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Max Viessmann Heizungsspezialist: „Ohne Gebäudewende keine Energiewende“

Der Heizungsbauer über verunsicherte Bürger, den Gebäudesektor als schlafenden Riesen und die Wichtigkeit verlässlicher Rahmenbedingungen beim Klimaschutz.
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Der Chef des Heizungsspezialisten hält viel vom kürzlich beschlossenen Klimapaket. Quelle: Vissmann
Max Viessmann

Der Chef des Heizungsspezialisten hält viel vom kürzlich beschlossenen Klimapaket.

(Foto: Vissmann)

Düsseldorf Max Viessmann, 30, ist gerade nicht in der Firmenzentrale des gleichnamigen Unternehmens im oberhessischen Allendorf, sondern in Berlin. Vor einer Woche wurde ganz in der Nähe das Klimapaket der Bundesregierung geschnürt. Darin steht unter anderem, es gebe eine Austauschprämie für alte Heizungen mit einem Förderanteil von 40 Prozent. Das Interview wird klimafreundlich per Video geführt.

Herr Viessmann, es heißt, Sie hätten das Klimapaket als Konjunkturprogramm für Ihre Branche gefeiert. Wie war es wirklich?
Zunächst: Wir haben nicht gefeiert. Wir sind aber sehr froh, dass die Bundesregierung sich klar zu ihrer Verantwortung für das Klima und die Auswirkungen auf nachkommende Generationen bekannt hat. Allerdings haben nicht marktwirtschaftliche Prozesse, sondern die Politik das Wohl und Wehe vieler Unternehmen in dieser Nacht beeinflusst. Als unabhängiger Familienunternehmer ist es mir wichtig, für das Unternehmen, seine Partner und Mitarbeiter klare und verlässliche Rahmenbedingungen zu haben.

Und wie beurteilen Sie das Paket für Ihre Branche?
Mittelfristig ist es genau das richtige Signal. Der veraltete Gebäudebestand in Deutschland ist für 25 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Um auch kurzfristig handeln zu können, brauchen die Bürger, das Handwerk und wir vor allem eines: Klarheit.

Also Klarheit darüber, welche Heizung gefördert wird?
Absolut. Unternehmen und Konsumenten müssen gleichermaßen wissen, welche Produkte förderfähig sind und welche nicht. Für diejenigen, die schon heute handeln und einen Beitrag leisten, müssen die Maßnahmen auch rückwirkend gelten. Insgesamt gibt es einen veralteten Heizungsbestand von zwölf Millionen Anlagen, die dringend saniert werden müssen.

Der Modernisierungsstau ist groß?
Es gibt viele Parallelen zum Mobilitätssektor – mit einem entscheidenden Unterschied. Die Autoindustrie verlagert das Problem mittels Elektromobilität nur auf die Energieerzeugung. Bei uns werden unsere Kunden auch Teil der Lösung, wenn sie selbst Wärme und Strom mit bereits verfügbaren Technologien erzeugen. Darin liegt eine entscheidende und große Chance.

Wie schätzen Sie den Monitoring-Mechanismus ein, den Bundesumweltministerin Schulze eingebracht hat?
Der ist inhaltlich gut, aber man sollte das nicht öffentlich zelebrieren, sondern intern regelmäßig auf den Prüfstand stellen. Was nicht passieren darf, ist, dass Verbraucher und Wirtschaft jedes Jahr mit neuen, nicht vorhersehbaren Rahmenbedingungen konfrontiert werden und nicht wissen, was sie langfristig tun sollen.

Sind Sie als Branche in die Beratungen des Klimakabinetts mit einbezogen worden?
Wir bringen uns selbstverständlich bei der Umsetzung ein. Unsere Branche ist sehr darauf bedacht, dass die Eckpunkte des Klimaschutzprogramms ökonomisch sinnvoll und vor allem sozial verträglich umgesetzt werden.
Sie kritisieren das Verbot der Ölheizung ab 2026?
Ja, weil nicht jeder die Wahl hat, da von den betroffenen rund 5,5 Millionen Haushalten viele über keine alternative Infrastruktur verfügen. Besser ist ein marktwirtschaftlicher CO2-Mechanismus.

