Kanzleimarkt: Durch nichts zu bremsen: Wirtschaftskanzleien sind im Dauerhoch
Wirtschaftskanzleien wie Noerr und Freshfields haben derzeit die höchsten Wachstumsraten.
Foto: GettyKöln. Ob CMS Hasche Sigle, Gleiss Lutz, Hogan Lovells, Latham Watkins oder Noerr – wo man auch hinschaut: Fast alle Wirtschaftskanzleien produzieren derzeit Umsatzrekorde und steigern ihre Produktivität. Die Coronakrise hat dem Geschäft nicht geschadet, sondern im Gegenteil es sogar belebt. Selbst der Angriff Russlands auf die Ukraine – so viel zeichnet sich bereits ab – wird diesen Trend kaum brechen.
Krisen sind offenbar gut für das Geschäft von Wirtschaftsanwälten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche Themen wie Restrukturierung oder Arbeitsrecht haben an Bedeutung gewonnen, weil sich Unternehmen neu aufstellen mussten.
Ohnehin befinden sich viele Branchen wie die Autoindustrie – Stichworte E-Mobilität und autonomes Fahren – in einem fundamentalen Umbruch. Die Digitalisierung und ein neues regulatorisches Umfeld sorgen für neue Herausforderungen.
So werden Umwelt- und Sozialstandards wichtiger. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, andernfalls droht Ärger mit Staaten, Organisationen oder sogar mit den eigenen Aktionären. Fast alle großen Kanzleien werben damit, dazu Rechtsrat anzubieten.
Wirtschaftskanzlei Noerr besonders stark gewachsen
Zeitgleich setzten viele Unternehmen nach einer kurzen Phase des Innehaltens zu Beginn der Coronapandemie verstärkt auf strategische Kooperationen und Zukäufe. So boomte in den Kanzleien das besonders lukrative M&A- und Private-Equity-Geschäft. Über Jahre niedrige Zinsen befeuerten den Boom, auch Kapitalmarktexperten profitierten davon.
Zu den zuletzt am meisten gewachsenen Kanzleien gehört Noerr. In den vergangenen beiden Geschäftsjahren steigerte die Firma ihren Umsatz um jeweils knapp zehn Prozent. Jetzt kratzt sie an der 300-Millionen-Euro-Grenze und hat sich unter den Top fünf der umsatzstärksten Kanzleien im Land etabliert.
„Besonders dynamisch haben sich die Corporate-Themen entwickelt, also Fusionen und Unternehmenskäufe, Kapitalmarktdeals und die gesellschaftsrechtliche Beratung. Aber auch Litigation und Regulierung sind kräftig gewachsen. Wichtigste Treiber waren Konzerntransformation und Digitalisierung“, sagt Co-Managing Partner Alexander Ritvay. Die zunehmende Nachfrage zu den Themen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG) mache sich ebenfalls bemerkbar.
Gemessen am Umsatzwachstum war die US-Kanzlei White & Case noch erfolgreicher. Im Geschäftsjahr 2021 legte sie um knapp zehn Prozent zu. Mit 199 Millionen Euro Jahresumsatz schaffte sie damit den Sprung unter die Top 10 der umsatzstärksten Einheiten.
Ausnahmekanzlei in den Top 10
Die in jüngerer Zeit erfolgreichste Kanzlei der Top 10 hat ihren Hauptsitz im beschaulichen Bonn: Flick Gocke Schaumburg. Knapp elf Prozent legte sie 2021 zu, im Jahr davor waren es gar 22 Prozent. Das Bemerkenswerte: Weder Arbeitsrecht noch Restrukturierung oder Transaktionen sind die größten Treiber. Flick Gocke profitiert von ihrer herausragenden Stellung in der steuerrechtlichen Beratung, mit der sie mehr als Dreiviertel des Umsatzes erwirtschaftet.
