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Start-up Hejhej-Mats Zwei Gründerinnen wollen mit Matten aus Müll die Yogaindustrie revolutionieren

Viele Yogamatten bestehen aus giftigem Kunststoff. Anna Souvignier und Sophie Zepnik vertreiben deshalb nachhaltige Matten aus Müll – made in Germany.
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Anna Souvignier und Sophie Zepnik (links) wollen mit ihren nachhaltigen Matten, die aus Müll produziert werden, die Yogaindustrie revolutionieren. (Credit: HejHej-Mats)
Gründerinnen von Hejhej-Mats

Anna Souvignier und Sophie Zepnik (links) wollen mit ihren nachhaltigen Matten, die aus Müll produziert werden, die Yogaindustrie revolutionieren.
(Credit: HejHej-Mats)

Düsseldorf Wer Yoga praktiziert, dem liegen auch Gesundheit und Umwelt am Herzen. Was aber nur wenige Yogis wissen: Die meisten Yogamatten bestehen aus giftigem Kunststoff, werden billig produziert und sorgen für unnötigen Müll. Das hatten auch Anna Souvignier (27) und Sophie Zepnik (26) lange nicht auf dem Schirm – bis sie bei einer konsumkritischen Ausstellung in Schweden ordentlich wachgerüttelt wurden.

Noch während ihres Masterstudiums in Nachhaltigkeitsmanagement haben die Yoga-Freundinnen nach diesem Schock jede freie Minute investiert, um für dieses Problem eine Lösung zu finden und ihr Unternehmen zu gründen: Hejhej-Mats ist die erste closed-loop-Yogamatte auf dem Markt. Das heißt, sie besteht aus recycelten Materialien – Abfallprodukte aus der Schaumstoffindustrie – und ist selbst auch wieder zu 100 Prozent recycelbar, zum Beispiel zu einer neuen Matte. So werden pro Yogamatte etwa 1,5 Kilogramm Müll eingespart.

Am Firmensitz in Nürnberg arbeiten die beiden Gründerinnen für die letzten Veredelungsschritte außerdem mit Werkstätten für Menschen mit Handicap zusammen. Im Handel sind die Yogamatten aus „Müll“ seit Ende 2018. Gerade haben Souvignier und Zepnik, wie auch schon bei der Yogamatte, ein Crowdfunding für ein zweites Produkt erfolgreich abgeschlossen. Im Interview spricht Sophie Zepnik über die Vision der jungen Unternehmerinnen.

Liebe Frau Zepnik, erklären Sie uns doch kurz, wie Sie auf die Idee gekommen sind, während des Studiums eine Yogamatten-Firma zu gründen.
Wir haben damals beide in Schweden unseren Master gemacht und hatten die Idee während eines Besuchs in einer Kunstausstellung. Eine türkische Künstlerin prangerte mit einem Kunstwerk Yogis an. Viele denken ja, dass sie bereits einen sehr nachhaltigen Lebensstil führen. Trotzdem praktizieren sie Yoga auf einer schädlichen Plastikmatte. Anna und ich fühlten uns ertappt, denn auch wir haben uns tatsächlich noch nie Gedanken darüber gemacht.

Wie ging es dann nach der Ausstellung weiter?
Wir haben noch am selben Abend angefangen zu recherchieren und tatsächlich konnte keine der Matten auf dem Markt unsere Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Also haben wir entschieden, das selbst in die Hand zu nehmen und Closed-loop-Yogamatten zu entwickeln. Durch unser Studium waren wir mit dem Ansatz schon vertraut und wussten, dass er die größten Nachhaltigkeitspotenziale birgt. So haben wir parallel zum Studium gegründet und jede freie Sekunde in unser Produkt gesteckt. Dabei war sehr hilfreich, dass die schwedische Universität uns voll und ganz unterstützte – es gab ein Start-up-Zentrum und wir konnten Hejhej-Mats für Projekt- und Masterarbeit nutzen.

