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Berchtesgadener Land

Rund 3000 Experten aus der ganzen Welt werden drei Tage lang über die neue Ausrichtung von Berchtesgaden und über Urlaub in den Bergen diskutieren.

(Foto: dpa)

Reisebranche Das Berchtesgadener Land will weniger Touristen

Die Alpenregion hat genug von den Massen an Kurzzeiturlaubern. Auf einer großen UN-Tagung soll bald die neue Strategie präsentiert werden.
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MünchenEin sonniger Sommertag. Zu Tausenden drängt es die Leute ins Berchtesgadener Land, den hintersten Winkel Deutschlands. Vom Großparkplatz am Königssee schlängeln sich die Ausflügler in Kolonnen den Andenkenständen entlang zur Schiffslandestelle. Vollgepackt schippern Elektroboote übers Wasser, einmal der Flanke des Watzmanns entlang, Zwischenstopp in St. Bartholomä, und wieder zurück.

Peter Nagel will die vielen Ausflügler nicht vergraulen. Aber Werbung machen, um zusätzliche Kurzzeiturlauber anzuziehen, das kommt für den Chef der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH künftig nicht mehr in Frage. „Wir wollen weniger Gäste“, sagte der Manager dem Handelsblatt. Die sollen freilich länger bleiben und pro Kopf mehr ausgeben.

Mit weniger Touristen mehr verdienen, das ist also Nagels Strategie. Ein Ansatz, der auf großes Interesse bei den Vereinten Nationen stößt. Und so kommt die Welt-Tourismus-Organisation UNWTO Anfang März mit ihrer „Euro-Asian Mountain Tourism Conference“ nach Berchtesgaden.

Rund 300 Experten aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Europa und Asien, werden drei Tage lang über Urlaub in den Bergen – und natürlich die neue Ausrichtung von Berchtesgaden – diskutieren. „Das ist ein Zeichen, dass die touristische Welt die Leistung von Berchtesgaden anerkennt“, meint Christina Schmid-Preissler, Expertin für Dienstleistungen der Beratungsgesellschaft Schmid Preissler Strategy Consultants.

Für Marketingchef Nagel ist das Treffen noch in ganz anderer Hinsicht wichtig, nämlich als Signal an die eigenen Leute in der Region, als Bestätigung seiner Arbeit. Denn natürlich ist nicht jeder begeistert über den neuen Kurs. Wer bisher vom Bustourismus lebt, der hat erst einmal nicht viel davon, wenn die Leute künftig mehr Geld für Wellnessaufenthalte ausgeben.

Werbung machen, um zusätzliche Kurzzeiturlauber anzuziehen, kommt für den Chef der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH künftig nicht mehr in Frage. Quelle: Reuters
Der Königssee

Werbung machen, um zusätzliche Kurzzeiturlauber anzuziehen, kommt für den Chef der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH künftig nicht mehr in Frage.

(Foto: Reuters)

Wenn Nagel über seine Strategie spricht, dann erst einmal über das, was er sein lässt. Er werde keine arabischen Touristen anlocken, wie sie das im benachbarten Zell am See im Pinzgau tun. Denn das verändere einen Ort ganz massiv. Und ihm liege auch nichts daran, massenhaft asiatische Gäste für ein paar Stunden durch die Gebirgslandschaft zu kutschieren, zwischen den Besuchen in München und Salzburg. „Es ist Fingerspitzengefühl gefragt“, weiß Nagel.

