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Krankenhausmarkt Leere Betten, leere Kassen – „Die Krise für die Kliniken kommt erst noch“

Die Leerstände in deutschen Kliniken sind wegen der Coronakrise groß. Aus Angst vor Infektionen bleiben zusätzlich Patienten weg. Die nächste Schieflage droht.
29.04.2020 - 10:37 Uhr Kommentieren
Vielen Krankenhäusern gehen in der Coronakrise die Patienten aus. Quelle: dpa
Leere Patientenbetten

Vielen Krankenhäusern gehen in der Coronakrise die Patienten aus.

(Foto: dpa)

Frankfurt In „akuter Sorge“ schrieb der Bingener Oberbürgermeister Thomas Feser jüngst an seinen Parteikollegen Gesundheitsminister Jens Spahn: Dem Heilig-Geist-Hospital in Bingen könnte in den nächsten Monaten eine Halbierung der Umsätze drohen, was das Haus akut gefährden würde.

Auslöser ist die Corona-Pandemie: In dem als Corona-Spezialklinik ausgewiesenen Haus war vergangene Woche nur rund ein Drittel der 132 Betten mit Covid-19-Patienten belegt. Für die restlichen Betten, die frei bleiben müssen, erhält das Krankenhaus als Ausgleichspauschale vom Staat 560 Euro pro Tag und Bett. Um die Kosten zu decken, müsste das Heilig-Geist-Hospital aber 700 Euro pro Tag bekommen, heißt es aus der Klinikholding. Jetzt hofft Oberbürgermeister Feser auf „kreative Maßnahmen“ seitens des Bundesgesundheitsministers.

Während Deutschland derzeit im Ausland für seine frei geräumten Kapazitäten für Covid-19-Patienten bewundert wird, wird die Nichtauslastung der Betten für die Krankenhausbetreiber zu einem Problem. Von den 32.000 Intensivbetten beispielsweise sind derzeit rund 19.000 belegt, davon knapp 2500 mit Covid-19-Patienten, zeigt das Intensivregister der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Viele Krankenhäuser haben mit der Unterbelegung finanziell zu kämpfen, bestätigt die Deutsche Krankenhausgesellschaft DKG auf Nachfrage des Handelsblatts. „Durch die richtige Entscheidung, planbare und nicht lebensnotwendige Eingriffe aufzuschieben, um für die Eventualitäten in der Coronakrise gewappnet zu sein, ergeben sich nun rund 150.000 leere Krankenhausbetten“, schreibt die DKG.

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    Das entspricht einem Leerstand von 30 bis 40 Prozent gemessen an der sonst üblichen Belegung in den 1900 Kliniken Deutschlands. Branchenexperten wie Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim RWI Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung, rechnen sogar mit einem durchschnittlichen Leerstand von 50 Prozent in einem Markt, der für mehr als 90 Milliarden Euro Umsatz steht.

    Zwar hatte die Bundesregierung Ende März einen milliardenschweren Rettungsschirm über die Branche gespannt, um die Ausfälle auszugleichen. Aber mit den festgesetzten Werten kommen längst nicht alle Kliniken zurecht: „Der Rettungsschirm ersetzt nicht alle wegbrechenden Erlöse, aber er ist so ausgestaltet, dass Insolvenzen vermieden werden können“, sagt etwa Thomas Lemke, Vorstandvorsitzender des privaten Klinikbetreibers Sana.

    „Die großen Kliniken, die Patienten mit einem hohen Schweregrad behandeln, fahren mit den Zahlungen aus dem Rettungsschirm im Vergleich zu anderen Häusern deutlich schlechter. Sie haben insgesamt höhere Kosten, die mit der Ausgleichszahlung für nicht behandelte Patienten nicht gedeckt werden können“, sagt der Klinikchef, der zugleich auch Vizepräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist.

    Probleme auch bei Pflegekosten

    Beispiel Tagespauschale: Für jeden im Vergleich zum Vorjahr nicht behandelten Patienten erhalten Krankenhäuser eine Ausgleichszahlung von 560 Euro pro Tag. „Für eine kleine Klinik mit Basisversorgung kann das ein ordentlicher Gewinn sein, weil sie normalerweise keine 560 Euro pro Tag pro Patient erlöst“, analysiert Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ beim RWI Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung. Auf der anderen Seite zahlten Unikliniken und Maximalversorger oder Spezialkliniken mit komplexen Fällen drauf.

    Beispiel Materialkosten: Die sind massiv gestiegen: „Die Pauschale von 50 Euro pro Patient reicht bei Weitem nicht aus, um den riesigen Verbrauch an Schutzkleidung, die zudem deutlich teurer geworden ist, bezahlen zu können. Wir rechnen hier mindestens mit einer doppelt so hohen Summe, die wir pro Patient brauchen“, sagt Sana-Chef Lemke.