Für Laien wie mich: Was genau bedeutet dieses Closed-loop-Prinzip?
Im Grunde beschreibt es eine Produktion, in der Materialien in endlosen Kreisläufen fließen. Idealerweise werden für neue Closed-loop-Produkte keine oder so wenig wie möglich neue Materialien genutzt. Am Ende des Lebenszyklus sollen die Dinge dann nicht einfach als Müll enden, sondern die Materialien für ein neues Produkt recycelt werden und ein neues Leben bekommen. So entsteht also ein geschlossener Kreislauf. Bei unseren Matten nutzen wir beispielsweise Schnittreste, die in der Schaumstoffindustrie anfallen. Am Ende sind unsere Matten dann zu 100 Prozent wieder recycelbar und die Materialien können erneut für die Produktion Matten genutzt werden.

Die Idee zu Hejhej-mats kam den beiden Studentinnen im November 2016 in Schweden. (Credit: Kauf Dich Glücklich)
Neues Leben für Schaumstoffreste

Die Idee zu Hejhej-mats kam den beiden Studentinnen im November 2016 in Schweden.
(Credit: Kauf Dich Glücklich)

Gibt es so etwas wie die durchschnittliche Lebensdauer einer Yogamatte?
Das ist schwer zu verallgemeinern, weil die Nutzung bei Yogis sehr unterschiedlich ist. Yogalehrer nutzen die Matte bis zu drei oder vier mal täglich, manche Leuten hingegen, wenn es hoch kommt, einmal im Monat. Die Lebensdauer einer Yogamatte kann bei sehr intensiver Nutzung daher bei einem Jahr liegen, bei sehr seltener Nutzung kann eine Matte aber auch bis zu zehn Jahre halten.

Haben Sie eine Ahnung, wie viele Yogamatten jährlich produziert werden und irgendwann auf dem Müll landen?
Im Jahr 2018 haben circa 9,2 Millionen Menschen in Deutschland Yoga praktiziert und der Markt wächst weiter. Zusätzlich sind etwa 10.000 Menschen hauptberuflich Yogalehrende und es gibt rund 5000 Studios in Deutschland. Jeder Yoga-Praktizierende benötigt irgendwann eine eigene Matte, die dann auch wieder als Müll endet. Da es bisher noch keine Unternehmen gibt, die Yogamatten aktiv zurücknehmen und recyceln, landen all diese Matten früher oder später auf dem Müll.

Man kann bei Ihnen eine „alte“ Matte zurückschicken – bekomme ich eine neue dann umsonst oder nur einen Rabatt?
Wir arbeiten vom ersten Tag an mit einem integrierten Rücknahmesystem, bei dem wir die kompletten Kosten für den Rückversand übernehmen und Kunden im Anschluss einen 15-Prozent-Rabatt-Code für eine neue Bestellung bekommen. Unsere Kommunikation fokussiert sich besonders auf das Zurückschicken und Recyceln am Ende des Produktlebenszyklus – denn ein Produkt, das zwar in der Theorie wiederverwertbar ist, in der Realität aber nicht recycelt wird, verschwendet enorme Nachhaltigkeitspotentiale.

Lief eigentlich von Anfang an alles direkt glatt?
Wir mussten ziemlich früh unsere Produktionspartner wechseln. Nachdem wir bei einem Schaumstoffunternehmen aus Nordrhein-Westfalen erfolgreich Prototypen erstellt haben, wurde uns mitgeteilt, dass eine Serienproduktion nicht umsetzbar ist. Wir standen dann komplett ohne Partner da und mussten quasi vorne beginnen. Glücklicherweise konnten wir recht schnell einen neuen Partner finden.

Wo entstehen denn die Matten und müssen Sie die Schnittabfälle eigentlich bezahlen?
Es wird nun in Bayern produziert. Da wir in Nürnberg sitzen, können wir auch bei jeder Produktion dabei sein. Wir produzieren immer selbst mit und können vor Ort die Qualität prüfen. Die Schaumstoffreste bekommen wir noch immer von unserer ersten Produktionsfirma, allerdings müssen wir dafür bezahlen. Viele denken ja, dass recycelte Materialien günstiger oder gar kostenlos sind. Das ist aber leider nicht der Fall. Auf unseren recycelten Schaum kommt dann noch eine hauchdünne Oberfläche, bei der wir uns bewusst für Neuware entschieden haben – die aber wieder zu 100 Prozent recycelbar ist. Ein Material, das in der Medizinbranche genutzt wird. So können unsere Matten auch medizinische Standards (in Bezug auf Hygiene, Allergien etc.) erfüllen.

