Interview mit Frank Appel „Nicht da, wo wir hinwollen“ – das sagt der Post-Chef zur Sanierung

Post-Chef Frank Appel erklärt, wie er die im Juni begonnene Sanierung der angeschlagenen Brief- und Paketsparte zum Erfolg führen möchte.
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Post-Chef Appel: „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen“ Quelle: Bloomberg
Frank Appel

Der Post-Chef arbeitet seit Juni an einer Sanierung der Brief- und Paketsparte.

(Foto: Bloomberg)

Anfang Juni schockierte Post-Vorstandschef Frank Appel mit einer kräftigen Gewinnwarnung. Über eine Milliarde Euro müsse er in die Sanierung der Brief- und Paketsparte stecken, weil dort die Kosten außer Kontrolle geraten waren.

Herr Appel, Ihr Paketchef Achim Dünnwald zeigt sich mit dem Stand der Sanierung unzufrieden. Sie auch?
Weder Achim Dünnwald noch ich sind unzufrieden. Wir arbeiten jetzt seit drei Monaten intensiv an der Ergebnisverbesserung, und tatsächlich greifen die ersten Maßnahmen. So sind wir bei den Vorruhestandsvereinbarungen gut unterwegs. Nach Bücher- und Warensendungen im Frühjahr haben wir am 1. September mit den Preismaßnahmen bei Paket begonnen. Ich bin mir mit Achim Dünnwald völlig einig, dass wir jetzt am Ball bleiben müssen.

Achim Dünnwald, der direkt an Sie berichtet, erklärte vor Mitarbeitern, in Summe sei man nicht da, wo man im Paketgeschäft sein wolle.
Natürlich sind wir nach so kurzer Zeit noch nicht da, wo wir hinwollen. Und wenn man vor Mitarbeitern die Dringlichkeit von Maßnahmen beschreiben will, fängt man ja nicht mit Themen an, die sowieso schon super laufen. Unsere Mitarbeiter erwarten von ihrem Management in einem Town-Hall-Meeting deutliche Worte, was gut läuft und was nicht. Wir haben über Jahre hinweg immer hervorragende Ergebnisse abgeliefert. Jetzt kommen auch Herausforderungen dazu, die natürlich Unsicherheit erzeugen. Deshalb überkommunizieren wir auch.

Ihre Preiserhöhung im Paketgeschäft fällt dieses Jahr doppelt so hoch aus wie sonst üblich. Fürchten Sie, Kunden zu verlieren?
Wir haben über Jahre Marktanteile gewonnen, wollen jetzt aber nur noch mit dem Markt wachsen. Deutliche Erhöhungen bei unseren Sachkosten erhöhen auch unsere Preise. Ich kann mir vorstellen, dass auch Wettbewerber ähnliche Zwänge haben. Der Markt ist sehr eng geworden, weil wir starkes Wachstum hatten. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir hier Preismaßnahmen durchsetzen können.

Womit rechtfertigen Sie die Preiserhöhung gegenüber den Versendern? Die Zahl der Reklamationen ist schließlich um 21 Prozent gestiegen.
Insgesamt entwickeln sich unsere Reklamationen im Vergleich zu anderen Dienstleistungsbereichen immer noch sehr bescheiden. Das zeigen Kundenzufriedenheitsstudien und Preise, die wir gewinnen. Nichtsdestotrotz habe ich inzwischen 13.000 Mitarbeitern in Town-Hall-Meetings gesagt: Steigende Reklamationen sind ein früher Indikator, dass wir stärker an der Qualität arbeiten müssen. Und die Qualität ist messbar schon im August deutlich besser geworden. Der Anstieg der Reklamationen war einer der Gründe, warum wir einen Kurswechsel vollziehen und sagen, wir müssen uns stärker auf die Qualität fokussieren.

