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Luftfahrt Das müssen Sie zum Showdown bei der Gewerkschaft UFO wissen

Der Streit mit der Lufthansa spitzt sich zu – die Mitglieder sollen über die Zukunft der umstrittenen Vertretung entscheiden. Und über neue Streiks.
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Die Lufthansa fordert auch bei ihren Flugbegleitern Einsparungen. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Flugbegleiterin der Lufthansa

Die Lufthansa fordert auch bei ihren Flugbegleitern Einsparungen.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

FrankfurtFür Markus Kahrs ist die Lage klar. Er will am Mittwoch auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung der Flugbegleitergewerkschaft UFO für die Abwahl des gesamten Vorstands stimmen. „Wir brauchen bei der UFO einen Neuanfang, und dafür brauchen wir neue Köpfe“, sagt Kahrs, der als Kabinenmitarbeiter bei der Lufthansa arbeitet.

Ganz anders sieht es seine Frau Bettina, ebenfalls für Lufthansa tätig. Sie ist für den Verbleib einer Clique um Nicoley Baublies. Nur er habe die Fähigkeit, der Lufthansa in der bevorstehenden Tarifauseinandersetzung Paroli zu bieten. Die Kahrs heißen in der Realität anders; ihre eigentlichen Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen, da der Konflikt so aufgeheizt sei.

Selbst innerhalb von Familien wird mittlerweile über das Gebaren und die künftige Ausrichtung der Spartengewerkschaft mit rund 30.000 Mitgliedern gerungen. Seit Monaten streiten zwei Fraktionen um die Macht. Es ist eine lähmende Auseinandersetzung. Dabei schwelt parallel ein Tarifkonflikt. Weil Einsparziele im bisherig geltenden Vertrag nicht erreicht wurden, fordert Lufthansa Nachbesserungen.

Für Mittwoch 12 Uhr hat die UFO nun ihre Mitglieder zu einer außerordentlichen Versammlung in das Bürgerhaus Mörfelden gerufen. Wird es ein Tag der großen Abrechnung? Die Tagesordnung liest sich jedenfalls so. Aufgrund von nachträglich eingereichten Anträgen wurde diese ausgiebig ergänzt. Etwa um Top 14: „Abwahl des gesamten Vorstandes.“ Von einer „richtungsweisenden Versammlung“ ist in der Einladung deshalb die Rede.

Es gehe darum, „in welcher Form es nach dieser Mitgliederversammlung noch eine eigenständige Vertretung durch UFO gibt“. Sogar anwaltschaftlicher Beistand wurde für das Treffen organisiert, so heikel sind die Themen.
Am Montag schufen drei Vorstandsmitglieder schon mal Fakten. Alexander Behrens und Christoph Drescher traten mit sofortiger Wirkung zurück.

Auch Vorständin Anne Struck legte laut Gewerkschaftskreisen ihr Amt nieder. Es ist der fast schon verzweifelte Versuch, eine Abwahl des gesamten Vorstands zu beschleunigen. „Unsere UFO benötigt den Neustart jetzt“, heißt es in den Rücktrittserklärungen von Behrens und Drescher übereinstimmend.

Neuwahl des Vorstands?

Ob die Taktik aufgeht, ist schwer zu sagen. Baublies erklärte auf Anfrage, dass die Satzung eine sofortige Ab- und eine anschließende Neuwahl nicht erlaube: „Viele unsere Mitglieder können nicht an der Versammlung teilnehmen, weil sie unterwegs sind. Deshalb müssen Neuwahlen per Briefwahl gemacht werden, das braucht eine gewisse Zeit.“

Auf der Mitgliederversammlung könnten aber Neuwahlen eingeleitet werden. Im Übrigen sei die Idee eines Vorstandsrücktritts nicht neu. „Wir haben das schon vor einem Jahr gefordert“, sagte Baublies. Doch über die Modalitäten, vor allem aber die Neubesetzung des Gremiums konnte man sich damals nicht einig werden.

Das gegnerische Lager indes will nicht auf das lange Wahlverfahren warten. Deren Vertreter haben deshalb vorbeugend den Punkt 15 in der Tagesordnung aufnehmen lassen: „Aufhebung der Wahlordnung für eine direkte Neuwahl am 22.05.2019 durch die Mitgliederversammlung und Neuwahl des Vorstandes“.

Die Schlammschlacht sorgt bei den Mitgliedern wie Markus und Bettina Kahrs für einen wachsenden Frust. Sie haben nicht nur längst den Überblick über die Kräfteverhältnisse verloren. Viele fürchten auch um die Handlungsfähigkeit ihrer Vertreter. Dabei ist gerade die in diesen Tagen gefragt. Denn die Lufthansa fordert massive Einsparungen und hat dazu ein Druckmittel, das ihr Baublies mit dem letzten Tarifvertrag selbst in die Hand gegeben hat.

