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Vitra-Chefin Nora Fehlbaum im Interview „Ein gutes Büro ist wie eine Landschaft“

Die Chefin des Möbelherstellers Vitra spricht über den Siegeszug des Großraums und die Frage, ob ein Arbeitsplatz auch Ausdruck von Identität sein soll.
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Vor zwei Jahren hat Nora Fehlbaum den Schweizer Familienbetrieb Vitra von ihrem Onkel Rolf und Vater Raymond übernommen. Quelle: Tom Ziora
Nora Fehlbaum

Vor zwei Jahren hat Nora Fehlbaum den Schweizer Familienbetrieb Vitra von ihrem Onkel Rolf und Vater Raymond übernommen.

(Foto: Tom Ziora)

Nein, über Zahlen werde sie nicht sprechen, heißt es schon vorher. Über Privates sowieso nicht. Nora Fehlbaums Zurückhaltung hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie in ihren Job gerade noch reinwächst: Vor zwei Jahren hat sie – in dritter Generation – den Schweizer Familienbetrieb Vitra von ihrem Onkel Rolf und Vater Raymond übernommen.

Und die hatten aus dem Möbel- und Ladenbau-Unternehmen aus Basel endgültig eine international renommierte Adresse für Künstler und Designer gemacht. Vitra ist längst einer der größten Namen im Design-Geschäft.

Dieses Erbe will in einem immer schneller werdenden Markt verteidigt und ausgebaut werden. Entsprechend vorsichtig agiert Nora Fehlbaum. Aber beim Treffen mit dem Handelsblatt, einem ihrer ersten größeren Interviews überhaupt, wird sie schnell leidenschaftlich, wenn es um die Kernthemen ihres Unternehmens geht: Wie wollen und werden wir künftig arbeiten und leben?

Frau Fehlbaum, die bis Samstag laufende Orgatec hier in Köln versteht sich als Leitmesse „für eine neue Arbeitskultur“. Wer sagt eigentlich, dass wir unsere Büros dauernd neu erfinden müssen?
Nicht jeder hat das Bedürfnis, sein Büro dauernd neu zu denken. Ich war jüngst bei einer Schweizer Anwaltskanzlei, deren Gründer bereits über 80 Jahre alt ist. Schon in den Sechzigerjahren hat er für seinen großen Besprechungsraum die Lobby Chairs von Charles und Ray Eames gekauft …

… ein Klassiker, den Vitra bis heute im Programm hat …
… genau – die Stühle stehen dort immer noch, und er erfreut sich jeden Tag an ihnen. Gleichzeitig sehen sich heute aber viele Unternehmen mit der Aufgabe konfrontiert, die Arbeit ihrer Belegschaft neu zu definieren und zu organisieren. Dabei rücken oft Kollaboration und Kommunikation mehr in den Vordergrund. Bei diesem Wandel kann das Büro ein unterstützendes Element sein.

Was verändert da wen? Die – oft dann ja junge – Firmenkultur das Mobiliar? Oder die Möbel den Spirit?
Es sollte immer Hand in Hand gehen. Ein Raum und seine Gestaltung können eine Firmenkultur durchaus verändern. Er kann Gedanken, Gefühle, Kreativität beeinflussen, was dann auch das Miteinander verändert.

Sie präsentieren hier in Köln in einer kompletten Messehalle gleich drei Büroszenerien von großen zeitgenössischen Designern. Das reicht von eher klassischer Innenarchitektur bis zu totaler Freiheit. Konnte man die Zukunft nicht auf einen Nenner bringen?
Ganz im Gegenteil: Die Ausgangslagen unserer Kunden sind sehr unterschiedlich. Es gibt Unternehmen, die längst in sich und ihren Zielen angekommen sind. Sie haben eine starke Identität, die auch in einer klar umrissenen Heimat, einem festen Zuhause für die Mitarbeiter ihren Ausdruck findet. Aber es gibt heute eben auch eine wachsende Zahl von Firmen, die sich nicht mal mehr an eine Adresse binden lassen wollen, die Flächen mieten, anstatt zu kaufen oder zu bauen, oder sich gar in Coworking-Spaces treffen. Diese Räume sollen flexibel sein und sich rasch selbstständig umbauen lassen – so wird tagsüber der Arbeitsplatz zur Kantine und danach für einen Workshop genutzt. Alles ist auf Rollen, nichts ist fest eingebaut und fixiert.