Auch der Presseversand soll 2019 deutlich teurer werden – ironischerweise, weil die Nachfrage sinkt.
Das ist nur die logische Konsequenz. Wenn es rückläufige Mengen gibt, fällt man automatisch in eine schlechtere Kostenstruktur. Unser Aufwand für das Verteilnetz ist fix. So steigen mit sinkenden Mengen die Stückkosten.

Fürchten Sie nicht, dass die steigenden Presseversandkosten das Geschäft weiter dezimieren? Die „ADAC Motorwelt“ hat schon jetzt beschlossen, den Presseversand einzustellen.
Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Das Verschwinden von Zeitungstiteln liegt aber kaum daran, dass wir unser Porto erhöhen. Denn das ist sicherlich nur ein geringer Bestandteil der Kosten.

Das Vorruhestands-Programm für Beamte läuft schleppender als erwartet. Gibt es eine Nachbesserung?
Das kann ich so nicht bestätigen. Die von den Brief- und Paketverantwortlichen genannten Zahlen dürften für ausgesuchte Unternehmensbereiche gelten. Das aber ist nur ein Bruchteil der Gesamtsumme. Wir haben heute schon deutlich mehr Anträge von Beamten, die in den Ruhestand gehen wollen, als wir überhaupt aus dem 400 Millionen Euro schweren Programm finanzieren können.

Wie viele?
Zahlen nennen wir nicht.

Nun kommen auch noch 800 Mitarbeiter aus geschlossenen Postbank-Filialen zurück in den Konzern. Durchkreuzt das Ihr Abfindungsprogramm?
Dieses Thema ist seit Langem vorhersehbar und hat mit der Restrukturierung nichts zu tun.

In der Mehrzahl sind es Beamte, deren Zahl Sie ja reduzieren wollten.
Sie werden wir ganz normal in unserer Flächenorganisation einsetzen. Es gibt pro Jahr bei uns eine Fluktuation von etwa vier Prozent. Bei 200.000 Mitarbeitern sind 800 keine große Zahl.

Also Schalterbeamte als Briefträger?
Für diese Beschäftigten gibt es ganz verschiedene Einsatzmöglichkeiten, ob im Bereich des operativen Betriebes, als Mitarbeiter im Innendienst oder auch in unseren Callcentern.

Vom Sparprogramm in der Paketsparte ist auch Ihre Auslandsexpansion betroffen. Eine Hypothek für die Zukunft?
Um es klar zu sagen: Sparmaßnahmen werden uns nicht daran hindern, in Wachstum zu investieren. Wir haben in der Schweiz später begonnen, als wir geplant hatten. Das hat aber in erster Linie etwas mit der Arbeitskräftegewinnung und der aktuellen Immobilienlage zu tun.

Tritt Ken Allen, der designierte Vorstand für die neue Sparte Parcel Europe, zum Jahreswechsel ein Erbe mit nur knappen Geldmitteln an?
Wir haben zum Jahreswechsel das internationale Paketgeschäft als eigenes Segment ausgegründet, damit wir in Zukunft unsere E-Commerce-Aktivitäten stärker gebündelt haben. Nur weil wir in Deutschland eine herausfordernde Situation haben, soll die Expansion ins Ausland und in den E-Commerce nicht darunter leiden. Jede Sparte muss in Zukunft aber ihr eigenes Investitionskapital erwirtschaften.

Im Juni reduzierten Sie die Gewinnerwartungen um rund eine Milliarde Euro. Bleibt für die neue Sparte überhaupt noch genügend übrig?
Dem Unternehmen geht es ja trotzdem immer noch hervorragend. Man darf nicht vergessen, dass wir – abgesehen von den Vorruhestandsregelungen – durch die Restrukturierung dieses Jahr keine negativen Auswirkungen auf den Cashflow haben werden. Wenn man diese Aufwendungen herausrechnet, werden wir 2018 sogar das zweitbeste Jahr unserer Geschichte haben.
Herr Appel, danke für das Interview.

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