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Entspannungsquelle Wald

Weniger Stress, mehr Resistenz.

(Foto: dpa)

Stress im Beruf Zum Relaxen in den Wald – so hält die Urlaubsentspannung nachhaltig an

Die wenigsten Führungskräfte wissen, wie man sich effizient erholt. Dabei sind die Wege zur inneren Ruhe vielfältiger und einfacher als gemeinhin angenommen.
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WeberstedtAls Geschäftsführer eines Thüringer Softwareentwicklers ist es Mario Neugärtner eigentlich gewohnt, Ansagen zu machen – doch heute ist er es, der die Ansagen erhält. Neugärtner steht in Jeans und T-Shirt mitten im Thüringer Wald und sagt nichts.

Stattdessen soll er 15 Minuten lang einfach nur zuhören. Dafür setzt er sich auf einen Baumstamm und macht es sich bequem – so bequem, wie es auf einem Baumstamm eben geht. Er hört die Vögel zwitschern und den Wind in den Blättern rauschen. Er schaut nach links, rechts, oben, unten. „Wenn du magst, kannst du jetzt noch die Augen schließen“, sagt die Trainerin. Neugärtner macht die Augen zu.

„Ich konnte endlich mal von der Arbeit abschalten. Und auch von der Familie. Denn mal ehrlich, auch wenn Urlaub mit der Familie schön ist – da muss ich auch ständig aufpassen oder irgendetwas organisieren“, sagt der Manager. Neugärtner hat an einem Seminar zur Stressbewältigung teilgenommen. Angemeldet hat er sich in dem Moment, in dem ihm alles zu viel wurde.

Dabei hatte er vor zehn Jahren sein eigenes größeres Unternehmen verkauft und ein kleineres gegründet, das so klein bleiben sollte. Doch die Aufgaben und die Verantwortung häuften sich. Da war etwa der Schlaganfall seines Vaters, eine Belastung für die ganze Familie.

Druck im Beruf trifft auf Druck im Privatleben: eine ganz normale Situation für Millionen Deutsche, nicht nur für Manager und Unternehmer. Damit die Belastung nicht zu groß ist, gibt es den Erholungsurlaub, der jedem Arbeitnehmer zusteht. Die diesjährige Feriensaison neigt sich gerade dem Ende entgegen, doch mit der Rückkehr an den Arbeitsplatz geht häufig die Erkenntnis einher: Urlaub gab’s, Erholung nicht. Vielen ergeht es wie Neugärtner, bei dem auch die Ferien mit der Familie zur Managementaufgabe geraten.

Wie geht eigentlich Runterkommen? Wie nutze ich meine knappe freie Zeit so, dass ich mich am Ende tatsächlich erholt fühle? Wie nimmt man sich effektiv aus dem Tagesgeschäft heraus, um wieder voll durchzustarten? Yoga, Meditation, Achtsamkeitsübungen zählen inzwischen bereits zu den Klassikern im Entschleunigungsgeschäft.

Spaziergang heißt jetzt Waldbaden

Neben diesen Klassikern gibt es auch ungewöhnlichere Wege, um effizient runterzukommen. Das, was Mario Neugärtner im Thüringer Wald gemacht hat, nennt sich „Waldbaden“ und ist schwer im Trend. Beim Stressbewältigungsseminar im Nationalpark Hainich geht es vor allem darum, wieder die Verbindung zwischen Mensch und Natur aufleben zu lassen.

Die Ausgangsthese: Wer in der Innenstadt wohnt oder arbeitet und den ganzen Tag lang Lärm hört, hat selten Zeit, um mal wieder der Natur zu lauschen. Ein ausgeruhter Spaziergang unter Bäumen, der Kern des Waldbadens und eigentlich eine ziemlich simple Angelegenheit, ist für viele mittlerweile ein exotisches Unterfangen.

