1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Dienstleister
  4. Thames Water: So wurden die britischen Wasserversorger zum Sanierungsfall

GroßbritannienWarum die britischen Wasserversorger ein Sanierungsfall sind

Nicht nur der größte britische Wasserversorger Thames Water steckt in einer Krise. Die Unternehmen haben Schuldenberge angehäuft, dennoch sind ihre Leitungen marode. Wie es so weit kommen konnte.Torsten Riecke 04.07.2023 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Ein Fahrzeug von Yorkshire Water entwässert eine öffentliche Abwasserstelle.

Foto: Bloomberg

London. Die anhaltende Krise des britischen Wasserversorgers Thames Water hat in Großbritannien eine heftige Debatte über die Privatisierung des Sektors in den späten 1980er-Jahren ausgelöst. Kritiker werfen den privaten Eigentümern – oft Pensionsfonds und Private-Equity-Gesellschaften – vor, enorme Schulden aufgenommen und zu wenig in die Infrastruktur investiert zu haben – während gleichzeitig hohe Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet wurden. Wirtschaftsvertreter warnen dagegen, dass eine erneute Verstaatlichung ausländische Investoren abschrecken könnte.

Im Kreuzfeuer steht auch die britische Regulierungsbehörde Ofwat. Zu lange hätten die Aufseher versucht, den Anstieg der Wassergebühren zu bremsen und damit die notwendigen Investitionen in die von zahlreichen Leckagen beeinträchtigte Infrastruktur verhindert, bemängeln Kritiker.

Die Behörde habe beschlossen, „dass die Bilanzen am besten den Unternehmen überlassen werden sollten, und – was noch schlimmer war – sie setzte positive Anreize zur Kreditaufnahme die durch die Vermögenswerte abgesichert wurde“, kritisierte Dieter Helm, Wirtschaftsprofessor an der Universität Oxford. Die Erlöse seien an die Anleger geflossen. In Zeiten niedriger Realzinsen hätten sich die Unternehmen so immer weiter verschuldet.

Im Mittelpunkt der Krise steht der mit rund 15 Millionen Kunden größte britische Wasserversorger Thames Water, der seit der vergangenen Woche in finanziellen Schwierigkeiten steckt und dem zwischenzeitlich die staatliche Zwangsverwaltung drohte. Grund dafür ist ein Schuldenberg von 14 Milliarden Pfund (umgerechnet etwa 16,2 Milliarden Euro). Das Unternehmen hatte seine Aktionäre im vergangenen Jahr um 1,5 Milliarden Pfund neues Kapital gebeten, bislang aber dem Vernehmen nach nur 500 Millionen Pfund erhalten.

Am Wochenende erklärte der britische Pensionsfonds Universities Superannuation Scheme (USS), dass er eine Rekapitalisierung unterstützen wolle. USS ist mit einem Anteil von knapp 20 Prozent nach dem kanadischen Pensionsfonds Omers mit knapp 32 Prozent der zweitgrößte Anteilseigner von Thames Water. Das britische Unternehmen gehörte lange zur RWE, die den Wasserversorger jedoch 2006 an den australischen Finanzinvestor Macquarie verkaufte. Seitdem ging es mit dem Unternehmen bergab: Die Schulden stiegen und die Ausschüttungen an die neuen Eigentümer auch.

Die vergangene Woche zurückgetretene Thames-Water-Chefin Sarah Bentley sprach hinterher von „Jahren der Unterinvestition und der schlechten Entscheidungsfindung, die kritische Fähigkeiten (des Unternehmens) ausgehöhlt“ hätten. Oxford-Ökonom Helm macht für die Fehlentwicklung aber auch das Versagen der staatlichen Aufseher verantwortlich.

Thames Water ist nämlich nicht der einzige Wasserversorger, der nach der Privatisierung in Misskredit geriet. Die Aufsichtsbehörde Ofwat sorgt sich um die Finanzen von insgesamt fünf Betrieben. Bilanzanalysen zeigen, dass die Branche seit 1989 einen Schuldenberg von 60 Milliarden Pfund angehäuft und zugleich Dividenden von mehr als 72 Milliarden Pfund ausgeschüttet hat.

In den vergangenen Jahren gerieten die Unternehmen wegen zahlreicher Leckagen und der Verschmutzung von Flüssen durch Abwässer in die Kritik. Die privaten Wasserfirmen investierten nach der Privatisierung zwar fast 200 Milliarden Pfund in die Infrastruktur, schraubten dann jedoch sukzessive ihr Engagement zurück.

600 Millionen Liter Wasser versickern jeden Tag

Allein Thames Water verliert deshalb immer noch mehr als 600 Millionen Liter Wasser jeden Tag durch undichte Rohre. Nach Angaben der britischen Umweltbehörde gab es im vergangenen Jahr mehr als 300.000 Vorfälle, bei denen Abwässer unkontrolliert ausliefen. Der Branchenverband Water UK musste sich für die Verschmutzung von Flüssen und Stränden entschuldigen. Kein Wunder, dass nach Meinungsumfragen rund zwei Drittel der Briten eine erneute Verstaatlichung der Wasserversorger befürworten.

„Die Rufe nach dem Staat schaden jedoch dem Image Großbritanniens bei internationalen Investoren“, warnte Jackie Bowie, Managing Partner beim britischen Finanzberater Chatham Financial. Die konservative Regierung in London fürchtet eine „Risikoprämie“ für den Standort Großbritannien. Insbesondere, da um Investoren in die öffentliche Infrastruktur ein harter Standortwettbewerb entbrannt ist, seitdem US-Präsident Joe Biden mit Hunderten Milliarden Dollar Kapital für die grüne Transformation der amerikanischen Wirtschaft ins Land lockt.

Thames Water verliert jede Menge Wasser durch undichte Rohre.

Foto: Reuters

Hinzu kommt, dass die Aufsichtsbehörde Ofwat mittlerweile mehr Möglichkeiten hat, Dividendenausschüttungen zu begrenzen, falls die Wasserversorger in finanzielle Schwierigkeiten geraten oder ihre Umweltauflagen nicht erfüllen. Was angesichts der Missstände in der Vergangenheit sinnvoll erscheint, dürfte potenzielle Investoren eher abschrecken, wenn sie anderswo höhere Renditen erwirtschaften können.

Verwandte Themen
Großbritannien
RWE
Bentley

Für Thames Water geht es zunächst ums nackte Überleben. Selbst wenn die kurzfristige Rekapitalisierung gelingen sollte, ist das Unternehmen noch nicht gerettet. Für mehr als die Hälfte der angehäuften Schulden ist der Zinssatz an die Inflation gebunden, und die ist in Großbritannien mit zuletzt 8,7 Prozent noch sehr hoch. Die Aufsichtsbehörde Ofwat macht denn auch die Auswirkungen der hohen Inflation auf die indexgebundenen Schulden für die brenzlige Finanzlage in der Wasserbranche mitverantwortlich.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt