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TV-Erlöse Vertrauliche Analyse: Rebellische Bundesliga-Klubs kämpfen um gerechtere Geld-Verteilung

Die Vereine streiten erbittert um die Fernseh-Millionen. Die Schere zwischen Klein und Groß wächst. Anfang Dezember kommt es zum Schwur.
23.11.2020 - 13:01 Uhr Kommentieren
Die Schere zwischen den Klubs geht weiter auf. Quelle: dpa
Bundesligaspiel zwischen Bielefeld und Leverkusen

Die Schere zwischen den Klubs geht weiter auf.

(Foto: dpa)

München In der Stunde des Triumphs kam die dunkle Vorahnung. Gerade erst hatte Christian Seifert im Corona-Sommer für den Top-Profifußball 4,4 Milliarden Euro an TV-Geldern für die Zeit von Mitte 2021 bis Mitte 2025 verhandelt. Da warnte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) schon: Die Debatte um die Verteilung dieser Gelder sei „mindestens so intensiv“ wie die über die Rechte-Auktion bei den deutschen Sendern. Er hoffe auf „Anstand und Solidarität“.

Daran kann man zweifeln. In diesen Tagen liegen die Klubs in einem erbitterten Streit darüber, wer wie viel von den Medienerlösen bekommt. Ein Riss geht durch Deutschlands Spitzenfußball.

Da sind auf der einen Seite die erfolgreichen Klubs rund um Rekordmeister FC Bayern München, die alles beim Alten lassen wollen. Motto: Leistung muss sich lohnen. Ihnen steht eine Allianz der Reformer – meist aus der Zweiten Liga – gegenüber, die mit einem neuen Verteilungsschlüssel auf mehr Chancengerechtigkeit zielen.

Neben den Geisterspielen in der Pandemie, der Führungskrise des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der akuten Spielschwäche der Nationalmannschaft ist der Streit ums Geld in den beiden Bundesligen der vierte große Krisenherd in Deutschlands beliebtester Sportart.

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    Die Auseinandersetzung ist umso härter, weil von 2021/22 an gegenüber den heutigen nationalen TV-Erlösen pro Saison rund 50 Millionen Euro fehlen. Und auch in der Auslandsvermarktung erlöst die DFL inzwischen ein paar Millionen weniger. Der Kampf um das „Weniger“ ist noch um einiges härter als der Kampf um das Mehr. 30 Prozent der Klubs sind nach finanziellen Sünden in der Vergangenheit von der Insolvenz bedroht.

    Ein streng vertrauliches Analysepapier vom Oktober für das DFL-Präsidium, welches das Handelsblatt einsehen konnte, rüttelt die Branche auf. Es wird von den Erstligisten Augsburg, Mainz, Bielefeld und Stuttgart sowie von zehn Zweitliga-Vereinen getragen.

    Das Papier hat Sprengwirkung. Es kritisiert unter anderem, dass die Tabelle nicht mehr „das Abbild der sportlichen Leistung, sondern vor allem der finanziellen Möglichkeiten“ sei. Die „wirtschaftliche Schere“ zwischen den wenigen „großen“ und den vielen „kleinen“ Klubs gehe immer weiter auseinander.

    Durch die Einnahmen aus der Champions League setzen sich die Spitzenklubs weiter ab. Quelle: dpa
    BVB-Stürmer Erling Haaland

    Durch die Einnahmen aus der Champions League setzen sich die Spitzenklubs weiter ab.

    (Foto: dpa)

    Das bittere Fazit der Autoren: „Die Bundesliga ist weniger spannend geworden – nicht nur an der Spitze.“ Anders als in der Zweiten Liga, wo die finanziellen Unterschiede nicht so groß sind, würden die Topklubs der obersten Spielklasse einen immer größeren Teil der möglichen Punkte gewinnen. Die Forderung: „Solidarität für mehr Wettbewerb“.

    Das Papier listet viele Fakten auf, etwa eine Analyse des Ökonomen Stefan Szymanski. Er belegt am Beispiel England, dass die Vereine mit den hohen Personalkosten auch an der Spitze stehen – dass also Geld Tore schießt. In England aber, der Referenzliga der DFL und der heimischen Spitzenklubs, hatte in der Saison 2018/19 der Meister Manchester City im Vergleich zum Tabellenletzten Huddersfield gerade mal das 1,6-Fache der TV-Erlöse zur Verfügung.

