Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Beraterlegende Wie Roland Berger zum deutschen „Mr. Wirtschaft“ wurde

Unternehmen, Regierungskommissionen, Netzwerke: Kaum ein Berater prägte die deutsche Wirtschaft nach der Adenauer-Ära so sehr wie Roland Berger.
Kommentieren
„Jedes Geschäft ist 50 Prozent Hirn und 50 Prozent Bauch.“ Quelle: Getty Images
Roland Berger

„Jedes Geschäft ist 50 Prozent Hirn und 50 Prozent Bauch.“

(Foto: Getty Images)

München Wenn man fragt, wer als Berater die deutsche Wirtschaftszeit nach der Adenauer-Ära geprägt hat, wird man schnell den Namen Roland Berger hören. Vielleicht noch den von Herbert Henzler, dem großen Rivalen von McKinsey. Aber da gibt es den Wermutstropfen, dass er für die amerikanische Consulting-Maschine arbeitete. Die Berger-Beratung aber war genuin deutsch, eine Erfindung des Diplom-Kaufmanns aus dem Jahr 1967, der eine Wäscherei und einen Spirituosen-Discounter gründete und in Mailand fünf Jahre lang als Wirtschaftsberater gearbeitet hatte.

Der Gründer startete mit Ideen, Selbstbewusstsein und dem Status eines Selfmade-Millionärs. Er war dreißig und stand für eine neue Zeit: hipper, lebenslustiger, experimentierfreudiger. Die Angebote von Konzernen, dort Karriere zu machen, hatten bei dem agilen Deutschen keine Chance: „Warum sollte ich zurück in den Käfig?“

Im Grunde hat Roland Berger damals nach US-Vorbild Marketing in die deutschen Lande gebracht. „Jedes Geschäft“, bilanziert Berger, „ist 50 Prozent Hirn und 50 Prozent Bauch.“ Und natürlich auch zu 100 Prozent Networking, worauf sich der Mann aus München mit Charme, Erwerbssinn und politischem Gespür wie kein Zweiter verstand.

Das hat ihn zu einem zentralen Gestalter der deutschen Ökonomie gemacht, der bei vielem geholfen hat: Industrien verschwinden zu lassen (Textil), sie neu auszurichten (Bier) oder zu globalisieren (Automobil). Er saß in insgesamt 20 Regierungskommissionen, er wirkte für Kanzler Helmut Kohl mit an der Privatisierung der DDR und für Gerhard Schröder an der Auflösung der Deutschland AG. Aber bei Angela Merkel kam seine Fraternisierungskunst nicht weiter.

Der entscheidende Kick in der Karriere war ein erster Auftrag 1971 für die Deutsche Bank. Daraus entstand eine jahrzehntelange enge Bindung an das Geldinstitut und mancher Auftrag. Berger war eng mit dem legendären, von Linksterroristen ermordeten Bankchef Alfred Herrhausen befreundet.

1988 erstand die Deutsche Bank sogar 95 Prozent der Beratungsfirma Roland Berger. Eine Dekade später kauften der Gründer und seine Partner die Anteile zurück. Erst mit dem Abgang von Vorstandschef Josef Ackermann 2012 kühlte die Liebe zur „Deutschen“ ab.

Sehr elegant im Ausdruck und knallhart in dem, was er vorschlägt. Hans-Werner Sinn, Wirtschaftsprofessor und ehemaliger Chef des Ifo-Instituts, über Roland Berger

Früh hat Roland Berger die Chancen Asiens entdeckt. Er beriet die NordLB und deren Firmenkunden Rollei, der allerdings gegen die modernen japanischen Kameras keine Chance hat. Wieder und wieder begleitete der Consigliere Unternehmer-Figuren mit Berthold Leibinger oder Ferdinand Piëch bei ihren Trips nach Fernost.

Heute wirkt Roland Berger unter anderem als Honorarkonsul der Republik Singapur, die mit ihren zwei Staatsfonds einen gewissen Einfluss auf den globalen Finanzkapitalismus hat. Zuvor hatte er, in gleicher diplomatischer Funktion, für Finnland agiert. Dass auch Cäsar und Napoleon Konsuln waren, erwähnt Berger mit Freude am Humor, aber vermutlich auch an der eigenen Geltung.

