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Gründerin Nicole Gerecht

Statistisch gibt es mehr Hochbegabte als Ärzte in Deutschland. Trotzdem haben diese besonderen Menschen im Beruf und Alltag mit Vorurteilen zu kämpfen. Das will die Gründerin ändern.

unIQate-Gründerin Nicole Gerecht „Wir sind auch unglaublich gerne Klugscheißer“

Nicole Gerecht will mit ihrem Start-up Hochbegabung „salonfähig“ machen. Die Gründerin weiß, mit welchen Vorurteilen Hochbegabte zu kämpfen haben.
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Bonn Statistisch gibt es mehr Hochbegabte als Ärzte in Deutschland. Trotzdem haben diese besonderen Menschen im Beruf und Alltag mit Vorurteilen zu kämpfen. Viele Betroffene erhalten erst im Erwachsenenalter die Diagnose – und haben bis dahin einen langen Leidensweg hinter sich.

Das möchte unIQate-Gründerin Nicole Gerecht ändern. Unter anderem vermittelt sie mit ihrer neuen Plattform hochbegabte Frauen an Unternehmen. Wir haben mit der Gründerin darüber gesprochen, wie man überhaupt erkennt, dass man hochbegabt ist, wie Unternehmen von diesen besonderen Mitarbeitern profitieren können und was die junge Gründerin antreibt und motiviert.

Liebe Frau Gerecht, viele Hochbegabte & Hochsensible ahnen nichts von ihren Gaben – wie war das bei Ihnen?
Ja, tatsächlich bin ich auch erst seit 2017 wissend. Davor fühlte ich mich eigentlich nie wirklich zugehörig. Und schon gar nicht hochbegabt. Ich war viel zu defizitär ausgerichtet in meinen Betrachtungen über mich selbst. Die Hochsensibilität war jedoch recht früh klar: ich nehme beispielsweise einfach schon immer mehr wahr als andere oder habe auch einen viel stärker ausgeprägten Geruchs- und Geschmacksinn.

Stimmt es, dass ich hochbegabt und gleichzeitig schlecht in Mathematik sein kann?
Wie definiert man jetzt „schlecht“? Ich versuche es anders auszudrücken. Insbesondere bei (hochbegabten) Frauen liegt nicht selten auch eine Mathe-Blockade vor. Ja, das geht. Es ist auch möglich, hochbegabt zu sein und eine Lese-Rechtschreibschwäche zu haben.

Wie macht sich Hochbegabung im Erwachsenenalter bemerkbar?
Die Indizienliste ist lang, warum eine IQ-Diagnostik unbedingt ratsam ist, wenn man den Verdacht schwanger trägt. Ich nenne gerne einige, auch wenn Hochbegabte sehr unterschiedlich sind: Perfektionistische Ansprüche, schnell Langeweile bis hin zu Arbeitsverweigerung bei Routineaufgaben, schnelles Sprechen, stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, sehr kritisch in Bezug auf Leistungen, Gefühl der Andersartigkeit/des Isoliertseins, ständig kritisches Hinterfragen von Autoritäten, das Gefühl anderen nicht vermitteln zu können, was man denkt. Auf unserer Seite finden Interessierte eine erweiterte Liste und Podcasts zum Thema, da darf sehr gern reingeschaut werden.

Gibt es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Hochbegabten?
Sie meinen jetzt sicher weniger die biologischen... Es gibt auch da klare Indizien. Wir sind auch unglaublich gerne das, was man „Klugscheißer“ nennt. Nicht, um andere zu degradieren. Es ist entweder ein Spiel oder ein Versuch, wirklich auf Fehler aufmerksam zu machen. Also bitte nicht zu ernst nehmen – oder aber sehr ernst. Studien haben gezeigt, dass hochbegabte Frauen ein geringeres Selbstbewusstsein haben oder auch emotional instabiler sind.

