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Consulting Politik-Affäre setzt die Beraterbranche unter Druck

Das Geschäft der Consultants boomt seit Jahren. Doch die Debatte um die Vergabepraxis des Verteidigungsministeriums wird für die Berater zum Problem.
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Gibt es in ihrer Behörde ein Beziehungsgeflecht zwischen Beamten und Beratern? Quelle: Daniel Hofer/laif
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

Gibt es in ihrer Behörde ein Beziehungsgeflecht zwischen Beamten und Beratern?

(Foto: Daniel Hofer/laif)

Düsseldorf, BerlinEs sind goldene Zeiten für Unternehmensberater. Seit beinahe zehn Jahren eilt die Branche in Deutschland jedes Jahr von Rekord zu Rekord: Am Donnerstag konnte der Beraterverband BDU erneut stolze Zahlen verkünden: Um 7,3 Prozent auf 33,8 Milliarden Euro ist das Umsatzvolumen voriges Jahr gewachsen.

Und die Aussichten sind gut. Trübe Konjunktur und geopolitische Risiken scheinen den Consultants nichts anhaben zu können. Sie rechnen laut BDU auch für 2019 mit einem Wachstum von sieben Prozent.

Die Branche könnte sich im Erfolg sonnen – wäre da nicht die unangenehme Diskussion um die Zusammenarbeit mit einem großen Auftraggeber: der öffentlichen Hand. Die Affäre um die Vergabepraxis des Bundesverteidigungsministeriums an seine Berater kocht seit Wochen. Nächste Woche wird sie eine neue Stufe erreichen.

Dann nimmt ein Untersuchungsausschuss des Bundestages seine Arbeit auf. Er soll in den kommenden Monaten untersuchen, ob es beim Engagement von Beratern zu Regelverstößen, Abrechnungsbetrug und Vetternwirtschaft kam.

Die Parlamentarier verlangen Aufklärung: „Wir werden uns vor allem damit befassen, ob es im Verteidigungsministerium ein Beziehungsgeflecht zwischen Beamten und Beratern gegeben hat“, sagte die FDP-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann dem Handelsblatt. Von „Beraterwahnsinn“ und „Überberatung“ ist in Berlin die Rede.

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Die Branche blickt mit großem Unbehagen auf das Geschehen in Berlin. Zwar entfallen auf die Beratung der öffentlichen Hand nur etwa zehn Prozent des Marktes, bei Anbietern wie McKinsey oder Roland Berger liegen die Umsatzanteile des Public Sectors nur im höheren einstelligen Prozentbereich.

Doch viele haben ihre auf die öffentliche Hand spezialisierten Teams ausgebaut und illustre Namen mit guten Kontakten engagiert: Der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe ist für die Boston Consulting Group tätig, Ex-SPD-Chef Rudolf Scharping für den Wirtschaftsprüfer PwC.

Für das behutsam entwickelte Geschäft mit dem Staat seien die Vorfälle im Verteidigungsministerium „absolut nicht hilfreich“, ärgert sich ein Topmanager einer führenden Beratung. In einzelnen Ministerien sei bereits eine deutliche Zurückhaltung bei der Vergabe neuer Beratungsmandate spürbar, erläutert er, und das sei in der momentanen Lage auch nachvollziehbar.

Die Branche selbst fürchtet mehr als nur einzelne Umsatzausfälle – nämlich einen dauerhaften Imageschaden fürs gesamte Geschäft. „Viele Beratungen sorgen sich, dass potenzielle Mitarbeiter von der aktuellen Diskussion abgeschreckt werden“, sagt BDU-Präsident Ralf Strehlau. Die Berater sind für weiteres Wachstum darauf angewiesen, dass sie genug Talente für sich gewinnen.

Verstöße im Vergabeverfahren

Die Diskussion hat aber gerade erst begonnen. Der von FDP, Grünen und Linken beantragte Untersuchungsausschuss wird in den nächsten Wochen und Monaten weitere Details der Berliner „Berateraffäre“ aufdecken. Ausgangspunkt waren Berichte des Bundesrechnungshofs vom Herbst, nach denen das Verteidigungsministerium seit 2015 im Umfang von bis zu 200 Millionen Euro Berater beschäftigte, ohne sich dabei an das Vergabeverfahren gehalten zu haben.

Die ersten Zeugen werden am Donnerstag kommender Woche befragt. Spannend werde es aber erst nach Ostern, erwartet der Grünen-Abgeordnete Tobias Lindner. Dann werde der Ausschuss Personen aus dem Ministerium und auf Beraterseite befragen, die an den kritisierten Projekten gearbeitet haben. „Davon versprechen wir uns tiefgreifende Erkenntnisse über die Entstehung von Projekten im Ministerium und dem Zusammenspiel mit der Beratungsindustrie“, sagte Lindner.

Konkret geht es laut einem als geheim eingestuften Ermittlungsbericht des Ministeriums vor allem um zwei Großprojekte, die 2015 die damalige Staatssekretärin Katrin Suder, eine ehemalige McKinsey-Beraterin, angestoßen hatte: Das erste Projekt sollte der Modernisierung der Bundeswehr-IT in der damals neu geschaffenen Abteilung Cyber- und Informationstechnik (CIT) dienen, Projektname CITquadrat. Zweitens ging es um das „Produkt-Lebenszyklus-Management“ der Bundeswehr, Projektname [email protected]

Beide Projekte konnte das Ministerium nach Einschätzung auch des Bundesrechnungshofs nicht mit eigenen Beamten umsetzen. Der Bundesrechnungshof kritisiert jedoch die Vergabe über einen Rahmenvertrag der Bundesregierung: Dieser Vertrag war nur für Beratungs- und Unterstützungsleistungen rund um IBM-Software in Bundesministerien vorgesehen – nicht aber für neue IT-Projekte.

