Kanzleistrategie: Europäische Spitzenkanzleien expandieren nach Amerika
Der US-Anwaltsmarkt ist der wichtigste und lukrativste der Welt. Die Stundensätze von Partnern aus Wirtschaftskanzleien liegen regelmäßig bei mehr als 1000 Euro.
Foto: imago images/Cavan ImagesDüsseldorf. Ein neuer transatlantischer Kanzleigigant entsteht: Die „Magic Circle“-Kanzlei Allen & Overy und die vor allem in Amerika sehr präsente Sozietät Shearman & Sterling haben ihre Absicht erklärt, sich zusammenzuschließen und künftig als „A&O Shearman“ aufzutreten.
Formal ist die Fusion noch nicht vollzogen. Nach der Sommerpause werden die Partner der beiden Firmen zur Abstimmung gebeten. Wenn jeweils 75 Prozent der stimmberechtigten Anwälte mit Ja stimmen, steht dem Zusammenschluss nichts mehr im Weg. Dass die Anwälte dem Vorhaben zustimmen, gilt als sehr wahrscheinlich.
Schon die puren Zahlen zeigen, was A&O für ein Schwergewicht im Markt der Wirtschaftskanzleien darstellen würde. Die beiden Einheiten sind weltweit mit 68 Büros vertreten. Mit fast 4000 Anwältinnen und Anwälten könnte die neue Einheit einen Jahresumsatz von mehr als drei Milliarden Euro erzielen.
Die geplante Fusion ist mehr als nur ein singuläres Ereignis am Kanzleimarkt. Sie ist ein Zeichen dafür, dass der Bedarf an transatlantischer Zusammenarbeit in den größten Wirtschaftssozietäten immer weiter steigt – und damit der Druck in der Branche, Kooperationen auszubauen oder neue Bündnisse zu schmieden.
Dafür gehen die Topadressen unterschiedliche Wege. Mit Hogan Lovells gab es schon vor A&O Shearman eine europäisch-amerikanische Fusion. Im Jahr 2010 hatten sich Lovells und Hogan & Hartson zusammengetan. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich die Firma etabliert. Mit mehr als 2500 Anwälten gehört sie zu den Top Ten der weltweit größten Kanzleien.
Freshfields setzt auf Quereinsteiger
Die britisch-deutsche Spitzenkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer versucht ebenfalls, stärker in den USA Fuß zu fassen. Sie setzt allerdings auf eine andere Strategie: Um eigene Büros in den Vereinigten Staaten zu etablieren, hat sie in den vergangenen Jahren zahlreiche hochkarätige Juristen angeworben. Bei ihrem aggressiven Wachstum konnte sie vor allem bekannte Transaktionsanwälte einiger Eliteadressen gewinnen.
Zudem erhöhte sie die Gehälter der Junganwälte deutlich. „Sie musste dafür zwar viel Geld in die Hand nehmen, aber die gesamte Expansion in den USA läuft gerade richtig gut“, sagt ein bekannter M&A-Anwalt über den Wettbewerber. Er selbst arbeitet für ein deutsches Büro einer US-Spitzenkanzlei und verfolgt den Weg der Konkurrentin daher mit besonderem Interesse.
Seit dem Jahr 2019 hat Freshfields die Zahl ihrer Anwälte im mit Abstand wichtigsten Kanzleimarkt der Welt über die Hälfte auf mehr als 300 Berufsträger erhöht. Freshfields setzt auf Standorte im Finanzzentrum New York, der Hauptstadt Washington und im Silicon Valley. Allein im Geschäftsjahr 2022 steigerte Freshfields den US-Umsatz um fast 30 Prozent auf knapp 282 Millionen Dollar. Die Erlöse in Europa stagnierten dagegen bei knapp 1,3 Milliarden britischen Pfund, das sind umgerechnet 1,6 Milliarden US-Dollar.
