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Arzt per App

TeleClinic macht’s möglich. (Foto: TeleClinic, Lea Leibold)

Onlinemedizin TeleClinic im Test: Wie schnell kriege ich ein Attest über die Arzt-App?

Mit Arztterminen per Videochat bringt dir das Start-up TeleClinic den Doktor aufs Smartphone. Wie einfach wäre es, ein Attest zu ergaunern? Wir haben’s getestet.
12.10.2018 - 07:54 Uhr Kommentieren

Dieser Artikel ist am 12. Oktober 2018 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Das Gespräch mit dem Arzt dauert schon ein paar Minuten, er hat sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt und ich habe brav geantwortet. Erkältung, Husten, Schnupfen. Dann stelle ich die entscheidende Frage: Können Sie mir ein Attest ausstellen? Jetzt, sofort, für die Uni – um bloß nicht die Klausur mitschreiben zu müssen. Das Besondere: Der Doc kann mir nicht direkt in die Augen schauen. Die Sprechstunde läuft komplett digital.

Teleclinic-App im Test: „Herr Doktor, ich brauche ein Attest!“

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihr Smartphone oder Ihren PC: Die digitale Gesundheitsplattform TeleClinic bietet Arztbesuche über das Smartphone und den Computer an. „Einen Arzt zu sprechen wird so leicht, wie ein Taxi zu bestellen“, verspricht Gründerin Katharina Jünger. Einen wichtigen Schritt hat die 27-Jährige dazu nun gemacht: Seit ein paar Tagen können Patienten in ganz Deutschland TeleClinic nutzen.

In anderen Ländern gibt es die Möglichkeit für Arzttermine per Telefon und Video schon länger. Warum erst jetzt in Deutschland? Aufgrund rechtlicher Vorgaben war es Ärzten bislang untersagt, Ferndiagnosen zu erstellen – vor allem dann, wenn sich Arzt und Patient noch nicht kannten. Aber am 10. Mai dieses Jahres beschloss der Deutsche Ärztetag, das Fernbehandlungsverbot abzuschaffen.

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    Sieben Krankenkassen unterstützen die TeleClinic-App

    Telefonisch oder per Videoanruf stehen auf TeleClinic über 200 Allgemein- und Fachärzte zur Verfügung, die 30 medizinische Fachbereiche abdecken. Telemedizin wird das genannt. 10.000 Patienten nutzen den Service über TeleClinic deutschlandweit schon. Die digitale Sprechstunde ist kostenlos – sofern du Kunde einer Krankenkasse bist, die mit dem Unternehmen zusammenarbeitet. Sieben Krankenkassen mit insgesamt drei Millionen Kunden sind das derzeit:

    • ARAG
    • Barmenia
    • Concordia
    • Brandenburgische BKK
    • BKK Mobil Oil
    • BKK VBU
    • BKK Werra-Meissner

    Aber ist das gesund? Ein Arzt sitzt womöglich hunderte Kilometer weit weg und will durch meine kleine Smartphone-Kamera untersuchen, was mir fehlt? Dem kann ich ja alles erzählen, oder?

    Kein Zweifel: Für viele Menschen wird die App eine wirkliche Erleichterung in ihrem Leben sein: keine Wartezeiten, keine Ansteckungsgefahr, kein mühsamer Weg zur Ärztin. Doch ist die App nicht gleichzeitig auch ein Blankoscheck für all jene, die keine Lust haben, zur Arbeit zu gehen oder sich vor einer Klausur drücken wollen?

    Kosten der TeleClinic-App: 30,59 Euro für einen Termin bei Selbstzahlern

    Ich mache den Test. Statt Journalist bin ich ab sofort BWL-Student – zwar kerngesund, doch auf der Suche nach einem Attest, um die Klausur am Folgetag zu verschieben. Der Klassiker.

    Ich muss einem Arzt also weismachen, wie schlecht es mir geht, obwohl das gar nicht stimmt. Und wie ginge das einfacher, wenn der Arzt mir nicht gegenübersitzt, sondern mich nur durch eine Kamera sieht.

