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Im Büro

Bei sexueller Belästigung würden sich laut Experten vor allem externe Vermittler lohnen.

(Foto: mauritius images)

Sexismus Ein Jahr #MeToo – Das hat sich in deutschen Dax-Konzernen verändert

Ein Jahr nach #MeToo erhöht sich die Aufmerksamkeit für Opfer – auch am Arbeitsplatz. Doch deutsche Konzerne melden auffallend geringe Zahlen. Wie kann das sein?

DüsseldorfEs passierte zwischen Vorspeise und Hauptgang. In einem Hamburger Restaurant hatten Lena Relke* und ihr Chef dem wichtigen Kunden beim Geschäftsessen gerade zugeprostet, da erstarrte die 27 Jahre alte Vertriebsmitarbeiterin in Fassungslosigkeit. „Ich merkte plötzlich, dass mein Vorgesetzter unter dem Tisch meinen Rock hochschob und mir mehrfach zwischen die Beine griff“, erinnert sich Relke.

Die junge Frau wehrte sich in der Situation zunächst nicht, „auch weil ich das Kundengespräch nicht gefährden wollte“.

Der Vorfall in dem Restaurant liegt inzwischen mehrere Jahre zurück. Dass Relke damals den Mut gefasst hat, die Belästigung rasch ihrem Arbeitgeber zu melden und damit ihren Vorgesetzten direkt zu belasten, ist auch heute keineswegs üblich – ein Jahr nach Lostreten der #MeToo-Debatte.

Rückblick auf den Oktober 2017: Damals kommen in Amerika erste Berichte ans Licht, wonach der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein mehrere Frauen sexuell bedrängt und missbraucht haben soll. Am 15. Oktober schließlich fordert die US-Schauspielerin Alyssa Milano in einem Tweet ihre digitale Gefolgschaft auf: „Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe ‚me too‘ als Antwort auf diesen Tweet.“

Binnen Stunden verbreitet sich das Hashtag #MeToo Zigtausende Male. Bis heute wurde er mehr als 15 Millionen Mal geteilt. „Die öffentliche Debatte hat für eine größere Solidarität der Frauen untereinander gesorgt“, sagt Maria Wersig, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes.

„Immer mehr Betroffene trauen sich, offen über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu sprechen, weil sie hoffen, dass man ihnen nun Glauben schenkt und Unternehmen ihre Beschwerden ernst nehmen.“ Doch: Stimmt das wirklich? Was genau hat sich in Konzernetagen verändert, ein Jahr nach #MeToo?

Schaut man nach Amerika, dem Ursprungsland der Debatte, steht Filmmogul Harvey Weinstein inzwischen wegen Vergewaltigung vor einem New Yorker Gericht. Konzerne wie der Sportartikelhersteller Nike haben dieses Jahr mehrere Manager wegen Sexismus- und Belästigungsvorwürfen entlassen. In mehreren US-Städten sind in den letzten Tagen außerdem Mitarbeiterinnen der Schnellimbisskette McDonald’s gegen Belästigung auf die Straße gegangen.

So hat #MeToo in Deutschland Schlagzeilen gemacht

In Deutschland hat vor allem ein Fall aus der Medienbranche Schlagzeilen gemacht. So hat der Kölner Sender WDR einen seiner Auslandskorrespondenten entlassen, der mehrere Frauen belästigt haben soll. In einem Fall soll der Journalist einer Praktikantin auf einem Hotelzimmer Champagner eingeschenkt und ihr anschließend Pornovideos auf seinem Laptop gezeigt haben.

Bei den 30 Dax-Konzernen schweigt die Mehrheit der Unternehmen über konkrete Zahlen zu sexuellen Übergriffen. Das ergibt eine Kurzumfrage des Handelsblatts bei den 30 wertvollsten deutschen börsennotierten Konzernen. Danach meldeten gerade einmal zwei Unternehmen, Beiersdorf und Continental, insgesamt 13 Fälle sexueller Belästigung in diesem Jahr. 2017 waren es neun Fälle bei beiden Unternehmen. Der Energiekonzern RWE, der Wohnungsriese Vonovia und das Pharmaunternehmen Merck gaben bei der Umfrage null gemeldete Fälle für 2017 und 2018 an, der Rest macht keine konkrete Angabe.

Weltweit arbeiten mehr als 4,1 Millionen Menschen für die 30 Dax-Unternehmen, ein knappes Drittel davon Frauen. Millionen Beschäftigte auf der einen Seite und gerade einmal 13 aktenkundige Fälle sexueller Belästigung in diesem Jahr? Wie passt das zusammen? Und vor allem: Wie passt das zur #MeToo-Debatte, die eigentlich die Aufmerksamkeit für sexuelle Übergriffe auch am Arbeitsplatz steigern sollte?