Wieso fokussieren Sie sich bei Ihrer Arbeit auf hochbegabte Frauen?
Weil weibliche Hochbegabte seltener als solche erkannt werden: Auf drei getestete Männer, kommt eine getestete Frau. Denn Mädchen fallen in Kindergarten und Schule seltener durch „störendes Verhalten“ auf. Sie reagieren auf die Unterforderung mit Lustlosigkeit, depressiver Verstimmung, psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen; im schlimmen Fällen sogar mit Bulimie oder Magersucht. Salopp könnte man sagen, Mädchen machen diese Problematik eher mit sich selbst aus, als dass sie ihrem Unmut Luft machen. Ein weiterer und mir wichtiger Punkt ist, dass wir durch die bestehenden Missstände, wie die Gläserne Decke im Beruf, fehlende oder schlicht nicht ernstgemeinte Chancengleichheit, in gewisser Weise doppelt getroffen sind. Denn wir verdienen nicht nur weniger, sondern können unsere Hochbegabung auch viel seltener beruflich ausleben.

Was verändert sich konkret, wenn man die Diagnose Hochbegabung bekommt?
Das ist DIE Frage, die sich viele vor der Diagnose stellen. Die Erfahrungsberichte sind hier ganz unterschiedlich, aber eins haben sie alle gemeinsam: es hat sich etwas verändert! Bei vielen gab es einen richtigen Boost für das Selbstbewusstsein, einige haben sich sogar auch im höheren Alter nochmal beruflich umorientiert. Ich bin beispielsweise gnädiger mit mir und im Umgang mit anderen geworden.

Trotzdem fahren viele, die es wissen, lieber mit angezogener Handbremse als sich zu outen. Warum ist das so?
Ja, das Wort Outing nutze ich hier auch immer ganz bewusst. Insbesondere Frauen ist ein gewisses Maß an Harmonie im Berufsalltag wichtig. Wer aber das volle Potenzial ausschöpft, eckt schneller an. Auch hier gibt es wieder zahlreiche Erfahrungsberichte, die sich immer wieder ähneln. Hochbegabte berichten beispielsweise immer wieder Kollegen, die sich bedroht fühlen – obwohl man gar nicht vorhat irgendwem irgendeine Stelle „wegzunehmen“. Nicht zuletzt herrscht oft Angst vor Befangenheit und Konkurrenzdenken. Es ist im Endeffekt eine lose-lose-Situation – für die hochbegabte Person und das Unternehmen. Das muss sich ändern.

Und was muss ich tun, um eine Diagnose zu bekommen. Wer testet das und wie läuft sowas ab?
Unsere Plattform bietet auch ein Experten-Verzeichnis, dort findet man unter anderem BegabungsdiagnostikerInnen. Wer die Prüfungssituation in Gruppen nicht scheut, kann auch gern beim Verein „Mensa in Deutschland“ an einem Gruppentest teilnehmen. Ansonsten wird unIQate das Angebot zeitnah durch einen Onlinetest erweitern. Nicht alle Testsituationen empfehle ich uneingeschränkt, auch die Preise variieren sehr. Ansonsten kann eine IQ-Messung gute zwei Stunden dauern. Folgende Fähigkeiten können erfasst werden: verbale Intelligenz, figural-räumliche Intelligenz, rechnerische Intelligenz, Merkfähigkeit, schlussfolgerndes Denken, verbales Wissen, figural-bildhaftes Wissen, numerisches Wissen und Wissen (Gesamt) sowie fluide und kristallisierte Intelligenz.

Sie machen mit Ihrer Plattform Hoch-/Höchstbegabte sichtbar und bringen sie mit Unternehmen zusammen. Welchen Vorteil haben Chefs dabei?
Hochbegabte Menschen denken schneller und vernetzter. Sie nehmen beispielsweise mehr Informationen auf, verarbeiten sie schneller und in größeren Kontexten, hinterfragen kritischer. Sie eignen sich für Nischen, die andere vielleicht eher meiden. Die Eine ist unglaublich gut darin „Fehler im System zu erkennen“, wohingegen die andere holistisch schnell Gegebenheiten überblicken oder aber daraus querdenkend innovative Impulse setzen kann. Aber allein die Tatsache, dass in den Abteilungen Personen sitzen, die ihre Leistung drosseln um nicht (sozial) ausgegrenzt zu werden, sollte doch auch Grund genug sein, das Thema anzugehen!