    Grafik

    Und auch bei den Pflegekosten gibt es Probleme: Krankenhäuser bekommen zwar ab dem ersten April mit 185 Euro einen um rund 40 Euro höheren Betrag pro Patient von den Krankenkassen. Da aber viel weniger Patienten behandelt werden, fällt das Pflegeentgelt bei manchen Betreibern in Summe niedriger aus, als es bei normaler Belegung der Fall wäre. Die Differenz soll zwar am Jahresende von den Krankenkassen erstattet werden, aber bis dahin muss die Liquidität der Kliniken, die ihr Personal weiterbezahlen müssen, auch erst einmal reichen.

    Nach Berechnungen der DKG haben die Krankenhäuser derzeit auf vier Wochen gerechnet einen Erlösausfall von rund drei Milliarden Euro. Durch den Rettungsschirm bekommen sie zwei bis 2,5 Milliarden Euro zurück. Inzwischen hat die Bundesregierung geregelt, dass in ein paar Wochen noch einmal finanziell nachjustiert werden soll. An diesem Mittwoch trifft sich dazu erstmals ein neu geschaffener Expertenbeirat, um zeitnah Empfehlungen zur Nachsteuerung zu geben. Mit dabei sind Sana-Chef Thomas Lemke wie auch RWI-Experte Boris Augurzky.

    Bis die Nachzahlungen fließen, könnte aber ein anderes Problem noch viel schwerer wiegen. Denn zurzeit kommen viel weniger Patienten als normalerweise in die Krankenhäuser – aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus.

    Können sich die Notaufnahmen der Kliniken sonst des Ansturms kaum erwehren, bleiben mittlerweile selbst Patienten mit schweren Erkrankungen fern. „Die Zahl der Patienten mit Schlaganfällen, Herzinfarkten in unseren Notaufnahmen liegt deutlich niedriger als normal, aber auch onkologische Patienten verschieben möglicherweise notwendige Therapien“, sagt Kai Hankeln, CEO des privaten Klinikkonzerns Asklepios. Das sei sehr beunruhigend. „Wir möchten ja Patienten behandeln und keinen Leerstand verwalten“, sagt Hankeln.

    Nachholeffekte könnten ausbleiben

    Auch Sana-Chef Lemke ist der Ansicht, dass die Angst der Patienten vor dem Krankenhaus für die Branche zu einem großen Problem werde. „Wir werden noch lange damit zu kämpfen haben, dass wir das Grundvertrauen von Patienten wiederherstellen, sich ohne Furcht vor einer Corona-Infektion in eine Klinik zu begeben.“

    Ohnehin ist Lemke nicht sehr optimistisch beim Blick in die Zukunft: An Nachholeffekte durch die bisher verschobenen elektiven, also planbaren Eingriffe glaubt er nicht so recht. Was mit konservativen Behandlungen beim niedergelassenen Arzt erreicht werden könne, werde dort gemacht werden, meint er.

    „Die eigentliche Krise für die Kliniken kommt erst noch“, ist der Klinikchef überzeugt. „Es wird nach Covid-19 eine große Strukturdiskussion kommen, wie unsere medizinische Versorgung aussehen soll“, sagt er.

    Welche Rolle spielen dann Kliniken auf dem Lande? Werden Krankenhäuser weiter konzentriert und zentralisiert? „Diese Diskussion wird vor dem Hintergrund schlechter ausgestatteter Sozialsysteme geführt werden müssen wegen der negativen Folgen, die die Krise auf unsere Volkswirtschaft haben wird“, sagt Lemke.

    Branchenexperte Augurzky, Autor des jährlich erscheinenden Klinik-Rating-Reports, sieht die aktuelle Lage etwas positiver, auch wegen der Aussicht auf Nachzahlungen aus dem Rettungsschirm. „In der Gesamtschau wird die Branche dieses Jahr zumindest wirtschaftlich kein schlechtes Jahr haben. Vielleicht sogar ein gutes“, sagt der RWI-Experte. Nachdem sich die wirtschaftliche Lage der Kliniken in den letzten Jahren verschlechtert habe und die Zahl der Insolvenzen zunahm, erwartet er für 2020 eine Stabilisierung. „2021 könnte noch positiv beeinflusst sein, weil wir Nachholeffekte bei den elektiven Eingriffen sehen werden“, sagt Augurzky.

    Danach wird auch die Krankenhausbranche mit den Folgen einer Konjunkturkrise zu tun haben. „Ab 2022 wird es vermutlich stark bergab gehen. Wir erleben einen massiven Konjunktureinbruch, und die Schuldenlast des Staates steigt. Also werden die Kassen 2022 leer sein, und man wird wieder darüber nachdenken müssen, wie das Gesundheitssystem effizienter werden kann“, sagt Augurzky.

    Mehr: Kliniken in der Coronakrise – So soll die Rückkehr zum Normalbetrieb gelingen

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