Legal Tech Anwaltskanzleien verpassen die digitale Revolution

Wirtschaftsanwälte sind gefragt wie nie. Doch der Erfolg macht sie bei der Entwicklung neuer Geschäftsfelder und digitalen Innovationen träge.
  • Christian Sellmann
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Legal Tech: Kanzleien verpassen die digitale Revolution Quelle: sdecoret - stock.adobe.com
Auf dem Weg zum Tech-Anwalt

Wo bieten digitale Innovationen in der Anwaltsbranche echten Mehrwert?

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DüsseldorfDie Digitalisierung erfasst die Wirtschaftskanzleien. „Zeitenwende“ titelte jüngst das Branchenmagazin „Juve“. Es sei nicht sicher, ob am Ende der digitalen Transformation Wirtschaftsjuristen noch gebraucht würden. Eine ultimative Bedrohung für die so erfolgsverwöhnte Branche?

Einige Zeichen deuten darauf hin: Die Zahl der Legal-Tech-Konferenzen wächst rasant, Legal-Tech-Verbände werden gegründet, es entstehen Innovationszentren, und technikaffine Anwälte programmieren verschiedenste Apps. Der deutsche Jurist ist im Innovationsfieber. Kollege Computer revolutioniert nicht nur die Werkshallen, er wird auch in Anwaltskanzleien zu großen Umwälzungen führen. So scheint es zumindest – oder ist alles nur ein Hype?

Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema in keinem Verhältnis zur Relevanz in der Praxis von Wirtschaftsanwälten steht. Legal Tech ist derzeit vor allem ein Marketinginstrument, um die Innovationskraft der Kanzlei als Alleinstellungsmerkmal herauszustellen. Doch eine wirkliche Gefahr für Wirtschaftskanzleien sind solche alternativen, technikgetriebenen Dienstleister nicht.

Der Legal-Tech-Prophet Richard Susskind lag falsch. Die Zerlegung juristischer Beratungs- und Entscheidungsprozesse in kleine, von Maschinen lösbare Probleme wurde nicht zum großen Treiber der Digitalisierung. Beispiel Due Diligence, also die Prüfung eines zum Verkauf stehenden Unternehmens.

Legal Tech ist noch kein großer Markt

Diese Arbeit wird häufig als großes Tech-Einsatzfeld gesehen. Aber anders als noch vor 15 Jahren durchforstet heute nicht mehr eine Armada von Junganwälten tonnenweise Dokumente und Grundbuchauszüge. Das liegt vor allem an der Art der Deals. Kaufobjekte wandern heute oft von einer Private-Equity-Hand in die nächste. Umfangreiche neue Reports sind nur noch selten gefragt. Den großen Markt für Legal Tech gibt es hier nicht.

Auch in anderen Gebieten des Wirtschaftsrechts sind die Big-Data-Anwendungen noch längst nicht ausgereift genug. Derzeit profitieren die Kanzleien von der wachsenden Zahl großer gerichtlicher und außergerichtlicher Streitigkeiten sowie der Nachfrage von Unternehmen bei Compliance-Fragen.

In zahlreichen Unternehmen laufen interne Untersuchungen, der Dieselskandal in der Autoindustrie ist da exemplarisch. Selbstverständlich operieren Kanzleien dabei teils mit moderner Software. Algorithmen suchen aber mangels hinreichend verlässlicher Technik auch hier noch nicht in großen Aktenbergen nach der berühmten „Smoking Gun“.

Dabei bietet die Digitalisierung große Chancen für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder. Genutzt werden diese aber kaum. Ein Grund ist, dass vielen Rechtsberatern das Denken in Produkten fehlt. Die großen internationalen Strategieberatungen sind da weiter. Sie sind dabei, neben den traditionellen, nach Tagen bezahlten Beratungsprojekten skalierbare Digitalprodukte im Markt zu etablieren. Es geht dabei also nicht mehr nur darum, maßgeschneiderte Angebote zu machen, sondern ein einmal entwickeltes digitales Angebot an möglichst viele Kunden zu verkaufen – zu Grenzkosten von fast null.