    Im Chat mit Medizinassistenten

    Die Anmeldung bei TeleClinic verläuft fix. E-Mail-Adresse, Passwort, Handynummer, Krankenversicherung und meine Versicherungsnummer muss ich angeben. Das war’s. Ähnlich wie bei einem WhatsApp-Chat schreibe ich dann eine „medizinische Assistenz“ an. So heißen die Mitarbeiter von TeleClinic, sie kümmern sich um die Organisation zwischen Patienten und Ärzten – und teilen mir erst einmal mit, dass meine Krankenkasse keine der sieben Partner des Unternehmens sei.

    Daher müsse ich den Termin selbst zahlen. 30,59 Euro kostet das. Doch das ist es meinem neuen BWL-Ich wert: ein Investment, um die Klausur zu verschieben, statt sie zu verhauen.

    Teleclinic hat einige Partner-Krankenkassen

    Eine Erkältung ist das Mittel, mit dem ich der Klausur entweichen will. Nach ein paar Nachrichten, in denen ich meine ***hust*** „Beschwerden“, genauer beschreibe, erhalte ich einen Termin bei einem Arzt. Für in zwei Stunden wünsche ich das Gespräch, das ist laut TeleClinic-Mitarbeiterin gar kein Problem. Eine kurze Suche im Internet ergibt: Der Arzt ist Facharzt für Innere Medizin bei einem Krankenhaus in der Schweiz. Uns trennen also um die 500 Kilometer Luftlinie.

    Erfahrungen mit TeleClinic: Das Gespräch dauert nur wenige Minuten

    Einige Minuten später klingelt mein Handy, am Apparat ist der Schweizer Arzt. Ob ich schon jetzt könne, will er wissen. Ich lehne ab, lieber später. Ein großer Fehler, wie ich später feststellen muss.
    Zwei Stunden später sitze ich dann bereit für den Termin: Die Show kann beginnen. Ein paar röchelnde Huster habe ich schon eingeübt, den Schnupfen muss der Arzt mir einfach so abnehmen. Doch lange passiert: nichts.

    Ich rufe bei TeleClinic an. Man sagt mir, dass der Doktor noch in Terminen sei. Nach anderthalb Stunden meldet sich mein Arzt dann endlich. Der Arzttermin läuft genauso wie ein Gespräch bei Skype. Ich sehe und höre den Arzt durch Kamera und Mikro, er mich ebenfalls. Es habe einen Notfall gegeben, entschuldigt er die Verspätung.

    Der digitale Doc stellt zu Beginn Standardfragen: Wie lange huste ich schon? Wo tut’s weh? Habe ich Fieber? So richtig vorbereitet, wie die Symptome zusammenpassen müssen, um wirklich ein Attest zu bekommen, bin ich nicht. „Ja“, „nein“, „ein paar Tage“ müssen als Antworten reichen. Das Gespräch gestaltet sich etwas schwierig, weil der Ton immer wieder aussetzt. So dauert es ein paar Minuten, bis ich auf mein Anliegen kommen kann.

    Ich taste vorsichtig ab, ob der Arzt mir grundsätzlich ein Attest ausstellen kann. Er erklärt mir, dass ich für die ersten Tage Krankheit gar keines brauche und in ein paar Tagen dafür dann lieber zu meinem Hausarzt gehen solle. Also dann, ich falle mit der Tür ins Haus: Morgen Klausur, ich will nicht hin, weil es mir „wirklich schlecht geht“, bitte, geben Sie mir ein Attest.

    Meine Krankenkasse wird bei TeleClinic zum Problem

    Attest? Kein Problem, sagt der Doktor. In 15 Minuten könnte er mir das über die TeleClinic-App zuschicken. „Wir wollen ja nicht, dass Sie die Klausur wegen einer blöden Erkältung in den Sand setzen.“ Jackpot! Nach zehn Minuten ist das Gespräch beendet.

