Lyft-Werbung am Times Square in New York

Der Fahrdienst inszeniert sich als kleinere, freundliche Alternative zu Uber.

(Foto: mauritius images)

Fahrdienste Wettlauf um den Börsengang – Wie Lyft den großen Konkurrenten Uber überholen will

Der Fahrdienst will von den Skandalen bei Uber profitieren. Strategiechef Raj Kapoor erklärt die ehrgeizigen Wachstumspläne – und die Börsenstory.
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San FranciscoDer Weg ins Zentrum von Lyft leuchtet bonbonpink. Von oben bis unten haben Maler den Gang im Büro in der Berry Street in San Francisco in den Farben des Fahrtenvermittlers angepinselt, die Rohre an der Decke inbegriffen. Der Kontrast zur nahe gelegenen Hauptzentrale von Uber, mit dem Lyft in einem ewigen Zweikampf steht, könnte kaum größer sein.

Das verspielte Interieur kann jedoch nicht über den Ehrgeiz von Lyft hinwegtäuschen. „Wir sind auf dem Weg, in den USA die Mehrheit der Marktanteile zu erreichen“, sagt Strategiechef Raj Kapoor und lehnt sich in dem Besprechungsraum in der vierten Etage in seinem Sofa zurück. „Der Nutzer spricht gut auf unsere Marke an und auf die Werte, für die wir stehen.“

Es geht nicht nur darum, bei den Marktanteilen vorn zu sein: Lyft strebt an die Wall Street und will dabei Uber zuvorkommen. Schon im März oder April könnte der 2012 eingeführte Mobilitätsdienst den Börsengang wagen, berichten Medien. Dara Khosrowshahi, Chef des drei Jahre älteren Uber, plant den Schritt erst für Mitte bis Ende 2019.

Wenn Lyft schneller als Uber ist, dürften sich für den Fahrdienstvermittler gleich mehrere Vorteile ergeben: „Wer zuerst an die Wall Street geht, wird von einem Vertrauensvorschuss profitieren und eine höhere Bewertung erreichen“, glaubt Santosh Rao von der Investmentfirma Manhattan Ventures Partner aus New York. Er drängt zur Eile. „Noch sind die Aussichten für die Börsengänge von Tech-Start-ups gut. Doch es wird eine Marktkorrektur geben.“

Im Silicon Valley kündigen sich damit zwei der wohl wertvollsten Börsengänge aller Zeiten an. Uber könnte eine Marktkapitalisierung von 120 Milliarden Dollar erreichen, glaubt die Investmentfirma Pitchbook – das wäre mehr als jede andere Technologiefirma zuvor.

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Lyft ist noch deutlich kleiner, bei der letzten Finanzierungsrunde im Juni bewerteten die Investoren die Firma mit immerhin 15,1 Milliarden Dollar, unter ihnen Alphabet, Apple oder Andreessen Horowitz. Sollte der Fahrdienst nur diese Bewertung erhalten, wäre das schon mehr, als Tech-Stars wie Twitter, Groupon oder Dropbox beim Börsengang wert waren.

„Die luftigen Bewertungen von Uber und Lyft zeigen den Optimismus der Investoren“, sagt Carl Doty, Vice President bei Forrester. Das Investitionsvolumen in Transporttechnologie werde kommendes Jahr die Summe von 200 Milliarden Dollar übersteigen. „Der Druck auf Uber und Lyft ist groß, die hohen Erwartungen zu erfüllen.“ Investmentbanker Rao rechnet dem Uber-Rivalen gute Chancen aus. „Lyft ist in einer stärkeren Position für den Börsengang als Uber.“ Uber habe zwar die bekanntere Marke, mehr Nutzer und Einfluss. Doch: „Uber hat durch die internen Skandale viel Zeit verloren.“

Das Geschäftsprinzip ist bei beiden Firmen ähnlich: Sie vermitteln Fahrten mit privaten Fahrern, die Kunden per App ordern. Auch elektrische Fahrräder und Roller sind mittlerweile im Angebot. Uber fährt zwar einen aggressiven Kurs, geriet durch Sexismus-Debatten und Dauerzank mit den Fahrern jedoch immer wieder in die Schlagzeilen. Gerade erst ist ein weiterer hochrangiger Mitarbeiter nach dem Vorwurf sexuellen Fehlverhaltens zurückgetreten. Der für Akquisitionen verantwortliche Cameron Poetzscher musste in der Nacht zu Dienstag seinen Posten aufgeben.

Lyft dagegen inszeniert sich als kleinere, freundliche Alternative. So kündigte der Dienst an, 100 Millionen Dollar in die Einrichtung von bundesweiten Service-Centern für Fahrer zu investieren, wo diese rasten, duschen, tanken oder eine Toilette benutzen können. „Wir wollen eine Marke mit klaren Werten sein“, sagt Kapoor. Es gehe darum, auch über die „gesellschaftliche Auswirkung“ der eigenen Plattform nachzudenken.

Während der jüngsten Uber-Krise wechselten viele Passagiere und Fahrer zu Lyft. Der US-Marktanteil der Plattform stieg zuletzt auf ein neues Hoch von 29 Prozent, errechnete der Marktforscher Second Measure. Ubers Anteil sank von einst 87 auf 69 Prozent. Lyft berechnet den eigenen Marktanteil sogar mit 35 Prozent.

