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Alarmierende Quartalszahlen Streitfall Jobabbau: Lufthansa streicht nach historischem Verlust 22.000 Vollzeitstellen

Trotz umfangreicher Staatshilfe bringt Lufthansa-Chef Spohr betriebsbedingte Kündigungen ins Gespräch. Gewerkschafter und Politiker sind empört.
06.08.2020 Update: 06.08.2020 - 18:38 Uhr 2 Kommentare

Lufthansa-Chef erwartet Vorkrisen-Niveau erst wieder 2024

Düsseldorf, Berlin Lufthansa-Chef Carsten Spohr musste am Donnerstag einen Halbjahresverlust von 3,6 Milliarden Euro unter dem Strich vermelden. Doch für weit mehr Verstimmung als dieses Rekordminus und der Umsatzeinbruch von gut 50 Prozent sorgten der geplante Abbau von 22.000 Vollzeitstellen und ein Satz in Spohrs Brief an die Mitarbeiter der Airline: Sein Ziel sei es gewesen, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, schrieb er darin. Aber: „Basierend auf dem Verlauf der Verhandlungen zu notwendigen Krisenvereinbarungen mit unseren Tarifpartnern ist dieses Ziel für Deutschland nicht mehr realistisch.“

Die Kritik von Gewerkschaften und Politik folgte prompt, immerhin stützt der Staat die angeschlagene Fluggesellschaft in der Coronakrise mit einem neun Milliarden Euro schweren Rettungspaket. „Jetzt mit Kündigungen zu drohen ist unnötig und in der Kabine sogar vertragswidrig“, kritisierte Nicoley Baublies von der Kabinengewerkschaft UFO.

„Die staatliche Beteiligung hat das Ziel, möglichst allen Beschäftigten eine Perspektive im Unternehmen zu ermöglichen“, sagte Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt. Eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte, oberstes Ziel des Stabilisierungspakets der Bundesregierung „war und ist der Erhalt der Lufthansa, damit es für das Unternehmen und seine Beschäftigten eine Zukunftsperspektive gibt“.

Gegenüber dem Handelsblatt rechtfertigte Spohr die geplanten Kündigungen: „Der Steuerzahler will schließlich sein Geld zurückhaben.“

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    Dass er nun – anders als bislang angeblich geplant – auch in Deutschland zum Mittel der Entlassungen greifen will, begründet der Lufthansa-Chef mit der Blockade aufseiten der Arbeitnehmervertreter. Mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) habe es 16 Verhandlungsrunden gegeben, ohne zu einem Abschluss zu kommen, bemängelte er.

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    Dabei seien allein bei der Lufthansa-Airline aktuell 800 Piloten überzählig. „Die Verhandlungen gehen mir viel zu langsam“, so Spohr. „Fast alle anderen Fluggesellschaften haben längst eine Vereinbarung mit ihren Mitarbeitern.“ Tatsächlich wurde eine Übereinkunft, die zwischen der Lufthansa-Airline und der Gewerkschaft zustande kam, vom VC-Vorstand anschließend wieder gekippt.

    Die Gewerkschaftsführung legte gegen ein Eckpunktepapier der eigenen Tarifkommission Veto ein, weil die Personalvertreter der betroffenen Konzerntöchter angeblich „nicht in ausreichendem Maße“ in die Verhandlungen einbezogen wurden. Für Streit sorgt unter anderem, dass das vereinbarte Eckpunktepapier den Wechsel von Piloten innerhalb des Konzerns zum geplanten Ferienflieger Ocean erleichtern soll. Arbeitnehmervertreter fürchten, dass Spohr den ab September startenden Tourismusflieger, der mit Maschinen von Lufthansa City Line und Eurowings Intercontinental operieren soll, zu einer internen Billigkonkurrenz ausbauen will.

    Auch am Donnerstag befand sich der jüngst neu eingesetzte VC-Tarifchef Marcel Gröls in Verhandlungen mit der Lufthansa. Erst nach Abschluss könne man sagen, ob es vereinzelte Personalüberhänge gebe, so ein Gewerkschaftssprecher. Doch auch für die 35.000 Beschäftigten am Boden, von denen laut Spohr 1500 im Konzern überzählig sind, gibt es noch keine Lösung.

    Kein politischer Gegenwind erwartet

    Die Gewerkschaft Verdi will dazu an diesem Freitag weiterverhandeln, wie die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle am Donnerstag erklärte. Nur wenig besser sieht es beim Kabinenpersonal aus. Dort gibt es mit der Gewerkschaft UFO zwar inzwischen eine Einigung, die Zustimmung der Mitarbeiter aber steht noch immer aus. Es gebe 2600 Flugbegleiter zu viel bei der Lufthansa-Airline, so Spohr.

    Aus Berlin erwarte er für die Entlassungspläne keineswegs politischen Gegenwind, sagte der Lufthansa-Chef. „Wir haben von dort die Zusage, dass sich die Politik aus dem operativen Geschäft heraushält.“ Keine Airline der Welt sei in der Coronakrise ohne Entlassungen ausgekommen, auch wenn man zumindest in Deutschland „gern die einzige“ gewesen wäre.