    Topklubs profitieren von Zusatzgeldern

    In Deutschland beträgt das Verhältnis dagegen aus Sicht des Schlusslichts 1 zu 3,8. Es soll, so die Rebellen, auf 1 zu 2 sinken. Das Ungleichgewicht rührt vor allem daher, dass von den noch 250 Millionen Euro aus den DFL-Medienerlösen im Ausland vor allem die Großen profitieren.

    Die Zweite Liga bekommt hiervon nur acht Millionen Euro ab, „alles nur Brosamen“, sagt der frühere DFL-Chef Andreas Rettig. Rund 40 Millionen könnten nach dem neuen Modell an Zweitligisten gehen. Das ist der Kern des Konflikts.

    Topklubs wie die Bayern, Borussia Dortmund oder RB Leipzig kassieren zudem in der Champions League oder Europa League wichtige Zusatzgelder, die ihre Position immer weiter verbessern. Laut einer Studie deutet der von 0,29 im Jahr 2008 auf 0,506 gestiegene Gini-Koeffizient, ein statistisches Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen, auf eine wachsende Spaltung der Bundesliga hin.

    Einer der Vordenker auf Kritikerseite ist Thomas Röttgermann. Der CEO des Zweitligisten Fortuna Düsseldorf ist dafür, dass künftig wie zuletzt 1998/99 alle Fernsehgelder unter den Klubs absolut gleich aufgeteilt werden: „Es kommt jetzt darauf an, dass die Vereine über den Tellerrand hinausschauen. Es geht doch darum, wie wir gemeinsam die Bundesliga als Produkt an sich attraktiver und spannender machen.“

    Spannend? Achtmal hintereinander hat zuletzt der hochprofessionell gemanagte FC Bayern gewonnen, mit teils hohem Punkteabstand. „Die Meisterschaft ist in der Regel langweilig“, heißt es im Analysepapier. Die dahinterstehenden Initiativ-Klubs schrieben dem DFL-Präsidium: „Auch weite Teile der Fußballfans wünschen und fordern Veränderungen.“ 57 Prozent der vom „Kicker“ befragten Leser hätten sich so geäußert.

    Es sei dringend geboten, den Status quo „objektiv zu analysieren und kritisch zu reflektieren“, führt der Brandbrief aus, die etablierte Praxis habe sich „deutlich zum Negativen verändert“. Spannend sei ein solcher Wettbewerb nur, wenn im Grundsatz „jeder jeden schlagen kann“.

    Die führenden Klubs, vermutlich auch die Spitze der DFL, verfolgen jedoch ganz andere Ziele. In ihren Plänen sollen andere Mannschaften aus der oberen Tabellenregion wie Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer Leverkusen oder Borussia Mönchengladbach so erstarken, dass sie einmal den Abonnements-Champion FC Bayern ablösen. Deshalb sollte so wenig wie möglich am bisherigen TV-Verteilungsschema geändert werden.

    Jeder äußere nach seinem Gusto Vorschläge, die man unmöglich alle berücksichtigen könne, heißt es bei einem Spitzenklub. Zudem würde unter Umverteilungen zulasten der größeren und erfolgreicheren Klubs die internationale Wettbewerbsfähigkeit leiden.

    „In Deutschland gibt es eine sehr solidarische, ausgewogene Verteilung der TV-Gelder“, hat der FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge im Handelsblatt erklärt. Als Antwort auf das Revolte-Papier bat der einflussreiche Manager jüngst 13 Erstligaklubs und den Zweitligisten Hamburger SV zum Geheimgipfel in einen Konferenzraum am Frankfurter Flughafen.

    Der Bayern-Vorstandschef bat zum Geheimgipfel. Quelle: dpa
    Karl-Heinz Rummenigge

    Der Bayern-Vorstandschef bat zum Geheimgipfel.

