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Gute Nachrichten

Bestimmte implizite Vorurteile sind in der amerikanischen Bevölkerung im Laufe der letzten zehn Jahre spürbar zurückgegangen - konkret solche gegenüber dem schwul-lesbischen Teil der Bevölkerung sowie gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe.

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Unconscious Bias Wie unbewusste Vorurteile Diversity verhindern

US-Amerikaner haben weniger implizite Vorurteile als vor zehn Jahren. Können wir etwas daraus lernen und hilft uns die Frauenquote dabei?
  • Nico Rose
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HammNico Rose war lange Führungskraft im Vorstandsstab Personal eines internationalen Medienkonzerns. Der Experte für „Positive Psychologie“ ist zudem als Coach und Speaker aktiv. In seinem Gastbeitrag, den er für unser Businessnetzwerk Leader.In geschrieben hat, beschreibt er, wie mächtig unbewusste Vorurteile sein können und wie eine Frauenquote bei der systematischen Benachteiligung von Frauen auch Vorurteile in der Gesellschaft verändern kann. Im Juni erscheint sein neues Buch „Arbeit besser machen“ im Haufe-Verlag.

Dr. Nico Rose ist ein führender Experte für Positive Psychologie. Er hält Keynotes an der Schnittstelle von Führung, Sinn-Erleben und Unternehmenserfolg. (Foto: nicorose.de)
Nico Rose

Dr. Nico Rose ist ein führender Experte für Positive Psychologie. Er hält Keynotes an der Schnittstelle von Führung, Sinn-Erleben und Unternehmenserfolg.
(Foto: nicorose.de)

Ist es möglich, dass Barack Obama die Amerikaner toleranter gemacht hat? Kann es sein, dass die LGBT-Bewegung Früchte trägt? Laut einer aktuellen Studie von Harvard-Psychologen, die Anfang 2019 im einflussreichen Fachmagazin Psychological Science veröffentlicht wurde, sind bestimmte implizite Vorurteile (Unconscious bias) in der amerikanischen Bevölkerung im Laufe der letzten zehn Jahre spürbar zurückgegangen.

Und zwar konkret solche gegenüber dem schwul-lesbischen Teil der Bevölkerung, sowie gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe. Andererseits haben implizite Vorurteile gegen über Menschen mit Übergewicht zugenommen. Worum geht es konkret?
Psychologen unterscheiden explizite und implizite Einstellungen. Explizite Einstellungen sind uns bewusst, wir können sie verbalisieren. Wenn ein Mensch gefragt wird, ob er Personen mit weißer Hautfarbe für „besser“ hält als Menschen mit dunkler Hautfarbe und dies bejaht, dann ist das eine explizite Einstellung (konkret: Rassismus).

Implizite Einstellungen sind uns nicht bewusst und daher auch nicht verbalisierbar. Trotzdem haben sie Einfluss auf unser Verhalten. Studien zeigen, dass über implizite Einstellungen beispielsweise Wahlentscheidungen vorhergesagt werden können.

Implizite Einstellungen gewinnen derzeit eine noch größere Bedeutung, weil wir davon ausgehen müssen, dass sie – unbeabsichtigt – jene Algorithmen kontaminieren, die unser aller Leben zunehmend mitbestimmen. Wir können nur solche Verzerrungen gezielt bekämpfen, die uns auch bewusst sind.

Ein Beispiel: 2017 ging ein kurzes Video viral, das zeigte, wie ein dunkelhäutiger Mann versuchte, Seife aus einem automatischen Seifenspender zu entnehmen. Er scheitert, weil der Sensor, der den Spender zur Ausgabe der Seife animiert, eine zu dunkle Hand offenbar nicht als solche erkennt. Diese Episode beschreibt nur eine kleine Unannehmlichkeit, verdeutlicht aber eindrucksvoll, wie mangelnde Diversität und daraus entstehende vorbewusste Biases dazu führen, dass Unternehmen dysfunktionale Produkte und Services entwickeln.

Wie werden implizite Einstellungen gemessen?

Implizite Einstellungen werden über Reaktionszeiten gemessen. Das wichtigste Instrument hierfür ist der Implicit Association Test (IAT). Er nutzt die Tatsache, dass Konzepte in unserem Gehirn in Netzwerken abgelegt sind – derart, dass ähnliche Begriffe näher aneinander liegen. Die Konzepte „Taube“ und „weiß“ liegen zum Beispiel näher aneinander als „Taube“ und „schwarz“.

Für einen IAT werden Menschen auf einem Bildschirm Reize präsentiert. Sie müssen diese nach einem vorgegebenen Schema kategorisieren, indem sie Tasten betätigen. Es werden beispielsweise – einzeln – Bilder von weißen und dunkelhäutigen Gesichtern gezeigt, zusätzlich positiv beziehungsweise negativ belegte Wörter (Beispiel: unehrlich, vertrauenswürdig). In einem Durchgang müssen die Menschen auf die gleiche Taste drücken, wenn sie ein positives Wort oder ein weißes Gesicht sehen beziehungsweise ein negatives Wort und dunkelhäutige Gesichter.

Für den nächsten Durchgang verhält es sich umgekehrt. Die Kombinationen werden mehrfach durchlaufen. Der springende Punkt: Der Computer misst die Reaktionszeiten vom Einblenden des Reizes bis zum Tastendruck, es geht um Bruchteile von Sekunden. Kürzere Reaktionszeiten bei der Kombination „helles Gesicht“ plus „positive Wörter“ deuten auf eine Bevorzugung von weißen Personen hin – und umgekehrt. Je größer der Unterschied in den Reaktionszeiten, desto stärker die implizite Bevorzugung.

