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Gewerbevielfalt in Deutschland Zu hohe Preise, zu wenig Erlebnis – Warum kleine Läden immer öfter sterben

Das Kleingewerbe hält dem Wettbewerb großer Ketten und Discounter immer weniger stand. Die Folge sind viele leere Läden und verödete Innenstädte.
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Viele Traditionsbetriebe können preislich mit Discountern nicht mehr mithalten. Quelle: www.imago-images.de
Geschlossener Laden

Viele Traditionsbetriebe können preislich mit Discountern nicht mehr mithalten.

(Foto: www.imago-images.de)

Düsseldorf „Alles muss raus!“ Feuerrote Plakate lockten Ende Oktober letztmalig ins Schuhfachgeschäft Schweikert im württembergischen Korntal. Kurz vor der Geschäftsaufgabe kamen all die Kunden, die Inhaberin Kathrin Schweikert vorher so schmerzlich vermisst hatte. Vor zehn Tagen schloss die 45-Jährige den Laden endgültig ab, wo seit 1901 Schuhe verkauft wurden.

Seit sechs Jahren war das Geschäft rückläufig. Schweikert nahm deshalb mehr Marken- und Orthopädieschuhe ins Sortiment, vergebens. „Als der letzte Konkurrent im Ort pleiteging, dachte ich, jetzt starte ich als Platzhirsch durch“, erzählt sie.

Ein Irrtum. „8000 Paar zu viel bestellte Schuhe hatte ich auf Halde.“ Das Ausbleiben der Kundschaft erklärt sich Schweikert so: „Die Leute sind mobiler als früher, sie fahren lieber nach Ludwigsburg und Stuttgart, wo die Auswahl größer ist.“

Zwei Shopping- und Outletcenter in der Nähe taten ihr Übriges. „Die Leute wollen billig einkaufen oder Erlebnisshopping. Beides konnte ich nicht bieten“, sagt sie resigniert.

Seit 2018 schrieb der Schuhladen rote Zahlen. Ihre fünf Mitarbeiter musste Schweikert entlassen. Zuletzt stand sie sechs Tage die Woche allein im Laden. „Den Einstieg in den Onlinehandel habe ich damals verschlafen“, räumt sie ein. „Schuhe muss man doch anprobieren, dachte ich naiv. Der Erfolg von Zalando und Co. hat mich eines Besseren belehrt.“

Vielfalt gesunken

Kathrin Schweikert ist nur eine von Tausenden kleinen Gewerbetreibenden, die jedes Jahr ihren Betrieb schließen. Die Folgen sind allerorten immer sichtbarer: leer stehende Läden, verödete Innenstädte mit den immer gleichen Ketten. Zwar steigt der Einzelhandelsumsatz stetig, auch das Handwerk floriert durch den Bauboom. Doch die Gewerbevielfalt in Deutschland ist seit der Jahrtausendwende dramatisch gesunken.

So hat sich der Marktanteil von Einzelhändlern ohne Filialen seit 2000 von 31,9 Prozent auf 16,2 Prozent quasi halbiert. Das zeigen Zahlen des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE). Deutlich zugelegt haben dagegen Discounter, Fachhandelsketten und Fachmärkte sowie Onlinehändler.

„Schuhe muss man doch anprobieren, dachte ich naiv. Der Erfolg von Zalando und Co. hat mich eines Besseren belehrt.“ Kathrin Schweikert, Besitzerin eines Schuhgeschäfts in Korntal (Baden-Württemberg)

Die Gründe sind vielschichtig: Sie reichen vom veränderten Verbraucherverhalten und Mangel an Fachkräften und Nachfolgern über Preisdruck bis zum Siegeszug des Onlinehandels.

„Die Erwartungen der Verbraucher haben sich stark gewandelt“, konstatiert Boris Hedde, Geschäftsführer des Handelsforschers IFH Köln. „Kunden werden immer anspruchsvoller und bequemer.“ Sie erwarteten Gratisservice, eine große Auswahl, günstige Preise und Erlebnisshopping.

