Einstiegsgehälter: Bis zu 175.000 Euro im Jahr: Das verdienen Berufseinsteiger in Deutschlands Top-Kanzleien
Top-Kanzleien wie Noerr und Willkie zahlen besonders hohes Einstiegsgehalt.
Foto: GettyKöln. Jura-Absolventen mit Prädikatsexamen hatten nie bessere Aussichten auf ein Traumgehalt. Wirtschaftskanzleien heben reihenweise die Einstiegsgehälter an. Bei namhaften Sozietäten sind Jahresgehälter von 140.000 Euro bereits Standard. Die US-Firma Willkie Farr & Gallagher erhöhte die Bezüge in Deutschland Anfang 2022 gar auf 175.000 Euro. Sie ist zwar Topzahler, aber keine Ausnahme. Vor allem angloamerikanische Kanzleien locken mit besonders viel Geld.
Auf Wirtschaftsrecht spezialisierte Junganwälte, die Topnoten, Auslandssemester und nach Möglichkeit einen Doktor vorweisen können, verdienten immer gut. Sechsstellige Jahresgehälter für Berufseinsteiger sind schon seit Jahren üblich. Doch der aktuelle Wettstreit der Sozietäten hat eine neue Qualität. Fast im Monatsrhythmus verkünden die Kanzleien Gehaltssprünge.
An der Spitze gibt es ständig Wechsel: Mal konnten Einsteiger bei Poellath am besten verdienen, wenig später zog Kirkland & Ellis vorbei, aktuell führt Willkie das Feld an.
Willkie Farr & Gallagher: Höchstes Einstiegsgehalt für junge Top-Anwälte
Für die Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Zum einen erleben die Wirtschaftskanzleien in den vergangenen Jahren einen wahren Boom. Die Coronakrise hat ihrem Geschäft nicht geschadet, sondern es sogar beflügelt. Vor allem das Transaktionsgeschäft läuft blendend, davon profitieren in erster Linie auf M&A spezialisierte Kanzleien. Arbeit gibt es reichlich, Geld gibt es reichlich.
In der Folge lassen die Partner ihre angestellten Top-Anwälte partizipieren. „Der Profit pro Partner in unserer Kanzlei hat sich in den letzten beiden Jahren jeweils um einen zweistelligen Prozentsatz erhöht. Sollen das alles die Partner behalten? Ich fände es ungerecht, dieses Geld nicht auch mit den jungen Kolleginnen und Kollegen zu teilen“, sagte dazu Georg Linde, geschäftsführender Partner im Frankfurter Büro der US-Kanzlei Willkie Farr & Gallagher im „Spiegel“-Interview.
Noch entscheidender für die galoppierenden Einstiegsgehälter ist aber, dass der Bewerbermarkt sehr eng ist. Es gibt zwar Jahr für Jahr rund 8000 Jura-Absolventen. Von denen erfüllt aber nur ein kleiner Teil das Anforderungsprofil der Firmen. Dazu kommt, dass mancher Jungjurist zwar qualifiziert ist, sich aber eine andere berufliche Zukunft vorstellt, etwa in einem Unternehmen oder im Staatsdienst. Das verspricht im Normalfall geregelte Arbeitszeiten.
Zwar nehmen Kanzleien die Work-Life-Balance immer ernster, doch letztlich bleibt es dabei: Wer bei einer Spitzenkanzlei top verdienen will, muss viel Einsatz bringen. Die Wochenarbeitszeit beträgt in der Regel weit über 40 Stunden und auch abends und am Wochenende können Aufträge hereinkommen, die kurzfristig erledigt werden müssen – vor allem im M&A-Geschäft. Wer zudem das Ziel hat, sich zum Partner hochzuarbeiten, darf kaum eine Schwäche zeigen.
Meistens sind es spezialisierte US-Kanzleien, die die höchsten Gehälter zahlen. Doch letztlich muss der ganze Markt reagieren. So bietet Noerr ein weitaus breiteres Beratungsspektrum an als die M&A- und Private-Equity-Boutiquen, entsprechend geringer ist die Profitabilität.
Noerr: „Wettbewerbsfähiges Einstiegsgehalt unabdingbar“
Dennoch stockte die Kanzlei das Einstiegsgehalt Anfang 2022 auf 140.000 Euro auf. „Die Nachfrage nach Toptalenten ist im Markt ungebrochen. Ein wettbewerbsfähiges Gehalt ist deshalb unabdingbar“, begründet Co-Managing Partner Alexander Ritvay die Entscheidung.
Hengeler Mueller gehört hierzulande zu den führenden Adressen und geht beim Festgehalt noch einen Schritt weiter als Noerr – mit 150.000 Euro für Einsteiger. „Unsere Associates sind hochtalentierte und -motivierte Anwälte und Anwältinnen, die zurecht ein kompetitives Angebot von uns erwarten. Dazu gehört ein wettbewerbsfähiges Gehalt. Deshalb haben wir die Marktentwicklungen stets im Blick und justieren nach, wenn nötig“, erklärt Co-Managing-Partner Georg Frowein.
