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Raimund und Leonard Wilhelmi Generationswechsel in Deutschlands bekanntester Fastenklinik Buchinger

Raimund Wilhelmi erwartet von seinem Sohn Leonard neue Impulse. Der 31-jährige Betriebswirt übernimmt ein traditionsreiches Unternehmen.
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Der langjährige Chef der Buchinger-Fastenklinik zieht sich nach 40 Jahren in den Beirat zurück. Quelle: Sebastian Berger für Handelsblatt
Raimund Wilhelmi übergibt an seinen Sohn Leonhard Wilhelmi

Der langjährige Chef der Buchinger-Fastenklinik zieht sich nach 40 Jahren in den Beirat zurück.

(Foto: Sebastian Berger für Handelsblatt)

StuttgartSchon zu viel an Weihnachten gesündigt? Und jetzt noch Karneval-Finale mit Alkohol und Fettgebackenem. Kein Grund zur Sorge – ab Aschermittwoch kann ja gefastet werden. Und wer das nicht allein schafft? Josef Ackermann, Bianca Jagger und Mario Vargas Llosa kennen ihn. Der Literaturnobelpreisträger ist sogar Stammgast.

Alle haben bei ihm schon einmal für viel Geld wenig zu essen bekommen und selbst darüber gesprochen. Raimund Wilhelmi ist der Enkel von Otto Buchinger und Chef der bekanntesten Fastenklinik in Deutschland. Viele Prominente, darunter zahlreiche Manager, vertrauen ihm die überzähligen Pfunde an.

An diesem Mittag sieht der 69-Jährige etwas müde aus. Er hat auf dem Flug von San-Francisco nach Deutschland wenig geschlafen. Die Augen sind leicht gerötet. Er redet noch ruhiger als sonst. Nach 34 Jahren an der Spitze des Unternehmens hat er dem Handelsblatt etwas Wichtiges mitzuteilen. „Ich übergebe die Geschäftsführung der Klinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen an meinen Sohn Leonard. Er hat einen frischen Blick und wird sicherlich neue Impulse setzen.“

Den 31-jährigen Betriebswirt mit halblangen, zurückgekämmten Haaren hat er gleich mitgebracht. Doch der Nachfolger ist zunächst zurückhaltend. „Es ist ein besonderer Moment für mich, und ich habe viel Demut vor der Generationsleistung“, sagt Leonard Wilhelmi. Der Junior wurde wie sein älterer Bruder in der Schweiz geboren und hat in Salem Abitur gemacht. Danach studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen. Seit 2017 ist er im Unternehmen. Und natürlich habe er auch neue Ideen.

Eine ist die bereits begonnene kontinuierliche wissenschaftliche Untermauerung des Buchinger Therapiekonzepts . An der bisher weltweit größten Fastenstudie haben 1500 Buchinger Patienten teilgenommen. Sie soll belegen, dass Buchinger Heilfasten „sicher und effektiv“ ist und sich sogar die Stimmung kontinuierlich verbessert.

„Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente“, ist schon von Hippokrates (460–377 v. Chr.) überliefert. Das erklärt auch, warum die Industrie nur wenig Interesse an Studien zum Heilfasten hat. Medikamente kann man mit der Methode nicht verkaufen.

Wie nützlich radikales Fasten für eine Entgiftung und dauerhafte Gewichtsabnahme tatsächlich ist, darüber gehen die Meinungen der Mediziner auseinander. Aber unter ärztlicher Aufsicht kann es wohl nicht schaden. Und es wird ja niemand zum Edelfasten nach Buchinger gezwungen.

Für das Wohlbefinden seiner Gäste betrieb Raimund Wilhelmi schon immer einen enormen Aufwand. Unter seiner Ägide wurde die Klinikanlage mit den sieben Häusern auf Vier- bis Fünf-Sterne-Niveau angehoben. Im medizinischen Bereich wurde das Konzept der „Integrativen Medizin“ entwickelt, das sinnvolle Aspekte der Schulmedizin mit denen der Naturheilkunde und der Psychosomatik verbindet. Digital Detox und zahlreiche andere Therapien aus anderen Kulturkreisen wurden eingeführt.

