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Reisekonzern Frist der Bafin bringt Tui in Bedrängnis

Bis zum 28. April muss Tui – wie auch weitere Mitglieder des Kundengeldversicherers DRS – die Liquidität des DRS sichern, um in Deutschland weiterhin Pauschalreisen verkaufen zu dürfen. Die vor der Coronakrise ins Boot geholten Partner stellen ihre Zusage zurück.
26.03.2020 Update: 03.04.2020 - 19:59 Uhr Kommentieren
Tui muss um seine Betriebserlaubnis bangen Quelle: dpa
737-Max-Maschine

Wegen des Fliegers musste Tui seine Prognose senken.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Er habe den Staat angesichts der Coronakrise um Finanzhilfe gebeten, schockte Tui-Chef Friedrich Fritz“ Joussen vor einigen Tagen die Märkte. Was der Vorstandsvorsitzende des Reisekonzerns dabei offensichtlich nicht bedachte: Das Hilfegesuch bringt den Pauschalreise-Weltmarktführer, der in Deutschland vergangenes Jahr 5,3 Milliarden Euro und damit ein Drittel seines Konzerngeschäfts umsetzte, in ungeahnte Bedrängnis. Ende April könnte es den von Tui derzeit eingesetzten Versicherer DRS deutschlandweit sogar die Betriebserlaubnis für die Versicherung des Pauschalreisegeschäfts kosten.

Schuld daran ist ein unglückliches Timing. Nur noch bis zum 28. April hat DRS Zeit, den von der Finanzaufsicht Bafin angemahnten Schutz seiner Kundengelder sicherzustellen. Gelingt dies dem in München angesiedelten Versicherer nicht, dürfen sie für Pauschalreisen nicht mehr die gesetzlich vorgeschriebenen Reise-Sicherungsscheine ausstellen.

Die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb – zumindest in Deutschland – würde DRS in der Folge entzogen. Hinzu kommt, wie das Handelsblatt erfuhr, dass auch in einem zweiten europäischen Land ein zusätzlicher Versicherungsschutz angemahnt ist, bei dem es um eine ähnliche Höhe wie in Deutschland geht.

Ob DRS die Frist einhalten kann, ist seit Ausbruch der Coronakrise jedoch fraglich. Hatte Tui zuvor für die vom Konzern mitgegründete Versicherung noch ein Konsortium von Rückversicherern gewinnen können, das sich bereit erklärte, für mögliche Insolvenzschäden einzuspringen, hat sich die Lage seit dem 15. März gründlich geändert. Jetzt müssen entweder die Rückversicherer wieder an den Tisch oder flüssige Finanzmittel in Höhe von 130 Millionen Euro her.

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    In einer Ad-hoc-Meldung verkündete Tui an diesem Tag kurz vor Mitternacht, dass man wegen des Coronavirus den größten Teil des Reisegeschäfts vorerst aussetzen und Staatshilfe beantragen werde. Mehrere Versicherer aus dem Konsortium, an dem unter anderem die Münchener Rück beteiligt ist, reagierten prompt.

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    Nach Informationen des Handelsblatts aus Assekuranzkreisen stellten sie ihre Deckungszusage für die Tui-Versicherung zurück. Das weitere Vorgehen werde nun unter den Versicherungsvorständen diskutiert, hieß es. Die Assekuranz wollte sich auf Anfrage dazu nicht äußern.

    Wettlauf gegen die Zeit

    Für Tui beginnt damit ein Wettlauf gegen die Zeit. Weil die Bafin der von Tui mitgegründeten Versicherung im vergangenen Dezember schon einmal eine Fristverlängerung gewährte, ist eine weitere Terminverschiebung nach geltendem Recht nicht möglich. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Versicherungspartner in der aktuellen Situation einen erhöhten Informationsbedarf haben“, erklärte Tui auf Anfrage dazu schriftlich. „Der gegenwärtige Arbeitsprozess wird dadurch aber keinesfalls gehemmt.“

    Mit der Bafin führe der Versicherer DRS ebenfalls einen „offenen, konstruktiven und zielführenden Dialog“. Alle involvierten Parteien arbeiteten „weiter gemeinschaftlich an der Finalisierung des Rückversicherungskonzeptes“. Ob man Tui entgegenkommen werde, ließ die Bafin auf Anfrage offen. Zu einzelnen Unternehmen äußere man sich nicht, sagte ein Sprecher.

    Nach der Online-Veröffentlichung des Handelsblatt-Artikels ließ Tui per Pressemitteilung wissen, „zu keinem Zeitpunkt war oder ist die Betriebserlaubnis der Tui gefährdet“. Selbstverständlich werde die Tui über den 28. April hinaus weiterhin Pauschalreisen verkaufen. Gegenüber dem Handelsblatt versicherte Tui im Nachgang, das Unternehmen sei darauf vorbereitet, eine Bankbürgschaft in Höhe von 130 Millionen Euro zu stellen, sollten die Rückversicherer nicht bereitstehen.