Neben dem Waldbaden besteht das Seminar im Hainich aus Meditations- und Yogaübungen mit einer Heilpraktikerin und Theorieeinheiten darüber, was Stress eigentlich ist und was er mit uns macht. Viele Teilnehmer berichten dem Handelsblatt, dass sie die Verbindung zur Natur verloren hätten. Nach vier Tagen im Wald fühlten sie sich jedoch wieder frischer, könnten besser schlafen und hätten Ideen, wie sie das eine oder andere Problem bei der Arbeit lösen können.

Studien belegen die positive Wirkung von Naturerfahrungen auf den menschlichen Organismus. Gemessen wurden zum Beispiel Stresshormonlevel, Aktivitäten im Nervensystem und Blutdruckwerte. Eine Studie aus dem Jahr 2009 zeigt sogar, dass Waldbaden die Aktivität der natürlichen Killerzellen erhöht. Diese weißen Blutzellen können Viruszellen und Tumorzellen zerstören.

Allerdings ist es fraglich, ob Waldbaden tatsächlich das Risiko von Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt, wie Verfechter gern behaupten. Aber kommt es darauf wirklich an? Eine Grunderkenntnis aus den Gesprächen mit Führungskräften, die ihren Weg zur Entspannung gefunden haben: Beim Runterkommen hilft, was immer sich gut anfühlt. Von Alkohol und anderen Drogen mal abgesehen.

Vor dem Waldbaden-Seminar war Softwareunternehmer Neugärtner vor allem skeptisch gegenüber den integrierten Yogaübungen. „Erst dachte ich, das würde eine alberne Nummer. Aber das war echt anstrengend“, sagt Neugärtner. „Und es ist wohltuend“, fügt er hinzu. In seiner Freizeit ist er Erfinder, zum Beispiel hat er einen Zollstock erfunden, der Durchmesser messen kann. Für ihn bedeutet das Erfinden: abschalten.

20 Minuten meditieren

Seit seinem Seminar im Waldresort nimmt er sich jetzt jeden Tag nach der Mittagspause zusätzlich 20 Minuten Zeit für sich. Er legt sich auf die Couch, die in seinem Büro steht. Da macht er eine Ruhe-Meditation. „Die 20 Minuten gönne ich mir“, sagt Neugärtner. „Ich fühle mich dadurch am Nachmittag leistungsfähiger.“ Das merkten auch seine Mitarbeiter. „Ich höre geduldiger zu und treffe Entscheidungen nicht allein“, sagt Neugärtner. Klar könne man nach einem Vierteljahr noch nicht erkennen, ob deswegen die Zahlen besser sind. Aber langfristig, ist der Unternehmer überzeugt, werde die wirksamere Teamarbeit zu besseren Ergebnissen führen.

Spötter könnten nun einwenden, dass die Übergange zwischen einer 20-minütigen Meditation im Liegen und einem Mittagsschlaf zumindest fließend sind. Aber warum auch nicht? Schließlich erlebt auch das schlichte Schlummern gerade eine Renaissance als Anti-Stress-Waffe. Ein erholsamer Nachtschlaf in ausreichender Länge ist wichtig, ein Nickerchen am Nachmittag kann aber genauso gut helfen: Arianna Huffington, die ehemalige Chefredakteurin der „Huffington Post“, ist überzeugt von dieser Idee.

Deshalb hat sie für ihre Angestellten zwei Schafräume in der Redaktion errichten lassen. „Sich mitten am Nachmittag im Büro ein bisschen hinzulegen und zu schlafen kann die eigene Performance enorm steigern“, sagt Huffington. Sie erwarte, dass Schlafräume bald so verbreitet seien wie Konferenzräume.

