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Reiseplattform Wie deutsche Touristen Airbnb aus der tiefsten Krise halfen

Die Implosion des Reisemarktes traf Airbnb hart. Nun kehren die Touristen auf die Plattform zurück. Reicht das für einen erfolgreichen Börsengang?
18.09.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Für die Reiseplattform ist 2020 schon jetzt das wildeste Jahr der Unternehmensgeschichte. Quelle: AFP
Airbnb

Für die Reiseplattform ist 2020 schon jetzt das wildeste Jahr der Unternehmensgeschichte.

(Foto: AFP)

San Francisco Der Landkreis Cham ist ein ideales Urlaubsziel für Menschen, die die Natur mehr schätzen als Menschenmengen. Die Kleinstadt in der Oberpfalz mit 16.000 Einwohnern liegt am Rand des Bayerischen Waldes, hat einen Naturpark, Burgruinen und ein mittelalterliches Biertor zu besichtigen.

Cham ist ein ungewöhnlicher Kandidat, um einen der größten Börsengänge des Silicon Valleys im Jahr 2020 zu retten. Doch der Tourismus in der kleinen Kreisstadt im Südosten Deutschlands steht für einen Trend, der die Reiseplattform Airbnb binnen Monaten aus ihrer tiefsten Krise wieder in Richtung Börsenparkett geführt hat. 

Für Airbnb ist 2020 schon jetzt das wildeste Jahr der Unternehmensgeschichte. Gründer und Chef Brian Chesky arbeitete im März bereits an den Dokumenten für einen Börsengang, als die Corona-Pandemie und die folgende Implosion des Tourismus weltweit seinem Unternehmen für ein paar Monate das Geschäft kaputt machten.

In Deutschland brachen die Buchungen zwischen Mitte Februar und Mitte März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als die Hälfte ein, in anderen Ländern war die Bilanz noch schlimmer. Die Ursprungsidee von Airbnb – Vermieter bieten Fremden Gästezimmer in ihrer eigenen Wohnung an – galt vielen plötzlich als unhygienisch und war an vielen Orten schlicht illegal.

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    Der Börsengang wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, Airbnb entließ ein Viertel der Belegschaft und nahm zwei Milliarden Dollar Notfinanzierung bei Investoren auf. „Die letzten neun Wochen waren die grauenhaftesten in der Airbnb-Geschichte“, sagte Chesky im Juni.

    Die schnelle Erholung, die einen Börsengang nun wieder möglich macht, wurde maßgeblich von Deutschland angeführt. Das zeigen Daten der Analysefirma AirDNA, die exklusiv für das Handelsblatt ausgewertet wurden. Demnach stieg die Zahl der Buchungen hierzulande bereits im Mai kräftig an und lag schon wieder über dem Vorjahresniveau.

    Andere wichtige Märkte für Airbnb erlebten einen deutlicheren und späteren Einbruch, von dem sie sich bis heute nicht wieder erholt haben: In China sank die Zahl der Buchungen im März in nur einem Monat um knapp 30 Prozent, in Italien um mehr als 20 Prozent. In den USA und in Spanien kam der plötzliche Einbruch um knapp 20 Prozent erst im April, und der Markt erholt sich seitdem erst wieder langsam.

    Büroarbeiter fliehen aufs Land

    In Deutschland wird die Erholung allerdings nicht von den traditionellen Städtereisezielen wie Berlin oder Hamburg getragen, die – auch wegen der Kontroversen um umfunktionierte Mietwohnungen – Airbnbs Image geprägt haben.

    „Menschen steigen nicht mehr in Flugzeuge“, sagte der Airbnb-Chef im Juni im Interview mit dem Onlinemagazin Axios. „Sie steigen in Autos, fahren in kleine Orte, die weniger als 300 Kilometer von zu Hause entfernt sind, buchen dort Apartments und bleiben länger als bisher.“ Zum Beispiel übernachten sie in Cham.

