Bain & Co-Manager Walter Sinn „Die Arbeit von uns Beratern ist nicht durch eine Maschine ersetzbar“

Walter Sinn, Deutschlandchef von Bain & Co, erklärt, warum er keine Angst vor künstlicher Intelligenz hat und wie Daten das Beratergeschäft verändern.
Kommentieren
Die Digitalisierung verändert auch die Beraterbranche. Quelle: Getty Images for Somerset House
Alles Digital

Die Digitalisierung verändert auch die Beraterbranche.

(Foto: Getty Images for Somerset House)

FrankfurtWalter Sinn kommt zwischen zwei Vorstandsterminen bei Kunden zum Interview ins Frankfurter Büro von Bain & Co. Von hier hat er die Bürotürme der Finanzdienstleister im Blick, von denen viele die Managementberatung buchen. Sinn kennt die Herausforderungen der Banken in puncto Digitalisierung. Wir wollen von ihm aber wissen, was die digitale Revolution für das Beratergeschäft bedeutet.

Herr Sinn, wie weit hat die Digitalisierung Ihre Arbeit als Berater ganz persönlich verändert?
Ich bin seit 25 Jahren im Geschäft. Früher haben wir mit dem Bleistift Analysen gezeichnet, die auf Folien gezogen und mithilfe eines Overheadprojektors präsentiert wurden.

Wie umständlich.
Es ist heute nicht mehr vorstellbar, dass die Kommunikation einst auf persönliche Treffen und Festnetztelefon beschränkt war. Das ist aber nur die technische Seite. Unser Kerngeschäft, nämlich die strategische Beratung von international tätigen Unternehmen, hat sich im Prinzip nicht verändert. Diese Arbeit war noch nie so spannend wie jetzt.

Für CEOs ist es schwierig, bei der technologischen Entwicklung den Überblick zu behalten. Als Berater müssen Sie stets einen Schritt voraus sein. Gelingt Ihnen das?
Eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Beraters ist Neugier. Wir müssen uns frühzeitig mit den neuesten Trends auseinandersetzen und diese im Sinne unserer Kunden weiterdenken. Ich habe die Chance, tiefe Einblicke in ganz unterschiedliche Branchen zu bekommen. Letztlich entscheidend ist aber der enge Austausch mit den Kollegen in unserem globalen Netzwerk und dass wir die besten Talente an uns binden.

Die neuen Technologien mischen auch Ihre Branche auf. Wie verändert sich das Beratungsgeschäft?
Die Anforderungen der Kunden sind extrem gewachsen. Heute geht es um die Frage, wie ein Unternehmen in einer sich schnell verändernden Umwelt anpassungsfähig bleibt. Als Berater müssen wir beweisen, dass wir bei Datenanalyse und künstlicher Intelligenz vorn dabei sind.

Wir wagen mal eine provokante These: Die künstliche Intelligenz wird den Managementberater überflüssig machen.
Diese These teile ich nicht.

Der 52-jährige verantwortet als Managing Partner seit Juni 2014 das Deutschlandgeschäft der Unternehmensberatung Bain & Company. Bain gilt als einer der drei führenden Strategieberater weltweit. Er startete seine Laufbahn bei der Deutschen Bank, ist aber seit mehr als 20 Jahren im Beratergeschäft tätig. Quelle: Bain & Company Germany, Inc
Walter Sinn

Der 52-jährige verantwortet als Managing Partner seit Juni 2014 das Deutschlandgeschäft der Unternehmensberatung Bain & Company. Bain gilt als einer der drei führenden Strategieberater weltweit. Er startete seine Laufbahn bei der Deutschen Bank, ist aber seit mehr als 20 Jahren im Beratergeschäft tätig.

(Foto: Bain & Company Germany, Inc)

Dachten wir. Aber in der Beratung geht es zunehmend um Ableitungen aus der Analyse riesiger Datenmengen, die ein Roboter bald besser liefern kann. Der kann dann auch Handlungsempfehlungen für Manager formulieren.
Keine Frage, künstliche Intelligenz wird auch unser Geschäft verändern. Diese Technologie wird uns helfen, ein noch besserer Ratgeber für Strategie und kritische Managemententscheidungen zu sein. Der Kern unserer Arbeit ist aber nicht durch eine Maschine ersetzbar.