Nachdem die „Huffington Post“ mit Schlafräumen bei sich anfing, rüsteten Firmen wie Google und Ben & Jerry’s nach. Auch der Online-Schuhhändler Zappos hat an seinem Hauptsitz in Las Vegas einen Schlafraum, einen der besonderen Art: Die Mitarbeiter können in ledernen Massagesesseln eine Auszeit nehmen – während über ihren Köpfen mehr als 200 Fische in einem 13.000-Liter-Aquarium schwimmen. Geschäftsführer Tony Hsieh ist überzeugt: „Es wurde bewiesen, dass ein 20-minütiges Schläfchen am Tag die Menschen effektiver machen kann.“

Kung-Fu-Übung öffnet die Augen

Bei Marc Schäfer müsste man meinen, er sei schon tiefenentspannt. Der Chief Commercial Officer der Frankfurter Rabodirect-Bank steht jeden Morgen um sechs Uhr auf und macht Yoga. Seit 15 Jahren schon geben ihm Yoga und Meditation Fokus und Entschleunigung. Doch Druck gibt es auch bei ihm im Arbeitsalltag immer wieder.

Deswegen hat er bei seinem ehemaligen Arbeitgeber für rund 30 Mitarbeiter der Führungsebene ein Stressbewältigungsseminar der Kölner Firma „Movit Training Coaching“ organisiert. Das Besondere dabei: die Kung-Fu-Übung.

Ausgerechnet Kung-Fu? Ist das nicht dieser ultraharte Bruce-Lee-Kampfsport mit martialischen Schreien und schmerzhaften Tritten? Wie, bitte, soll der Managern beim Runterkommen helfen?

Was zunächst abwegig klingt, hat Schäfer die Augen geöffnet. Er stand einem anderen Teilnehmer gegenüber, beide sollten Druck mit ihrer Hand auf die des Gegenübers ausüben. Wenn beide zusammenarbeiteten und einer die Hand umdrehte, ging alles gleich viel entspannter. Für Schäfer war beim Kung-Fu vor allem die Erkenntnis wichtig: „Ich gestalte meinen Arbeitsalltag, ich sitze auf dem Fahrersitz.“

Kung-Fu kann eine entspannende Sportart sein, sagt Leo Istas, Kampfsportdozent am Institut für Vermittlungskompetenz der Deutschen Sporthochschule Köln. Allerdings sei der Fokus auf Entspannung nur eine von mehreren möglichen Perspektiven beim Kung-Fu: „Es kommt auf zwei Faktoren an: die Motive des Trainers und die des Sportlers.“

Zum Beispiel könne der Trainer seinen Kurs mit vielen Entspannungs- und Konzentrationsübungen anreichern und so versuchen, die Wirkung in eine bestimmte Richtung zu lenken, so Istas. Aber auch der Sportler kann den Kurs mit bestimmten Vorstellungen besuchen, zum Beispiel um im Alltag leistungsfähiger, entspannter oder selbstbewusster zu werden.

Geradezu konventionell geht im Vergleich dazu Uwe Mommert seine Entspannung an. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Landau Media AG und damit verantwortlich für 280 Mitarbeiter. „Mein Arbeitsalltag besteht zu 80 Prozent aus Kommunikation“, sagt er. Die anderen 20 Prozent seien administrative und strategische Aufgaben. Eine typische Führungskraft also.

Um runterzukommen, hat Mommert vor ein paar Jahren mit dem Meditieren angefangen. Er sagt, er könne inzwischen besser wahrnehmen, welches Stresslevel er akut habe, „und ich kann es bewusst senken“. In solchen Momenten sitzt er zum Beispiel an seinem Schreibtisch und schließt für zwei, drei Minuten die Augen und konzentriert sich nur auf seine Atmung. Damit kommt er in seinen inneren Modus, wie es in der Meditation heißt. Er schaltet seine Gedanken aus; wenn das nicht geht, lässt er sie einfach vorbeiziehen.

„Vorher habe ich in stressigen Situationen gedacht: Ich kann nicht mehr. Aber das ist ja nicht das Ziel“, so Mommert. „Das Ziel ist doch, ein höheres Level der Leistungsfähigkeit zu erreichen.“

Die Beispiele zeigen: Die Wege zur effizienten Entspannung sind weit vielfältiger und verschlungener als gemeinhin angenommen. Von Waldbaden bis Kung-Fu, es lohnt sich, den eigenen Weg zum Runterkommen zu finden. Vielleicht wird dann auch der nächste Familienurlaub entspannter.

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