    In dem Landkreis zwischen Regensburg und der tschechischen Grenze stiegen die Buchungen ganzer Apartments auf Airbnb und der kleineren, zu Expedia gehörigen Plattform Vrbo von 286 im März 2019 auf 502 im März 2020 – ein Plus von 76 Prozent, trotz weltweiter Tourismuskrise.

    Eine Gondel der Seilbahn auf die Zugspitze verlässt die Talstation: Während in Städten die Buchungen noch schwach sind, steigen die Nutzerzahlen in ländlichen Regionen – vor allem in Bayern erlebt Airbnb einen Boom. Quelle: dpa
    Zugspitze

    Eine Gondel der Seilbahn auf die Zugspitze verlässt die Talstation: Während in Städten die Buchungen noch schwach sind, steigen die Nutzerzahlen in ländlichen Regionen – vor allem in Bayern erlebt Airbnb einen Boom.

    (Foto: dpa)

    Vom Trend „Weg von Menschen, ab in die Natur“ profitieren besonders Landkreise in Bayern: Neben Cham waren die deutschen Landkreise mit der stärksten Wachstumsrate seit Februar der Landkreis Regen im Bayerischen Wald, Passau und Kitzingen in Unterfranken.

    Büroarbeiter, die von überall arbeiten können, flohen aus ihren engen Stadtwohnungen für ein paar Wochen aufs Land. Und wer in dieser Zeit Urlaub buchte, suchte keinen Flug nach Thailand oder Mallorca, sondern eine Ferienwohnung im Bayerischen Wald.

    Der Bayern-Boom auf Airbnb hat seitdem angehalten, auch in der Sommerurlaubszeit: In Cham lagen die Buchungen im Juli um 52 Prozent höher als ein Jahr zuvor, in Kitzingen sogar um 77 Prozent. In Berlin, Hamburg und München lagen die Buchungen dagegen auch im Juli noch jeweils zwischen 30 und 40 Prozent unter dem Niveau des Vorjahrs.

    Es ändert sich nicht nur, wo Touristen buchen, sondern auch, welche Art von Unterkünften sie anmieten: Im Juli wurden auf Airbnb 176.000 ganze Apartments in Deutschland gebucht, fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Dagegen wurden im gleichen Monat nur 23.000 Einzel- oder mit dem Gastgeber geteilte Zimmer gebucht, rund 30 Prozent weniger als im Juli 2019.

    Airbnb hat die Dokumente für den Börsengang eingereicht

    Die Angst vor Covid hat den schon vorher sichtbaren Trend, statt ganze Apartments einzelne Zimmer zu buchen, weiter verstärkt. Mit der Zimmervermietung von einst hat Airbnb nicht mehr viel gemein. Stattdessen prägen sogenannte „Staycations“ und Aufenthalte über mehrere Wochen die Plattform.

    Bislang geht es Airbnb damit aktuell nicht schlecht: Laut der Marktforschungsfirma Edison Trends erholt sich die Buchungsplattform schneller als Hotelkonzerne wie Marriott oder Hilton. Selbst der Wert der durchschnittlichen Buchung lag wegen der längeren Reisezeiträume im Juli 22 Prozent höher als ein Jahr zuvor – die durchschnittliche Airbnb-Buchung war im Juli mehr wert als die in Marriott-Hotels.

    Chesky glaubt, dass sich in den aktuellen Trends die Zukunft erkennen lässt: „Die Reisebranche wird nie wieder so sein, wie sie vor Covid war“, sagte er im Juni. Und Airbnb, glaubt der 39-Jährige, wird in dieser neuen Welt besser zurechtkommen als die Konkurrenten.

    Grafik

    Wie gut sich Airbnb tatsächlich von dem Coronaschock erholt hat, kann bisher allerdings nur geschätzt werden. Das Unternehmen hat im August seine Börsendokumente vertraulich eingereicht, sodass bislang keine aktuellen Zahlen bekannt sind. Eine glänzende Wachstumsstory wird Airbnb den Investoren wohl noch nicht verkaufen können. Allenfalls einen Turnaround.

