Gründungsboom in Griechenland? Durchstarten mit Aristoteles

Eine Berufsschule in Thessaloniki könnte zu einem Katalysator für einen neuen Gründungsboom in Griechenland werden – wenn Athen und Brüssel bald einen Ausweg aus der Krise finden. Billig ist die Ideenschmiede nicht.
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„Die Wurzeln der Ausbildung mögen bitter sein, aber ihre Früchte sind süß.“ Quelle: Imago
Aristoteles mit Alexander dem Großen

„Die Wurzeln der Ausbildung mögen bitter sein, aber ihre Früchte sind süß.“

(Foto: Imago)

ThessalonikiManchmal lohnt eben doch ein zweiter Blick. Zum Beispiel hinter eine eher abweisende Betonfassade in der Ermou-Straße in Thessaloniki. Gleich um die Ecke liegt der Fischmarkt, was man auch deutlich riechen kann. Doch betritt man das Gebäude, ist man in einer vollkommen anderen Welt. Ein helles, freundliches Foyer, am Empfang sitzt eine ebenso freundliche Dame an ihrem Mac (die bei Griechen derzeit eh hoch im Kurs stehen).

Dieses Foyer gehört zu der privaten Berufsschule IEK Delta, die jungen Griechen den Start ins Berufsleben mit einer guten Ausbildung ebnen will.

An dieser Schule arbeitet Vasilis Tsoulis. Er ist Leiter eines Start-up-Büros und nebenbei auch noch Präsident der Vereinigung junger Unternehmer in Thessaloniki. Stolz führt er durch die für hiesige Verhältnisse hervorragend ausgestattete Berufsschule. In jedem der acht Stockwerke befindet sich eine andere Berufswelt.

In einem ist eine Hotelwelt nachgestellt mit Empfang, Bar, Restauranttisch und natürlich einem typischen Hotelzimmer. Es gibt auch ein Stockwerk für Frisöre, Kosmetikerinnen, Köche oder Klimatechniker und auch Räume für Systemadministratoren, Programmierer und Grafikdesigner.

An den Wänden sind hübsche Sinnsprüche berühmter Männer säuberlich gepinselt wie etwa: „Die Wurzeln der Ausbildung mögen bitter sein, aber ihre Früchte sind süß.“ Damit hat der griechische Philosoph Aristoteles wahrscheinlich schon seinen Schüler Alexander den Großen drangsaliert, als der noch klein war.

Schlaue Ideen Made in Greece
Apostolakis glaubt an das griechische Unternehmertum
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Griechenland steckt in der Krise – das ist das dominierende Bild seit Tagen. Doch wenn man Apostolos Apostolakis fragt, ist dieses Bild vollkommen verzerrt. Der Start-up-Förderer hat in eine ganze Liste von jungen Unternehmen investiert und ist von ihren Ideen überzeugt. Apostolakis hat Plattformen wie Taxibeat, E-shop.gr oder Doctor anytime mitgegründet, auf der man Ärzte in seiner Nähe finden kann. Er empfindet die aktuelle Stimmung im Land und in ganz Europa als Belastung für junge Unternehmen, die vor allem im Internet-Business sehr innovativ seien: „Die Stimmung in Griechenland ist nach den Wahlen schlechter geworden“, sagte Apostolakis neulich in einem Interview mit der „Gründerszene“. Die Tsipras-Partei Syriza sei wirtschaftsfeindlich und blase den öffentlichen Sektor künstlich auf, was für neu startende Unternehmen zum großen Problem werden könne.

Griechischer Gründergeist ist ungebrochen
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Einer, der sich nicht unterkriegen lassen will und am Tag des absehbaren Zahlungsausfalls Griechenlands beim IWF mit einem Netzwerktreffen für Start-ups aufläuft, ist Dimitris Litsikakis. Der Start-up-Investor und Direktor des Verbandes Startup Grind für die Region Athen hat bisher 300 Zusagen für das Event am 1. Juli – trotz des schicksalhaften Datums. „Das sagt eine Menge über griechische Unternehmer aus, die immer optimistisch bleiben, auch wenn sie gleichzeitig die Situation realistisch analysieren“, sagt Litsikakis dem Handelsblatt. „Natürlich ist die aktuelle Situation alles andere als optimal, aber nichts mehr zu tun, ist keine Antwort“, sagt der Berater.

Gründer suchen ihr Glück im Ausland
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Litsikakis gibt aber zu bedenken, dass viele der griechischen Start-ups mittlerweile vor allem im Ausland aktiv sind und dort ihre Hauptumsätze machten. So sei es etwa bei Travelplanet24 aus, dem Reisebuchungsportal der zwei Unternehmer Philipp Brinkmann und Kristof Keim, das 2005 in Griechenland startete. Nun macht es die meisten seiner 300 Millionen Euro Umsatz laut Berichten Brinkmanns im Ausland. Auch andere griechische Gründer suchen ihr Glück im Ausland. So ist das Start-up Taxibeat, das Fahrzeuge und Fahrer mit Nachfragern zusammenbringt etwa mittlerweile in Peru aktiv – und dort erfolgreicher als in der Heimat. Das Portal für Veranstaltungstipps Daily Secret hat kürzlich auch eine Berliner Version aufgesetzt und versucht so, in anderen europäischen Metropolen als Athen Fuß zu fassen.