Die meisten Yogamatten, von denen ein Großteil aus China kommt, bestehen häufig aus PVC und enthalten gesundheitsschädliche Weichmacher oder gar krebserregende Stoffe wie Phthalate und Azo-Farbstoffe. Bei Ihrem Schaumstoff ist das nicht der Fall?
Ganz richtig, die allermeisten Yogamatten werden in Asien produziert und enthalten teilweise noch immer krebserregende Stoffe. Viele Menschen äußern auch bei uns Gesundheitsbedenken. Für uns aber ist gerade die Gesundheit ein Teil von Nachhaltigkeit. Unser Material ist sogenannter „pre-consumer waste“, damit meint man Abfall, der noch nicht bei Kunden angekommen ist, sondern vorher entsteht. Die Materialien sind daher qualitativ noch einwandfrei (Anm.: REACH-zertifiziert, eine von der EU erlassene Verordnung zum Schutz der Gesundheit und der Umwelt vor Risiken durch Chemikalien) und bleiben lediglich bei der Produktion von Schaumstoffprodukten übrig.

Wer genau ist Ihre Zielgruppe?
Wir sprechen mit Hejhej Menschen an, die an Nachhaltigkeit interessiert sind und geben Yogis endlich die Möglichkeit, eine wirklich nachhaltige Yogamatte zu erwerben. Zusätzlich haben unsere Produkte aber auch ein minimalistisch-skandinavisches Design, sodass auch viele designaffine LOHAS (Anm.: engl. Lifestyles of Health and Sustainability) unter den Kunden sind. Wir freuen uns aber auch über Kunden, die vielleicht noch nicht so viele Berührungspunkte mit dem Thema Nachhaltigkeit haben, denn gerade das bringt doch für die Nachhaltigkeit am allermeisten etwas.

Sprechen wir über Matte-Matik: Was muss man für eine Matte bezahlen und schreiben Sie schon schwarze Zahlen? Wo liegen Sie mit der Marge?
Eine Yogamatte kostet 129 Euro. Da wir hier in Deutschland produzieren, sind unsere Herstellungskosten sehr hoch. Zusätzlich gibt es die Zusammenarbeit mit der Werkstatt für Menschen mit Handicap, die Logos in Handarbeit aufnähen und die Matten verpacken und verschicken. Wir kennen dafür aber die komplette Lieferkette und können die nachhaltigste Yogamatte auf den Markt anbieten. Wir verzichten daher ganz bewusst auf eine höhere Marge und wirtschaften im Sinne der Nachhaltigkeit.

Bislang findet man Ihre Produkte nur über Ihren Online-Shop und nicht im Fachhandel, oder?
Wir verkaufen bisher noch nicht über den Handel, das ist mit der Marge für uns einfach nicht realisierbar.

Wer hilft Ihnen dabei, die Geschäftsidee zu finanzieren und weitere Ideen zu entwickeln? Wenn ich das richtig sehe, haben Sie keine Investoren an Bord?
Bei uns läuft es sehr gut und wir sind immer noch komplett eigenfinanziert. Mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, bei der wir zu 112 Prozent gefunded wurden, haben wir die erste Produktion vorfinanziert und mit zusätzlichem Eigenkapital die Matten dann auf den Markt gebracht. Mittlerweile arbeiten wir beide in Vollzeit für Hejhej-mats, können uns und unser Start-up finanzieren und weiter organisch wachsen. So konnten wir auch die komplette Produktentwicklung unseres zweiten Produktes, einer Closed-loop-Mattentasche, finanzieren.

Welche Herausforderungen mussten Sie noch meistern?
In Schweden haben wir wirklich die maximale Unterstützung bekommen – angefangen von der Universität bis hin zu einem sehr hilfreichen Gründerstipendium. Zurück in Deutschland wurden wir von dem Support sehr enttäuscht. Es gab keinerlei finanzielle Unterstützung und als junge selbstständige Gründerin werden einem bürokratisch und finanziell oft Steine in den Weg gelegt. Wir haben uns für Stipendien und Wettbewerbe beworben, allerdings immer Absagen bekommen. Ein Grund war oft die fehlende digitale Ausrichtung, ohne diese man hier in Deutschland fast aussichtslos nach Förderungen sucht. Außerdem mussten wir leider oft feststellen, dass junge Frauen es gerade bei Gründerwettbewerben noch sehr schwer haben. Wir befanden uns nicht selten in einer männlichen dominierten Umgebung – von der Jury über den Moderator bis hin zu Mitstreitern und Siegern, alle waren männlich. Häufig wurden wir belächelt, als die „Yogamatten-Mädchen“ betitelt und gingen am Ende des Tages eben auch leer aus. All diese Schwierigkeiten haben wir überwunden, weil wir beide zu jedem Zeitpunkt voll und ganz an unsere Idee glaubten.

