Rezension zu Paul Kalanithi Leben, jetzt erst recht!

Was tun, wenn die Diagnose Krebs heißt? Wenn plötzlich keine Zeit mehr für alle Lebenspläne bleibt? Der Arzt Paul Kalanithi findet in seinem Buch eine ganz eigene Antwort auf diese existenzielle Frage, die Mut macht.
Bewegend und mit feiner Beobachtungsgabe schildert der junge Arzt und Neurochirurg Paul Kalanithi (nicht im Bild) seine Gedanken über die ganz großen Fragen.

Bewegend und mit feiner Beobachtungsgabe schildert der junge Arzt und Neurochirurg Paul Kalanithi (nicht im Bild) seine Gedanken über die ganz großen Fragen.

DüsseldorfPaul Kalanithi führt so etwas wie ein Bilderbuchleben: Er ist erfolgreich, hat eine tolle Frau, an Elite-Universitäten studiert und das Ende seiner Assistenzzeit steht kurz bevor. Bald wird der Überflieger wählen können unter den Top-Job-Angeboten als Neurochirurg. Wenn da nicht diese Rückenschmerzen wären.

Als Arzt kennt er die Anzeichen besser als jeder andere. Und trotzdem ignoriert er die Symptome hartnäckig. Arbeitet 18 Stunden bis zur völligen Erschöpfung. Will nicht wahrhaben, dass irgendetwas nicht stimmt. Als er die Schmerzen nicht mehr aushält, geht er doch zum Arzt. Die Diagnose: Lungenkrebs im Endstadium. Paul ist 36. Und muss sich damit auseinandersetzen, dass ihm keine Zeit mehr bleibt.

In „Bevor ich jetzt gehe“ erzählt Paul Kalanithi seine Geschichte aus der Ich-Perspektive: Erst die als Arzt, dann die als Patient. Wie er versucht, sein Gleichgewicht angesichts der Diagnose Krebs nicht zu verlieren. Zu entscheiden, wie er den Rest seines Lebens ausrichten will. Er schreibt: “Wie meine Patienten musste ich mich mit dem Sterben auseinandersetzen und begreifen, was mein Leben lebenswert machte.”

Kalanithi erzählt von seinen Zweifeln und Hoffnungen und von seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Die Worte, die er findet, sind schlicht, doch sie gehen ans Herz. Denn was er erzählt, ist ehrlich und authentisch.

Trotzdem: Muss das wirklich sein, noch so ein Buch? Über Krebs und Tod? Nein, muss es nicht. Aber es tut unendlich gut. Vielleicht, weil dieser Mann und seine Familie trotz all des Schlimmen so mutig ist. Weil Paul Kalanithi nicht zerbricht an seinem Schicksal, sondern ein neuer Paul Kalanithi wird, einer, der mehr er selbst ist. Einer, der über sich und sein Schicksal hinaus wächst. Weil er seine eigene Antwort auf die Frage findet, die alle umtreibt: Was macht das Leben eigentlich lebenswert? Und wie nutze ich die Zeit, die mir geschenkt wird, sinnvoll?

Paul Kalanithi entscheidet sich: Als er als Arzt nicht mehr arbeiten kann, beginnt er mit dem Schreiben. Er und seine Frau entscheiden sich, trotz des nahen Todes ein Kind zu bekommen. Paul entscheidet sich dafür, nicht die Angst über sein Leben bestimmen lassen. Keine Angst vor dem Leid zu haben.

Mythen über Krebs – und was an ihnen dran ist
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Krebs ist ansteckend

Dieses Vorurteil hält sich standhaft. Dabei ist wissenschaftlich inzwischen eindeutig nachgewiesen, dass sich Krebs nicht über den normalen Umgang mit Patienten noch über die Pflege, nicht einmal über Sex, übertragen werden kann.

Denn Patienten scheiden die Krebszellen nicht aus. Kommt ein Mensch versehentlich doch mit Tumorgewebe direkt in Berührung, erkennt das Immunsystem die fremden Körperzellen und eliminiert sie. Derzeit geht die Wissenschaft sogar davon aus, dass dieser Schutzmechanismus sogar funktioniert, wenn man eine Bluttransfusion mit dem Blut eines Krebskranken verabreicht bekommt.

