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Anwälte Die Krise wird für Wirtschaftskanzleien zum Konjunkturprogramm

Die Corona-Pandemie hat in den Bilanzen der Kanzleien kaum Spuren hinterlassen. Die meisten Sozietäten legten sogar zu. Jetzt boomt das Geschäft erst recht.
25.06.2021 - 08:00 Uhr Kommentieren
Wegen der Corona-Pandemie hielten viele Anwälte Mandantengespräche virtuell ab. Das Modell hat sich bewährt. Quelle: Maskot/Getty Images
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Wegen der Corona-Pandemie hielten viele Anwälte Mandantengespräche virtuell ab. Das Modell hat sich bewährt.

(Foto: Maskot/Getty Images)

Köln Alles war bereit für einen Start nach Maß. Der Empfangsbereich auf Hochglanz poliert, die Teppichböden in den Konferenzräumen frisch verlegt, die Technik auf dem neuesten Stand. Nach jahrelangen Planungen hatte die Wirtschaftskanzlei Arqis Anfang März 2020 ihr neues Domizil im neuen „Kö-Quartier“ bezogen. Zentraler und exponierter geht es in Düsseldorf kaum. Dann fand die Euphorie ein abruptes Ende.

Die erste Corona-Welle hatte das Land erfasst. Lockdown. „Oh nein, ausgerechnet jetzt“, erinnert sich Managing-Partnerin Andrea Panzer-Heemeier an ihre Gedanken in jenen Tagen. Der Umzug sollte Startschuss für ein weiteres Kapitel in der Erfolgsgeschichte der Kanzlei sein.

Doch plötzlich war die Welt eine andere. Die Feierlaune war verflogen. Es dominierten Themen wie der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter im Homeoffice und die Organisation virtueller Meetings. „Wir sind losgezogen und haben weitere Laptops besorgt, um den Übergang ins Homeoffice reibungslos zu gestalten“, sagt Panzer-Heemeier.

Vor allem aber sei die geschäftliche Unsicherheit groß gewesen, so Panzer-Heemeier. „Wir haben befürchtet, dass nun eine Krise kommt, die uns nachhaltig trifft“, erzählt die Kanzleimanagerin. Sollte die Erfolgsgeschichte von Arqis jäh unterbrochen werden? 2006 war die Kanzlei mit einer Handvoll Mitarbeitern gestartet. In dieser Zeit wuchs Arqis auf mehr als 60 Anwälte und schaffte es auf die Mandatierungslisten von Dax-Konzernen.

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    So wie Arqis ging es vielen Kanzleien. Was zu Beginn der Pandemie keiner für möglich gehalten hätte, ist Realität geworden: Deutschlands Wirtschaftskanzleien sind von der Krise verschont geblieben. Mehr noch: Es sieht so aus, als ob sie mehrheitlich zu den Profiteuren der Krise gehören.

    Die meisten Kanzleien mit deutlichem Umsatzplus

    Ein wichtiger Indikator: Von fünf der nach Umsatz zehn größten Kanzleien sind die Geschäftszahlen für 2020 bekannt, vier davon legten teils deutlich zu. Umsatz-Branchenprimus CMS Hasche Sigle steigerte seinen Umsatz 2020 trotz Pandemie um satte 9,5 Prozent auf insgesamt 376,2 Millionen Euro, das ist ein Plus von 32,6 Millionen Euro.

    Die Nummer fünf im Ranking, die britisch-amerikanisch fusionierte Sozietät Hogan Lovells, erwirtschaftete an ihren fünf deutschen Standorten 268 Millionen Euro und damit gut fünf Prozent mehr als noch 2019.

    Managing-Partner Stefan Schuppert spricht von einer steigenden Nachfrage nach M&A-Beratung. Auch zu Finanzierungsfragen gebe es eine hohe Nachfrage. Schon auf dem Höhepunkt der Krise habe die Kanzlei auf dem Gebiet viele Mandate gehabt.

    So war Hogan Lovells für Tui tätig, als es um das Schnüren eines Finanzierungspakets im Gesamtvolumen von 1,8 Milliarden Euro ging, an dem der Bund, private Investoren und Banken beteiligt waren. Als es um die Stabilisierung der Lufthansa ging, war die Kanzlei für die Bundesrepublik tätig.