Mehr vorbewusste Akzeptanz für schwul-lesbische Mitmenschen und andere Ethnien

In den Datenbanken von Harvard wurden über die letzten 20 Jahren mittels frei zugänglicher Tests viele Millionen Datensätze gesammelt zur impliziten Einstellung über verschiedene Ethnien, junge vs. alte Menschen, Geschlechterstereotypen, über- vs. normalgewichtige Menschen etc. Dies ermöglichte es der eingangs genannten Forschergruppe, die impliziten Einstellungen der amerikanischen Bevölkerung über die Zeit nachzuverfolgen. Es geht hier wohlgemerkt um Durchschnittswerte, nicht um einzelne Personen.

Die positive Nachricht: Die implizite Einstellung gegenüber Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung ist im Mittel um 33 Prozent in Richtung Neutralität gewandert. Es bestehen weiterhin implizite Vorurteile in der Bevölkerung, aber sie haben sich spürbar abgeschwächt. Auch in Bezug auf andere Ethnien haben sich die impliziten Vorurteile abgemildert, wenn auch nur um 17 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist allerdings der Bias gegenüber Menschen mit Übergewicht gestiegen.

Sehgewohnheiten ändern

Während man die implizite Einstellung von Menschen valide messen kann, streiten sich verschiedene Forscher bis heute um die Frage, was da eigentlich genau gemessen wird. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es sich um so etwas wie ins Vorbewusste eingebrannte Sehgewohnheiten handelt.

Demnach bevorzugen wir mit der Zeit, was wir häufig sehen und folglich für „normal“ halten. Die Abschwächung der vorbewussten Stereotypen gegenüber dunkler Hautfarbe fällt beispielsweise recht genau in die Amtszeit von Barack Obama. Viele Amerikaner sind in dieser Zeit beständig mit positiv besetzten Bildern eines Afroamerikaners konfrontiert worden, abseits des gewohnten Terrains (Sport, Show-Biz).

Ebenso ist in diesem Zeitraum der Anteil von LGBT-Charakteren im amerikanischen TV spürbar angestiegen. Die Organisation GLAAD erhebt jährlich über verschiedene TV-Angebote hinweg, wie viele der Charaktere als nicht heterosexuell dargestellt werden. Bei der ersten Erhebung im Jahr 2006 lag dieser Anteil noch unter zwei Prozent, bei der vergangenen im Jahr 2017 schon bei über sechs. Das liegt immer noch unter der (vermuteten) tatsächlichen Rate in der Bevölkerung, entspricht aber dennoch einer Verdreifachung.

Zur Lesart der Sehgewohnheit hätte auch gepasst, dass im Studienzeitraum Netzwerke wie Facebook und Instagram stark gewachsen sind, auf denen es für viele Menschen darum geht, sich im besten Licht (für Instagram: im schlankesten Licht) zu präsentieren. Allerdings wurde der stärkste Anstieg in den Vorurteilen gegenüber Menschen mit Übergewicht verzeichnet, bevor diese Plattformen wirklich groß wurden.

Anderseits fällt in den Zeitraum die Blüte von TV-Formaten wie „America´s Next Top Model“, was der Akzeptanz gegenüber Menschen mit Übergewicht möglicherweise nicht zuträglich war. Es sei jedoch betont, dass es sich bei den dargestellten Zusammenhängen um Vermutungen handelt. In der Realität führt selten „eins zum anderen“, die tatsächlichen Wirkzusammenhänge sind komplexer.

Auch eine Frage der Sehgewohnheit: Frauen in Führungspositionen

Ich bin ein Befürworter von „Frauenquoten“ – zumindest für eine Übergangszeit. Dabei ist mir bewusst, dass Quotenregelungen immer auch neue Probleme schaffen. Wenn man sich auf eine solche Argumentation einlässt, kann man allerdings gleich im Bett liegenbleiben, denn jede Lösung ist immer auch eine Quelle neuer Probleme, das wusste bereits Goethe.

Eine wertvollere Frage ist: Haben wir mit einer Quote für Frauen in Führungspositionen bessere Probleme als ohne? Meine starke Vermutung lautet: Ja! Studien zeigen, dass der weit überwiegende Teil aller Menschen intuitiv einen Mann zeichnet, wenn wir gebeten werden, das Bild einer Führungsperson zu skizzieren.

Nico Rose: Arbeit besser machen
Haufe
2019
300 Seiten
39,95 Euro
ISBN: 978-3-648-12418-5

Das gilt übrigens für Männer und Frauen gleichermaßen. Andere Studien legen nah, dass Männer in Gruppen stärker davon profitieren, sich selbst in einem positiven Licht zu präsentieren. Macht ein Mann in einer Gruppe Aussagen, die seinen Arbeitsbeitrag vorteilhaft darstellen, so steigt dadurch sein Status – und er wird eher als „Führungsmaterial“ angesehen.

Für Frauen gilt das nicht im gleichen Maße. Es sind solche empirischen Befunde, die mich glauben lassen, dass wir – bei allen angenommenen Nachteilen – um eine Quote für Frauen in Führungspositionen nicht herumkommen werden.

In den vergangenen Jahren wurde viel gegen die systematische Benachteiligung von Frauen getan. Die systemische Benachteiligung als Folgeerscheinung von vielen tausend Jahren systematischer Benachteiligung ist schwerer zu knacken. Sie ist weniger sichtbar und auch in einem geringeren Maße absichtsvoll – aber trotzdem hochwirksam.

Mit einer Quote würden wir Frauen – fast über Nacht, von Männern und Frauen – häufiger in Führungsrollen sehen. Sie würden folglich öfter in den Medien in Führungsrollen portraitiert, häufiger als Speaker und Panelisten zu Konferenzen eingeladen etc. pp. Es würde ein sich selbst verstärkender Effekt angestoßen. Den möchte ich gerne noch erleben.

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