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Gesundheitswesen Warum es sich jetzt lohnt, Physiotherapeutin zu werden

Physiotherapeuten sind gefragt wie nie. Doch der Nachwuchs fehlt. Deshalb macht die Politik den Beruf jetzt attraktiver für junge Menschen. Das ist deine Chance.
  • Charleen Florijn
14.02.2019 - 09:07 Uhr Kommentieren
Ausbildung zum Physiotherapeuten staatlich gefördert
Physiotherapeutin in Aktion

„Man sieht direkt, ob man seine Arbeit gut gemacht hat.“ (Symbolfoto: Imago)

Dieser Artikel ist am 14. Februar 2019 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Blaue Liegen reihen sich ordentlich aneinander, in der Ecke steht ein kopfloses Skelett und an der Wand hängt ein großes Plakat, das die Muskeln im menschlichen Körper zeigt. In der Mitte des Raumes steht Jonas. Schwarze Sporthose, weißes Shirt, lange Socken in roten Sneakers.

Seine Arme hat er locker neben dem Körper hängen, sein Blick schweift etwas verloren durch den Raum. Vor ihm warten knapp 20 angehende Physiotherapeuten, die ihn von oben bis unten beäugen. Heute auf dem Stundenplan: Üben am Patienten.

Physiotherapeut: Warum sich eine Ausbildung jetzt lohnt

Wer Physiotherapeut werden will, musste bisher vor allem eins mitbringen: viel Geld. Im Schnitt kostet die Ausbildung 400 Euro. Pro Monat. Drei Jahre lang. Das ergibt letztlich etwa 14.000 Euro – eine Summe, vor der viele zurückschrecken. Zum Vergleich: Wer Arzt werden will, zahlt für das Studium den Semesterbeitrag in Höhe von etwa 300 bis 500 Euro für ein halbes Jahr.

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    Da unsere Gesellschaft immer älter wird, steigt der Bedarf an Physiotherapeuten. Die Politik hat das Problem erkannt und will die Ausbildung nun attraktiver machen. Sechs Bundesländer haben das Schulgeld bereits komplett gestrichen oder übernehmen einen Anteil der Ausbildungskosten. In NRW etwa übernimmt das Land rückwirkend zum 1. September 70 Prozent des Lehrgeldes.

    Auszubildene der Physiotherapie

    Selina lernt seit zwei Jahren an den Ludwig Fresenius Schulen in Köln. Als die 20-Jährige im Jahr 2017 ihre Ausbildung beginnt, muss sie die gesamten Kosten noch selbst tragen. Um sich die Ausbildung finanzieren zu können, geht sie nach dem Unterricht arbeiten. Sie jobbt als Babysitterin, geht kellnern und hilft in einem Sportverein aus.

    Wer Physiotherapeut werden möchte, braucht als Voraussetzung mittlere Reife

    Zusätzlich muss sie den Stoff aus dem Unterricht nacharbeiten, Fachausdrücke pauken und Prüfungen vorbereiten. Dann kommt die erlösende Nachricht: Den Großteil der Kosten muss sie nicht mehr selbst zahlen. „Jackpot“, denkt sich Selina damals. Heute hat sie mehr Zeit zum Lernen: „Es ist jetzt leichter, am Ball zu bleiben“, sagt Selina.

    Für viele Bewerber waren die hohen Ausbildungskosten immer eine große Hürde, weiß Schulleiter Tomas Duga. Oftmals seien die Jugendlichen im Bewerbungsgespräch zwar hochmotiviert gewesen und hätten großes Interesse an dem Beruf gezeigt, wären dann aber über die 430 Euro im Monat gestolpert.

    Normalerweise beginnt die Ausbildung an den Ludwig Fresenius Schulen nur zum Herbst, wegen der vielen Bewerber startet ab April aber ein zusätzlicher Kurs. „Wir haben uns gedacht, wenn die Politik sich bewegt, dann bewegen wir uns auch“, so Duga. Wer Physiotherapeut werden möchte, muss die mittlere Reife haben, kontaktfreudig sein und offen. Außerdem sollte er keine Scheu vorm Lernen haben, „um die Ausbildung mit hohem theoretischen Anteil zu meistern“.

    Mittlerweile sind die Schüler mit Patient Jonas im Treppenhaus unterwegs. Bei der Ganganalyse schauen sie sich an, wie sein Körper sich bewegt. Jonas hat seit mehreren Jahren Schmerzen in der Hüfte. Bevor die Schmerzen kamen, hat Jonas mehrmals die Woche Fußball gespielt. Seitdem sitzt er auf der Ersatzbank. Die Aufgabe der Schüler ist es heute, die Ursachen für seine Schmerzen zu finden und ihm bestenfalls Tipps mitzugeben, die ihm dabei helfen, seine Schmerzen zu lindern.

    Physiotherapie: Mehr Zeit für die Patienten als der Arzt

    90 Minuten mit 20 angehenden und motivierten Physiotherapeuten: Für einen Patienten wie Jonas ist das Luxus. Normalerweise hat ein Therapeut für seinen Patienten knapp 20 Minuten Zeit, beim ersten Termin sind es 30. Und damit gemeint ist nicht die reine Behandlungszeit. Die Uhr tickt, sobald der Therapeut anfängt zu dokumentieren.