Wie beurteilen Sie das Klimapaket aus Sicht eines Familienunternehmers?
Als Familienunternehmer in der vierten Generation, der gerade die fünfte Generation erwartet, sehe ich das sehr positiv. Wir sind an einem Punkt, an dem wir darüber entscheiden, wie die nachkommenden Generationen in Zukunft leben werden. Das sieht man nicht nur an den Freitagsdemonstrationen, sondern auch an unserem Unternehmensleitbild: „Wir gestalten Lebensräume für künftige Generationen.“

Das Leitbild haben Sie vor mehr als zwei Jahren entwickelt. Hatten Sie damals schon vor Augen, dass der Klimawandel Ihr Geschäft so beherrscht?
Damals haben wir unsere 12.000 Familienmitglieder (so nennt er die Mitarbeiter, d. Red.) gefragt, warum sie eigentlich bei uns sind. Die Antwort lautete: Weil man hier mitgestalten kann, wie zukünftige Generationen leben werden.
In welchem Maße?
Nachhaltigkeit ist bei uns seit Jahrzehnten tief verankert. Für mich war es sehr bewegend zu sehen, wie emotional die Mitarbeiter das Leitbild bei der ersten Vorstellung vor drei Jahren aufgenommen haben. Es gab Situationen, in denen Mitarbeiter, die seit über 30 Jahren Teil der Familie sind, unter Tränen zu mir sagten, sie hätten früher gedacht‚ dass sie lediglich Blechkisten zusammenschrauben. Jetzt hätten sie erkannt, dass sie mit ihrer Arbeit die Welt ihrer Kinder und Enkel verbessern – auch wenn es nur ein kleiner Beitrag sei. Das Leitbild ist also keine Reaktion auf die Öffentlichkeit, es ist unsere Daseinsberechtigung.

Ist die Regierung jetzt mit der richtigen Dosis an Anreizen und Zumutungen gestartet?
Der Gebäudesektor steht für 200 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. Wenn die Bürger selbst Wärme und auch Strom erzeugen, dann kann man noch viel mehr erreichen. Mittel- und langfristig muss die Politik vor allem die Forschung und Entwicklung fördern, damit die Wertschöpfung im Land bleibt. Das ist noch wichtiger als kurzfristige Anreize.

Welche Kohlendioxid-Bepreisung halten Sie als Unternehmer für sinnvoll?
Auf jeden Fall eine marktwirtschaftliche, mittelfristig kommen wir dann zu einer fairen Bepreisung. Es ist der absolut richtige Weg.

Im Klimapaket ist viel von der Entlastung der Bürger die Rede. Ist das wichtig für die Akzeptanz?
Die Bundeskanzlerin hat schon mehrfach hervorgehoben, dass der Gebäudesektor ein schlafender Riese ist. Die Aufmerksamkeit durch Anreize darauf zu lenken ist ein wichtiger Zwischenschritt.

Und wie sehen Sie das?
Wir können jetzt handeln, wir können die bis jetzt verpasste Chance nutzen. Wir müssen jetzt endlich die Gebäudewende meistern – ohne Gebäudewende keine Energiewende.

Und wie steht es um die Bereitschaft Ihrer Endkunden, ihre Heizungen klimafreundlicher zu machen?
Wir sehen zunächst eine große Verunsicherung. Seit August ist die Kundennachfrage in der gesamten Branche rückläufig. Daher müssen wir aufpassen, dass nicht noch länger gezögert wird, das schadet dem Klima und der Branche. Dabei ist das Bewusstsein der Menschen stark gewachsen. Es gibt auch sehr positive Beispiele. Bei uns im Unternehmen sehen wir zurzeit das größte Wachstum bei der Brennstoffzellenheizung, die gleichzeitig Wärme und Strom im Haus erzeugt. Wärmepumpen erleben insbesondere im Neubau einen regelrechten Boom. Wir alle können also jetzt schon aktiv werden, um einen ganz eigenen Beitrag für die Umwelt zu leisten.

Aber nur die Kunden, die sich das leisten können und nicht ländlich wohnen, oder?
Man muss unterscheiden zwischen denen, die wählen können, und denen, die keine Wahlmöglichkeit haben. Letztere müssen wir in die Lage versetzen, autarke Lösungen zu nutzen – unabhängig von der Gas-Infrastruktur.

Sie meinen, dass Haushalte sich selbst mit Strom und Wärme versorgen?
Ja. Entscheidend ist die Konnektivität und damit Upgradefähigkeit der Produkte. Damit kann man auch bestehende Anlagen über den Lebenszyklus optimieren. Die digitalen Möglichkeiten fehlen leider in dem Eckpunktepapier der Bundesregierung. Dabei sind sie volkswirtschaftlich enorm wichtig und entscheidend für die Zukunft.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte, die die Bundesregierung als Nächstes tun muss?
Klarheit schaffen und keine Nachteile für Bürger entstehen lassen, die schon jetzt etwas für das Klima tun.

Herr Viessmann, vielen Danke für das Interview.

Mehr: Beim Klimaschutz kommt es auf eine wirtschaftsverträgliche Lösung an, sagen die Politiker. Das Klimapaket zeigt aber: Die Bundesregierung weiß nicht wie.

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