    (Foto: dpa)

    „Das war der mediale Gegenschlag“, sagt ein Experte zum „G15“-Gipfel. Und eine Machtdemonstration, die Rebellen waren nicht dabei. „Die haben uns den Fehdehandschuh hingeworfen“, erklärte Rummenigge und kanzelte das Reformpapier ab: „Wir wollen das nicht.“ Die schwächelnde Auslandsvermarktung der DFL trifft seinen Klub, in absoluten Zahlen, besonders stark.

    Er habe nicht verstanden, „warum einige Klubs, die aus meiner Sicht nichts Verwerfliches getan haben, in Frankfurt ausgeschlossen waren“, sagt Marco Bode, Aufsichtsratschef des Erstligisten Werder Bremen, in der „Süddeutschen Zeitung“. Auch sein Klub glaube, dass Veränderungen nötig seien, „niemand kann allein spielen“. Bode ist mit den Chefaufsehern von Fortuna Düsseldorf und des HSV in engem Kontakt.

    Womöglich wird nach Rummenigges konzertierter Aktion von den konkreten Vorschlägen der Reformer wenig übrig bleiben. Sie fordern, dass jeder Klub aus jedem „Teilerlöstopf“, also je national und international, einen identischen Sockelbetrag von mindestens 50 Prozent erhält.

    Werden bislang 98 Prozent der nationalen Gelder gemäß vergangenen sportlichen Erfolgen in der Tabelle verteilt, seien nun neue Kriterien einzuführen. Beispielsweise die „relative sportliche Leistung“: Sie berücksichtigt, mit welchem finanziellem Input der sportliche Output erreicht wird.

    Revolution ist nicht in Sicht

    Erstligist Union Berlin würde sich dann besser als der deutlich reichere Ortsrivale Hertha BSC stellen, auch wenn beide zuletzt gleich viel Punkte erreicht haben. Gefordert wird auch, die TV-Attraktivität eines Klubs, gemessen an den Fernsehreichweiten, künftig zu berücksichtigen.

    Am größten sind die Chancen auf Neuerungen noch bei der „Nachwuchssäule“: Sie soll, statt wie bisher nur mit einem Gewicht von nur zwei Prozent, nun mit fünf Prozent in die Berechnungen eingehen.

    Kleine Änderungen sind wahrscheinlich, eine Revolution ist es nicht. Dabei wäre ein stark veränderter Verteilungsmodus, werben die Reformklubs schriftlich, ein „starkes Signal des Profifußballs an unsere Anspruchsgruppen – für Nachhaltigkeit, gelebte unternehmerische Verantwortung und für jenen Wandel, den uns heutzutage noch zu viele nicht zutrauen“.

    Das DFL-Präsidium bestätigte den Empfang des Briefs und des Analysepapiers. Man wolle sich damit beschäftigen. Derzeit sichtet man die Argumente. Von einem großen Veränderungsdrang ist in der TV-Sache aber wenig zu spüren, auch wenn parallel eine Reform-Taskforce „Zukunft Profifußball“ tagt. Die ist aber zahnlos, wenn die Geldverteilung bis 2025 erst einmal festgezurrt wird.

    Am 6. Dezember kommt es zum Schwur: Dann wollen die neun Mitglieder des DFL-Präsidiums abstimmen. Die dort vertretenen Zweitligisten Darmstadt 98, Holstein Kiel und FC St. Pauli hätten nur dann die Chance auf eine Mehrheit, wenn sie die Vertreter der Erstligisten SC Freiburg und 1. FC Köln beide auf ihre Seite ziehen würden.

    Das dürfte der im Präsidium ebenfalls repräsentierte FC Bayern zu verhindern wissen. Im Zweifel gibt ohnehin die DFL-Spitze den Ausschlag: CEO Seifert, sein Vertreter Peter Peters und der zuständige Direktor Ansgar Schwenken stimmen mit.

    Einen Tag später werden alle 36 Klubs auf der DFL-Mitgliederversammlung das Resultat quittieren. Am Ende dürften tiefe Gräben zurückbleiben. Es sei zu befürchten, dass viele Klubs nur aktuelle wirtschaftliche Vorteile sehen, ahnt Düsseldorfs Vorstandschef Röttgermann: „Es dominiert die Panik des Moments.“

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