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Samih Sawiris Wie ein ägyptischer Milliardär wieder Touristen ins Land locken will

Samih Sawiris rettete mit seinem Einstieg bei FTI nicht nur den Münchener Reisekonzern, sondern auch eine 20.000-Einwohner-Stadt am Roten Meer.
05.11.2018 - 10:00 Uhr Kommentieren
Milliardeninvestitionen im Wüstensand. Quelle: picture alliance/KEYSTONE
Resort-Entwickler Samih Sawiris

Milliardeninvestitionen im Wüstensand.

(Foto: picture alliance/KEYSTONE)

El Gouna Den Abzweig von der Piste durch die Sahara findet selbst der einheimische Chauffeur nicht auf Anhieb. Kein Hinweisschild, kein Firmenname. Selbst die rostige Mauerpforte am Ende der staubigen Stichstraße macht den Anschein, als befände sich dahinter ein Crystal-Meth-Labor – und nicht die Weinkelterei eines ägyptischen Milliardärs.

Fünf Millionen Flaschen „Beausoleil d‘Egypte“ lässt Samih Sawiris, 61, im Jahr in der Wüste produzieren, streng beäugt von der islamischen Regierung in Kairo. Jede Form der Werbung – und sei es per Firmenschild – hat sie dem Spross der reichsten Familie des Landes untersagt. Zumindest um den Absatz des hauseigenen Champagners „Le Baron“ zu bremsen, war dies in den letzten sieben Jahren überflüssig.

Zu feiern gab es in Ägypten seit dem „Arabischen Frühling“ im Januar 2011 ohnehin nur wenig. Am wenigsten für Sawiris selbst. Der in Kairo geborene Kopte hatte sich scheinbar verspekuliert. Und zwar mit der Touristenstadt El Gouna am Roten Meer. Rund die Hälfte seines Vermögens steckt in der Retorten-Metropole, die er auf einem ausgedienten Militärgelände entstehen ließ.

Zwischen künstlich gegrabenen Lagunen baute die von ihm kontrollierte Orascom Development Holding (ODH), eine börsennotierte AG mit Sitz in der Schweiz, nicht nur 18 Hotels. Sawiris errichtete alles, was eine funktionierende Stadt braucht: Straßen, Abwasserkanäle, Schulen, ein Krankenhaus, einen Flugplatz und einen 18-Loch-Golfplatz. Zu Tausenden siedelte er Neubürger an, indem ihnen ODH Privathäuser anbot.

20.000 Einwohner zählt El Gouna heute – darunter 27 Prozent meist wohlhabende Ägypter. Selbst einen Ableger der TU Berlin, an der Sawiris 1980 sein Ingenieursdiplom erworben hatte, lockte er in die Lagunenstadt. Doch das Tourismus-Imperium des modernen Pharaos hat zuletzt erheblich gelitten. Terrorattacken im Land ließen den Strom der Touristen am Roten Meer versiegen, Teile seiner Hotels mussten schließen.

Und selbst Schnäppchenpreise verhinderten nicht, dass die Auslastung auf unrentable 45 Prozent absackte. Vom Ausgabekurs der ODH AG, der Ende Juni 2008 bei 78,76 Euro notierte, blieben bis Dezember 2016 nur 4,30 Euro übrig. An diesem Morgen ist der kaum 1,70 große Unternehmer mit dem Privatjet ans Rote Meer gereist. Die letzte Strecke zum Tagungshotel fährt er jedoch mit dem Fahrrad.

Das dunkelblaue Baumwollhemd lässig über der Hose, die Füße in modischen Sneakers, ruft er seinen Zuhörern in perfektem Deutsch entgegen: „Die sieben mageren Jahre sind vorbei, es werden sieben fette folgen!“ In Ägypten, scherzt er, sei dies schließlich seit Jahrtausenden so. Kommt es im Land der Pyramiden nicht erneut zu blutigen Anschlägen, könnte Sawiris recht behalten.

Ende der sieben mageren Jahre. Quelle: Handelsblatt / Christoph Schlautmann
Hotelanlage im ägyptischen El Gouna

Ende der sieben mageren Jahre.

(Foto: Handelsblatt / Christoph Schlautmann)

„1,3 Millionen deutsche Touristen erwarten wir dieses Jahr in Ägypten“, freut sich Ahmed Abdullah, Gouverneur für die Region am Roten Meer. „So viele wie 2010.“ Im kommenden Jahr sollen es sogar rekordverdächtige 1,5 Millionen werden, nachdem etwa 2016 nur 654.000 Urlauber anreisten. Vom Aufschwung profitiert an vorderster Front Sawiris, der 24 seiner 33 Hotels im Heimatland betreibt. Die Auslastung der ägyptischen Herbergen, so sein jüngster Quartalsbericht, hat sich auf 78 Prozent verbessert.

