Peter Figge Jung-von-Matt-Chef zufrieden mit Umbau des Vorstands – doch die Bewährungsprobe kommt noch

Jung von Matt hat nun einen alleinigen Vorstand: den Digitalexperten Peter Figge. Dazu einen 14-köpfigen Partnerkreis. Kann das gut gehen?
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Der neue Alleinvorstand von Jung von Matt will seine Partner nur einmal im Monat persönlich sehen. Quelle: Jung von Matt
Peter Figge

Der neue Alleinvorstand von Jung von Matt will seine Partner nur einmal im Monat persönlich sehen.

(Foto: Jung von Matt)

HamburgDie nackten Männer sind weg. Jahrelang zierte ein manngroßes Gemälde unbekleideter Herren den Eingangsbereich der Agentur Jung von Matt. Wer zur Tür hereinkam, blickte auf Genitalien in Öl. Das ist jetzt vorbei. Säuberlich gerahmte Zeichnungen hängen neben dem Empfangstresen.

Die Zeiten haben sich geändert in Deutschlands kreativster Agentur, die kürzlich beim Werbefestival in Cannes zur „Independent Agency of the Year“ gekürt wurde. Sammlung statt Statement, Konsens statt Konfrontation. Der Mann, der für diesen Wandel steht, heißt Peter Figge. Der 52-Jährige ist seit Juli der alleinige Vorstand der Agentur.

Figge, der bereits seit 2010 bei Jung von Matt arbeitet, ist der Gewinner eines jahrelangen Wandels der Agentur, die vor 27 Jahren von Holger Jung und Jean-Remy von Matt gegründet wurde. Inzwischen sind beide Gründer in den Aufsichtsrat gewechselt – und Agenturchef und Teilhaber Figge hat nun die auf die beiden Agenturgründer zugeschnittene Führungsstruktur in eine Partnerstruktur verwandelt, freilich mit ihm als alleinigem Primus und einem Partnerkreis von 14 Kollegen.

Mit dabei sind Kreative wie Götz Ulmer, Jens Pfau und Dörte Spengler-Ahrens. Die 800-Mitarbeiter-Agentur aus Hamburg trägt im Jahr 2018 mehr denn je Figges Handschrift.

Der neue Alleinvorstand zeigt sich zufrieden. „Es fühlt sich mit den Partnern extrem gut an“, sagt er, „und wir haben kreativ einen herausragenden Lauf.“ Figge fläzt sich lässig in dem dunkelgrünen Ledersofa, ein Arm ruht auf der Rückenlehne, über ihm an der Wand zwei gemalte Porträts der beiden Gründer, Jung und von Matt. Die hängen noch.

Er würde mit beiden Gründern oft sprechen, sie um Rat fragen, erzählt Figge. Wenn er spricht, durchziehen Vokabeln wie „wir“ und „gemeinschaftlich“ seine Rede. So will er Kommunikation, so will er Unternehmertum verstanden wissen: ein Gemeinschaftswerk, an dem fern jeder Eitelkeit und Firmenpolitik gearbeitet wird. Die Sache ist wichtig, nicht das Ego.

Umbau und Rückschlag

Als Figge zu Jung von Matt kam, zogen altgediente Mitarbeiter die Augenbrauen hoch. Peter wer? Von der Agentur DDB Tribal? Ach so, das sind die mit Horst Schlämmer und Volkswagen. Die mit dem Handyverkäufer Paul Potts, der zum Opernsänger avancierte und der Deutschen Telekom. Kampagnen, mit denen DDB Tribal damals Aufsehen erregte.

Es folgte ein erster großer Streich: ein gemeinsames Großraumbüro für die Vorstände von Jung von Matt. Aus den hochgezogenen Augenbrauen wurde Stirnrunzeln. Spätestens als die Terminkalender der Vorstände auf einen großen Bildschirm an die Wand geworfen werden sollten. Die beiden Vorstände Karen Heumann und Armin Jochum suchten sich eine Alternative – und kauften sich bei der Hamburger Werbeagentur Kemper-Trautmann ein, die sie später in Thjnk umtauften.