Gerade in Innenstadtlage hat der kleinbetriebliche Fachhandel stark verloren. Im Schnitt haben jedes Jahr 3000 Betriebe dichtgemacht, so Hedde. Stattdessen hätten sich filialisierte Konzepte, Gastronomie und Dienstleister ausgebreitet. „Die Innenstädte veröden immer mehr, nicht nur in kleinen Städten.“

Einzig Kosmetiker und Friseure boomen. Regional ist die Vielfalt an Gewerbe sehr unterschiedlich. Am vitalsten ist die Gewerbelandschaft in Bayern und Baden-Württemberg, am dünnsten in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Das zeigt der Gewerbevitalitätsindex aus dem aktuellen Weißbuch der Initiative für Gewerbevielfalt (siehe Karte). Dahinter steht das Adressverzeichnis Das Telefonbuch.

Der Siegeszug der Ketten lässt sich am Ausbau des Filialnetzes gut ablesen. Augenoptiker Fielmann etwa hat seine Filialen seit 2005 von 538 auf 736 aufgestockt, die meisten innerhalb Deutschlands. Verkauft ein Einzeloptiker im Schnitt weniger als zwei Brillen am Tag, sind es in einer Fielmann-Filiale mehr als 35 Brillen. Zumal die Kette in großen Mengen günstiger ein- und verkaufen kann.

Auch internationale Ketten sind auf dem Vormarsch – gerade bei Modeanbietern von Zara bis Primark. Hatten Modehändler mit mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz 2006 noch einen Marktanteil von 46,5 Prozent, waren es zehn Jahre später schon dominierende 59,4 Prozent, so das Statistische Bundesamt.

Die schwedische Modekette H&M hatte 2009 hierzulande 362 Läden, 2018 waren es schon 486. Auch wenn das Filialwachstum an Grenzen gestoßen ist, versucht der Familienkonzern, Kunden mit neuen Konzepten zu locken. In Heidelberg und Berlin öffneten die ersten H&M-Cafés – eine Boutique kann da nicht mithalten.

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Kleinere Modeläden sind besonders von der Schließungswelle betroffen, beobachtet Hedde vom IFH. „Jeder vierte Euro mit Bekleidung wird heute online umgesetzt.“ Im Vorteil seien Unternehmen wie Zara oder H&M, die beide Kanäle anbieten. „Da sie zudem von Produktion bis Verkauf alles aus einer Hand machen, können sie günstige Preise und schnelle Kollektionswechsel anbieten“, sagt der Handelsexperte.

Nicht nur die Konkurrenz durch Ketten und Onlinehandel macht kleinen Gewerbetreibenden das Leben schwer. Viele finden einfach keinen Nachfolger. Denn die Arbeitszeiten sind oft unattraktiv und die Geschäftsrisiken für Selbstständige hoch. In Zeiten des Fachkräftemangels fehlen zudem Auszubildende.

Metzgermeister Bernhard Meinert aus Rohrbach gab Ende September schweren Herzens auf. Mit 71 Jahren schlachte er bis zuletzt in dem Betrieb, den sein Vater 1950 gegründet hatte. Seine Frau verkaufte vorn im Laden mit vier Angestellten. „Ich habe keinen Nachfolger“, erzählt der Saarländer. Keines seiner Kinder – ein Sohn ist Vegetarier – wollte den Betrieb samt Partyservice übernehmen.

