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Vergangenheit aufarbeiten Warum deutsche Unternehmer den Blick in die Archive scheuen

Was in der eigenen Firmenhistorie schlummert, wollen viele Unternehmen lieber nicht wissen. Zu groß ist die Angst vor finsteren Überraschungen.
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Der Verwaltungsratchef des Keksherstellers will „alles auf den Tisch“ bringen. Quelle: Christian Burkert für Handelsblatt
Werner Michael Bahlsen

Der Verwaltungsratchef des Keksherstellers will „alles auf den Tisch“ bringen.

(Foto: Christian Burkert für Handelsblatt)

Hamburg Es war Verena Bahlsen, die im Frühsommer zeigte, wie sich schlecht aufgearbeitete Firmengeschichte rächt. Der 26-jährigen Erbin schlug eine Welle der Empörung entgegen, nachdem sie gegenüber der „Bild“ geäußert hatte, Zwangsarbeiter seien im Zweiten Weltkrieg bei dem Kekshersteller Bahlsen „gut behandelt“ worden.

Nicht die unbedachte Äußerung der jungen Frau war der Skandal, sondern die mangelnde geschichtliche Aufarbeitung des Unternehmens. Es stellte sich heraus, dass Bahlsen den Passus mit den gut behandelten Zwangsarbeitern bereits mehrfach in Unternehmenschroniken gebraucht hatte – ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nahm.

Das Unternehmen hatte zwar von Zwangsarbeiterlagern am Firmensitz Hannover Notiz genommen, zumal im Jahr 2000 eine aufsehenerregende Schadensersatzklage von Betroffenen abgewiesen worden war. Doch echte Aufarbeitung fehlte: Nun tauchten in der Debatte innerhalb weniger Tage Dokumente auf, die eine viel größere Einbindung in den Eroberungskrieg nahelegen als bislang eingestanden.

Finstere Geheimnisse wie bei Bahlsen treffen viele deutsche Traditionsunternehmen und Industriellenfamilien. „Eine der interessanten Fragen ist: Wie kommt eine Familienerzählung zustande, die nicht ganz kongruent ist mit den historischen Tatsachen“, sagt Manfred Grieger. Der Historiker hat jahrelang für Volkswagen die Geschichte des von Adolf Hitler persönlich eingeweihten Autobauers aufgearbeitet. Seit Juli ist er offiziell beauftragt, die Bahlsen-Geschichte von 1914 bis Ende der 1960er-Jahre aufzuarbeiten.

So wie Bahlsen haben etliche Unternehmen und Dynastien erst auf Druck von außen ihre Geschichtsschreibung revidiert. Oetkers ließen – auch gegen Widerstand in der eignen Familie – die Rolle der Vorfahren untersuchen, die nicht nur von Wehrmachtsaufträgen und Arisierung profitiert, sondern auch früh die Hitler-Partei NSDAP unterstützt hatten.

Im Frühjahr 2019 veröffentlichte die „Bild am Sonntag“ einen langen Beitrag über die Industriellenfamilie Reimann, eine der reichsten Familien Deutschlands. Reimann-Manager Peter Harf räumte aber sofort ein, die damalig Verantwortlichen seien aus heutiger Sicht Verbrecher – und entschärfte so den Skandal.

Kommt es zur Kritik, reagieren Unternehmen oft mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das hat nicht nur mit Moral der nachgeborenen Generationen zu tun. Die Unternehmen müssen anders als noch vor einigen Jahrzehnten kaum noch fürchten, dass Überlebende sie persönlich zur Verantwortung ziehen. Auf jeden Fall positiv: Das gesellschaftliche Tabu, das Stillschweigen der Nachkriegsjahrzehnte, ist gebrochen.

Heldentaten waren selten

Der Stahlriese Krupp war eng mit den Nationalsozialisten verbunden, Adolf Hitler kam zu Besuch in die Villa Hügel in Essen. Die Vergangenheit fing das Unternehmen nach dem Krieg geschickt auf, indem es den inzwischen verstorbenen Generalbevollmächtigter Berthold Beitz in die Chefetage holte. Der hatte im Krieg viele Juden vor dem Tod gerettet.

Solche Heldentaten sind selten gewesen. Daher wollten nicht wenige Unternehmen lange nicht allzu genau nachschauen, was sich im Dritten Reich ereignet hatte. „Die Befürchtung, dass da was Böses sei, hat die Aufklärung vielfach behindert“, meint Historiker Grieger. Viele Unternehmerfamilien idealisieren die Gründergeneration – und wollen an deren Tabus nicht rühren. „Das ist auch eine Frage der Kultur von Unternehmen – inwieweit es eine Fehlerkultur gibt“, sagt Grieger.

Viele Unternehmensdarstellungen sind in die Jahre gekommen und berücksichtigen neuere Erkenntnisse nicht. Wer nachschaut, kann unter Umständen auch positiv überrascht werden. Der Dax-Konzern Beiersdorf veröffentlichte ohne großes Aufheben Anfang des Jahres ein Buch zur Firmengeschichte. In dem Werk wird eindrucksvoll nachgezeichnet, wie das Unternehmen angestrengt versuchte, die Enteignung der jüdischen Gesellschafter zu verhindern.

Mehr: Nach ihren unbedachten Äußerungen über NS-Zwangsarbeiter will Verena Bahlsen die eigene Unternehmenshistorie aufarbeiten lassen.

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