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Industriedienstleister Neues Gutachten bringt frühere Bilfinger-Vorstände in die Defensive

Der Konzern fordert Schadensersatz von seinen Ex-Managern um den CDU-Politiker Roland Koch. Ein neues Gutachten gibt Bilfinger nun Munition.
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Der CDU-Politiker weist Schadensersatzforderungen von Bilfinger zurück. Quelle: Alex Kraus für Handelsblatt
Roland Koch

Der CDU-Politiker weist Schadensersatzforderungen von Bilfinger zurück.

(Foto: Alex Kraus für Handelsblatt)

DüsseldorfVor knapp einem Jahr schreckte der Aufsichtsrat von Bilfinger seine Aktionäre auf und mehr noch seine ehemalige Führungsmannschaft. Der Kontrollrat des Industriedienstleiters habe entschieden, vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Roland Koch und elf weiteren Ex-Vorständen Schadensersatz in dreistelliger Millionenhöhe zu fordern, gab das Unternehmen in einer Ad-hoc-Mitteilung am 20. Februar 2018 bekannt. So etwas hatte es in der Konzerngeschichte noch nie gegeben.

Die Vorhaltungen gegen Koch & Co. gingen ins Mark der Aufgaben einer Unternehmensführung. Die Vorstände hätten zu wenig getan, um sicherzustellen, dass sich Bilfinger-Mitarbeiter an Recht und Gesetz hielten.

Weil sie es nicht taten, musste Bilfinger diverse Korruptionsfälle aufarbeiten. 2013 schickte das US-Justizministerium sogar einen Aufpasser – ein Makel, der neben Bilfinger nur wenigen Konzernen wie Siemens, Daimler und Volkswagen anhaftet.

Koch und die anderen Vorstände freilich haben bisher keinen Cent gezahlt. Die Ansprüche von Bilfinger stützten sich anfangs auf ein Gutachten der Kanzlei Linklaters. Anwalt Hans-Ulrich Wilsing stellte darin schwerwiegende Pflichtverletzungen der Ex-Vorstände fest.

Wegen der schieren Schwere der Vorwürfe gab der Aufsichtsrat ein zweites Gutachten in Auftrag. Der Gesellschaftsrechtler Michael Hoffmann-Becking von der Kanzlei Hengeler Mueller kam zu dem Schluss, dass Koch & Co. kaum etwas anzulasten sei. Was nun? Hoffmann-Becking gilt als Ikone seines Fachs. Der Fall geriet ins Stocken.

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Am Donnerstag läutete der Vorstandsvorsitzende Tom Blades auf der Pressekonferenz in der Konzernzentrale in Mannheim die nächste Runde ein. Anlass für die Veranstaltung waren eigentlich die Geschäftszahlen 2018. Sie waren rot, aber besser als in der Vergangenheit. Der Industriedienstleister Bilfinger hat 2018 deutlich weniger Verlust gemacht als ein Jahr zuvor.

Unter dem Strich stand ein Minus von 24 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor hatte Bilfinger einen Verlust von 89 Millionen Euro ausgewiesen. Rechnet man Sondereffekte und die verkauften Unternehmenstöchter heraus, dann blieb zum ersten Mal seit 2014 wieder ein Gewinn.

Von der besseren Geschäftsentwicklung sollen auch die Aktionäre profitieren: Bilfinger will pro Aktie einen Euro Dividende zahlen. Für das Jahr 2019 erwarte die Geschäftsführung sowohl Umsatz- als auch Gewinnsteigerungen.

Mehr als 100 Seiten

Zudem soll die Rechnung mit den Ex-Vorständen beglichen werden. Bilfinger-Chef Blades bestätigte, dass dem Aufsichtsrat nun ein drittes Gutachten vorliegt. Verfasser ist eine weitere Größe der Juristenlandschaft. Mathias Habersack, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München sei beauftragt worden, alles zu berücksichtigen, was in den beiden vorherigen Gutachten für und wider die ehemaligen Führungskräfte angeführt wurde.

Das Ergebnis bringt wiederum Roland Koch in die Defensive. Das Habersack-Gutachten stütze die Auffassung, zu der zuvor Linklaters gekommen war, verriet Bilfinger-Chef Blades am Donnerstag. Als „Tie-Breaker“ war der Auftrag an den Professor zuvor beschrieben worden. Im Gutachterstreit stand es zuvor 1:1 – nun steht es 2:1 für diejenigen, die die ehemalige Mannschaft verklagen wollen.

„Das dritte Gutachten umfasst mehr als 100 Seiten“, berichtete Blades. Es zeige, wie komplex das Thema sei und wie sorgfältig sich der Aufsichtsrat darum kümmere. Und nun, da Klarheit herrsche, wie der Fall juristisch zu bewerten ist, solle auch Tempo gemacht werden.

Möglichst rasch und konsequent wolle man das Geld von den ehemaligen Führungskräften eintreiben. „Wir werden das jetzt nach vorne bringen“, sagte Blades. Der Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Eckhard Cordes habe entschieden, die Forderungen durchzusetzen. Blades: „Jetzt geht es in die nächste Phase.“

Die bedeutet zunächst Information. Aus den Kreisen der beschuldigten Führungskräfte hieß es in den vergangenen zwölf Monaten oft, sie könnten sich nicht äußern, weil man ihnen noch gar nicht richtig dargelegt habe, was ihnen eigentlich vorgeworfen werde. Keine substanziellen Gespräche seien geführt, keine Dokumente vorgelegt worden.

Juristen sind die Gewinner

Das ändere sich nun, sagte Blades. Bilfinger werde kurzfristig die zwölf Ex-Vorstände ansprechen und ihnen Zugang zu einem Datenraum verschaffen. Dort würden alle Informationen vorgehalten, die für den Fall relevant sind. Geplant sei zunächst ein Dialog. Soll heißen: Koch & Co. können freiwillig zahlen. Sonst wird geklagt.

Letzteres ist wahrscheinlicher. Vor allem Roland Koch ließ bereits durchblicken, dass er weder für einen Schaden von mehr als 100 Millionen ansprechbar sei noch für eine Summe darunter. Vertreter von Koch verweisen auf das Gutachten von Hoffmann-Becking. Die Rechtsmeinung eines so prominenten Juristen verliere ja durch ein neues Gutachten nicht einfach seine Gültigkeit.

Außerdem habe zuvor schon die Beratungsgesellschaft EY festgestellt, dass Bilfinger über ein tadelloses Compliance-System verfüge. Dass es versagte, sei nicht Koch anzulasten – auch ein Vorstand müsse sich auf Expertenrat verlassen dürfen.

Ein Ende des Streits ist damit auch 2019 noch nicht abzusehen. Je länger er sich hinzieht, desto klarer wird nur eines: Die Gewinner sind die eingeschalteten Juristen.

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