Bei Jung von Matt wurde der Vorstand zügig umgebaut. Erst kamen die beiden Werber Thomas Strerath und Larissa Pohl von der Agentur Ogilvy, dann verließ Finanzchef Ulrich Pallas die Firma. Später wurden Strerath und Pohl wieder hinauskomplimentiert. Wer blieb, war Figge.

Doch nicht nur Führungskräfte gingen, auch Kunden wechselten. Großkunde Mercedes-Benz suchte sich eine neue Stammagentur und ließ 2015 die Agentur Antoni gründen. Ein schwerer Schlag für Jung von Matt. Aber Figge gab nicht auf. Heute unterstützt Jung von Matt Mercedes-Benz bei der Neuausrichtung ihres Sportsponsorings: weg von der Fußball-Nationalmannschaft, hin zum E-Sport. Genau Figges Ding.

Seinem neuen Partnerkreis, den er nur einmal im Monat persönlich sehen will, hat er einen virtuellen Konferenzraum verpasst, als App auf den Smartphones der Führungskräfte installiert. Dort sollen Arbeitsabläufe koordiniert, Adhoc-Teams gebildet werden. Inzwischen sind alle Partner angemeldet. Einer fragt ratlos: Was machen wir hier? Figge wischt solche digitalen Berührungsängste rasch beiseite. Er versteht sie ohnehin nicht richtig, er ist Digitaler durch und durch.

Analytisch und leidenschaftlich

Der Agenturmarkt hat sich gewandelt. Werbetreibende Unternehmen investieren heute im Schnitt 40 Prozent ihrer Werbeausgaben in die digitalen Kanäle, der Rest bleibt vorerst bei den klassischen Medien. „Kunden brauchen ein gedanklich viel breiteres Angebot an Kommunikationsleistungen als früher“, meint Oliver Klein, Chef der Beratung Cherrypicker, die Werbekunden bei der Agentursuche unterstützt.

Klein hält das neue Modell von Jung von Matt für zeitgemäß: „Agenturen benötigen heute eine starke Führungspersönlichkeit, aber in der Ebene darunter außerdem ein breit aufgestelltes Team“, sagt er. Figge sieht er als die richtige Besetzung. Er könne „Menschen motivieren und führen“ und sei sowohl analytisch als auch leidenschaftlich. Agenturen, an deren Spitze zwei dominante Chefs stehen, so wie einst bei Jung von Matt, hält Berater Klein für überholt.

Einer der Knackpunkte ist jedoch der Verzicht auf einen starken kreativen Kopf, einen Nachfolger für von Matt, der Slogans wie „Geiz ist geil“ erfand. Ein konkurrierender Agenturchef, der nicht genannt werden möchte, äußert sich skeptisch. Er glaube nicht daran, dass das funktionieren kann, nicht bei einer Agentur wie Jung von Matt, deren Markenkern Kreativität ist, sagt er.

Figge hält dagegen. Die jüngsten Kreativpreise würden zeigen, dass es bereits funktioniert. Einer der großen Abräumer ist dieses Jahr der grelle Adidas-Turnschuh, der für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) designt wurde, ausgestattet mit einem eingenähten Jahresticket. Die verantwortliche Kreative Spengler-Ahrens bekam dafür einen Award nach dem anderen.

Solche Leuchtturmarbeiten seien extrem wichtig, sagt Figge. Er ist sich sicher: Ein internationales Netzwerk, das die Agentur kauft, braucht er nicht. Konkurrenten wie Thjnk, Hirschen Group und Scholz & Friends sind diesen Schritt gegangen, für die Agentur Jung von Matt, die 2017 einen Umsatz von rund 92 Millionen Euro erzielte, sieht er das nicht. „Die Frage ist doch: Wie würde ein solcher Partner Jung von Matt besser machen können?“, fragt er und guckt herausfordernd.

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