In der Zentrale von Lyft spielt Strategiechef Kapoor den Uber-Effekt herunter. „Unser Fokus lag schon immer auf der Community und den Fahrern. Das war schon so, bevor Uber Probleme hatte“, sagt er. „Der Börsengang ändert nichts, er ist nur ein Zwischenschritt auf einer langen Reise.“

Die geschickte Strategie hat Lyft über Jahre hin perfektioniert. Während Travis Kalanick, Gründer von Widersacher Uber, mit neuen Produkten und großen Visionen vorpreschte, hielt sich der kleine Konkurrent im Hintergrund – und ließ Uber die kostspieligen Kämpfe kämpfen: mit den Städten, den Fahrern, den Politikern.

„Lyft war nie ein Projekt, um schnell reich zu werden“

Selbst als Uber von Skandal zu Skandal taumelte, wies Lyft-Gründer Logan Green die Mitarbeiter an: „Dies ist keine Zeit für Häme.“ Über Green ist kaum etwas bekannt – außer der Geschichte, die das Unternehmen gern erzählt: Schon an der Universität habe sich Green mit den Themen Nachhaltigkeit und Verkehr auseinandergesetzt, erzählt Strategiechef Kapoor.

Der frühere Risikokapitalgeber, der vor zwei Jahren zum Unternehmen stieß, investierte bereits in die Plattform, als sie noch unter dem Namen „Zimride“ Fernreisen anbot. „Lyft war nie ein Projekt, um schnell reich zu werden“, sagt Kapoor. Es sei noch nie darum gegangen, das „Unternehmen nur auf eine einzige Sache hin zu optimieren: die Gewinnausschüttungen für die Aktionäre“.

Dennoch erhöhte Lyft zuletzt das Tempo beim Wettlauf an die Wall Street. Die Firma heuerte die Bank JP Morgan als Berater für den Börsengang an, mit Unterstützung von Credit Suisse Group AG und Jefferies Financial Group Inc. Auch der große Rivale Uber ist nach Ansicht des Analysten Andy White von der Investmentfirma Pitchbook, „in Eile an die Börse zu gehen“. Im August engagierte das Start-up Nelson Chai als neuen Finanzchef, nachdem der Posten drei Jahre lang vakant gewesen war.

Der Druck auf die Plattform wächst. Ubers inzwischen größter Anteilseigener Softbank verknüpfte mit dem neun Milliarden Dollar hohen Investment Anfang des Jahres offenbar die Bedingung, dass die Firma bis Ende kommenden Jahres an die Börse gehen müsse – oder sie den Investoren ansonsten erlaubt, ihre Anteile wieder abzustoßen.

Noch ein weiterer Grund spricht für einen baldigen Börsengang der Konkurrenten: Beide Firmen kommen ins richtige Alter. Laut der Investmentfirma Pitchbook gehen nordamerikanische und europäische Firmen durchschnittlich acht Jahre nach der Gründung an die Börse. Uber ist zehn Jahre alt, Lyft wurde vor sieben Jahren gegründet.

Nach dem jüngsten 500 Millionen Dollar schweren Investment von Autobauer Toyota kommt Uber an den privaten Märkten auf eine Bewertung von 72 Milliarden Dollar. Der Nettoumsatz stieg im abgelaufenen Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 51 Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar. Das Bruttovolumen der Buchungen erreichte insgesamt zwölf Milliarden Dollar, was einem Plus von 41 Prozent entspricht. Lyft ist mit einem Umsatz von 563 Millionen Dollar kleiner, wächst aber ebenfalls stark. Im vergleichbaren Vorjahresquartal lag der Umsatz bei 300 Millionen Dollar.

Doch die Unterschiede liegen nicht nur in den Zahlen. Während Lyft seine Dienste bislang nur in den USA und Kanada anbietet, kennen Kunden auf der ganzen Welt die Marke Uber: in Europa, wo Uber-Chef Khosrowshahi entscheidende Siege erzielt oder in China, wo es an Fahrdienst Didi beteiligt ist.

Auch beim autonomen Fahren liegt Uber nach Ansicht von Forrester-Analyst Doty derzeit vorn: „Uber agiert global, Lyft nicht“. Die Firma habe den größeren und besseren Vertriebsweg, mehr Nutzer, um seine Innovationen global zu kommerzialisieren und dort anzubieten, wo es die besten Bedingungen für autonomes Fahren sieht.

Doch dies scheint nicht zementiert. „Nichts hält Lyft davon ab, aufzuholen“, sagt Doty. Das Portfolio sehe bei Partnerschaften „ebenso eindrucksvoll“ aus wie das von Uber. Zu den Partnern zählen neben der Google-Schwester Waymo auch die Autobauer Ford und Magna sowie die Technologieanbieter Aptiv und Nutonomy. Erste autonome Fahrzeuge testete Lyft 2018 in Las Vegas. 16.000 Fahrten haben seitdem stattgefunden. Neben der Stadt in Nevada bietet Lyft den Service mit Roboterautos testweise auch in Boston an.

Doch Kapoor sieht sich noch längst nicht am Ziel. „Die Industrie braucht noch Zeit, um einen verlässlichen, kosteneffektiven Service anbieten zu können.“ Für das kommende Jahr kündigt er weitere Tests an. „Wir werden den autonomen Service Stadt für Stadt ausbauen“, sagt er. „Wir werden 2019 in weitere Städte expandieren.“ Ein rascher Börsengang könnte diese Pläne deutlich beflügeln.

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