Weil man heute einfach nicht mehr 30 Jahre bei der gleichen Firma arbeitet?
Genau. Man arbeitet eher projektbezogen. Oft ist unklar, was das Morgen bringt. Und man braucht und lebt diese Flexibilität, die andere Menschen womöglich bislang noch erschreckt.

Das sind die, die dann noch ihre eigene Kaffeetasse, den mitgebrachten Gummibaum oder das Familienfoto auf dem Schreibtisch brauchen als Identitätsstifter? Ist diese Sehnsucht denn so altmodisch?
Ein Büro muss heute unterschiedlichsten Arbeitsweisen Rechnung tragen. Wenn ich in Ruhe einen Vertrag lesen muss, brauche ich dazu einen Ort. Und wenn ich ein kurzes informelles Gespräch mit einem Kollegen führen will, soll das nicht das ganze Stockwerk ablenken. Ein gut gestaltetes Büro liefert für jede Aufgabe das richtige Umfeld und spiegelt gleichzeitig die Kultur des Unternehmens wider. Dazu braucht es nicht noch das Familienfoto auf dem Tisch.

Das Stichwort „Großraum“ provozierte in Deutschland in früheren Jahrzehnten etliche Proteste und Albträume. Typisch deutsche Vorbehalte?
Nicht unbedingt. In Deutschland waren nur die regulatorischen Erfordernisse sehr früh hoch – von der Größe des Arbeitsplatzes bis zum Lichteinfall. Entsprechend groß waren dann auch früh die Ansprüche. Die Qualität einer Umgebung lässt sich aber nicht nur an Normen und Standards festmachen, es gehört mehr dazu. Ein gutes Open-Space-Büro ist wie eine Landschaft – mit höheren und tieferen Elementen, offenen und versteckten Bereichen, mit Brüchen, harten und weichen Materialien sowie einer durchdachten Farbwelt. Der Albtraum entsteht dann, wenn dieser Ansatz fehlt.

Vitra probiert auf seinem Campus in Weil am Rhein selbst jede Menge aus, wenn es um die Gestaltung der eigenen Büros geht. Welche ganz profanen Fragen und Herausforderungen tauchten da schon auf – vom Geschirrspüldienst bis zur Gummibaum-Frage? Oder arbeiten bei Vitra einfach die besseren Menschen?
Da unsere Büros öffentlich zugänglich sind, ist das drängendste Thema bei uns die Frage der Gehwege für unsere Besuchergruppen – und der Platz für deren Regenschirme. Was ebenfalls durchaus zu Debatten führt, ist der Übergang eines Teams vom festen Arbeitsplatz zum Desksharing. Wir haben hier Methoden entwickelt, mit denen wir diesen Übergang erleichtern können.

Es heißt doch gern, dass viele Führungskräfte für ihre Belegschaften tolle Großraumbüros entwerfen lassen, für sich selbst aber weiterhin das Einzelbüro favorisieren. Auch Ihre Erfahrung?
Ich sehe kaum noch Kunden, bei denen die Chefs ihren eigenen Arbeitsplatz bei solchen Veränderungen nicht miteinbeziehen.

Selbst Dax-Konzerne dekorieren ihre Gebäude heute mit Chill-out-Zonen, Plauderecken und bonbonfarbenen Cafeterien, der obligatorische Tischkicker nicht zu vergessen. Macht das die Arbeit wirklich schöner?
Wenn wir uns gemeinsam mit einem Kunden Gedanken machen, versuchen wir, tief zu ergründen, was die Firma überhaupt will und braucht, damit es nicht bei diesen Spielereien bleibt. Es geht dann darum, das Neue an sich zuzulassen. Das können ein paar kleine Akzente sein im Foyer oder ein gesamtheitlich neuer Ansatz für das Büro. Da muss jedes Unternehmen seinen eigenen Weg finden. Angesichts der vielen Zeit, die wir im Büro verbringen, ist es jedenfalls angeraten, sich über dessen Gestaltung Gedanken zu machen.