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    Das Rettungspaket der Bundesregierung für die Lufthansa umfasst insgesamt neun Milliarden Euro inklusive einer Beteiligung mit 20 Prozent mit inhaltlich beschränkten Stimmrechten. Die Bundesregierung hatte immer wieder betont, es erfolge keine Einmischung in das operative Geschäft.

    „Es gibt daher auch keine Beschäftigungsvorgaben im Stabilisierungspaket, denn das wäre eine Vorgabe für das operative Geschäft“, stellte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums klar. „Natürlich gelten aber alle rechtlichen Vorgaben zur frühzeitigen und engen Beteiligung der Sozialpartner weiter und sind einzuhalten“, ergänzte sie.

    „Die finanziellen Hilfen der Bundesregierung scheinen eher ein Geschenk an die Lufthansa zu sein als ein Rettungsschirm für Unternehmen und Beschäftigte“, kritisierte Linken-Parteichef Bernd Riexinger. „Das bisschen Einfluss, das die Regierung im Unternehmen hat, muss sie jetzt nutzen und sich endlich für die Beschäftigten einsetzen.“

    Wenig glücklich zeigte man sich auch in der Großen Koalition über die Ankündigung des Lufthansa-Managements, notfalls betriebsbedingte Kündigungen vorzunehmen. Die arbeitsplatzerhaltenden Maßnahmen der Regierung, etwa die Verlängerung und Erhöhung des Kurzarbeitergeldes, seien betriebsbedingten Kündigungen vorzuziehen, erklärte SPD-Politiker Westphal.

    Zudem mahnte er: „Die laufenden Gespräche der Sozialpartner sollten nicht mit öffentlichen Verlautbarungen über Zwischenergebnisse behindert werden.“ Die Konstellation mit drei Gewerkschaften in einem Unternehmen halte er zwar für „sicherlich anspruchsvoll“. Jede Seite müsse sich aber ihrer Verantwortung für die Arbeitsplätze und das Unternehmen bewusst sein.

    Spohr: Kein Wachstum um jeden Preis

    FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dagegen wirft der Bundesregierung bei der Staatshilfe für Lufthansa unhaltbare Versprechen vor. „Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Finanzminister Olaf Scholz werden von der Realität eingeholt und überholt“, sagte er dem Handelsblatt. Es sei eine Illusion, mit neun Milliarden Euro Staatshilfen nötige unternehmerische Entscheidungen verhindern zu wollen.

    „Wenn die Nachfrage fehlt und Märkte auf Dauer wegbrechen, wird es ohne Kapazitätsanpassungen nicht gehen“, sagte der FDP-Politiker. Theurer warnte davor, die Staatsbeteiligung dürfe kein Fass ohne Boden werden.

    Spohr sieht für den geplanten Schrumpfungsprozess keine Alternative. „Es muss einen Stopp geben, Wachstum um jeden Preis zu erzielen“, sagte er vor Analysten. Da der gelernte Pilot den Prognosen des Luftfahrtverbands IATA vertraut, der die Nachfrage nach Flugreisen frühestens 2024 wieder auf Vorkrisenniveau sieht, stellte er nun ein umfassendes Restrukturierungsprogramm namens „ReNew“ vor.

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    Es sieht neben dem Abbau der 22.000 Vollzeitstellen auch die Verkleinerung der Konzernflotte um „dauerhaft mindestens 100 Flugzeuge“ vor. Aktuell umfasst sie 760 Maschinen. Einen Teil davon habe man bereits absolviert, sagte Spohr. So sei in den USA und einigen anderen Ländern außerhalb Deutschlands rund 8500 Mitarbeitern gekündigt worden. In Deutschland selbst aber hätten erst „wenige Hundert“ den Konzern verlassen, wodurch die Mitarbeiterzahl zum Ende des ersten Halbjahres auf 129.400 schrumpfte.

    Auch die Flotte habe man bereits verkleinert. So musterte Lufthansa sechs Langstreckenflieger vom Typ A380 aus, ebenso fünf Jumbos vom Typ Boeing 747. Auch elf Airbus320-Mittelstreckenjets legte die Kranich-Airline still, um – wie von der EU gefordert – die Flugkapazitäten an den Drehkreuzen München und Frankfurt zu reduzieren. Für mindestens ein Jahr werden außerdem alle 17 A340-Langstreckenflieger geparkt.

    Dennoch soll die 2024 angebotene Kapazität ähnlich hoch sein wie die des vergangenen Jahres. Dazu will der Vorstand die Produktivität bis 2023 um 15 Prozent erhöhen, unter anderem durch die Reduzierung der Flugbetriebe auf maximal zehn.

    Die Vorstands- und Geschäftsführungsgremien der Konzerngesellschaften will Spohr verkleinern und die Zahl der Führungskräfte im Konzern um 20 Prozent reduzieren. In der Konzernverwaltung werden 1000 Stellen abgebaut.