Sein Erfolgsrezept sei „neben Fleiß auch einer Mischung geschuldet aus meiner DNA, kompetenten Menschen um mich herum und natürlich Glück“, sagte Roland Berger einmal. Wirtschaft ist für ihn nicht Krieg, sondern „Sport“, wie er im „Handelsblatt Magazin“ zum 80. Geburtstag in seinem Ferienhaus im schweizerischen St. Moritz erklärte: „fairer, regelbasierter Wettbewerb“, nannte er das, wobei die Goldmedaille schon das Ziel sein sollte, wie Berger auch noch süffisant anmerkte.

Ein langjähriger Gefährte wie Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle nennt ihn einen „Menschenfänger mit Unternehmer-Gen“, der sich extrem gut an unterschiedliche Situationen anpassen könne. Und der überall ankomme und nie polarisiere. Roland Berger sei „sehr elegant im Ausdruck und knallhart in dem, was er vorschlägt“, sagt Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn, einst Chef des Ifo-Instituts. Dort avancierte Berger prompt zum Chef des Freundeskreises.

2003 gab Roland Berger den Chefposten der Beratung auf, einige Jahre später auch den Aufsichtsratschefposten. Trotzdem ist er als Person, als Investor sehr aktiv. Die Trennung hatte schmerzhafte Aspekte, man ging sogar zu Gericht, aber heute liegt der Mantel der Harmonie über dieser Geschichte. Berger hält rund 2,5 Prozent und ist Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats. Man begegnet ihm dort mit Respekt.

Der Senior hält heute rund 25 Firmenbeteiligungen, immer in der Hoffnung, „the next big thing“ sei dabei, etwa ein Heilmittel gegen Alzheimer oder neue Erkenntnisse über die DNA von Menschen. Sein Vermögen dürfte sich auf rund eine halbe Milliarde Euro belaufen, wozu auch erlesene Kunstwerke beitragen, etwa Gemälde seines Freundes Georg Baselitz oder Werke von Isabelle Bourgeois. 350 zeitgenössische Werke, teils von Weltrang, gehören zur Kollektion.

Der „Mr. Wirtschaft“ in Talkshows

Roland Berger hat es in Deutschland im Dunstkreis von Konzernzentralen und Regierungssitzen zu einiger medialer Wichtigkeit gebracht, was natürlich auch auf intensive Pressearbeit zurückzuführen ist. Als erster Berater in Deutschland überhaupt lud er zu Pressekonferenzen. Neben Bilanzzahlen präsentierte der Vortragende vor allem seine Zukunftssicht und Branchenreports, was immer wieder gern abgedruckt wurde und Kontakte sicherte. Jahrelang war der „Mr. Wirtschaft“ in Talkshows. Aber Berger weiß auch, dass Journalisten ständig auf der Jagd seien „und dass man stets zum Abschuss steht“.

Politisch leidet der Doyen der Beraterbranche – der den Parteien CSU und FDP nahesteht – an der Wechselhaftigkeit der Entscheider. Wenn sozial „in“ sei, schalte man eben auf sozial, wenn Markt „in“ ist, auf Markt, referiert er. Berger findet, man solle sich immer vergegenwärtigen, dass beim Terminus „soziale Marktwirtschaft“ das „sozial“ nur das Adjektiv und „Marktwirtschaft“ das Primäre sei. Sein wirtschaftspolitisches Leitbild entspricht den marktradikalen Ideen von Friedrich August von Hayek, dem Vordenker des ökonomischen Liberalismus.

In der Regierung von Gerhard Schröder trat er aber als Bundeswirtschaftsminister trotz Aufforderung nicht an – Roland Berger sah zu wenige Durchsetzungschancen. Unumstritten waren die Leistungen seiner Berater für die öffentliche Hand allerdings nicht: Der einstige Ministerpräsident Christian Wulff zum Beispiel beklagte coram publico Leistungsdefizite.

Einige Jahre will Roland Berger noch als Teilhaber von Firmen und Redner mitmischen. Den Begriff „Rentner“ lehnt er denn auch aus tiefstem Herzen ab, der passe nicht zu ihm, selbst wenn er offiziell einer sei. Es gehe ihm nicht ums Wichtigsein – sondern darum, „weiter meinen Kopf zu nutzen, Dinge anzustoßen, zu gestalten, mich einzubringen.“

Mehr: „Meine Zeit als Consigliere“: Wie Brun-Hagen Hennerkes das deutsche Unternehmertum prägte.

Startseite

Mehr zu: Beraterlegende - Wie Roland Berger zum deutschen „Mr. Wirtschaft“ wurde

0 Kommentare zu "Beraterlegende: Wie Roland Berger zum deutschen „Mr. Wirtschaft“ wurde"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.