Können etablierte Hersteller mit starken Kontakten in den Handel das nicht einfach auch tun, also nachhaltige Matten herstellen? Macht Ihnen das Angst?
Bei etablierten Herstellern ist es sehr schwer, alte Muster zu ändern und eine komplexe Lieferkette umzustrukturieren. Wenn große Hersteller versuchen, nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen, gibt es auch meist einen oder mehrere Haken. Bei uns ist Nachhaltigkeit der eigentliche Zweck der Unternehmung und nicht nur ein Add-on. Die meisten anderen Hersteller hätten schon längst einige Abstriche gemacht – da unsere vollständig nachhaltige Herangehensweise auf jeden Fall auch sehr mühselig und teuer ist. Unsere Philosophie ist einzigartig und wir glauben nicht, dass sie so schnell kopiert werden kann.

Trotzdem, sind Sie nicht die einzigen Öko-Hersteller. Andere nachhaltige Yoga-Matten bestehen aus Naturkautschuk, Bio-Baumwolle, Flachs und Naturlatex, aber auch aus Schurwolle oder aus Ökotex100 zertifiziertem PVC und werden genauso unter fairen Bedingungen produziert. Was ist nun an HejHej-Mats so besonders, anders und besser? Wie würden Sie mich als kritische Kundin im Laden überzeugen?
Wir würden Ihnen sagen, dass sich all diese Matten als nachhaltig darstellen, aber alle auch Schwachstellen haben. Sei es eine Ökotex100-zertifizierte PVC-Matte, die aus Neuware hergestellt wird und dadurch neues Plastik in die Welt setzt und bei der nicht darüber nachgedacht wird, was am Produktende mit der Matte passiert. Kümmert sich jemand ums Recycling? Auch für Matten aus natürlichen Materialien, wie Naturkautschuk und Bio-Baumwolle, müssen unserem Planeten neue Ressourcen entnommen werden. Selbst wenn sie natürlich sind, kann unsere Erde bei der stetig wachsenden Weltbevölkerung und dem damit steigenden Bedürfnis nach Konsum nicht unendlich natürliche Ressourcen bereitstellen. Einige irreversible Grenzen wurden bereits überschritten und nur, weil ein Produkt aus einem natürlichen Material ist, bedeutet es nicht, dass es automatisch nachhaltig ist. Für Naturkautschuk-Plantagen werden beispielsweise oft Regenwälder abgeholzt und nach einigen Jahren sind diese Plantagen nicht mehr nutzbar. Zu guter letzt werden die Naturkautschuk-Matten dann einmal um den Globus geschickt. Wie Sie sehen, ist es sehr schwer, eine vollständig nachhaltige Yogamatte zu finden. Das war auch der Grund, warum wir HejHej-Mats gegründet haben.

Wie wollen Sie Ihr Business langfristig ausbauen, welche Ideen gibt es noch?
Wir launchen gerade unser zweites Produkt: Eine Yogamatten-Tasche, die wir, wie bei der Matte auch, über eine Crowdfunding-Kampagne finanzieren. Wir haben von einigen Kunden das Feedback bekommen, dass das auf dem Markt noch fehlt und für den Weg zum Yoga einfach durchaus praktisch ist. Auch hier haben wir natürlich alles daran gesetzt, die Tasche closed-loop zu gestalten. Der Stoff besteht beispielsweise aus recycelten PET-Flaschen und ist zu 100 Prozent wieder recycelbar. Der Reißverschluss wurde aus recycelten Fischernetzen hergestellt. Die komplette Produktion wird hier in Deutschland durchgeführt – wir gehen sogar noch einen Schritt weiter und lassen jede Tasche in Handarbeit von unserer Werkstatt für Menschen mit Handicap nähen. Wir freuen uns sehr, damit unserer Vision, die Yogaindustrie zu revolutionieren, wieder einen Schritt näher zu sein.
Liebe Sophie, vielen Dank für das Gespräch.

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