In den meisten Fällen sexueller Belästigung geht es um Macht. Bernhard Franke, Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Auch Experten halten die Angaben der Dax-Unternehmen für nicht realistisch. Laut einer repräsentativen Bürgerbefragung im Auftrag des DBB Beamtenbundes ist jede vierte Angestellte in Deutschland schon einmal bei der Arbeit sexuell belästigt worden. Übertragen auf die Zahl der im Dax Beschäftigten ergäbe das insgesamt mehr als 300.000 Fälle – und diese Zahl würde nur sexuelle Belästigungen gegenüber Frauen einschließen.

Fachleute erklären die wenigen registrierten Fälle damit, dass nur selten Opfer sexueller Gewalt die Taten auch meldeten, geschweige denn vor ein Arbeitsgericht brächten. „Die Dunkelziffer in Sachen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist in der deutschen Wirtschaft gewaltig“, sagt etwa Anita Eckhardt vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Berlin.

Auch blieb die Zahl allgemeiner Fälle sexueller Belästigung alles andere als konstant. So stiegen die Beratungsgespräche beim „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“, einer Service-Hotline des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, im #MeToo-Jahr 2017 um fast neun Prozent. Zahlen für dieses Jahr liegen der Behörde noch nicht vor.

„Sexuelle Belästigung hat nichts mit Kontaktanbahnung oder der Attraktivität einer Person zu tun“, ergänzt Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). „Vielmehr geht es in den meisten Fällen um eine Machtdemonstration. Betroffene Frauen und mitunter auch Männer sollen auf ihren Platz verwiesen werden.“ Im Arbeitskontext würde sexuelle Belästigung daher oft gezielt als Mittel genutzt, um „Angst zu verbreiten und mundtot zu machen“, so ADS-Leiter Franke. Das verhindere, dass Meldeketten eingehalten würden.

Frankes Behörde hat außerdem in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, dass die wenigsten Angestellten wissen, dass ihr Arbeitgeber nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz dazu verpflichtet ist, die eigene Belegschaft vor Belästigung zu schützen. Ebenso wenige könnten sagen, wohin genau sie sich im Falle eines Übergriffs wenden können. Oft wüssten nicht einmal Personalmanager oder Betriebsräte, was in ihren Unternehmen zum Schutz vor sexueller Belästigung unternommen werde, so Franke.

Neben gesetzlich vorgeschriebenen Meldestellen haben die meisten Dax-Unternehmen auch unternehmensinterne Verhaltenskodizes für den Umgang mit sexueller Belästigung entwickelt. Um eine höhere Verbindlichkeit herzustellen, müssen in einigen Konzernen wie RWE, Infineon und Continental die Verhaltensgrundsätze von jedem neuen Mitarbeiter unterschrieben werden.

Aufklärung hilft bei der Abschreckung

Einige Dax-Konzerne wie etwa Indexneuling Covestro oder die Lufthansa starten außerdem seit Kurzem groß angelegte Info- und Schulungsoffensiven für ihre Mitarbeiter. Offiziell nicht aufgrund von #MeToo, sondern weil „jeder Fall“ sexueller Belästigung „einer zu viel“ sei, wie Lufthansa-Personalvorständin Bettina Volkens in einem Infoflyer der Belegschaft deutlich macht. Darin finden sich etwa Beispiele darüber, was genau sexuelle Belästigung sein kann – vom obszönen Witz bis zum Klaps auf den Po.

Außerdem informiert der Flyer über Tipps zur Abwehr sexueller Übergriffe und listet Beschwerdestellen für die Belegschaft auf. In Eingangsbereichen und Kantinen der Airline laufen derzeit außerdem Erklärvideos, wie sich sexuelle Belästigung erkennen lässt und wie man Grenzen setzt. Zusätzlich schulen spezielle Trainer die Flugbegleiter und Cockpit-Crews der Airline in Präsenzseminaren darin, wie sie mit Übergriffen an Bord umgehen sollen.

„Indem Arbeitgeber ihre gesamte Belegschaft für das Thema Belästigung sensibilisieren, zeigen sie Betroffenen auf, dass sie Unterstützung erhalten, und schrecken potenzielle Täter ab“, lobt Anita Eckhardt vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen die Lufthansa für ihre Infokampagne. Doch bei aller Offenheit: Wie viele sexuelle Belästigungen es dieses und vergangenes Jahr bei der Airline gab, darüber schweigt auch die Lufthansa.