Reden wir nochmal über Sie persönlich. Wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie noch ein Kind waren?
Mein erster Wunsch, an den ich mich erinnern kann, war Archäologin. Ich wollte Hieroglyphen übersetzen und Dinosaurier ausgraben. Und ich wollte Roboter bauen – eine roboterbauende Archäologin.

Gibt es etwas, das Sie aus Angst gemieden haben?
Ich habe allgemein aus Versagensangst vielleicht hier und dort zu wenig gewagt. Ich bin eine ungnädig harte Bewerterin, wenn es um meine eigene Person geht.

Wie fängt Ihr Tag an?
Leider habe ich direkt nach dem Augenöffnen das Handy in der Hand und checke einmal quer. Ich weiß, ich weiß...

Was machen Sie morgens als erstes im Büro?
Ich setze mich an den Tisch und klappe den Laptop auf! Ganz unaufgeregt, aber meist mit Vorfreude.

Was sind Ihre Stärken?
Ich war immer schon gut darin, Potenziale (anderer) zu erkennen. Ich bin fasziniert von den einzigartigen Qualitäten jeder Person und hatte so ein gutes Händchen für das Zusammenstellen von Teams. Außerdem sagt man mir nach, dass ich „ganz nebenbei“ im Sammeln und Archivieren aller Arten von Informationen gut bin, um diese zur rechten Zeit abzurufen. Damit verbunden stehe ich total auf Wissenstransfer. Aller guten Dinge sind wohl drei, daher: Gedanken bleiben bei mir nicht lange solche: Wenn ich sie für mich durchdacht habe, wird auch umgesetzt. Da kann ich auch recht ansteckend wirken.

Wer ist Ihr persönliches Rolemodel und warum?
Leider hatte ich nie wirklich ein Rolemodel, außer vielleicht MacGyver!

Bitte ergänzen Sie den Satz: Ich unterstütze meine Mitarbeiter (Nachwuchskräfte, KollegInnen) in schwierigen Situationen, indem…
…sie wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass oftmals viel mehr in uns steckt als wir uns trauen zuzulassen. Ich habe bisher belebende Erfahrungen damit gemacht, dass es oft reicht, wenn man signalisiert, dass man an jemanden glaubt.

Angenommen eine Kollegin oder Mitarbeiterin denkt oft: „Ich verdiene den Erfolg gar nicht“, „Ich bin gar nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Andere sind um Welten besser als ich…“ – Was raten Sie?
(lacht) Ja, das meine ich. Tatsächlich hat dieses Verhalten sogar einen Namen: Impostor-Syndrom. Aufklärung kann auch hier helfen. Es fehlt uns oft an Selbstwert, wir machen uns zu abhängig von der Bewertung von außen.

Ein No-Go im Umgang mit Mitarbeitern ist für mich…
…Herabsetzen, um sich selbst zu erhöhen, Respektlosigkeit. Grundsätzlich das Gefühl von ungerechtem/ungerechtfertigtem Verhalten. Insbesondere, wenn man nicht die Größe besitzt, es im Nachhinein aufzuklären.

Feedback ist für mich…
…wertschätzend formuliert, wertvoll. Ja, das geht auch mit Kritik. Und hierbei geht es nicht immer nur ums Optimieren, sondern ich manchmal schätze ich es, um einen Blickwinkel erweitert worden zu sein.

Welches Tool ist bei der Arbeit für Sie unverzichtbar?
Ist ein PC Tool genug? (lacht) Ich brauche eine Verbindung mit dem Internet. Eine Kollegin meinte mal: „Durch deine Adern fließen doch auch schon Daten.“

Ihr persönlicher Produktivitätskiller?
Emotionaler Stress! Bevor dieser nicht geklärt ist, lande ich mit den Gedanken zu oft dort. Und getoppt wird das Ganze nur von Monotonie.