    Die aktuellen Probleme bei Tui liegen auch in Sünden aus der Vergangenheit begründet. Als die Bundesregierung 1994 die Kundengeldabsicherung für Pauschalreisen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankerte, entschied sich Tui für eine Sparvariante. Statt die Reiseanzahlungen durch eine Versicherung zu garantieren, gründeten die Hannoveraner gemeinsam mit der DER-Touristik-Mutter Rewe einen „Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit“ – den Deutschen Reisepreis Sicherungsverein VVaG (DRS). Der Clou: Anstelle teurer Versicherungsprämien sorgten Bürgschaften für den Insolvenzschutz. Als gesetzlich vorgeschriebenes Finanzinstitut fand man die WestLB. Nach deren unrühmlichem Ende machten Tui und Rewe achtlos und ungehindert weiter.

    Erst die Pleite des Wettbewerbers Thomas Cook, der sich im Herbst 2019 als hoffnungslos unterversichert entpuppte, rief die Finanzaufsicht auf den Plan. Auch der DRS schütze Pauschalurlauber nicht genügend gegen Insolvenzfolgen, stellte die Bafin fest. Sie forderte umfangreiche Nachbesserungen und empfahl die Deckung durch einen Rückversicherer.

    Der aber war schon vor der Coronakrise nur noch schwer zu finden. Zwar blieb die Versicherungssumme bis heute gesetzlich auf 110 Millionen Euro pro Jahr gedeckelt, doch als Folge der Thomas-Cook-Pleite soll sie in den kommenden Monaten kräftig erhöht werden. So jedenfalls will es die Bundesregierung. Experten halten dabei eine Deckungssumme angebracht, die 20 Prozent des Jahresumsatzes entspricht. Im Fall von Tui wäre das eine Milliarde Euro – ein für Rückversicherer schwer zu tragendes Risiko.

    Wenig Mut dürfte ihnen die aktuelle Finanzlage des an der Londoner Börse notierten Reisekonzerns einflößen. Schon in den vergangenen Monaten hatte Vorstandschef Joussen die Ertragsprognosen nach unten schrauben müssen – unter anderem, weil sich Tui im Spanien-Geschäft verschätzt hatte.

    Hinzu kam das Grounding der Tui-eigenen Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max. Für die Flieger, die wegen Absturzgefahr bis heute nicht starten dürfen, musste der Vorstandschef teuren Ersatz hinzuchartern lassen.
    In der Folge reichte im vergangenen Geschäftsjahr der operative Cashflow nicht für die Investitionen – mit wenig Aussicht auf Besserung. Schon vor der Coronakrise hatten viele Analysten mit einer Wiederholung für 2020 gerechnet.

    Entsprechend nervös reagierten die Ratingagenturen auf Tuis vorläufige Absage des kompletten Reisegeschäfts am 15. März. Wenige Tage später stufte Moody’s die Bonität auf den Wert „B2“ herab, Standard & Poor’s (S&P) folgte mit einer Herabstufung auf „B-“, was einer Abwertung um zwei Stufen entsprach. Anleihen gelten damit inzwischen als „hochspekulativ“, wie die Ratingagenturen selbst diese Einstufung übersetzen.

    Hoher Cash-Verlust

    „Der Cash-Verlust wird für Tui wegen der Coronakrise signifikant höher ausfallen als bislang angenommen“, erwartet Moody’s-Analyst Vitali Morgovski. Auch die Experten bei S&P warnen: „Wir erwarten nun niedrigere Buchungszahlen in den kommenden zwei bis drei Monaten, ebenso wie mögliche Rückzahlungen an Urlaubskunden.“

    Zuvor noch hatten die Bonitätswächter bei Tui auf eine Entspannung gehofft. Nach der Pleite des Rivalen Thomas Cook, der Nummer zwei in der Pauschalurlaubsbranche, hatten die Hannoveraner im ersten Geschäftsquartal 14 Prozent mehr Buchungen und um drei Prozent gestiegene Preise gemeldet.

    Auch für den Schuldenabbau gab es zuletzt Hoffnung. Durch die anvisierte Einbringung der Tui-Kreuzfahrtreederei Hapag-Lloyd in ein konzerneigenes Joint Venture mit dem Wettbewerber Royal Caribbean Cruises sollen im Sommer rund 700 Millionen Euro in die Kasse fließen. Auch Schadensersatzzahlungen von Boeing, deren Höhe noch verhandelt wird, sollten die Liquidität wieder auffrischen.

    Nun aber werde wohl nur noch ein staatlicher Überbrückungskredit das Unternehmen über Wasser halten, sind sich die Ratingagenturen einig. Geflossen ist von der geforderten Hilfe bislang noch nichts. Am Donnerstagnachmittag meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf „mit der Sache vertraute Personen“, Tui stehe kurz vor einer Einigung über staatliche Unterstützung. Es gehe um Staatshilfe im Umfang von knapp zwei Milliarden Euro, die von der staatlichen Förderbank KfW kommen sollen.

    Während ein Sprecher von Tui lediglich bestätigte, dass man sich in guten Gesprächen befinde, wollte sich die KfW nicht zu dem Vorgang äußern. Eine Sprecherin verwies darauf, dass bei einer solchen Einigung rund 400 Millionen Euro von Tuis Hausbanken beizusteuern wären. Ob dies angesichts der Unternehmenssituation realistisch sei, wollte sie nicht kommentieren.

    Mehr: Desinfektionsmittel statt Schnaps: Wie die deutsche Industrie ihre Produktion umstellt.

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