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Fritz Joussen Tui-Chef sucht Rettung durch verzweifelten Strategieschwenk

Fritz Joussen revidiert das bisherige Geschäftsmodell von Europas größtem Reisekonzern. Wesentlich helfen wird es Tui voraussichtlich nicht.
10.12.2020 - 18:39 Uhr Kommentieren
Fragwürdige Kursänderung. Quelle: dpa
Tui-Vorstandschef Fritz Joussen

Fragwürdige Kursänderung.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Das Zukunftsmodell für seinen Reisekonzern, das Tui-Vorstandschef Fritz Joussen am Donnerstag vor der Presse zeichnete, hatte er beim Amtsantritt 2013 mit guten Gründen abmoderiert. Beim Vertrieb von Reisen, befand er damals, habe Tui kaum noch eine realistische Chance gegen mächtige Onlineportale wie Expedia, Booking und Google.

Ein „integrierter Reisekonzern“ müsse deshalb her, mit eigenen Verkaufsstellen, Flugzeugen, Hotels und Schiffen. Anders als bei Google und Co. – eben alles aus einer Hand.

Von all dem möchte der 57-Jährige, der vor seiner Tourismuskarriere das Deutschlandgeschäft des Mobilfunkers Vodafone leitete, nun nichts mehr wissen. Die Airlineflotte von Tuifly plant er zu halbieren, die britische Reedereitochter Marella Cruises will er zum Teil verkaufen, so wie er es vor wenigen Wochen mit der Luxus-Kreuzfahrtlinie Hapag-Lloyd machte.

Und der Vertrieb? In Großbritannien machte der gebürtige Duisburger Joussen 160 Reisebüros dicht, in Deutschland sollen 60 der 450 Shops schließen. „Bald könnten 80, vielleicht 85 Prozent unserer Reisen online verkauft werden“, erwartet Joussen.

Alles werde nun schlank und digital. Noch sträubt sich der hochgewachsene Manager, auch Hotelketten wie Riu, Magic Life oder die Konzernperle Robinson Club ins Schaufenster zu stellen. Von deren Immobilien, so deutete der Tui-Chef hingegen am Donnerstag an, könnte man sich an manchen Standorten trennen.

Drei Milliarden Euro Verlust

Wie sehr die bisherige Strategie mitten in der Coronakrise zum Problem für Joussen wird, offenbarte am Donnerstag die Präsentation der Jahresergebnisse. Weil die „Heavy Asset“-Strategie Tui enorme Fixkosten aufbürdet, die im Corona-bedingten Lockdown weiterliefen, schloss der Konzern Ende September mit einem Betriebsverlust (Ebit) von drei Milliarden Euro.

Noch größer fiel die Enttäuschung in Sachen Gewinn pro Aktie aus. Hier verbuchte Europas größter Reisekonzern einen Verlust von 5,45 Euro je Anteilschein, während Analysten noch gehofft hatten, dass Tui den Verlust im Krisenjahr auf 3,53 Euro pro Aktie hätte begrenzen können. Entsprechend gaben die Kurse um rund vier Prozent nach.

Konkurrenz schneidet besser ab

Insgesamt hortete Joussen bei Tui 411 Hotels, 150 Flugzeuge und 18 Kreuzfahrtschiffe. Weil deren zeitweiser Stillstand in der Pandemie nicht mehr zu bezahlen war, stellt der Staat dem Konzern auf Bitten seines Chefs inzwischen 4,3 Milliarden Euro Hilfsgelder zur Verfügung. Weitere 500 Millionen Euro will Joussen nun im Januar per Kapitalerhöhung bei den Aktionären einsammeln – denen er freilich noch im Februar 318 Millionen Euro an Dividende ausschüttete.

Welche Risiken Joussen dem Konzern in den vergangenen Jahren auflud, zeigt erst der Vergleich. So brach auch beim Duisburger Wettbewerber Schauinsland-Reisen der Umsatz massiv ein – um 63 Prozent und damit sogar noch um fünf Prozentpunkte stärker als bei Tui. Doch das Familienunternehmen, das hohe Rücklagen bildete, statt seine Gelder in Kreuzfahrtschiffe, Hotelketten und eine Flugzeugflotte zu stecken, kommt bis heute ohne Staatshilfe über die Runden.

Gleiches gilt für den ebenfalls familiengeführten Wettbewerber Alltours.

Joussen, der seinen Konzern nach den neuesten Plänen nun doch in Richtung mächtiger Wettbewerber wie Expedia oder Google lenkt, wird den Kurs kaum noch berichtigen können. Schon in einem halben Jahr könnte ihm angesichts der hohen Fixkosten selbst das vor wenigen Tagen eingeworbene Geld wieder ausgehen.

„Wir haben das Schlimmste bereits gesehen“, Tui sei nun für eine „zügige und erfolgreiche Wiederaufnahme der Reisetätigkeit“ gerüstet, hielt Joussen am Donnerstag dagegen. Der zur Schau gestellte Optimismus dürfte jedoch vor allem eine Aufgabe besitzen: Gelder einzutreiben für ein Unternehmen, das Kritiker längst als Fass ohne Boden bezeichnen.

Mehr: Drittes Milliarden-Hilfspaket für Tui – Staat könnte zum Großaktionär werden

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