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Spektakuläre Finanzierungsrunde Neues Einhorn aus Berlin: Getyourguide sammelt fast eine halbe Milliarde Dollar ein

Die Berliner Buchungsplattform erhält eine Rekordfinanzierung. Das Beispiel zeigt: Europas Gründerszene wächst – ist aber auf Geld von außen angewiesen.
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Das Start-up Getyoutguide vermittelt geführte Touren oder Tickets für Museen und andere Sehenswürdigkeiten an Urlauber. Quelle: GetYourGuide
Führer durch die Wüste

Das Start-up Getyoutguide vermittelt geführte Touren oder Tickets für Museen und andere Sehenswürdigkeiten an Urlauber.

(Foto: GetYourGuide)

BerlinFür die deutsche Start-up-Szene ist es ein Rekord: Die Buchungsplattform Getyourguide hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 484 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Hauptinvestoren sind der japanische Konzern Softbank und Singapurs Staatsfonds Temasek. Beteiligt hat sich unter anderem auch der deutsche Investor Klaus Hommels mit seinem Fonds Lakestar.

Getyourguide dürfte damit jetzt ein Einhorn sein – also ein Unternehmen, das mehr als eine Milliarde Dollar wert ist. Das Start-up vermittelt geführte Touren oder Tickets für Museen und andere Sehenswürdigkeiten an Urlauber. Die Firma sitzt mit rund 500 Mitarbeitern in Berlin. Bis Ende des Jahres sollen es 800 werden.

Das ist ein guter Tag für uns – und für den Standort Europa“, sagt Johannes Reck, Chef von Getyourguide, dem Handelsblatt. Auch Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Start-ups, glaubt, dass die Nachricht positiv für die gesamte Branche ist: „Das Investment wird international Beachtung finden“, meint er. „Und es zeigt: Deutsche Gründer stehen denen in den USA und China in nichts nach. Wir können hier genauso erfolgreiche Unternehmen bauen.“

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Finanzierungsrunden dieser Größe bleiben hierzulande eine Seltenheit. Zuletzt hat die Gebrauchtwagenplattform Auto 1 ein ähnlich hohes Investment verkündet – angeführt vom Softbank Vision Fund.

Mit einem Vermögen von 100 Milliarden US-Dollar hat Konzerngründer Masayoshi Son den größten Technikfonds der Welt aufgelegt – und plant bereits den nächsten. Europäische Fonds hingegen sind zu klein, um solche Summen aufzubringen. Für den Standort sei das bitter, meint Nöll: „Wenn die Start-ups eines Tages an die Börse gehen, fließen die Gewinne in die USA oder nach Asien.

Die Gründer von Getyourguide schätzen das Marktpotenzial für Onlinebuchungen von Reisen auf 180 Milliarden Euro. Quelle: GetYourGuide
Johannes Reck und TaoTao

Die Gründer von Getyourguide schätzen das Marktpotenzial für Onlinebuchungen von Reisen auf 180 Milliarden Euro.

(Foto: GetYourGuide)

Aber warum investieren die Japaner ausgerechnet in eine deutsche Erlebnisplattform? Und was sagt das über die deutsche Gründerszene aus?

Die Gründer von Getyourguide hätten „so ziemlich alles richtig gemacht“, sagt Christian Saller, Partner bei Holtzbrinck Ventures, der privat in das Start-up investiert hat. Zunächst mal hätten sie auf den richtigen Markt gesetzt.

Saller kennt sich auf dem Reisemarkt aus. Er war früher CEO von Swoodoo, einer Metasuchmaschine für Flüge, die er an den US-Konkurrenten Kayak verkaufte. Dieser wiederum gehört heute zu Priceline, der Muttergesellschaft der Hotelbuchungsplattform Booking.

Hinzu kommt: mit der Onlinebuchung von Reisen wurden 2017 weltweit 630 Milliarden Dollar umgesetzt, Tendenz: steigend. Einer der wichtigsten Trends der Branche ist die Individualisierung – und dazu gehören die von Getyourguide angebotenen Erlebnisse.

Gründer und CEO Johannes Reck schätzt das Marktpotenzial auf 180 Milliarden Euro. „Ein Traummarkt für eine Internetplattform“, meint Saller. Schließlich sei das Geschäft mit Hunderttausenden von Kleinstanbietern bisher stark zersplittert und wenig digitalisiert.