Nachfolger fehlen

Im benachbarten St. Ingbert gab es früher etwa 20 Metzger. „Heute gibt es keinen mehr, der selbst schlachtet, die Betriebe sind nur noch eine Verkaufsstelle“, bedauert Meinert. Ein Grund ist auch der Preisdruck durch Supermärkte. „Rinderfilet kostete bei mir 44 Euro das Kilo“, so Meinert. „Discounter haben es für 24 Euro im Angebot. Mit solchen Kampfpreisen können wir Kleinen nicht mithalten.“

Auch vielen Handwerksbäckern fehlen Nachfolger. Denn die Arbeit ist hart, die Arbeitszeiten sind unattraktiv. Gab es 2008 noch 15.337 Bäckereibetriebe, waren es 2018 nur noch 10.926, ermittelte der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks. Die Zahl der Verkaufsstellen ist mit rund 46.000 gleich geblieben. Sprich: In vielen Bäckereien wird nur noch aufgebacken und verkauft. Zudem bieten Discounter frisches Brot aus dem Backautomaten zu Spottpreisen.

Die Nahversorgung ist heute vielerorts schwierig. Der gute alte Dorfsupermarkt kann gegen Discounter auf der grünen Wiese kaum noch bestehen. So ist Zahl der Filialen im Lebensmitteleinzelhandel seit 2008 um rund 30 Prozent auf 34.947 im Jahr 2018 gesunken. Auch die Zahl nicht-filialisierter Apotheken schrumpfte seit 2005 um 27 Prozent, fast jede dritte Bankfiliale schloss, zeigen Verbandszahlen. Gerade für alte und immobile Leute wird das zum Problem.

Früher gab es automatisch Kundenfrequenz, wo Läden waren. „Heute müssen sich Geschäfte in hochfrequentierten Lagen wie Bahnhöfen und Flughäfen ansiedeln oder auf Festivals verkaufen, um genügend Kundschaft zu bekommen“, sagt Hedde vom IFH. „Der Handel muss konzentriert werden, sonst floriert er nicht“, meint auch Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein.

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„Die Behörden tragen eine große Verantwortung, wenn es um den Einzelhandel und seine Rolle für den gewerblichen Standort einer Stadt geht“, so Heinemann. Kleinere Einzelhändler brauchen heute flexiblere Mietmodelle, denn die Ladenmieten in Innenstädten sind gestiegen. Zudem sollten Händler lokal oder regional stärker kooperieren, meint IFH-Experte Hedde. Etwa auf Einkaufsstraßen oder im Viertel. Einzelkämpfertum funktioniere heute nicht mehr.

Manche Gemeinde versucht, örtliches Gewerbe durch lokale Internet-Marktplätze zu stärken. „Online-City Wuppertal“ oder „Kauf-im-Allgäu“ heißen Initiativen, die ein Gegengewicht zu Onlinegiganten wie Amazon und Zalando schaffen wollen. Doch die Umsätze auf den lokalen Plattformen sind meist verschwindend gering. Die wenigsten Besitzer kleiner Läden sind im Internet erfolgreich. Ein Positivbeispiel ist Deutschlands ältester Spielwarenladen Carl Loebner von 1685 in Sachsen.

Mehr als 90 Prozent des Geschäfts macht der Laden heute über Amazon und Ebay. Ein Bestseller ist der Lego-VW-Bus T1. „Davon haben wir fünf Stück im Laden verkauft, aber 5000 Stück im Internet“, sagt Ingo Löbner, Inhaber in zwölfter Generation. Den Weg ins beschauliche Torgau hätten diese Kunden wohl nie gefunden. Auch Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth freut sich. Der Laden zählt zu den größten Gewerbesteuerzahlern des 20.000-Einwohner-Städtchens.

Kathrin Schweikert indes orientiert sich nach der Schließung ihres Schuhgeschäfts komplett um. Sie macht eine Ausbildung in medizinischer Fußpflege und hofft auf sichere Geschäfte: „Anders als Schuhe kann man Füße nicht übers Internet verschicken.“

Mehr: Wie lässt sich das Wachstum in der Bundesrepublik nachhaltig steigern? Wir haben sieben Vorschläge zusammengetragen – ohne ideologische Scheuklappen.

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