Bei vielen Unternehmen genießt die Kanzlei großes Vertrauen – für einige Firmen ist sie eine Art ausgelagerte Steuerabteilung. Für Zuwächse sorgten grenzüberschreitende Mandate und die Beratung im Konzern- und Umsatzsteuerrecht. Eine weitere Stärke der Kanzlei: die Begleitung von Familienunternehmen und vermögenden Personen. Und wenn es im Unternehmen brennt oder Probleme drohen, kommen die Steuerstrafrechtler ins Spiel.
Die in Deutschland umsatzstärkste Kanzlei ist und bleibt die deutsch-britische Einheit Freshfields Bruckhaus Deringer. Bei ihr sind die Zahlen für das aktuelle Geschäftsjahr 2021/22 noch nicht bekannt. Doch bereits jetzt steht fest, dass die Kanzlei beim Umsatz ebenfalls zulegt. Freshfields profitierte als Marktführer bei der Beratung zu M&A-Deals in Europa zuletzt von starken Transaktionsmärkten.
Freshfields: Boom bei Transaktionen
„Corona hatte vor allem auch Disruptions- und Katalysatorwirkung auf Geschäftsmodelle und Märkte. Veränderungen wurden angestoßen oder beschleunigt“, sagt Markus Paul, Managing Partner für die Region Kontinentaleuropa bei Freshfields. Zudem hätten die niedrigen Zinsen geholfen. „Für uns bedeutete das: viele grenzüberschreitende Transaktionen, sowohl in Europa als auch mit transatlantischem Bezug zu den USA. Zum Beispiel, als wir Astra-Zeneca bei der Übernahme des US-Biotech-Konzerns Alexion berieten“, sagt Paul.
Viele, vor allem großvolumige Transaktionen befeuerten auch das Geschäft der nach Zahl der Anwälte größten deutschen Kanzlei, CMS Hasche Sigle. Beriet sie nach eigenen Angaben 2020 bei 72 Transaktionen, von denen nur eine ein Volumen von über einer Milliarde Euro hatte, waren es 2021 insgesamt 102 Transaktionen, davon zehn mit einem Milliardenvolumen. Nur ein Beispiel ist die Beratung für den Autobauer Daimler bei dessen Joint Venture mit Traton und Volvo.
CMS Hasche Sigle und Freshfields mit höchstem Umsatz
So stand am Ende ein Umsatzplus von 6,6 Prozent. Damit schaffte die 760 Anwälte zählende Kanzlei erstmals knapp den Sprung über die Marke von 400 Millionen Euro und belegt hinter Freshfields und deutlich vor Hengeler Mueller Platz zwei im Ranking der umsatzstärksten Sozietäten hierzulande. Bemerkenswert: 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftete CMS mit 500 Mandanten.
Mit welcher Anzahl an Mandanten Gleiss Lutz auf 80 Prozent des Umsatzes kommt, ist zwar nicht bekannt – auch wenn es bei der Kanzlei ähnlich sein dürfte wie bei vielen anderen Spitzenadressen. Bekannt ist dagegen, dass die Sozietät zuletzt gut fünf Prozent mehr erwirtschaftete, rund 239 Millionen Euro. Und einige der lukrativsten Mandate waren weithin sichtbar: Mit Facebook und Apple vertritt Gleiss Lutz seit Anfang 2021 gleich zwei US-Technologie-Giganten in umfangreichen Ermittlungsverfahren des Bundeskartellamts.
Gleiss-Lutz-Anwälte räumen zudem in einem Komplex auf, der als einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte gilt: dem Milliardenbetrug bei Wirecard. In der Spitze mehr als 20 Gleiss-Anwälte arbeiteten im vergangenen Jahr für den Insolvenzverwalter Jaffé. Gleiss Lutz prüft nun unter anderem, gegen wen Jaffé welche Ansprüche geltend machen kann.
Eine anspruchsvolle und zugleich lukrative Arbeit, die für Einnahmen in Millionenhöhe sorgte. Auch für Volkswagen ist Gleiss Lutz im Einsatz, eine Untersuchung zu Fragen der Managerhaftung war extrem aufwendig und brachte viel Umsatz.