    Carl Christopher Büttner ist selbst seit sechs Jahren Physiotherapeut. Der Beruf sei deshalb so anspruchsvoll, weil sich der Therapeut fortlaufend auf einen neuen Patienten, sein vorhandenes Problem und damit eine neue Therapiesituation einstellen muss. „Der Kontakt geht aufgrund der längeren Behandlungszeit meist tiefer als beim Arzt, der in der Regel weniger Zeit für den Patienten zur Verfügung hat“, so Büttner.

    Die Nähe zum Patienten war einer der Gründe, warum er sich für den Beruf des Physiotherapeuten entschieden hat. Ein Unfall mit dem Mountainbike brachte ihn das erste Mal mit dem Beruf in Kontakt. Er hatte sich das Schlüsselbein gebrochen und landete damit in der Praxis: „Ich finde es hochinteressant zu sehen, wie man gemeinsam mit dem Patienten und seinem Körper an dessen Heilung arbeiten kann“, so der 31-Jährige. Was ihm bis heute an seinem Beruf gefällt ist das direkte Feedback vom Patienten: „Jeder, dem ich helfen konnte, geht aus der Praxis und bedankt sich. Da sieht man direkt, ob man seine Arbeit gut gemacht hat.“

    Physiotherapeuten sind gefragt wie nie. Aus einer Studie des Robert-Koch-Instituts geht hervor, dass jeder fünfte Deutsche innerhalb von zwölf Monaten physiotherapeutische Leistungen in Anspruch genommen hat.

    Das Gehalt eines Physiotherapeuten liegt bei 2000 Euro

    Um einen Termin zu bekommen, muss man aktuell aber etwa drei Wochen warten. Der Grund: Es gibt in Deutschland zu wenig Physiotherapeuten, wie die Bundesagentur für Arbeit ermittelt hat. Das liegt zum einen an den hohen Ausbildungskosten und zum anderen an der späteren Bezahlung, erklärt Physiotherapeut Büttner. Ein Physiotherapeut verdient nach der Ausbildung durchschnittlich ein Gehalt von 2000 Euro brutto.
    Aktuell brauchen Praxen ungefähr ein halbes Jahr, um neue Mitarbeiter einzustellen. Für Berufseinsteiger sind das ideale Voraussetzungen. Angst, einen Job zu finden haben die Schüler in Selinas Klasse nicht: „Wir können uns nach der Ausbildung aussuchen, wo wir arbeiten wollen“, sagt die 20-Jährige.

    Fast alle Schüler haben schon Jobangebote von verschiedenen Praxen. Auch Selina weiß, wo es nach der Ausbildung hingeht. Sie wird von einer Praxis übernommen, in der sie selbst wegen Knieproblemen in Behandlung war. Ihr Mitschüler Tobias sorgt sich ebenfalls nicht um seine Zukunft. Nach seinem Praktikum hat auch er ein Jobangebot bekommen. Am liebsten würde er aber in die Sportphysiotherapie gehen. „Wenn ich bei Bayer Leverkusen arbeiten könnte, würde ich mit den Fußballern auch mal länger als 20 Minuten arbeiten“, sagt der 22-Jährige grinsend.

    Ausbildung zum Physiotherapeuten: Lernen am lebenden Objekt

    Im Klassenzimmer liegt Patient Jonas jetzt auf der Liege. Ein Schüler tastet seine Hüften ab, prüft, ob eine Seite auffälliger ist als die andere. „Wenn du Schmerzen hast, sag Bescheid“, sagt er an Jonas gewandt. Dann untersuchen sie die Bewegungen von Jonas. Heben seine Beine an, biegen seine Unterschenkel in verschiedene Richtungen. Dann übernimmt Lehrer Martin Tangemann und erklärt den Schülern die richtigen Handgriffe.

    Im Fach Grundlagen der Physiotherapie erlernen die Schüler bei Tangemann die anatomischen Grundlagen und das Sprechen im Fachlatein. Am liebsten unterrichtet der Lehrer am Patienten selbst: „Dann können die Schüler sowohl die Fachbegriffe, als auch den Umgang mit dem Patienten üben“, erklärt Tangemann. Die Schüler laden dazu Bekannte ein, die körperliche Beschwerden haben, denen sie gemeinsam auf den Grund gehen können.

    Lehrer Martin Tangemann zeigt wie es richtig geht

    Nachdem Jonas eineinhalb Stunden alles über sich ergehen lassen hat, schaut er gespannt in die Gesichter der Schüler. Darf er wieder Sport machen oder soll er sich weiterhin schonen? Mehrere Finger schnellen in die Höhe, die Schüler werfen verschiedene Therapieansätze in den Raum.

    Lehrer Martin Tangemann fasst zusammen: „Trainieren ist okay, wenn du auf einer Schmerzskala von eins bis zehn nicht über die fünf kommst und deine Schmerzen spätestens nach 24 Stunden wieder auf dem Ausgangswert vor dem Training sind.“ Jonas ist zufrieden. Auch wenn er noch nicht wieder Fußball spielen können wird, kann er jetzt zumindest seinen Körper fit halten. Die Schüler bedanken sich bei ihm für seine Zeit und Ausdauer. Jonas lacht. „Danke an euch!“

    Mehr: Berufsgruppen mit Fachkräftemangel verdienen nicht automatisch mehr

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