Dass so viele in der Dax-Liga vorsichtig seien, erklärt Nivea-Hersteller Beiersdorf, der als einer der wenigen Konzerne konkrete Fallzahlen nennt, auch mit den geltenden Schweigepflichten: „Bei diesen Zahlen ist zu bedenken, dass es nur um Meldungen geht, die zu einem disziplinarischen Verfahren geführt haben“, erklärt eine Sprecherin und bezieht sich damit auf Fälle, die in einer Kündigung oder Abmahnung mündeten.

Wendet sich dagegen ein Opfer sexueller Belästigung an den Werksarzt, die Sozialberatung, den Betriebspsychologen, die Beschwerdestelle oder den Betriebsrat, könnten auf diesen Ebenen offenbar viele Fragen schon auf kleinem Dienstweg gelöst werden. In der Statistik tauchten diese Fälle dann – zumindest bei Beiersdorf – nicht auf. Offiziell hat der Konzern 2018 von insgesamt fünf Fällen sexueller Belästigung Notiz genommen.

Oft scheuten Belästigte die Eskalation aber auch aus falscher Rücksicht gegenüber dem Täter, weiß Antidiskriminierungsexperte Franke aus seinen Beratungsgesprächen: „Gerade weibliche Opfer üben oft Nachsicht und wollen nicht, dass der Kollege ihretwegen Sanktionen erleidet und womöglich seinen Job verliert.“ Nicht selten würden die Täter bei einer direkten Konfrontation die Belästigung außerdem abstreiten oder ihr Verhalten als missglückten Flirtversuch relativieren.

So wie im Fall einer ehemaligen Auszubildenden, den der Personalmanager Peter Kuhn schildert. Auf dem Flur raunte ein älterer Vorgesetzter der Frau zu: „Dein Arsch wackelt so schön wie Pudding. Wenn man da morgens draufklatscht, wabert er abends immer noch.“ Mit der Situation konfrontiert, versuchte sich der Belästiger zunächst rauszureden. Am Ende kassierte er jedoch für den sexistischen Spruch die verdiente Abmahnung. 

Belästigte Frauen, die aus Angst vor Repressalien lieber schweigen, sich freiwillig versetzen lassen oder gleich einen anderen Job suchen, seien häufiger als diejenigen, die sich wehrten, sagt Personaler Kuhn, der auch schon bei Dax-Unternehmen im Einsatz war. „Frauen nehmen oft aus Angst Nachteile in Kauf.“ Dazu kommt: Wer sich zum Beispiel dem Vorgesetzten anvertraue, so Kuhn, müsse mit einer größeren Anzahl von Mitwissern rechnen. „Die offiziellen Berichtswege werden im Fall von sexueller Belästigung ja nicht außer Kraft gesetzt.“

Externe Vertrauensleute als Lösung

Belästigt etwa ein Teamleiter eine gerade neu eingestellte Kollegin, können bis rauf zum Personal- und Compliance-Vorstand fünf bis sieben Führungsebenen plus Assistenzen von dem Vorfall erfahren, zählt Kuhn auf. „Bei dem einen oder anderen genießt der Täter womöglich große Wertschätzung, weil er einen hohen Deckungsbeitrag liefert oder man mit ihm langjährig erfolgreich zusammengearbeitet hat.“ Und schon steht es mindestens null zu eins gegen das Opfer.

Eine Lösung dieses Dilemmas sind aus Kuhns Sicht versierte, externe Vertrauensleute, sogenannte Ombudsmänner und -frauen. Sie würden im Fall der Fälle direkt an einen möglichst weit oben in der Hierarchie angesiedelten Ansprechpartner berichten und bei schweren Formen der Belästigung, wie zum Beispiel sexueller Nötigung, Polizei oder Staatsanwaltschaft einschalten.

Insgesamt gaben bei der Dax-Umfrage gerade einmal acht Konzerne an, in Belästigungsfragen auf einen solchen neutralen externen Ansprechpartner zurückgreifen zu können. So beschäftigt etwa Autobauer Daimler eine Juristin einer Arbeitsrechtskanzlei als neutrale Vermittlerin, an die sich Betroffene anonym wenden können. Bei der Lufthansa hat außerdem im August die vormalige Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, als Ombudsfrau angeheuert. Lüders hatte ihre Karriere einst selbst als Stewardess bei der deutschen Fluglinie gestartet.

Bei der jungen Vertriebsmitarbeiterin, die von ihrem Chef im Restaurant belästigt wurde, gab es damals keine externen Vertrauenspersonen. Sie meldete den Vorfall direkt dem Personalchef. Der gab die Meldung an den Vorstandsvorsitzenden weiter, der den Vorgesetzten der Frau erst zur Rede stellte – und ihm dann fristlos kündigte.

*Name geändert

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