Für europäische Spitzenkanzleien ist es nicht einfach, in Amerika mit den etablierten Topadressen zu konkurrieren. Der Grund ist einfach: US-Firmen sind deutlich profitabler als die Wettbewerber auf dem alten Kontinent. Stundensätze der Partner übersteigen leicht die Marke von 1000 US-Dollar, außerdem gibt es viel mehr große Deals und Kapitalmarkttransaktionen, die besonders üppig vergütet werden. Deshalb fällt es den Amerikanern leichter, für ihre Büros in London, Paris, Frankfurt oder München hochkarätige Partner zu akquirieren.
US-Kanzleien sind produktiver
Bei der Produktivität, gemessen am Umsatz pro Berufsträger, dominieren in aller Regel US-Kanzleien. In den gesamten Top Ten findet sich keine Kanzlei, die nicht ihren Hauptsitz in den USA hat. Spitzenreiter waren nach Erhebungen des Branchendienstes Juve im Jahr 2021/2022 Kirkland & Ellis und King & Spalding, bei denen jeder deutsche Anwalt im Durchschnitt 1,4 Millionen Euro Umsatz erzielte. Auf den nächsten Plätzen folgten Latham & Watkins, Sullivan & Cromwell, Dechert und Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan, die jeweils die Marke von 1,2 Millionen Euro knackten.
Allerdings konzentrieren sich die meisten US-Kanzleien auch auf das besonders lukrative Geschäft: Das sind mittlere und große Firmenübernahmen, Börsengänge und Finanzierungen. Hier lässt sich das meiste Geld verdienen. Rechtsgebiete wie Baurecht oder öffentliches Recht spielen keine Rolle. Und Steuer- oder Arbeitsrecht sind allenfalls Randbereiche, in denen einzelne Spezialisten bei den großen Transaktionen zuarbeiten.
Die deutsche Spitzenkanzlei Hengeler Mueller lag im Produktivitätsranking 2021/2022 als beste Nicht-US-Kanzlei mit einem Umsatz pro Berufsträger von knapp 950.000 Euro auf Platz 13. Sie verfolgt eine Strategie der Eigenständigkeit. „Wir sind unabhängig und werden es auch bleiben“, sagt Co-Managing-Partner Bernd Wirbel.
Er sieht keine Notwendigkeit, sich mit anderen europäischen oder gar US-amerikanischen Sozietäten zusammenzuschließen. Hengeler arbeitet punktuell mit Best Friends zusammen. In Europa sind das Bonelli Erede in Italien, Bredin Prat in Frankreich, De Brauw Blackstone Westbroek in den Niederlanden, Slaughter and May in Großbritannien und Uría Menéndez in Spanien und Portugal.
Hengeler pflegt US-Netzwerk
Auch zu den Amerikanern unterhält Hengeler beste Beziehungen, etwa zu Cravath, Swaine & Moore oder zu Davis Polk & Wardwell. „Wir fühlen uns damit sehr wohl. Es hindert uns nicht, bei großen, internationalen Deals dabei zu sein“, sagt Wirbel. Zuletzt war Hengeler am Verkauf des Heizungsbauers Viessmann beteiligt, an einer Akquisition der Deutschen Börse und dem Einstieg von Silverlake bei der Software AG.
Dass das M&A-Geschäft insgesamt eher schleppend läuft, spürt auch Hengeler punktuell. Vor allem die sich eintrübende Konjunktur und die steigenden Finanzierungskosten führen dazu, dass die Vorstellungen potenzieller Käufer und Verkäufer häufig nicht mehr zusammenpassen.
Anders als die hochspezialisierten M&A-Kanzleien könne Hengeler Dellen durch seine gute Marktposition bei mittelgroßen Deals und laufende gesellschaftsrechtliche Mandate aber gut kompensieren, so Wirbel. „Wir haben zudem eine starke Litigation-Praxis und immer mehr Compliance-Geschäft, das komplett konjunkturunabhängig ist.“
Lesen Sie auch:
Bei Hengeler hat unterdessen zuletzt ein anderer Schritt für einige Aufmerksamkeit im Kanzleimarkt gesorgt. Die Kanzlei hat den Status des „Salary Partner“ eingeführt, eine Vorstufe des klassischen „Equity Partner“. Im Gegensatz zum Equity Partner ist ein Salary Partner kein Gesellschafter, sondern bekommt weiterhin ein festes Gehalt plus Boni.