Vielmehr gehe es darum, Gäste mit höherem Einkommen anzusprechen. Leute, die mehrere Tage bleiben, die in den lokalen Geschäften einkaufen, die Bergführer buchen, aber auch einmal ein Konzert besuchen. Denn es wisse ja zum Beispiel kaum jemand, dass die Region ein eigenes Philharmonie-Orchester unterhalte oder hervorragendes Volkstheater biete. „Wir wollen Gäste, die einen bewussten Lebensstil pflegen“, erläutert Nagel

Zumindest im Winter bleibt ihm freilich auch gar nichts anderes übrig, als auf Nachhaltigkeit zu setzen. Denn es mangelt im Berchtesgadener Land an einem Skigebiet, das mit den gewaltigen Resorts im nahen Österreich auch nur ansatzweise mithalten könnte. So wirbt er um Sportler, die sich eine Halbtageskarte kaufen, und ansonsten durch die Gassen von Berchtesgaden schlendern, um Geschenke zu shoppen. Oder die gleich aufs alpine Skifahren verzichten, stattdessen die Schneeschuhe schnüren, um über die Winterwanderwege zu stapfen.

Gäste sollen länger bleiben

Der Tourismus in den Alpen ist kein Selbstläufer. Es reisen zwar viele Millionen an, die Staus in den Hauptreisezeiten sind lang, Tagestouristen sorgen nichts selten für einen Verkehrskollaps, genauso wie Urlauber auf dem Weg an die Adria und das Mittelmeer. Doch in den Alpen insgesamt beträgt die Verweildauer weniger als drei Tage, die Hotels und Pensionen sind übers Jahr hinweg nicht einmal zur Hälfte ausgelastet.

Berchtesgaden steht da schon heute vergleichsweise gut da. Die Region kam zuletzt auf 826.000 Übernachtungsgäste, die 3,7 Millionen Übernachtungen buchten. Das heißt: Sie blieben im Schnitt mehr als vier Nächte.

Tourismuswerber Nagel versucht jetzt, die Kunden anders anzusprechen und sie so zu noch längeren Aufenthalten bewegen. Den Messestand auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, der führenden Ausstellung der Branche, hat er schon mal gestrichen. Käsehäppchen müssen sich die Besucher jetzt anderswo besorgen.

Stattdessen lädt er die sogenannten Influencer, also Leute, die im Tourismus etwas zu sagen haben, in eine Lounge auf dem Pressegelände. Gleichzeitig besucht er die wichtigsten Premium-Reiseveranstalter in den USA.

Zudem macht er es Filmfirmen so leicht wie möglich, in der Gebirgslandschaft zu drehen. „Filme und Serien sind nicht nur bewegte Bilder, es sind oft auch bewegende Bilder, die touristische Sehnsüchte wecken, deswegen sind sie so bedeutend für den Tourismus“, meint Barbara Radomski, Geschäftsführerin der Bayern Tourismus Marketing GmbH.

Gerade hat der Film-Fernseh-Fonds Bayern das Berchtesgadener Land zum „Drehort des Jahres 2018“ ernannt. Der Webauftritt sei hochprofessionell, ebenso das Scouten von Motiven oder die Buchung von Hotels, urteilte die Jury: „Das alles hat inzwischen die Qualität einer Serviceagentur angenommen und ist auf diesem hohen Niveau unübertroffen.“

Premium-Qualität will Nagel bieten, ohne in den Luxus abzudriften. Kitzbühel, Lech oder St. Moritz seien was die Preise angeht keine Vorbilder. Aus dem Berchtesgadener Land eine ebenso bekannte Marke zu machen wie es den Nobelskiorten gelang, sei hingegen schon erstrebenswert, findet Tourismuswerber Nagel.

Mit den Experten aus der ganzen Welt geht der umtriebige Manager während der UN-Tagung auf Rundreise durch den Landkreis. Ins Bergsteigerdorf Ramsau, das Berghotel Rehlegg, das Dokumentationszentrum am Obersalzberg und das nahegelegene Kempinski-Hotel, in die Alte Saline in Bad Reichenhall und natürlich zur berühmten Bobbahn am Königssee.

Wer mag, der darf den Eiskanal hinunter rauschen, ein Unterfangen, das nur wenige Orte bieten können – und stark im Trend liegt. „Die Leute wollen jeden Tag etwas erleben“, betont Beraterin Schmid-Preissler. Auf dem Städtetrip oder der Karibikkreuzfahrt geht das jedenfalls nicht.

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