    Im Januar war die Reiseplattform ein chancenreicher Kandidat auf einen Mega-Börsengang: Die letzte Investorenbewertung von 31 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2017 sollte Airbnb dabei locker übertreffen, schließlich folgten seitdem Jahre des Wachstums.

    Der Corona-Absturz im Frühjahr hat das geändert: Als Airbnb im April in seiner Not Wandelanleihen über eine Milliarde Dollar an die Private-Equity-Firmen Silverlake und Sixth Street verkaufte, erhielten die das Recht, die Anleihen auf Basis einer Unternehmensbewertung von 18 Milliarden Dollar in Aktien umzuwandeln. Diese Bewertung klebt nun an Airbnb.

    Auch die Aktie von Uber hat sich wieder erholt

    Doch das Marktklima für Silicon-Valley-Firmen scheint in den vergangenen Monaten günstig. Der Softwareanbieter Snowflake hat den Angebotspreis für seinen Börsengang am Mittwoch gerade angehoben.

    Selbst die Aktie der mit Airbnbs Geschäftsmodell vergleichbaren und von Corona ähnlich hart getroffenen Fahrdienstplattform Uber hat sich in den vergangenen Monaten erholt und liegt wieder auf Vorkrisenniveau.

    Einen Börsengang durch die Hintertür hat Airbnb bereits abgelehnt. Das Angebot von Investor Bill Ackman, Airbnb mit seiner bereits börsennotierten Holdingfirma zu fusionieren, wies Airbnb-Chef Chesky laut einem Bloomberg-Bericht zurück.

    Solche Transaktionen helfen Unternehmen bei ihrem Börsengang, die Veröffentlichung ihrer Zahlen hinauszuzögern, und machen den Preis zur Verhandlungssache, statt den Widrigkeiten des Marktes ausgeliefert zu sein. Chesky scheint sich seiner Sache sicher zu sein.

    Max Starkov, Experte für Reiseplattformen, teilt diesen Enthusiasmus nicht: „Die Zeit des unbegrenzten Wachstums für Airbnb ist vorbei“, sagt der Professor an der Universität New York, der selbst mehrere Reisetechnologie-Start-ups gegründet hat.

    Starkov ist selbst aus New York in die Catskill Mountains geflohen, eine Wander- und Skiregion zweieinhalb Stunden nördlich der Metropole. In der Anfangszeit seien viele Wochenendhäuser reicher New Yorker in der Nachbarschaft an Airbnb-Gäste vermietet worden. Inzwischen lebten die Besitzer dort oft selbst.

    Starkovs Schlussfolgerung aus seiner persönlichen Anekdote: „Der aktuelle Boom der Staycations ist kurzlebig.“ Wenn der Sommer vorbei ist, würden die Menschen entweder ganz umziehen oder in ihre Wohnungen in den Großstädten zurückkehren.

    Schon vor der Krise sei Airbnbs Geschäftsmodell unter Druck gewesen. In Großstädten auf der ganzen Welt seien Regulierer gegen die Umwandlung von Wohnraum in Airbnb-Hotels vorgegangen.

    Zudem gehe Airbnb sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Die Buchungsplattformen Booking und die Expedia-Tochter Homeaway hätten inzwischen weitgehend das gleiche Inventar an Privat- und Ferienwohnungen wie Airbnb und deutlich mehr Hotels. Ihre Plattformen seien daher besser auf eine Erholung des Tourismus nach Corona vorbereitet.

    „Airbnb wird in seiner Nische stark bleiben“, sagt Starkov. „Aber zu ihrer 31-Milliarden-Bewertung werden sie nicht mehr zurückkommen.“

    Mehr: Die neue Ticket-Flexibilität: Wie Corona die Airlines zu Veränderungen zwingt

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