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Abtreibung löst Brustkrebs aus

Dieses Gerücht ist eine echte Belastung für alle Frauen, die sich im Laufe ihres Lebens einmal gegen ein Kind entschieden haben oder entscheiden mussten. Ausgangspunkt ist eine Studie aus den USA, die weltweit in den Medien zitiert wurde. Diese legte nah, dass Abtreibungen das Risiko für ein Mammakarzinom erhöhe. Kritiker bemängelten, dass mit der Studie keine Krebshäufung unter betroffenen Frauen nachgewiesen werden konnte.

Auch ließe sich gar nicht ablesen, dass Abtreibung und Brustkrebs überhaupt etwas miteinander zu tun hätten. Inzwischen haben Wissenschaftler in mehreren fundierten Studien Schwangerschaftsabbrüche und auch ungewollte Fehlgeburten als Risiko für Brustkrebs relativ sicher ausgeschlossen.

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Zu enge Büstenhalter machen Brustkrebs

Auch diesen Mythos schürte ein Buch aus den USA. Darin hieß es, dass das Abklemmen der Lymphbahnen dazu führe, dass der Stoffwechsel nicht gut funktioniere und Schadstoffe nicht abwandern könnten. Ein Beweis oder eine wissenschaftliche Quelle für diese Behauptung fehlt jedoch in dem Buch

Inzwischen ist klar: Das Tragen von Büstenhaltern beeinflusst das Brustkrebsrisiko nicht, egal ob zu eng oder gut passend, mit Bügel oder ohne.

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Viele Lebensmittel sind für Krebspatienten giftig

So viele Ratschläge Freunde und Bekannte auch auf den Lippen haben, eine sogenannte "Krebsdiät" gibt es nicht. Häufig wird vor Kartoffeln, Tomaten oder Schweinefleisch gewarnt. Tatsächlich enthalten die Nachtschattengewächse Kartoffeln und Tomaten das schwach giftige Solanin. Den Krebs fördert dies jedoch nicht.

Das Gerücht, Schweinefleisch sei schädlich, scheint eher einen religiösen Hintergrund zu haben. Wissenschaftliche Belege, dass das Fleisch ungesund ist, gibt es jedenfalls nicht.

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Krebsrisiko steigt nach einer Durchtrennung der Eileiter

Führt Sterilisation zur Empfängnisverhütung zu Krebs? Die Antwort ist eindeutig: Bisher gibt es hierfür keinen wissenschaftlichen Nachweis.

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Übergewicht macht krebskrank

Es gibt Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Körpergewicht und Brustkrebs gibt. Und tatsächlich müssen Frauen, die nach den Wechseljahren deutliche übergewichtig sind, mit einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit leben. Für jüngere Frauen wurde dieser Zusammenhang bisher nicht bestätigt. Allerdings sind dazu auch noch nicht alle Studien abgeschlossen.

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Verletzungen können Zellveränderungen auslösen

Bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass Stöße, Schläge, Blutergüsse oder Quetschungen Krebs fördern. Ausgenommen sind Menschen, die lange Jahre unter einem Lymphödem leiden - einer chronischen Gewebeschwellung durch Flüssigkeitseinlagerung. Dadurch steigt das Risiko einer Form von Weichteiltumoren. Insgesamt sind diese Tumore jedoch sehr selten.

Das hier ist ein schmales Buch, das trotz der wenigen Seiten schwer wiegt. Auch viele Tage, nachdem man es aus der Hand gelegt hat, kommt es einem zwischendurch wieder in den Sinn. Es hat etwas berührt. Zum Schwingen gebracht. Nicht, weil es traurig ist, sondern weil es trotz der Traurigkeit Mut macht. Nicht diese Krankheit besiegen zu können, sondern trotz der Krankheit keine Angst zu haben, sich für seine Wünsche zu entscheiden.

Paul Kalanithi erzählt von sich, aber zwischen den Zeilen steht da noch mehr, etwas, was den Leser nicht wieder loslässt: Es ist ein Plädoyer für das Leben. Und den Mut, sich seinen Sehnsüchten zu stellen. Lesen!

Paul Kalanithi
Bevor ich jetzt gehe. Was am Ende wirklich zählt
Das Vermächtnis eines jungen Arztes

Verlag Knaus Albrecht, München, 19,99 Euro
199 Seiten

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