Durchatmen und weitermachen
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Start-up-Förderer Litsikakis sagt: „Das Motto ist: Ruhig bleiben und weitermachen, auch wenn du als Unternehmer harte Zeiten haben wirst – gute Ideen setzen sich durch, notfalls an einem anderen Ort.“ Doch selbstverständlich hat es konkrete Auswirkungen auf Unternehmen vor Ort, wenn sie plötzlich Rechnungen von Zulieferern nicht mehr bezahlen können und auch der Zugang zu Kapital für Einkäufe und Investitionen beschränkt ist. Unternehmen, die auf kurzfristigere Transaktionen angewiesen sind, können nun wegen der Kapitalverkehrskontrollen ihres Landes in die Bredouille kommen. „Natürlich wird jeder auch bei unserem Netzwerktreffen über das Thema sprechen“, sagt Litsikakis.

Energiedienstleistungen von Heliix
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Bei allen Widrigkeiten wird in Griechenland weiterhin an inländischer Innovation und an Unternehmertum gearbeitet. Ende Juni wurde der Hellenic Entrepreneurship Award vergeben, der Start-ups prämiert, die mit aussichtsreichen Ideen gegen die Krise ankämpfen. Die ersten drei Preisträger bekamen eine Millionen Euro Förderung und einen Berater für ihre Geschäftsentwicklung, der ihnen für einige Zeit zur Seite stehen wird. Der Wettbewerb gibt einen guten Überblick über das, was in der griechischen Gründerszene in den vergangenen Jahren passiert ist.
Einer der Sieger ist Heliix. Das Unternehmen konvertiert mit seinem Produkt Phantheon Energie aus Wasserwärme in Elektrizität, wobei das Endgerät an quasi alle Sonnenkollektoren-Systeme andockbar sein soll. Das kann Nutzer Einsparungen bei den Stromkosten von bis zu 30 Prozent pro Jahr bringen.

Erfolgreich mit griechischen Spezialitäten
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Auch Yoleni's überzeugte die Jury und konnte die finanzielle und beraterische Unterstützung abstauben. Der Online-Handel für Delikatessen vertreibt mehr als 1200 griechische Spezialitäten in Europa und Amerika. Das besondere Versprechen: Auch seltene Produkte aus der Peripherie will der Anbieter vermitteln. Dazu bietet Yoleni's Informationen über die 110 Produzenten, über ihre Produktionsgebiete und lokale besondere Rezepte. Das Portal bietet seine Dienste auch in verschiedenen Sprachen an, darunter ist auch deutsch. Doch Yoleni's zeigt sich trotz der jüngsten Ehrung besorgt über die aktuelle Lage: „Leider können wir aktuell keine Fragen zu unserem Geschäft beantworten. Die Situation lässt das nicht zu, wir müssen erst einmal versuchen, trotz der politischen Lage unser Geschäft ruhig weiter zu führen“, schreibt Yoleni's auf Anfrage.

Float-Mast will das Business mit der Windkraft billiger machen
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Unter den zehn nominierten, aussichtsreichsten griechischen Start-ups in dem Wettbewerb waren auch Unternehmen mit Fokus auf große Industrien wie Float-Mast. Direktor und Unternehmensgründer Antonis Peppas hat den Hauptsitz seines Unternehmens zwar 2013 in Großbritannien angesiedelt, doch der CEO ist Grieche, genauso wie die Technikchefs. Und auch das erste Pilotprojekt läuft vor der griechischen Küste – es handelt sich also durchaus um eine griechische Unternehmung. Die Firma bietet eine mobile Service-Plattform für Offshore-Parks. Der hier zu sehende Mast soll als Aufbau auf einer mobilen Plattform verlässlich Daten über Windleistung und Windstärken von Offshore-Anlagen liefern, aber flexibler und günstiger sein als bisherige Lösungen. Bisher sind diese Messungen bei Offshore-Parks sehr teuer und bei großen Wassertiefen schwierig zu handhaben.

Was das alles mit einer High-Tech-Gründerszene zu tun haben soll? Erst einmal nicht so viel. „Es geht uns zunächst einmal darum, gemeinsam mit jungen Leuten neue Ansätze für gewöhnliche Berufsbilder zu entwickeln“, sagt Vasilis Tsoulis. Das könnte etwa ein Restaurant mit iPads auf den Tischen sein oder eins, das ausschließlich biologisch erzeugte Produkte verarbeitet. „Wir versuchen, die Leute dazu zu animieren, ihre Nische zu finden.“

Geniale Erfindung liegt auf Eis
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