Geschäftsmodell weiterentwickelt

Dieses Manko hatten die Getyourguide-Gründer früh erkannt. Reck, der einst Biochemie studierte und eigentlich Hirnforscher werden wollte, programmierte vor rund zehn Jahren in Zürich mit ein paar Kommilitonen in seiner Freizeit eine Plattform, auf der Leute zueinander finden sollten, um einander ihre Stadt zu zeigen. Der Grund: Reck war zuvor mit seinem Kommilitonen Tao Tao auf einer Reise in China gewesen – und hatte sich komplett aufgeschmissen gefühlt, mangels lokaler Kenntnisse.

Das Projekt kam bei den Nutzern so gut an, dass die beiden gemeinsam mit Martin Sieber und Tobias Rein eine Firma gründeten und nach Berlin zogen, wo es damals schon mehr Start-ups und damit auch potenzielle Mitarbeiter gab. Inzwischen arbeiten mehr als 500 Leute für Getyourguide.

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Auch das Geschäftsmodell hat sich weiterentwickelt – statt privater Führungen vermittelt das Start-up heute sogenannte „Erlebnisse“ – das kann ein Rundgang durch die Innenstadt von Lissabon sein, eine Führung durch die Hamburger Elbphilharmonie oder ein Ticket für den Louvre.

25 Millionen solcher Erlebnisse hat das Unternehmen eigenen Angaben zufolge mittlerweile vermittelt und im Laufe der Zeit namhafte Investoren auf sich aufmerksam gemacht. Bereits 2012 stieg mit Spark Capital einer der erfolgreichsten Fonds aus dem Silicon Valley bei Getyourguide ein. Der prominenteste ist aber erst mit der aktuellen Finanzierungsrunde hinzugekommen: der Softbank Vision Fund.

Ted Fike, Partner bei Softbank Investment Advisers und neues Mitglied im Aufsichtsrat von Getyourguide begründet das Investment wie folgt: „Konsumenten, allen voran Millennials, geben ihr verfügbares Einkommen zunehmend für Reiseerlebnisse aus. Wir glauben fest daran, dass Getyourguide diese seismografische Verschiebung nutzen kann, um den stark fragmentierten Reisemarkt der globalen Veranstalter und Anbieter zusammenzuführen, und so den Zugang zu den besten Reiseerlebnissen weltweit modernisieren kann.“

Das Potenzial haben allerdings auch andere erkannt: Reiseveranstalter wie Tui und Buchungsplattformen wie Airbnb oder Booking setzen inzwischen ebenfalls auf Erlebnisse. Reck bleibt gelassen: „Wir haben den Markt entdeckt, wir waren immer zwei Schritte voraus. Das schafft man nur, wenn man sich fokussiert.“

Reck und seine Mitgründer hätten es geschafft von Gründern, die alles auf einmal machen müssten, zu Managern zu werden, die delegieren und führen können, sagt Saller anerkennend. Das sei nicht selbstverständlich.

Auch der Holtzbrinck-Partner glaubt, dass die gesamte Gründerszene von einem Megainvestment wie bei Getyourguide profitieren wird – schon allein deshalb, weil all diejenigen, die im Zuge der Transaktion jetzt ihre Anteile verkauften, nun wieder Geld in der Kasse hätten, das sie in neue Start-ups investieren würden.

Europa hat immer mehr Einhörner

So wie Getyourguide-Gründer Reck, der unter anderem bei Tourlane investiert ist, einem weiteren Reise-Start-up aus Berlin. Reck hilft dort nicht nur mit Rat, er hat die Gründer von Tourlane auch mit Investoren wie Sequoia aus dem Silicon Valley bekanntgemacht.

Zum anderen, sagt Saller, seien große Unternehmen wie Getyourguide, Zalando oder Delivery Hero immer auch Kaderschmieden für Talente, die das Erfolgsgeheimnis einer Firma mit in das nächste oder in ein eigenes Unternehmen brächten.

Ein erfolgreicher Gründer finanziert den nächsten – so ist auch die Start-up-Szene in Kalifornien groß geworden. Und so wird auch die Berliner Gründerszene, und mit ihr das deutsche und europäische Ökosystem immer größer und immer vernetzter. 61 europäische Unternehmen haben in den letzten 15 Jahren eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreicht, davon 17 alleine im Jahr 2018.

Zu den deutschen Einhörnern gehören unter anderem die Gebrauchtwagenplattform Auto1, das Software-Start-up Teamviewer und der Kochboxenlieferant Hello Fresh. Mit Getyourguide ist nun Brancheninformationen zufolge das nächste in dem Klub hinzugekommen – obwohl das Unternehmen über die genaue Höhe der Bewertung schweigt.

