dozenten und Mitstudierenden interagieren. Hinzu kommen Lernplattformen und Foren, um Fragen zu klären und gemeinsam Gruppenaufgaben zu lösen.

Dennoch warnt Stephan Stubner vor zu viel Euphorie. „Viele funktionale Inhalte eines MBA-Programms sind digital erlernbar“, sagt der Rektor der HHL. Wie man früher aus Büchern gelernt habe, könne man das heute digital tun. Aber: „Gerade im MBA-Studium ist die persönliche Interaktion wichtig – und das bleibt auch so.“

Die HHL setzt vor allem zur Vorbereitung des Lernstoffs auf digitale Inhalte, im Seminar debattieren die Studenten dann aber von Angesicht zu Angesicht, besprechen Fallbeispiele und wenden theoretische Methoden an. Das gilt auch für den Euro-MBA: An den teilnehmenden Business Schools finden Präsenzkurse statt, die das digitale Programm ergänzen.

Doch auch in den Präsenzveranstaltungen spielen digitale Werkzeuge eine immer größere Rolle. Da werden Blitzumfragen per App durchgeführt, um die Debatte zu bereichern, Unterlagen in Echtzeit angepasst oder Videos via Smartphone eingespielt. „Die modernen Unterrichtsformate gehen weg von der Frontalvorlesung, hin zu mehr Interaktion und Diskussion“, sagt Stubner. Studenten könnten von ihren Mitstudenten genauso lernen wie von ihren Dozenten.

Viele digitale Abbrecher

Das MBA-Studium ausschließlich per Smartphone wird daher auf absehbare Zeit wohl eine Vision bleiben – auch weil es nur bedingt sinnvoll ist. Die Wissenschaft ist sich einig, dass das sogenannte Blended Learning, also eine Mischung aus digitalen und analogen Lernangeboten, aktuell die meisten Vorteile bringt.

„Komplett digitale Angebote ohne Gruppenarbeit und persönlichen Austausch haben eine Abbrecherquote von bis zu 90 Prozent“, sagt auch Digital-Experte Klug. Man müsse sich selbst ständig neu motivieren und sehr gut strukturieren. „Viele unterschätzen das.“ An der Fernuni Hagen, die seit vielen Jahren zusätzlich zu ihrem digitalen Angebot auch Präsenzkurse anbietet, beenden nur 30 bis 40 Prozent der Teilnehmer ihr Studium vorzeitig.

Allerdings sei das nur eine Momentaufnahme, so Klug: „Die Nachfolgegenerationen sind jetzt schon viel digitaler und mehr an virtuelle Kommunikation gewöhnt.“ Lernen sei auch eine Frage der Sozialisation. Heutige Studenten – gerade im Executive-Bereich – hatten eine analoge Kindheit und eine digitale Jugend. Sie sind in beiden Welten zu Hause.

Für künftige Generationen müsse das nicht gelten, prognostiziert Klug. Gut möglich, dass sie sich auch mit einem gänzlich virtuellen Studium wohlfühlen und sich auf dem Smartphone zum Mastertitel wischen.

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