    Kurze Zeit später erhalte ich einen Anruf von TeleClinic: Eigentlich sei das mit dem Attest überhaupt kein Problem, doch da ich Selbstzahler sei, ginge das leider nicht. Sobald meine Krankenkasse Partner der Plattform werde, könne auch ich selbstverständlich darauf zurückgreifen.

    Wer also schon jetzt Kunde einer der sieben genannten Krankenkassen ist, für den ist es offenbar ein leichtes, ein Attest über TeleClinic zu bekommen. Das dachte ich zumindest nach meiner Stichprobe: Mehr Infos dazu findet ihr ganz unten im Artikel.

    Als ich einige Zeit später den Arzt nochmal anrufe und auflöse, dass ich gar kein kranker Student, sondern ein kerngesunder Journalist bin, stört der sich daran wenig. „Wer es auf ein Attest anlegt, wird es auch bekommen“, sagt er. Ihm hätte es gereicht zu sehen, dass ich während des Gesprächs zweimal gehustet hätte. Vielleicht sollte ich statt Journalist doch lieber Schauspieler werden. „Auch bei einem persönlichen Termin hätte kein Hausarzt schon bei so leichten Beschwerden näher getestet, ob Sie wirklich krank sind“, meint mein TeleDoc.

    Und übrigens: Sein Attest würde mir ja nichts bringen. „Die Universitäten werden das von Telemedizinern wie mir keinesfalls akzeptieren“, sagt er.

    TeleClinic-Gründerin Katharina Jünger: „Du kannst zwar bei uns betrügen, aber…“

    Das will ich genauer wissen. Die rechtliche Lage ist in Nordrhein-Westfalen beispielsweise eindeutig. Im Landeshochschulgesetz (Paragraph 63, Absatz 7) steht: „Wie der Arzt/die Ärztin zur Feststellung [der] Prüfungsunfähigkeit kommt, obliegt seiner/ihrer Verantwortung.“ Mein Attest würde also anerkannt werden. In vielen anderen Bundesländer finde ich keine so genau Regelung.

    Also frage ich bei 20 großen Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland nach. Die Ergebnisse würden meinem Arzt sicher nicht gefallen: Fast alle Hochschulen akzeptieren Atteste von Telemedizinern, darunter auch große Universitäten wie Bochum, Berlin oder Heidelberg. Gerade einmal zwei der von mir befragten Unis sagen, dass sie solche Entschuldigungen nicht anerkennen. Wird TeleClinic also für Studenten vor allem ein Trick, um sich Attest zu erschleichen?

    Unis die einen Online-Attest akzeptieren

    Unternehmenschefin Katharina Jünger glaubt nicht, dass es TeleClinic allein sei, die diese Schwierigkeiten mit Attest-Betrügern hervorbringen könnte, wenn es diese über ihr Portal irgendwann mal gibt. „Du könntest zwar bei uns betrügen, das könntest du aber genauso gut in der Praxis tun“, sagt sie.

    In ferner Zukunft könne sie sich vorstellen, dass TeleClinic mithilfe vieler Daten womöglich sogar feststellen könnte, wer schon als Lügner bekannt ist. „Diese Möglichkeit haben normale Ärzte nicht.“

    +++ Anmerkung der Redaktion: TeleClinic hat sich einige Stunden nach der Veröffentlichung dieses Artikels noch einmal bei uns gemeldet. Der Sprecherin ist folgender Fakt sehr wichtig: Entgegen der Aussagen eines TeleClinic-Mitarbeiters und des genannten Arztes stellt das Unternehmen überhaupt keine Atteste aus, da dies technisch und rechtlich noch nicht möglich ist. Man arbeite aktuell daran, die Ausstellung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen demnächst zu ermöglichen. Bis man aber über TeleClinic Atteste bekomme, dauere es noch einige Zeit. +++

    Mehr: Teleclinic öffnet seine Online-Sprechstunde für Kassenpatienten

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