Die ganz großen Finanzierungsrunden sind hierzulande allerdings immer noch selten – und wenn, dann kommt das Geld meistens nicht aus Europa, sondern aus den USA oder aus Asien. Die letzte große Finanzierungsrunde, die der Größe nach mit der von Getyourguide mithalten konnte, war die der Gebrauchtwagenplattform Auto1 – und sie wurde ebenfalls angeführt von Softbank.

Investor Klaus Hommels, der mit seinem Fonds Lakestar einen kleineren Betrag in Getyourguide investiert hat, bereitet diese Entwicklung schon lange Kopfzerbrechen: „Durch das fremde Geld werden die innovativsten jungen Unternehmen zunehmend von Investoren außerhalb Europas kontrolliert. Ich halte es sogar für möglich, dass in wenigen Jahren mächtige internationale Geldgeber die Zukunftsbranchen in Europa beherrschen.“

Für Florian Nöll, Chef des Bundesverbands Deutscher Startups, ist es ganz klar „ein Politikversagen, das hier auf ein Marktversagen folgt“. Die Regulierung insbesondere der Lebensversicherer sei schuld daran, dass die Fonds hierzulande nicht so viel Geld einsammeln könnten, wie in China oder in den USA in Start-ups investiert wird.

Gründer Reck hat noch ein ganz anderes Problem mit der Regulierung: Er würde seine Mitarbeiter gerne an seinem Unternehmen beteiligen. Das sei in Deutschland aber nur schwer möglich, sagen er und etliche andere Tech-Unternehmer, die der Politik mit diesem Anliegen schon lange in den Ohren liegen. Start-ups, die noch keinen Gewinn machen und keine hohen Gehälter zahlen könnten, müssten auf dem heiß umkämpften Markt für Talente wettbewerbsfähig bleiben. Alleine Getyourguide will bis Ende des Jahres 300 Mitarbeiter einstellen – und das ist doch mal für alle eine gute Nachricht.

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2 Kommentare zu "Spektakuläre Finanzierungsrunde: Neues Einhorn aus Berlin: Getyourguide sammelt fast eine halbe Milliarde Dollar ein"

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  • Ursprünglich mit dem Ziel vor Augen spannende Hirnforschung zu betreiben, verhökert der gute Mann nun Onlinebuchungen für Erlebnistourismus. Tja, schon irgendwie schade.

  • Was diese Idee so einmalig macht und mich nach ziemlichem Frust in Sachen Innovations-Finanzierung jetzt doch wieder etwas hoffnungsvoller stimmt: dieses neue Einhorn-Startup brachte es fertig, viel Geld für ein wichtiges Kulturprojekt zu akquirieren: die individuelle, vielseitige "Bildungsreise", deren Hinscheiden vor jetzt ziemlich genau hundert Jahren und deren Ersatz durch Ballermann allgemein bedauert wurde. Große Gratulation an die Gründer, die nicht nur das Bedürfnis erkannten sondern auch Interessenten fanden, die bereit waren, auch große Summen in deren Erneuerung und Wiederbelebung zu investieren.

    Und das brachte mich auf eine Idee: gerade im Bereich des Wissens und seiner Digitalisierung gibt es - vor allem hier im alten Europa - viele innovative und teils revolutionäre Ideen, die niemand erkennt; vielleicht weil sie noch etwas schwerer zu erkennen und zu vermitteln sind, oder sich vergleichbar gebildete und kreative Innovatoren nicht finden.

    Wäre das nicht ein Gebiet, wo die Bundesregierung viel voranbringen könnte, und das vermutlich mit weit weniger Geld als mit einzelnen Projekt-Förderungen oder Finanzierungshilfen. Wie wäre es mit ein oder mehreren Lehrstühlen oder ähnlichen Einrichtungen für "Innovation in Bildung, Kultur und Intelligenz"? Deren Aufgabe wäre es, hoffnungsvolle aber schwer zu entdeckende Ideen und Projekte vor allem im Bereich der Digitalisierung, der KI und der Vernetzung des weltweiten Wissens aufzuspüren und ihnen eine Plattform zu bieten?

    Und wäre es nicht eine spannende Aufgabe für ein oder mehrere Qualitätsmedien (wen meine ich da wohl ...), hierbei mitzutun?