Über ihre Erfolge sollten Frauen…
…natürlich mehr sprechen. Liebe Frauen: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“

Her mit dem Geld: Ihr Ratschlag an andere Frauen für Gehaltsverhandlungen?
Es ist ja glücklicher Weise kein Geheimnis mehr, dass wir Frauen uns oft zu geringschätzen und manchmal auch aus einer Zwangslage heraus unter Wert verkaufen. Wenn du also eine Summe im Kopf hast, lege nochmal etwas oben drauf – erst wenn es sich für dich unbequem anfühlt, hast du sehr wahrscheinlich die richtige Summe erreicht. Es ist auch immer sinnvoll, sich ganz klar eine Untergrenze zu setzen, die du auch wirklich keinesfalls unterschreiten solltest.

Der größte Benefit, den Sie bisher aus einem Ihrer Netzwerke gezogen haben?
Als Gründerin im Alleingang gibt es auch so manch dunkle Momente, wo man eben keine/n SparringpartnerIn an der Seite hat – hier hat mich schon oft das eigene Netzwerk unIQate gerettet. In den Erfahrungsberichten, aber auch in den direkten Nachrichten an mich, erfahre ich immer wieder, wofür ich hier kämpfe – und dass es sich lohnt weiterzumachen.

In Konfliktsituationen bin ich…
…vielleicht hin und wieder anstrengend rational. Wobei: es kommt auf den Konflikt an.

Pannen sind…
…nicht schön, aber sorgen ab und an sogar für Erheiterung. Also vertretbare „Pännchen“.

Auf welche Fehlentscheidung hätten Sie rückblickend trotzdem gerne verzichtet?
Bisher waren sie alle für irgendwas gut. Oder aber ich hatte noch keine wirkliche Fehlentscheidung. Gibt es die überhaupt? Ich meine, zum Moment der Entscheidung war das eben die Beste – unter Berücksichtigung aller Aspekte. Punkt. Und sollten sich neue Bedingungen auftun, wird angepasst.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Ich hab jetzt extra rumgefragt! Es kam herum: Problemlöserin, Beraterin, Psychologin, Personalentwicklung, Stylistin, Innenarchitektin, Ärztin und „irgendwas mit Optimierung“. Da habe ich es doch ganz gut getroffen.

Wie gehen Sie mit Stress um?
Das kann ich so pauschal gar nicht beantworten, denn es ist vom Stress abhängig und wie gut greifbar die Ursache/der Auslöser ist. Außerdem gibt es ja auch positiven Stress, mich beflügelt es manchmal auch regelrecht.

Nein sagen sollten Frauen zu…
…allem, was sie ablehnen.

Sie merken, dass Sie unglücklich in Ihrem Job sind. Was tun Sie?
Ich plädiere für Ursachenforschung. Hinterfragen, was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein. Sind die Werte und Ansichten, die mich in meinen derzeitigen Job gebracht haben, auch wirklich MEINE Ansichten? Oder war es die Verlockung, weil es eine so schöne Außenwirkung hat? Werte und Überzeugungen sind wirklich wichtig und sollten auch im Beruf wiedergefunden werden, sonst fühlt es sich schnell bedeutungslos an. Im schlimmsten Fall arbeitet man/frau sogar gegen sich selbst!

Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde?
Solche Sätze sind nicht in meinem Repertoire.

Anderen Chefs würde ich gerne sagen, …
Ich muss niemanden zwangsbeglücken.

Wie schalten Sie abends ab, und wann gehen Sie ins Bett?
Tatsächlich kann ich mittlerweile nicht mehr ohne Hörbuch abschalten. Es ist ein Ritual geworden. Ich gehe früh zu Bett, meist gegen 21:30 Uhr und höre dann noch mindestens 40 Minuten ein Hörbuch. Anders funktioniert es kaum noch.

Liebe Frau Gerecht, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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