Die Bedeutung seelischer Aspekte mit einzubeziehen und das therapeutische Angebot durch Psychotherapeuten zu ergänzen war Wilhelmi wichtig und damals ein Novum. Fasten ist für ihn nicht nur Entgiften und Abnehmen, sondern eben auch Meditation. „Entschleunigen, in die Tiefe und Stille gehen ist in dieser durchgetakteten Welt für uns alle überlebensnotwendig“, weiß Wilhelmi.

Leonard kam als Kind früh in Kontakt mit dem Heilfasten. „Kein Wunder in einer Familie, die sich seit 100 Jahren mit dem Thema beschäftigt“, erinnert sich der neue Klinikchef. Wenn er sich nicht wohlfühlte oder Grippe hatte, empfahl ihm seine Mutter das Fasten. „Man musste bei uns schon aufpassen, wenn man hustete“, scherzt Leonard Wilhelmi. Aber es half ihm ja auch. Nach dem Abitur wusste er noch nicht so ganz genau, was er machen wollte. Beim Fasten kam er zur Ruhe. „Ich stellte die Uhren auf null.

Am Ende wusste ich, was ich studieren wollte.“ Sein nächstes Schlüsselerlebnis kam gegen Ende des Studiums, als er einmal eine Gruppe von Kommilitonen beim Fasten am Bodensee begleitete. „Da habe ich gespürt, welch positive Auswirkungen das Fasten auf die Energie und Leistungsfähigkeit meiner eigenen Freunde hatte“, sagt Wilhelmi junior. Die letzten Zweifel, die Familientradition fortzuführen, waren ausgeräumt.

5000 Fastengäste pro Jahr

Leonards Urgroßvater, der Marinearzt Otto Buchinger, hatte die positive Wirkung des Heilfastens am eigenen Leib erprobt, als er sich anno 1919 sein schweres Gelenkrheuma quasi weghungerte. Er entwickelte eine eigene Fastenmethode und praktizierte in Bad Pyrmont. Nach dem Krieg gründete er mit Tochter Maria und deren Mann Helmut Wilhelmi 1953 die Fastenklinik in Überlingen, in ruhiger Hanglage direkt am Bodensee, mit Blick auf die Alpengipfel.

Allein das Grundstück der Klinik ist heute ein Vermögen wert. Neben umfangreicher ärztlicher Betreuung sind heute Meditation, Yoga, Dichterlesungen ebenso fester Bestandteil der Fastenklinik wie der neue Zen-Garten, das rund um die Uhr geöffnete Schwimmbad mit 30 Grad warmem Wasser und Blick auf den Bodensee. Hier specken seit 60 Jahren stressgeplagte Reiche ab.

Für rund 3000 Euro pro Woche nehmen die Gäste allerlei Unannehmlichkeiten in Kauf: Abführmittel sollen dafür sorgen, dass der Körper sich nicht mit Altlasten beschäftigen muss. Der Essensplan ist überschaubar. Tee, Saft, Brühe – 2,5 Liter pro Tag. Mindestens eine Woche, besser 14 Tage sollte die Askese dauern.

Die komplette Fastenzeit wird klinisch überwacht. Die medizinische Leitung hat Wilhelmis Frau Françoise Wilhelmi de Toledo inne, eine Ernährungsmedizinerin und Buchautorin. Wilhelmi selbst ist kein Arzt, sondern Jurist. Er kümmerte sich um das Management.

Die Geschäfte laufen gut. Rund 5000 Gäste besuchen Buchinger Wilhelmi pro Jahr. In den letzten Jahren gab es durchschnittlich jährlich fünf Prozent Zuwachs, man liegt heute bei einem Gruppenumsatz von 45 Millionen Euro. Sowohl das Stammhaus am Bodensee als auch die etwas glamourösere Dependance in Marbella tragen in etwa gleich viel zum Umsatz bei. Die spanische Klinik wurde seit 1982 von Wilhelmis Schwester Jutta und ihrem Mann Claus geführt.

Auch dort ist die vierte Generation inzwischen in der Verantwortung: Wilhelmis ältester Sohn Victor und Katharina Rohrer Zaiser, die Tochter von Schwester und Schwager, sind seit Januar 2018 Geschäftsführer im sonnigen Andalusien. Seine Anteile hat der Senior Raimund Wilhelmi in eine Familiengesellschaft eingebracht, der er vorsitzt. Vom Beirat aus begleitet er den Generationswechsel. Ein richtiges Familienunternehmen und bislang ohne Streit. Und wenn, dann wird gefastet.

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