Bislang stand nach sechs Jahren die Entscheidung über die Vollpartnerschaft an. Dieser Weg wird nun um zwei Jahre verlängert. Gelingt der Schritt in die vollwertige Partnerschaft nicht, ist die Arbeit als Salary Partner dauerhaft möglich. Klar dürfte auch sein: Der Schritt geschieht nicht zuletzt mit dem Ziel, im Wettbewerb mit internationalen Konkurrenten mehr Talente an sich zu binden. Vor allem finanzstarke US-Kanzleien werben immer offensiver um Nachwuchskräfte von Topadressen wie Freshfields und Hengeler.
Markt in Bewegung
Auch wenn zwei Spitzenkanzleien wie Freshfields und Hengeler eine andere US-Strategie als Allen & Overy verfolgen: Die nahende Fusion zwischen den Briten und Shearman bringt Unruhe in den Markt. So meint der als US-Anwalt qualifizierte Kapitalmarktexperte Gernot Wagner, Partner bei der US-Kanzlei White & Case: „Kommt es zur Fusion, könnte das ein Gamechanger werden. Der Druck auf andere Einheiten, ihren Mandanten ein noch besser zugeschnittenes Angebot zu machen, wird wachsen.“
Das betrifft insbesondere britische Spitzenkanzleien wie Linklaters oder Clifford Chance. Sie gehören im Heimatmarkt Großbritannien ebenso wie Freshfields und Allen & Overy zum sogenannten Magic Circle und damit auch zu den größten Konkurrenten der US-Kanzleien außerhalb des eigenen Landes.
„Die USA sind der wichtigste Rechtsmarkt der Welt und machen mehr als die Hälfte des globalen Geschäfts aus“, sagt Andreas Steck, Managing Partner für Kontinentaleuropa bei Linklaters. Ein geplanter Zusammenschluss von der Größenordnung Allen & Overy und Shearman bringe Bewegung in den Wettbewerb. Eine Nachfrage zu transatlantischen Wachstumsplänen von Linklaters kommentiert Steck aber nur knapp: „Wir haben generell zum Ziel, unsere Präsenz im US-Markt weiter auszubauen“, so der Kanzleimanager.
Einen Zusammenschluss mit Shearman sollen auch andere Kanzleien geprüft haben, allerdings war Shearman für sie offenbar nicht mehr attraktiv genug. Es heißt, dass die Marke Shearman zwar noch Strahlkraft habe. Doch in den vergangenen Jahren haben viele renommierte Anwälte die Kanzlei verlassen. Gerade mal ein gutes Dutzend Partner könnte eine in Europa beheimate Topkanzlei im US-Markt weiterbringen. Angesichts der Gesamtgröße von Shearman sei das zu wenig.
A&O will besseren Zugang zur Wall Street
Ein weiteres Problem sehen Marktkenner darin, dass hohe Pensionsverpflichtungen auf Shearman lasten. Dass Allen & Overy dennoch mit der schwächelnden Shearman zusammengehen will, liege vor allem daran, dass die Kanzlei schon seit Langem auf bessere, institutionalisierte Kontakte zu Banken an der Wall Street schiele. Aus Sicht von Allen & Overy überwiegen offenbar die Chancen.
Der Umstand, dass Allen & Overy dem Fusionspartner Shearman quasi als Retter zur Seite springt, könnte für Druck auf die Preise sorgen, fürchtet ein Wettbewerber. Die neue Einheit müsse alles tun, um für eine volle Auslastung zu sorgen.
Das zunehmende Gewicht des US-Markts dürfte weitere Folgen haben: In den vergangenen Jahren habe die Bedeutung deutscher Partner in einigen Law Firms abgenommen, sagt der Anwalt einer US-Kanzlei: „Das hat keinen gestört, weil die Profitabilität stieg und am Ende mehr Geld floss.“ Wenn Kanzleien nun stärker in den USA investieren, um dort Anwälte zu gewinnen oder zu halten, könnten am Ende die Partner aus anderen Ländern weniger verdienen, auch in Deutschland.