Rückenwind fächelt der ODH-Aktie auch ein Gutachten der Immobilienfirma CBRE zu. Es bewertet die unbebauten Grundstücke in El Gouna, nachdem die Nachfrage angezogen ist, mit 2,1 Milliarden Dollar. ODH bilanziert sie zum Einkaufspreis – mit nur 10,7 Millionen Dollar.

Dass ODH die mageren Jahre überstand, verdankt sie einem Deal ihres Chairmans mit der Münchener FTI. Im März 2014 stieg Sawiris bei Europas größtem inhabergeführtem Reiseveranstalter mit 33,7 Prozent ein, um den Zustrom von Touristen nach Ägypten nicht vollends abreißen zu lassen. FTI-Gründer Dietmar Gunz spielte mit. Anders als die meisten Wettbewerber flog er nach 2013 weiter Urlaubsgäste ans Rote Meer, obwohl das Auswärtige Amt von solchen Reisen abriet.

Im Gegenzug bewahrte Sawiris den FTI-Konzern vor einer sich anbahnenden Liquiditätsklemme. Kurz nach dem Einstieg spendierte er ihm laut Geschäftsbericht eine Kapitalrücklage über 30 Millionen Euro, die Gunz erfolgreich für eine Expansion ins Hotelgewerbe nutzte. Liquidität und Eigenkapitalquote verdreifachten sich bis Ende 2016, 2017/18 stieg der Umsatz um 16 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro.

„Samih Sawiris ist ein Pragmatiker mit einem spannenden Netzwerk und steht dem Unternehmen immer mit guten Ratschlägen zur Seite“, lobt Gunz die Zusammenarbeit. Der Ägypter verfüge zudem über einen wertvollen Schatz an Erfahrungen im Tourismus wie mit Immobilien. Zur Freude von Sawiris baut FTI das Ägyptengeschäft massiv aus. „Im kommenden Jahr werden wir 32 Prozent mehr an deutschen Touristen ins Land fliegen als heute“, kündigt Gunz an.

Milliardenschwerer Clan

Zudem will er von El Gouna aus Flüge starten, um Urlaubern Ausflüge etwa nach Luxor zu ermöglichen. Der Service dürfte helfen, die Hotels seines Mitgesellschafters zu füllen – und auch die Kreuzfahrtschiffe auf dem Nil, von denen Sawiris 27 betreibt. Mit Krisen kennt sich die Familie Sawiris aus. Vater Onsi Sawiris, 88, musste Anfang der 1960er-Jahre zusehen, wie Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser seine 1950 gegründete Baufirma enteignete.

Im libyschen Exil erlitt er eine zweite Enteignung. Erst nach Nassers Tod kehrte der Vater 1970 mit der Familie nach Ägypten zurück. Der Patriarch, dem sein Sohn Samih ein Anwesen auf einer Laguneninsel in El Gouna errichtete, teilte den Besitz unter seinen drei Sprösslingen auf. Während Samih die 1972 gegründete ODH übernahm, kümmerte sich Bruder Naguib um den Mobilfunk.

Die Orascom Telecom (TMT), die durch den Funknetz-Ausbau in Nordkorea Schlagzeilen machte, hat der 64-Jährige inzwischen jedoch verkauft. Das Vermögen des Erstgeborenen schätzen Beobachter auf 4,1 Milliarden Dollar. Nassef Sawiris, mit 57 Jahren der jüngste Bruder, übernahm den Baukonzern Orascom Construction. Dort allerdings blieben Vater Onsi und Bruder Samih mit kleineren Anteilen beteiligt.

Dennoch ist Nassef, der zugleich wertvolle Aktienpakete an Adidas und Lafarge-Holcim hält, mit geschätzten 5,5 Milliarden Dollar das reichste Familienmitglied. Der Ärmste der Familie sei er selbst, kokettiert Samih Sawiris gern vor anderen – mit knapp einer Milliarde Dollar Vermögen. Was davon nicht in den ägyptischen Tourismus wanderte, investierte er unter anderem im Schweizer Skigebiet Andermatt oder in der montenegrinischen Luštica-Bucht.

Das weitläufige Bauprojekt an der Adria, das diesen Sommer erstmals Gäste beherbergte, brachte dem Ägypter zudem die Staatsbürgerschaft des jugoslawischen Nachfolgestaats. Mental aber fühlt sich der Vater von fünf Kindern einer ganz anderen Region verwandt. So versuche er seit Jahren, das Auswärtige Amt in Berlin von Reisewarnungen für den Sinai abzubringen. Dort in Taba Heights betreibt Sawiris sieben Ferienanlagen mit 3.000 Zimmern.

Weil aber die Gäste wegen des fehlenden Versicherungsschutzes ausblieben, müssten sich seine 2.500 Angestellten die Zeit mit Backgammon vertreiben. Doch aufgeben kommt Sawiris nicht in den Sinn. „Unsere Familie ist stur“, sagt er. „Wir sind die Ostfriesen von Ägypten.“

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