    Frachtgeschäft entwickelt sich gut

    Das alles soll helfen, die Staatshilfe schnellstmöglich umzufinanzieren. „Die Finanzplanung des Konzerns sieht vor, im Verlauf des Jahres 2021 wieder positive Cashflows zu erwirtschaften“, hieß es am Morgen bei der Lufthansa. Bislang aber sieht es kaum danach aus, dass das gelingen könnte – auch wenn seit Juni das Geschäft wieder verhalten anzieht.

    Während die Fluglinien Lufthansa, Eurowings, Austrian, Brussels und Swiss im zweiten Quartal zwischen 55 und 93 Prozent ihres Umsatzes verloren und tief in die roten Zahlen rutschten, entwickelte sich allein das Frachtgeschäft positiv.

    Zwar gingen auch bei Lufthansa Cargo die Erlöse um 23 Prozent zurück, das Betriebsergebnis glänzte aber mit 299 Millionen Euro – nach einem Verlust von zehn Millionen im Jahr zuvor.

    Hohe Verluste gab es dagegen bei Lufthansa Technik, wo der Konzern mit Kurzarbeit und der Verschiebung von Investitionsprojekten reagierte. Und auch das Cateringgeschäft, das um 82 Prozent einbrach, rutschte tief ins Minus – zumal Hygieneregeln an Bord die Essensausgabe meist untersagen. Den Verkauf des Europageschäfts von LSG Sky Chefs an die Gategroup hat die EU zwar inzwischen unter Auflagen genehmigt, derzeit aber gebe es Gespräche über die Anpassung der Kaufbedingungen, hieß es bei Lufthansa.

    Höchster Quartalsverlust der Konzerngeschichte

    Insgesamt musste Europas einst umsatzstärkster Luftfahrtkonzern am Donnerstag den höchsten Quartalsverlust seiner Geschichte melden: 1,85 Milliarden Euro verlor Lufthansa im operativen Geschäft von April bis Juni – und damit sogar noch einmal 225 Millionen Euro mehr als im ersten Quartal. Wegen der weltweiten Corona-Pandemie blieben zeitweise über 90 Prozent der Maschinen am Boden, der Umsatz brach im zweiten Quartal um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro ein.

    Auch wenn Analysten beim bereinigten Ertrag vor Zinsen und Steuern noch mit einem 300 Millionen Euro schlechteren Ergebnis gerechnet hatten, erwies sich der Geschäftsverlauf als massiv gestört. Gut eine Milliarde Euro Cash verlor der Lufthansa-Konzern zwischen April und Juni – gut 450.000 Euro pro Stunde.

    Dennoch zeigte sich Spohr verhalten optimistisch. „Die Stabilisierungsmaßnahmen, die mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds ausgehandelt wurden, sichern den Fortbestand des Unternehmens“, sagte er. Für die kommenden zwölf Monate sei man ausreichend durchfinanziert. Da die Unsicherheiten jedoch weiterhin hoch seien, könne er aktuell keinen detaillierten Finanzausblick geben.

    Zudem dürfte es ein betriebsbedingtes Entlassungsprogramm kaum zum Nulltarif geben.

    Mehr: Der Geier kreist: Warum vielen deutschen Unternehmen die Pleite droht.

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    2 Kommentare zu "Alarmierende Quartalszahlen: Streitfall Jobabbau: Lufthansa streicht nach historischem Verlust 22.000 Vollzeitstellen"

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    • Immer weiter so. Macht alles kaputt. Während die Schweden- ohne den ganzen katastrophalen Lockdown - inzwischen nahezu keine Infektionen mehr haben wird bei uns schon Panik vor einer angeblichen zweiten Welle gemacht, Jeden Tag wird von steigenden Zahlen geredet, obwohl die Neuinfektionen seit Wochen zwischen 500 und 800 schwanken. Warum macht man den Leuten Angst vor etwas, das sich in keiner Weise abzeichnet? Logisch, dass unter diesen Umständen kaum einer Urlaub bucht, investiert oder auch nur größere Einkäufe tätigt. Was ist der Sinn dieser Kampagnen?

    • Jede 4. Stelle hängt davon ab, dass Menschen etwas konsumieren, was sie nicht wirklich zur Existenz brauchen, siehe Urlaubs-Flug-Reisen. Bevor man Menschen bezahlt, über staatliche Transfers, sollte man mittels Staatsaufträgen Menschen beschäftigen, Infrastruktur, so dass eine materielle Wertschöpfung dem Notenbanken-Schöpfgeld gegenübertreten wird. Also endlich mal in die Puschen kommen. Es gilt auch nicht mehr die Ausrede, es fehle an Fachpersonal. Die vielen Freigesetzten verfügen über Kenntnisse und Fähigkeiten, die man in anderen Branchen dann dringend braucht, für die Infrastruktur-Projekte. Mit dem bisherigen hinterhältigen Geschwätz, es würden die Fachkräfte fehlen, man könnte mehr Geld gar nicht ausgeben für Infrastruktur, ist nun endlich Schluss. Freude, die Geschwätz-Wichtigen endlich in die Schranken weisen zu können.

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