Neue Rekorde bei Umsatz und Produktivität
Von den 100 umsatzstärksten Kanzleien in Deutschland legten laut Recherchen des Branchenmagazins „Juve“ im Geschäftsjahr 2020/21 insgesamt 81 zu, viele davon deutlich. Gerade einmal 17 mussten Einbußen beim Umsatz hinnehmen, bei zwei Kanzleien stagnierte er. Rückgänge musste etwa Heuking Kühn Lüer Wojtek hinnehmen. Allerdings hatte diese Kanzlei zuvor mehrere Jahre stark zulegt, getrieben durch die Arbeit für VW bei der Abwehr von Klagen im Dieselskandal. Diese Sonderkonjunktur ebbte nun ab.
Rund 7,8 Milliarden Euro erwirtschafteten die 100 Spitzenkanzleien hierzulande laut Juve zuletzt – ein Plus von 6,4 im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019/20. Personell wuchsen die Kanzleien weit geringer auf mehr als 13.500 Anwälte.
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Im Durchschnitt setzte jeder Berufsträger rund 573.000 Euro um. Die Spitzenadressen in puncto Produktivität – allesamt US-Kanzleien – kommen dabei gar auf teils deutlich mehr als eine Million Euro Umsatz pro Anwalt. Erst auf Rang 12 findet sich in diesem Kriterium die erste deutsche Kanzlei, Hengeler Mueller. In der nach Umsatz zweitgrößten Kanzlei hierzulande setzt jeder Berufsträger im Schnitt 917.000 Euro um.
Für das Geschäftsjahr 2021/22 liegen zwar noch nicht alle Zahlen vor – insbesondere nicht der britischen Einheiten, deren Geschäftsjahr zum April endete. Doch angesichts der vorliegenden Ergebnisse sind neuerliche Rekorde für den Gesamtmarkt absehbar.
Freshfields & Linklaters: Einschnitte durch Ukrainekrieg
Blickt man nach vorn, liegen die größten Unwägbarkeiten zweifellos in den Auswirkungen des Ukrainekriegs, der auch in der Kanzleiwelt ein großes Thema ist. Die direkten Konsequenzen waren schnell zu sehen. Fast durch die Bank nehmen Kanzleien Mandate von russischen Firmen nicht mehr an, prüfen laufende Geschäfte sehr gründlich auf etwaige Verstöße gegen Sanktionen und zogen sich aus Russland zurück.
Den Anfang machte Linklaters und schloss nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine bereits Ende Februar ihr Moskauer Büro. Ähnlich reagierte Freshfields. Die Kanzlei stellte die Arbeit für Nord Stream 2 ein – trotz einer langjährigen, intensiven Mandantenbeziehung und schloss ihr Moskauer Büro ebenfalls.
„Nach 30 Jahren vor Ort war das natürlich kein einfacher Schritt, aber er war notwendig. Die aktuelle Situation bringt neue Herausforderungen und Probleme für einige unserer hiesigen Mandanten mit sich, und damit auch Beratungsbedarf. Dies gilt beispielsweise mit Blick auf den Umgang mit den bestehenden Sanktionen“, sagt Markus Paul.
Weit gravierender dürften indes die mittelbaren Folgen für die hiesige Wirtschaft sein. So bedeuten etwa stark gestiegene Energiepreise für die Mehrheit der deutschen Unternehmen eine große Belastung. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet bereits heute damit, dass „höhere Preise den Konsum bremsen werden und die Investitionstätigkeit der Unternehmen infolge der höheren geopolitischen Verunsicherungen und der voraussichtlich schwächeren Entwicklung der Unternehmenserträge ebenfalls belastet wird.“
Es wird nicht viele Akteure und Branchen geben, die daraus unbeschadet hervorgehen. Die Wirtschaftskanzleien könnten jedoch dazugehören.