Sollten gewisse Kennzahlen nicht erreicht werden, dann kann die Lufthansa sich das Geld von den Flugbegleitern zurückholen. Bei der letzten Runde fehlten vier Millionen Euro, was weitgehend durch den Wegfall einer zweiten Übernachtung bei Flügen nach Japan und Südkorea abgedeckt wurde. Mittlerweile geht es aber um viel mehr Geld.

Behrens spricht in seiner Rücktrittserklärung von „fast 40 Millionen Euro“. Laut Lufthansa geht es konkret um 38,5 Millionen Euro. „Noch steht nicht fest, woher das Geld kommt. Aber die Einschnitte werden massiv sein“, sagt ein Insider der Gewerkschaft.

Die Zahl birgt Sprengstoff – nicht zuletzt für Baublies. Der versucht seit Längerem den Befreiungsschlag und hat der Lufthansa mehrfach mit Streik gedroht. Das hätte verheerende Folgen für die Lufthansa-Kunden. Denn ohne Crews hebt kein Jet ab. Aus Sicht seiner Kritiker will Baublies über den Konflikt mit der Lufthansa die Flugbegleiter hinter sich vereinen. Die Solidarität steige während einer Streikphase, sagt ein hochrangiger UFO-Funktionär.

Ende Juni läuft der geltende Tarifvertrag aus, den Baublies vor einiger Zeit schon gekündigt hat. Die Lufthansa wehrt sich auf ungewöhnlichem Weg. Sie bezweifelt nach dem ganzen Hickhack bei der UFO, dass Baublies überhaupt Vorstandschef ist, er deshalb das Tarifwerk gar nicht kündigen durfte. Am 4. Juni wird dieser Streit vor dem Arbeitsgericht in Frankfurt verhandelt.

Ein gewaltiges Chaos also. Ob das ausreicht, um am Mittwoch einen komplett neuen und unbelasteten Vorstand ins Amt zu hieven, ist gleichwohl offen. Auch wenn viele Kabinenmitarbeiter nur noch von ihrer Gewerkschaft genervt sind, für andere ist Baublies auch der starke Mann, den die UFO braucht.

„Ich wage keine Prognose, was am Mittwoch passiert“, sagt ein Gewerkschaftler. Baublies werde seine Position sicher mit aller Macht vereidigen: „Er wird sich eine entsprechende Unterstützung gesichert haben.“
Das wäre für Behrens und Drescher eine bittere Niederlage.

Gemeinsam mit Thomas Klappert waren beide 2016 angetreten, um als Erneuerer die Organisation und deren Finanzen zu ordnen. Die „hierarchischen internen Strukturen des Systems Baublies sollten aufgelöst“ werden, so das Ziel. Doch die Sache lief völlig aus dem Ruder.

Seit Monaten werfen sich die Fraktionen gegenseitig vor, Gelder der UFO zweckentfremdet zu haben. Mal geht es um überhöhte Gehälter, teure Besuche auf dem Oktoberfest und mal um Privatreisen, die falsch abgerechnet wurden. Behrens räumt ein, eine Privatreise über seine UFO-Kreditkarte abgerechnet zu haben. Der Fehler sei umgehend korrigiert und das Geld an die UFO überwiesen worden, erklärte sein Anwalt.

Behörden ermitteln

Inzwischen befassen sich die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Darmstadt mit dem Finanzgebaren der UFO-Oberen. Letzte Woche wurden die Büroräume der UFO und der übergeordneten IGL durchsucht. Die Behörde in Darmstadt ermittelt auch gegen Baublies.

So soll er unerlaubt Gelder für eine Kanzlei angewiesen haben und selbst Reisen getätigt haben, die eher privater Natur waren. Der Beirat der UFO hatte zudem laut einem Schreiben vom 24. Februar 2019 von ihm Aufklärung über Essensrechnungen und Reisen verlangt, allerdings vergebens.

Baublies widerspricht: „Die Vorwürfe, die im Durchsuchungsbeschluss gegen mich erhoben werden, werde ich sehr schnell entkräften können. Ich kann auf der Mitgliederversammlung Unterlagen, Protokolle und andere Dokumente vorlegen.“ Mittlerweile gesellen sich zum inhaltlichen Streit auch persönliche Vorwürfe – vor allem in einer Facebook-Gruppe. Der Ton am Mittwoch dürfte also rau werden.

Mehr: Flugbegleiter im Fokus von Ermittlungen

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