Was ist dieser Kern?
Strategieberatung bedeutet, dass wir Kunden darin unterstützen, nachhaltige Wettbewerbsvorteile aufzubauen und diese zu verteidigen – und das in einer immer komplexeren Welt. Hier zählen letzten Endes Erfahrung, Intuition, Kreativität und Fingerspitzengefühl. Das kann eine Maschine allein nicht leisten. Sie wird dem Menschen aber eine bessere Hilfe sein.

Die Visionen der Roboter-Forscher gehen weit darüber hinaus.
Der Mensch muss die richtigen Fragen stellen und die besten Schlussfolgerungen liefern. Daran wird sich auch in den nächsten 50 Jahren grundsätzlich nichts ändern. Wir erstellen keine Papiere mit schönen Strategieskizzen. Unsere Kunden erwarten von uns messbare Resultate, wir müssen die Veränderung ins Unternehmen tragen. Das geht nur, wenn wir die Menschen mitnehmen. Das schafft kein Roboter.

Wird die Beratung zum datengetriebenen Geschäft?
Das gilt für die Beratung wie für viele andere Branchen auch. Consulting war im Grunde schon immer ein Geschäft, in dem große Mengen von Daten entstehen. Jetzt kommt es darauf an, diese richtig zu interpretieren.

Daten sind zunehmend frei verfügbar, auch für Ihre Kunden. Was können Sie da noch bieten?
Unser Know-how aus all unseren Projekten ist ein riesiger Datenschatz. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Frage, wie wir diese proprietären Daten kumuliert und anonymisiert noch besser nutzen können. Der Erkenntnisgewinn für unsere Kunden ist groß, weil wir wissen, was warum in anderen Projektsituationen funktioniert hat und wo die größten Werthebel sitzen. Diesen Schatz zu heben wird einer der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren unserer Branche.

Das heißt: Wer die attraktivsten Projekte bekommt, generiert die besten Daten und gewinnt deswegen das nächste attraktive Projekt. Das wird sicher nicht allen Beratern so gelingen.
Unsere Branche polarisiert sich schon seit vielen Jahren. Bain gehört zu den drei großen Strategieberatern, die die entscheidenden Erfahrungswerte in einer globalisierten Welt mitbringen – daneben gibt es die Spezialisten und den großen Rest. Die Digitalisierung wird diese Spreizung im Markt noch verstärken. Die Kunden wollen schnelle Ideen und pragmatische Lösungen, wir entwickeln mit ihnen in kurzer Zeit Prototypen. Dafür sind erhebliche Investitionen nötig, die die Top-Strategieberater besser stemmen können.

Viele Beratungsfirmen kaufen deswegen zu. Warum hält sich Bain dabei zurück?
Wir bauen eigene Kapazitäten auf, haben jüngst neben San Francisco einen zweiten Digital Discovery Hub in Berlin eröffnet. Zum anderen verstärken wir uns mit externer Expertise, wie gerade erst in Deutschland mit einem Team von Krankenversicherungsexperten, in der Schweiz mit dem früheren Roland-Berger-CEO Martin Wittig oder in den USA, wo Bain gerade die Digital-Marketing-Boutique FRWD gekauft hat. Vor allem aber setzen wir auf unsere strategischen Partner, von deren Wissen unsere Kunden profitieren können. Mit Bosch etwa deklinieren wir die Fabrik der Zukunft durch. Mit Google erarbeiten wir Zukunftstrends in der Versicherungsbranche.

Google wird nachgesagt, an jedem datengetriebenen Geschäft Interesse zu haben. Könnte der Konzern irgendwann zu einem Wettbewerber für Sie werden?
Ich glaube nicht, dass Unternehmensberatung die strategische Intention von Google ist. Der schiere Datenbesitz macht noch keine gute Beratung aus. Mit einem Algorithmus allein ist in unserem Geschäft noch nicht viel erreicht.

Herr Sinn, vielen Dank für das Interview.

Startseite

Mehr zu: Bain & Co-Manager Walter Sinn - „Die Arbeit von uns Beratern ist nicht durch eine Maschine ersetzbar“

0 Kommentare zu "Bain & Co-Manager Walter Sinn: „Die Arbeit von uns Beratern ist nicht durch eine Maschine ersetzbar“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%