Was genau hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten vor allem verändert?
Die Technologie erlaubt es, dass wir heute von überall arbeiten können. Das hat unsere gesamte Welt, unser Leben, Arbeiten, Wohnen und Denken revolutioniert. Wir können heute überall produktiv und effizient arbeiten. Dazu muss man nicht mehr im Büro sein. Gleichzeitig machen Millennials nun einen Großteil in vielen Firmen aus. Ihr Know-how in der digitalen Welt ist stark gesucht. Und gerade die wollen sich nicht mehr darauf verpflichten, für Jahre oder gar Jahrzehnte fürs gleiche Unternehmen zu arbeiten. Also müssen die Unternehmen mehr denn je dafür tun, ihnen ein attraktives Umfeld zu schaffen. Auch das bedeutet Veränderung.

Homeoffice heißt für viele bisher, dass man dann in der Küche vorm Laptop sitzt, oder?
Stimmt, selbst ich arbeite zu Hause meist am Esszimmertisch. Daneben hat sich aber der „Third Space“ …

… also öffentlicher Raum …
… als alternativer Arbeitsort mittlerweile etabliert. Auch weil man sich dort wiederum oft besser konzentrieren, aber auch mit anderen zusammenarbeiten kann. Und wir wollen und müssen doch auch mal raus aus unseren vier Wänden. Deshalb könnte ich mir sogar vorstellen, dass die Bedeutung des klassischen Homeoffice eher abnimmt, wo ja immer auch Abwasch, Fernseher oder die Kinder ablenken.

Vitra ist international unterwegs. Gibt es da noch länderspezifisch unterschiedliche Geschmäcker, was als attraktiver Arbeitsplatz angesehen wird?
Sie nivellieren sich in den letzten Jahren eher.

Sie sind Enkelin des Vitra-Gründers Willi Fehlbaum und haben vor zwei Jahren Ihren Onkel Rolf als Chefin abgelöst. Sind Sie in der neuen Position angekommen?
Die beiden Generationen vor mir haben in den letzten achtzig Jahren einen großartigen Job gemacht. Für mich steht nun im Vordergrund, das Gelungene zu bewahren und gleichzeitig den Mut zu haben, Neues anzugehen.

Wie klappt das so im Tagesgeschäft zwischen Ihnen und Ihrem Onkel?
Wunderbar. Es ist schön, wenn der gute Rat aus der Familie nicht weit ist.

Welche Vorteile haben Familienfirmen in Ihrer Branche, die ja auch immer schnelllebiger wird?
Der größte ist sicher, dass wir eine langfristige Perspektive einnehmen können.

Vitra steht geschäftlich auf drei Säulen: Wohnen, Office, Ladeneinrichtungen. Wie entwickeln sich diese Bereiche?
Das Wohnen wächst zurzeit am stärksten. Aber Office bleibt nach wie vor der größte Bereich.

Wie halten Sie’s mit dem E-Commerce?
Wir haben einen eigenen Onlineshop. Aber unsere Produkte haben einen hohen Qualitätsstandard. Texturen und Materialien sind dabei wichtig und sollen auch physisch erlebt werden können. Daher setzen wir gleichzeitig auf den stationären Handel und unsere eigenen Läden weltweit.

Welche Ziele verfolgen Sie als Unternehmerin?
Einfach ausgedrückt: dass sich Vitra weiterentwickelt, im kommerziellen wie auch im kulturellen Bereich – mit dem Vitra Campus in Weil am Rhein, seiner Architektur und dem Vitra Design Museum.

Frau Fehlbaum, vielen Dank für das Interview.

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