    „Uns hat unser Industriefokus sehr geholfen. Außerdem haben wir in der Krise gelernt, standortübergreifend noch besser zusammenzuarbeiten“, sagt Schuppert. Die weitgehende Verlagerung ins Homeoffice habe deutlich gemacht, dass regionale Aspekte kaum noch eine Rolle spielen. „Die Pandemie hat gezeigt, dass wir unsere Mandanten nicht zwingend vor Ort besuchen müssen. Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Schuppert.

    Videokonferenzen und virtuelle Veranstaltungen seien oft effizienter und hätten auch eine größere Reichweite. „Unsere Reisebudgets sind heute deutlich geringer. Das macht nicht nur wirtschaftlich Sinn, sondern auch aus Gründen der Nachhaltigkeit“, sagt Schuppert.

    Eine gute Entwicklung verzeichnete auch Hogan Lovells“ direkte Verfolgerin Noerr. Sie legte um über neun Prozent zu und kam auf 253 Millionen Euro. Gleiss Lutz schließlich setzte zehn Millionen Euro oder 4,6 Prozent mehr um und kam auf insgesamt 227,5 Millionen Euro. Ob das für Rang sechs oder sieben im Ranking reicht, wird sich zeigen, wenn die Zahlen der britischen Einheit Linklaters vorliegen, deren Geschäftsjahr Ende April schloss. Im Vorjahr kam sie auf 221 Millionen Euro.

    Neue Beratungsfelder und eine höhere Effizienz

    Aktuelle Zahlen kann die zum britischen „Magic Circle“ zählende Kanzlei noch nicht präsentieren. Doch Chief Operating Officer Astrid Altmann Forbes gibt einen positiven Ausblick: „Das Jahr war besser, als wir es ursprünglich erwartet haben. Nun läuft das M&A-Geschäft wieder sehr gut, mit vielen großvolumigen Deals. Auch in der Private-Equity-Branche ist viel Bewegung“, berichtet die Kanzleimanagerin. So beriet Linklaters etwa Apax Partners bei dem Erwerb des Brillenherstellers Rodenstock oder die Groupe Bruxelles Lambert bei einer Mehrheitsbeteiligung am Radhersteller Canyon.

    Linklaters besetzt auch neue Geschäftsfelder. Im Trend lägen die Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, auch unter der englischen Abkürzung ESG bekannt. „Wir beobachten einen enormen Beratungsbedarf. Es geht nicht mehr nur um die Reputation von Unternehmen, sondern um ein nachhaltigeres und zukunftssicheres Geschäft“, erklärt Altmann Forbes. Die Mandanten müssten etwa neue Gesetze zum Klimaschutz beachten oder die Lieferketten so gestalten, dass soziale Standards eingehalten werden.

    In der Beratung setzt die Kanzlei vermehrt neue Technologien ein. „Die Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen ist fester Bestandteil unserer Arbeit“, sagt Altmann Forbes. Seit 2001 beschäftigt sich Linklaters mit Legal Tech – damals noch nicht unter diesem Schlagwort. „In Deutschland haben wir heute im Bereich Legal Operations ein 40-köpfiges Team mit Software-Entwicklern, Projekt- und Prozess-Managern, Wirtschaftsjuristen und Recherche-Experten. Das steigert die Effizienz erheblich.“

    Sonderkonjunktur wegen des Dieselskandals flaut ab

    Von den umsatzstärksten Top-Ten-Kanzleien, deren Zahlen bereits vorliegen, musste lediglich Heuking Kühn Lüer Wojtek einen Rückgang von knapp 2,5 Prozent hinnehmen. Doch auch das liegt nicht an den Auswirkungen der Pandemie, sondern hat primär einen anderen Grund: Es gibt viel weniger Arbeit im Zusammenhang mit dem Dieselskandal.

    Heuking ist eine von gut einem Dutzend Kanzleien, die als Unterauftragnehmer von Freshfields Bruckhaus Deringer in den vergangenen Jahren den Volkswagen-Konzern bei der Abwehr einer sechsstelligen Zahl von Klagen im Dieselskandal unterstützten.

