Krankenhaus-Rating-Report Deutschen Kliniken fehlen bald Zehntausende Fachkräfte

Personalengpässe in Kliniken könnten zu Versorgungsengpässen führen, warnt eine Studie. Auch bei der Digitalisierung hinken Krankenhäuser hinterher.
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Neben einer besseren technischen Ausstattung könnte auch eine Ausweitung der ambulanten Behandlung Personalengpässe im Krankenhaus lindern. Quelle: dpa
Medizinisches Personal im Krankenhaus

Neben einer besseren technischen Ausstattung könnte auch eine Ausweitung der ambulanten Behandlung Personalengpässe im Krankenhaus lindern.

(Foto: dpa)

FrankfurtDeutschlands Krankenhäusern geht es dank einiger Reformen, die noch unter Gesundheitsminister Herrmann Gröhe angestoßen wurden, wirtschaftlich ganz gut. Die Patientenzahlen steigen, die Branche verdient mehr, und weniger Kliniken als in den Vorjahren schreiben rote Zahlen.

Das Thema Fachkräftemangel könnte die Versorgung der Patienten in Deutschlands in den kommenden Jahren erheblich beeinträchtigen, erwarten die Autoren des am heutigen Donnerstag in Berlin vorgestellten Krankenhaus-Rating-Reports. Soll der Status Quo gehalten werden, fehlen bis 2025 in den medizinischen Diensten der Krankenhäuser rund 80.000 Vollkräfte, rechnen die Experten vor.

Gelang es den Kliniken bisher, den Personalbestand im Wesentlichen an die wachsende Leistungsmenge anzupassen, so könnten Personalengpässe in Zukunft sogar zu einer Rationierung von Leistungen führen, fürchten die Autoren. „Schon heute hören wir aus vielen Kliniken, dass sie bestimmte Fachabteilungen nicht in dem gewünschten Maße aufbauen können, weil die Stellen nicht besetzt werden können“, sagt Mitautor Sebastian Krolop, Leiter des Bereichs Life Science and Health Care bei der Unternehmensberatung Deloitte.

Der Krankenhaus-Rating-Report ist ein Gemeinschaftswerk des Wirtschaftsinstituts RWI, der Unternehmensberatung Deloitte und dem Institute für Health Care Business. Er analysiert jährlich die wirtschaftliche Lage der deutschen Kliniken.

Um die drohende Personalknappheit zu verhindern, fordern die Autoren gezielte Maßnahmen zum Aufbau von medizinischen Fachkräften sowie den Einsatz von mehr Technologie. „Arbeitssparende technische Innovationen werden immer wichtiger, um Ärzte und Pflegekräfte zu entlasten“, sagt Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Assistierende Roboter, Telemedizin und künstliche Intelligenz etwa zur Unterstützung von Diagnosen könnten dazu beitragen. Aber, so beklagt Augurzky: „Der derzeitige Digitalisierungsgrad deutscher Krankenhäuser ist noch äußerst bescheiden.“

Beispiel elektronische Patientenakte: Rund 2500 Krankenhäuser in Europa erreichen derzeit die beiden höchsten Technologiestufen nach dem international anerkannten Bewertungsmodell HIMSS: die papierlose elektronische Patientenakte, die alle klinischen Bereiche integriert und den Austausch mit anderen Leistungserbringern ermöglicht. In Deutschland sind es gerade zwei Kliniken, die diesen Status erreichen, Italien etwa oder die Türkei kommen auf deutlich mehr Krankenhäuser.

Neben einer besseren technischen Ausstattung könnte auch eine Ausweitung der ambulanten Behandlung Personalengpässe im Krankenhaus lindern, so die Autoren. Aber dafür gebe es für die Krankenhäuser keine Anreize, kritisiert Gesundheitsexperte Augurzky.

Das Entgeltsystem in Deutschland macht es derzeit für die Krankenhäuser attraktiver, Patienten stationär aufzunehmen, auch wenn sie ambulant behandelt werden könnten. „Es muss also darum gehen, das Vergütungssystem so zu verändern, dass ein Krankenhaus Interesse daran hat, solche Leistungen ambulant zu erbringen“, sagt Augurzky.

Laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes gab es 2016 rund 1950 Krankenhäuser in Deutschland. Insgesamt flossen rund 92,5 Milliarden Euro in diesen Bereich. Mehr als 158.000 Ärzte und 325.000 Pflegekräfte kümmern sich jährlich um mehr als 19,5 Millionen Patientenfälle.

Für die Analyse der wirtschaftlichen Lage der Kliniken wertete der Rating-Report rund 860 Jahresabschlüsse von Krankenhäusern aus. Danach machten 2016 nur noch 13 Prozent der Kliniken Verlust, im Jahr zuvor waren es noch fast 22 Prozent.

Warum in Sachsen nur wenige Kliniken rote Zahlen schreiben

Regional gibt es allerdings große Unterschiede: Vor allem in reicheren Bundesländern arbeiten mehr Kliniken in den roten Zahlen, in Baden-Württemberg etwa machen 39 Prozent der Kliniken Verlust, in Hessen 24 Prozent und in Bayern 16 Prozent. In Sachsen dagegen sind es gerade zwei Prozent der Kliniken. Die Autoren des Reports erklären das unter anderem damit, dass reichere Landkreise und Kommunen eher bereit sind, etwaige Verluste ihrer Kliniken auszugleichen.

Speziell Sachsen zeichnet sich laut Studienautor Augurzky dadurch aus, dass zwar nicht weniger Betten je Einwohner gibt, aber diese Betten auf weniger Standorte verteilt sind als in anderen Bundesländern. „Im Ergebnis gibt es weniger kleine und mehr mittelgroße Krankenhäuser in Sachsen, womit sich Vorhaltekosten besser decken lassen“, so Augurzky.

Doch auch wenn sich die Ertragssituation der Kliniken in Deutschland insgesamt verbessert hat, bleibt die Kapitalausstattung weiterhin unzureichend. „Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Bundesländer seit Jahren ihrem Auftrag, die Investitionen der Krankenhäuser zu finanzieren, nicht nachkommen“, sagt Deloitte-Partner Krolop. Laut Rating-Report fehlen aktuell drei Milliarden Euro Fördermittel, um den jährlichen Investitionsbedarf von rund 5,8 Milliarden Euro zu decken.

„Ist die Kapitalausstattung schlecht, kann eine Klinik auch nicht in Digitalisierung investieren“, so Krolop. „Damit Deutschland hier aufholen kann, sollte auch das Entgeltsystem so reformiert werden, dass mit den Fallpauschalen der technologische Fortschritt zu einem Teil refinanziert werden kann“, fordert er.

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