Beim Projekt [email protected] lesen die Abgeordneten neben dem Verdacht von Vergabeverstößen aus dem Bericht den Anfangsverdacht eines Begünstigungssystems zugunsten der Beratungsfirma Accenture heraus: Der für das PLM-Projekt zuständige Accenture-Berater ist demnach ein Duzfreund des damaligen Abteilungsleiters Planung, General Erhard Bühler. In firmeninternen Blog-Posts rühmte sich der Berater seiner guten Drähte ins Ministerium und schwärmte von weiteren Aufträgen, die er praktisch sicher habe.

Accenture ist zwar intern nicht glücklich über die Wortwahl des Mitarbeiters im Blog. Doch die Firma bestreitet Compliance-Verstöße. Man habe bei der Arbeit für die Bundeswehr die gesetzlichen und beschaffungsrechtlichen Vorgaben erfüllt. Das hätten Überprüfungen bestätigt. Man habe immer mit Genehmigung des Kunden gearbeitet.

„Die Arbeitsweise im Beschaffungsamt ist teilweise erschreckend“

Das Verteidigungsministerium hat Verstöße im Vergabeverfahren gegenüber dem Bundesrechnungshof bereits im Herbst eingeräumt und Besserung gelobt. Inzwischen gebe es ein neues zentrales Verfahren für alle Auftragsvergaben an Externe, heißt es. Die Abgeordneten wühlen sich derweil durch Berge von Unterlagen, die das Ministerium und das ihm nachgeordnete Beschaffungsamt inzwischen geliefert haben. „Die Arbeitsweise im Beschaffungsamt ist teilweise erschreckend“, sagte Strack-Zimmermann.

Inzwischen stellen Abgeordnete auch immer mehr Fragen nach der Beschäftigung von Beratern in der gesamten Bundesregierung. Der Linken-Abgeordnete Matthias Höhn bekam auf eine Parlamentarische Anfrage aus dem Finanzministerium eine Liste über alle laufenden Beraterverträge der Bundesregierung: Diese haben aktuell einen Wert von 1,1 Milliarden Euro.

Seine Behörde hat Beraterverträge im Gesamtwert von 533 Millionen Euro abgeschlossen. Quelle: Peter Rigaud/Shotview für Handelsblatt
Innenminister Horst Seehofer

Seine Behörde hat Beraterverträge im Gesamtwert von 533 Millionen Euro abgeschlossen.

(Foto: Peter Rigaud/Shotview für Handelsblatt)

Aufgeschlüsselt nach Ministerien beschäftigt danach aber nicht Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die meisten Berater, sondern Innenminister Horst Seehofer (CSU): Im Innenministerium laufen Beraterverträge im Gesamtwert von 533 Millionen Euro.

Höhn ärgert sich aber über ausweichende Antworten aus dem Verteidigungsministerium auf seine Frage, wie viele Verträge mit welchem Auftragsvolumen seit 1. Januar 2014 mit externen Dritten für Beratungs- und Unterstützungsleistungen im Verteidigungsministerium geschlossen wurden. Dies sei nicht leicht zu ermitteln, erfuhr er. Tatsächlich ist es schwer, die Ausgaben danach zu unterscheiden, was tatsächliche Beratung und was Unterstützungsleistungen sind.

Laut „Spiegel“ soll es eine interne Liste im Verteidigungsministerium geben, auf der 2219 Verträge mit einem Gesamtvolumen von 662 Millionen Euro stehen. Doch die Frage ist: Wie viel davon ist Beratung? Wie viel entfällt auf Regierungsflüge durch die Luftbereitschaft der Bundeswehr?

Auf Beratung angewiesen

Die Berater wehren sich gegen den Vorwurf, die Behörden in Berlin würden „überberaten“. Tatsächlich sind die Volumen in anderen Ländern weitaus höher. So entfällt in den USA ein Drittel aller Consultingdienste auf den öffentlichen Sektor, in Großbritannien sind es 25 Prozent.

Den grundsätzlichen Bedarf stellen Experten nicht infrage. „Die öffentliche Hand ist auf externe Beratung angewiesen“, sagt Dietmar Fink, Direktor der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung. „Sie hat in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen Fachkompetenz abgebaut oder ausgelagert.“ Die Kritik solle weniger die Berater selbst treffen, sondern Behörden und ihre Auftragsvergabe.

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Branchenvertreter äußern sich ähnlich, sehen aber auch die eigene Zunft in der Pflicht. „Die öffentliche Hand muss sich in Zeiten von starker Technologisierung und zunehmender Renationalisierung massiv verändern und in die neuen Entwicklungen investieren“, sagt Stefan Schaible, Deutschlandchef von Roland Berger.

„Der Staat wird sich dabei helfen lassen. Dafür ist ein klares und professionelles Verhältnis zwischen Beratern und öffentlichen Auftraggebern nötig.“ Seiner Meinung nach bedarf es klarer Spielregeln, die Qualität und Transparenz sicherstellen.

Dass nicht alle Beratungsdienste hinterfragt werden müssen, hat auch der Untersuchungsausschuss bereits festgestellt: 80.000 Euro sind vom Verteidigungsministerium als Rahmen für die Berliner Rechtsanwaltskanzlei von Johnny Eisenberg vorgesehen.

Es geht dabei um den Rechtsbeistand, der für alle Beamten, die in Untersuchungsausschüssen aussagen müssen, üblich ist. Denn Untersuchungsausschüsse können Aussagen unter Eid verlangen, und wer da – und sei es aus Unerfahrenheit – einen Fehler macht, kann im Gefängnis landen. Über diesen Rahmen darf das Ministerium verfügen.

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