    Im Jahr 2019 hatte diese rund drei Jahre andauernde Sonderkonjunktur ihren Höhepunkt. 2020 nahm das Arbeitsvolumen dann rapide ab. Nach Berechnungen des juristischen Fachportals Juve entfiel rund eine Million Euro Umsatz auf jeweils 1000 Verfahren. Im Durchschnitt haben die Kanzleien bis zu 5000 Verfahren übernommen, größere Einheiten wie Heuking deutlich mehr.

    Heukings Kanzleichef Andreas Urban ist deshalb mit den erzielten 190 Millionen Euro Umsatz zufrieden: „Der Rückgang der Arbeit im Dieselkomplex war absehbar. Unsere Zahlen für 2020 sind insbesondere zu Pandemiezeiten ein Erfolg.“

    Bei Heuking brummte wie bei vielen Wettbewerbern das Arbeitsrecht. Vor allem waren es aber Restrukturierungen bei Mandanten, gesellschaftsrechtliche Themen sowie Schiedsverfahren und andere Streitigkeiten, die laut Urban das Geschäft weiter rundlaufen ließen.

    Unter dem Strich spricht einiges dafür, dass Deutschlands Wirtschaftskanzleien für das in weiten Teilen durch die Pandemie beherrschte Geschäftsjahr 2020 gar auf einen neuen Umsatzrekord zusteuern. Seit 2015 haben die 100 größten Kanzleien hierzulande ihre Umsätze enorm gesteigert. Waren es damals laut Juve-Berechnungen noch 5,2 Milliarden Euro, waren es 2019 schon 7,4 Milliarden – ein Plus von 42 Prozent.

    Kanzleien verbessern ihre Produktivität

    Zwar stieg auch die Zahl der Mitarbeiter deutlich, doch unter dem Strich verbesserte sich auch deren Produktivität. Machte ein Anwalt 2015 rein rechnerisch noch 480.000 Euro Umsatz, sind es 2020 je Jurist schon 580.000 Euro gewesen.

    Das liegt auch am anhaltenden Boom auf besonders lukrativen Feldern wie Prozessen, aber auch Transaktionen. Diese erhielten 2020 zwar vorübergehend einen deutlichen Dämpfer. „Nach wenigen Monaten haben wir aber gemerkt, dass Bewegung in die auf Eis gelegten Deals kommt“, sagt Arqis-Chefin Panzer-Heemeier.

    Mancher Wettbewerber hatte zu Beginn der Krise schon mit einem herben Einbruch kalkuliert und personelle Maßnahmen ergriffen. Taylor Wessing etwa kündigte umgehend allen wissenschaftlichen Mitarbeitern in Deutschland, insgesamt rund 100 Jungjuristen. Die Kanzlei erklärte das mit einer wirtschaftlichen Rezession, die sie wegen der Coronakrise erwarte. Deshalb gelte es, Vorsorge zu treffen. Beim juristischen Nachwuchs sorgte das für große Unsicherheit – und in der Branche für viel Spott.

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    Panzer-Heemeier ließ trotz aller Sorgen eine ruhige Hand walten – und lag damit im Nachhinein betrachtet richtig. Ihr half dabei auch, dass in mancher Praxisgruppe die Telefone heiß liefen, etwa mit arbeitsrechtlichen Fragen von Mandanten. Wie kann ich das Arbeiten aus dem Homeoffice für die Mitarbeiter gestalten? Worauf muss ich als Unternehmen achten, wenn ich Kurzarbeitergeld beantrage?

    „Die Nachfrage im Arbeitsrecht war riesig“, sagt Panzer-Heemeier. „Aber auch auf anderen Feldern wie dem Datenschutz haben wir schnell gemerkt, dass eher mehr Arbeit als weniger anfällt. Schon nach wenigen Wochen waren die Sorgen weitestgehend verflogen.“

    In die Zukunft blickt Panzer-Heemeier wieder voller Optimismus. Im Gesundheitssektor gebe es derzeit viel zu tun, außerdem würden sich gerade strategische Investoren nach Akquisezielen umschauen.

    So wird es dann in jedem Fall auch eine große Party zur Einweihung der neuen Kanzleiräume an der Düsseldorfer „Kö“ geben. Mindestens. Womöglich werden es in den kommenden Monaten sogar gleich zwei – um unter Pandemiebedingungen die Anzahl der Gäste jeweils im Rahmen halten zu können.

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