Trend zu variablen Vergütungsanreizen für Top-Anwälte
Im Markt spielen derweil variable Vergütungskomponenten auch für die jüngsten Juristen eine zunehmende Rolle. So legte Noerr nicht nur beim Festgehalt nach. Als Bonbon können Einsteiger anders als bisher schon im ersten Berufsjahr einen Bonus erhalten.
Die internationale Kanzlei Dentons zahlt ihren Junganwälten Boni, wenn diese mehr als 1600 abrechenbare Stunden im Jahr erbringen. Pro 50 Stunden mehr gibt es zusätzlich 5.000 Euro. „Mehrarbeit aufgrund arbeitsintensiver Projekte soll auch angemessen durch entsprechende zusätzliche Boni vergütet werden“, sagt Deutschlandchef Andreas Ziegenhagen.
DLA Piper setzt zudem schon Anreize für geschäftstüchtige Einsteiger. Bei der US-Kanzlei gibt es einen Bonus für „Anwälte, die maßgeblich Mandanten und Mandate generiert haben“, sagt Benjamin Parameswaran, der deutsche Chefmanager. „Einzigartig bei DLA Piper ist, dass unser Bonus nicht gedeckelt ist“. 2021 gab es laut Parameswaran Berufseinsteiger, die auf 45.000 Euro Bonus kamen und so auf ein Jahresgehalt von 170.000 Euro.
Freshfields & CMS Hasche Sigle: Nicht nur finanzielle Perspektiven
Manager-Kollege Frowein von Hengeler betont, dass seine Kanzlei nicht allein mit mehr Geld wirbt. „Einen attraktiven Arbeitgeber machen für uns zahlreiche Faktoren aus. Dazu gehört individuelle Fortbildung und Förderung, die Arbeit an spannenden und komplexen Mandaten, realistische Aufstiegschancen und eine gesunde Work-Life-Balance“, sagt Frowein.
Mit einem Einstiegsgehalt von 140.000 Euro gehört die Topkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in der Hinsicht nicht zur Marktspitze. Trotzdem sieht sich das Management im Kampf um den Spitzennachwuchs nicht im Nachteil. „In den wenigsten Fällen ist das Gehalt allein entscheidend. Wichtig sind unseren Bewerberinnen und Bewerbern genauso die äußerst spannenden Mandate, Internationalität, fachliche Breite, das flexible und diverse Arbeitsumfeld – diese Kombination dürften sie bei anderen Kanzleien schwerlich finden“, sagt Managing-Partner Markus Paul.
Auf eine ähnliche Strategie setzt die nach Zahl der Anwälte größte Kanzlei Deutschlands, CMS Hasche Sigle. Zwar erhöhte auch sie ihre Einstiegsgehälter zum Januar um 10.000 Euro. Doch mit 110.000 liegt sie noch weiter hinter der Marktspitze als Freshfields. „Den Wettlauf um das höchste Einstiegsgehalt machen wir bewusst nicht mit“, sagt CMS-Chef Hubertus Kolster.
Er hebt andere Trümpfe hervor: „Wir bieten neben einer umfassenden Ausbildung hervorragende Karriereperspektiven – regelmäßig schaffen bei uns sieben bis zehn Anwältinnen oder Anwälte pro Jahr den Sprung in die Partnerschaft.“ Dieser Karriereschritt stehe auch für Teilzeitbeschäftigte offen. Zugleich ermögliche es die Kanzlei „bis zu 50 Prozent der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit mobil tätig zu sein.“
Kolster verweist zudem auf „eine fachliche und inhaltliche Breite auf höchstem Qualitätsniveau und in sehr innovativen Bereichen“, die in der ersten Riege der Kanzleien ihresgleichen suche – in mehr als 20 Rechtsgebieten berät die Sozietät. Gut 760 Anwälte, davon fast 510 angestellte Juristen, zählt CMS. Allein 2022 stellte die Sozietät knapp 60 Anwälte ein.
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Doch selbst wenn CMS „nur“ 110.000 Euro zahlt: Im Vergleich zum Gros der anderen Berufe sind auch diese Einstiegsgehälter exorbitant. So müssen Kanzleien auch bedenken, dass ihre Gehaltsspirale Kritik hervorruft. Einige Unternehmen beklagen sich über die aus ihrer Sicht unangemessenen Einstiegsgehälter für Berufsanfänger, die sie schließlich mitfinanzieren.
Top-Kanzleien bekommen Kritik für hohes Einstiegsgehalt
„Ich führe regelmäßig Diskussionen mit Kanzleien, weil ich nicht bereit bin, die Ausbildung von solch jungen Anwälten über die hohen Stundensätze zu bezahlen. Ein First Year Associate kann im Regelfall nichts Erhellendes zu den Fragen beitragen, bei denen ich Topkanzleien einschalte“, sagt der General Counsel eines Unternehmens. Er erlebe zunehmend Unwillen von Inhouse-Kollegen, diese Gehälter mitzutragen.
Einigen Kanzleien scheint bewusst, dass ihre Gehaltspolitik auch für Gegenwind sorgt. Aus einer öffentlichen Diskussion halten sie sich lieber heraus. Die US-Kanzlei Milbank etwa zahlt Neueinsteigern 160.000 Euro. Fragen dazu wollte sie nicht beantworten.