Bei Marktführern im Rechtsmarkt Vergleichbares vorzuschlagen – da würde man wohl häufig ungläubige Blicke ernten. Ihnen würde ein Blick über den Tellerrand helfen. So steigt beispielsweise die Investmentbank Goldman Sachs gerade mit ihrer Online-Retail-Sparte „Marcus“ in das Massengeschäft mit Privatkunden ein – ganz ohne Sorge um eigene Marke oder Identität. Wie wäre es eigentlich, wenn Platzhirsche des Rechtsmarkts Ähnliches im juristischen Bereich versuchten? Das wäre bis dato kaum vorstellbar.

Branche bietet kaum attraktive Posten

Die digitale Revolution bleibt schließlich auch an anderer Stelle aus: Sicher, die eine oder andere Großkanzlei hat Posten wie einen „Legal Project Leader“ oder „Legal Data Scientists“ geschaffen. Doch von einer wirklich relevanten Zahl von Arbeitsplätzen kann keine Rede sein.

Das liegt auch daran, dass die Posten schlichtweg unattraktiv sind. Welcher begabte Projektleiter oder Datenanalyst würde schon zu einer Großkanzlei gehen, bei der eine eher unterdurchschnittliche Bezahlung und ein Zweite-Klasse-Status unter den altehrwürdigen Partnern winkt?

Zu meinen, dass jeder Jurist wenigstens ein bisschen programmieren können müsste, ist allerdings ein naiver Irrglaube. Viel wichtiger als Programmierer mit juristischen Kenntnissen (und umgekehrt) sind Rechtsexperten, die interdisziplinäre Teams mit einer technikaffinen Attitüde führen können. Dazu müssen sie gar nicht selbst programmieren können, sie müssen jedoch die Welt der Paragrafen verlassen und sich auf die Denkweise der Programmierer einlassen können. Nur so kann etwas wirklich Neues entstehen.

Innovation erfordert nicht den Blick in die Glaskugel. Im Gegenteil: Der Innovationsweltmeister Amazon nimmt vielmehr sichere Konstanten als Ausgangspunkt für Innovationen. Auch im Jahr 2030 werden für den Kunden beim Einkaufen der Preis, die Auswahl und die Verfügbarkeit von Produkten wichtig sein. Ziel einer Innovation muss es sein, diese Konstanten zu erkennen und zu nutzen.

Dieser Gedanke lässt sich auf den Anwaltsmarkt übertragen. Kanzleien haben zwei Kunden – die Mandanten und ihre Mitarbeiter: Die Kanzleien müssen sich fragen, was Mandanten wirklich wollen und wo digitale Innovationen echten Mehrwert bieten.

Wann aber haben Kanzleien systematisch erhoben, was Mandanten nachfragen und wo digitale Innovation gewünscht ist? Wird wirklich modern und datenorientiert um Aufträge gerungen? Gibt es bahnbrechende Fortschritte bei der Preisgestaltung? Haben Anwälte die Werkzeuge und Fähigkeiten, nicht nur ein exzellenter Jurist, sondern auch ein moderner Berater zu sein?

Eine weitere Herausforderung für Kanzleien ist es, angesichts des boomenden Marktes und des Fachkräftemangels qualifiziertes Personal zu rekrutieren, zu halten und zu motivieren. Schließlich sucht gegenwärtig jeder vierte Berater zusätzliches Personal. Dabei gilt es, attraktive unterschiedliche Karrierepfade anzubieten und die Ansprüche und familiären Wünsche der Mitarbeiter wirklich zu berücksichtigen. Auch die Ausbildung sollte moderner und digitaler erfolgen. Kanzleien müssen sich mehr an modernen Unternehmen orientieren als bisher. Das erfordert ein tiefgreifendes Umdenken.

Unmittelbar Sorgen müssen sich die Anwälte aber offenkundig nicht machen. Im Frühjahr 2018 machte die Branche laut Ifo-Beraterklima eine durchschnittliche Umsatzentwicklung „auf hohem Niveau“. Knapp ein Viertel der Berater geht von Umsatzsteigerungen in den nächsten Monaten aus. Dennoch: Wer in einem wachsenden Markt den Wettlauf um die besten Köpfe und Ideen gewinnen will, der darf weder in alten Tradition verharren noch jedem Trend hinterherlaufen. Aber er muss viel genauer hinhören: Was wollen seine Mandanten wirklich, wie „ticken“ die Mitarbeiter tatsächlich? Auf solche Fragen werden die Kanzleien durchaus unbequeme Antworten bekommen. Wenn sie die richtigen Schlüsse daraus ziehen, müssen sie sich um ihre Zukunft nicht sorgen.

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