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Mehmet Ersoy „Deutsche lieben die Türkei“: Tourismusminister erwartet sechs Millionen Touristen

Für Mehmet Ersoy spielen politische Spannungen keine Rolle. Der Minister rechnet mit Millionen deutschen Gästen – der Lira-Verfall könnte helfen.
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Der türkische Tourismusminister glaubt, dass sein Land in diesem Jahr von der schwachen Lira profitieren wird. Quelle: Murat Ocal
Mehmet Ersoy

Der türkische Tourismusminister glaubt, dass sein Land in diesem Jahr von der schwachen Lira profitieren wird.

(Foto: Murat Ocal )

AnkaraVon einer Flaute oder gar Türkeimüdigkeit will der türkische Tourismusminister nichts wissen, erst recht nicht aus der Bundesrepublik. „Die Deutschen lieben die Türkei“, sagt Mehmet Ersoy im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Der Mann hat Nerven. Ersoy muss nämlich ein Reiseland vermarkten, das zumindest bei Europäern zuletzt an Ansehen verloren hat. Auch viele Deutsche meiden derzeit die Türkei. Nicht weil es dort im Sommer zu heiß wird oder die Preise so hoch sind. Sondern weil sie Bedenken gegenüber der Politik im Land haben.

Gleichzeitig bringen die ausländischen Besucher wichtige Devisen ins Land – Ersoy verwaltet damit eines der wichtigsten Ressorts im Regierungsapparat von Präsident Erdoğan.

Doch er bleibt bei seiner Meinung. Unterstützung bekommt er von den aktuellen Besucherzahlen. Im Jahr 2018 kamen der offiziellen Statistik des türkischen Statistikamtes (Tüik) zufolge 46 Millionen Touristen in die Türkei, ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Alleine aus Deutschland waren es 4,5 Millionen Besucher, eine Million mehr als 2017. Damals brachen die Buchungszahlen ein – nach einem Putschversuch, mehreren Terroranschlägen und der Verhaftung deutscher Staatsbürger, für die die Bundesregierung offiziell „politische Gründe“ angab. Inzwischen hat Berlin von dieser Bezeichnung Abstand genommen.

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Der politischen Krise zum Trotz ist die Türkei bei deutschen Touristen wieder gefragt. „Die Buchungsumsätze liegen bereits jetzt bemerkenswerte 58 Prozent über dem Vorjahr“, heißt es in einer Erklärung des Deutschen Reiseverbands von Ende Februar. Die Reise-Lobbyisten fügen hinzu, dass 2017 „bereits markant gestiegene Buchungen für das Land am Bosporus gezeigt hatte“.

Fluggesellschaften wie die auf Türkeireisen spezialisierte Sunexpress haben große Anstrengungen unternommen, die gestiegene Nachfrage bedienen zu können. Auch der Hamburger Türkeispezialist Öğer Tours sprach am Dienstag von einem „deutlich zweistelligen Plus für Türkeibuchungen im Vergleich zum Vorjahr“.

Die Zeichen stehen auf Entspannung, das merkt auch Ersoy. In manchen Gegenden wie der Ferienhochburg Antalya seien die Frühbucherzahlen sogar doppelt so hoch wie vor zwölf Monaten. „Am Ende des Jahres erwarte ich ein Plus von 20 bis 30 Prozent aus Deutschland“, ist sich Ersoy sicher. Das wären fast 5,5 Millionen Besucher aus der Bundesrepublik und damit so viele wie vor der politischen Krise zwischen beiden Ländern.

Buchungszahlen ziehen kräftig an

Eines muss man dem 51-Jährigen lassen: Mit Zahlen kann er umgehen. Ersoy ist nicht nur Betriebswirt. Er baute nach dem Studium 25 Jahre lang gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Murat Ersoy einen der größten türkischen Reiseanbieter, ETS, auf. Das Kürzel steht für „Ersoy Turistik Servisleri“. Auch die private türkische Airline Atlasjet gehörte zu dem Konglomerat.

Im Jahr 2012 gingen die Brüder getrennte Wege. Der Bruder erhielt die Anteile an Atlasjet, der spätere Minister die Anteile an ETS. Ersoy hat den Posten des Vorstandschefs inzwischen abgegeben. Zu Eigentumsverhältnissen schweigt er.

Die wirtschaftliche Situation des Landes macht ihm keine Sorgen. Die türkische Lira hat im vergangenen Jahr zu Euro und US-Dollar rund ein Drittel an Wert verloren. Das hat viele Branchen im Land in die Krise gestürzt, vor allem weil die Preise für Importgüter gestiegen sind.

 Für viele Europäer sind Reisen in die Türkei dank der schwachen Lira allerdings deutlich günstiger geworden. „Davon werden wir dieses Jahr noch einmal profitieren, aber danach nicht mehr“, warnt Ersoy. Darauf ausruhen will er sich daher nicht: „Wir müssen darauf achten, weiterhin ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten.“

Mehmet Ersoy sieht sich nicht als Politiker im traditionellen Sinne, sondern als Manager. Diplomatie zähle für ihn weniger als der Geschäftsgedanke, erklärt Ersoy im Interview. „Der Präsident erwartet keine Politik von mir, sondern praktische Lösungen und gute Ergebnisse.“

Er verlangt daher, dass die Hoteliers des Landes die derzeitige Branchenkonjunktur dafür nutzen, neue Konzepte zu erarbeiten. „Am Ende können auch All-Inclusive-Hotels bestehen, aber ich fordere von jedem in der Branche, ständig die Qualität zu erhöhen.“ Dazu zähle auch, Touristen aus anderen Regionen der Welt anzulocken.

Kein böses Wort über Deutschland

Ersoy glaubt zwar, dass die Reisewelle aus Asien nicht die europäischen Touristen ersetzen kann. Aber sein Ministerium habe das Marketing dort auch erhöht. Alleine 2018 war das türkische Tourismusministerium auf 60 chinesischen Reisemessen vertreten.

Auf Kritik an der türkischen Politik reagiert er mit einem verzogenen Gesicht. Dass das Land in den vergangenen Jahren viel durchgemacht habe, räumt er ein. „Aber ich kann jedem nur sagen, dass er oder sie hierherkommen und sehen soll, dass es hier nicht gefährlich ist.“ Wer bei Ersoy markige Worte gegen Deutschland und die einst rauen bilateralen Beziehungen erwartet, wird nicht fündig.

Er verkörpert einen anderen Politikstil, als man das aus der Türkei gewohnt ist. Ersoy ist über 1,90 Meter groß, will aber nicht auffallen. Im Gespräch wählt er seine Worte mit Bedacht, spricht leise – übrigens in perfektem Deutsch: Ersoy hat acht Jahre lang die Deutsche Schule in Istanbul besucht.

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