Der Werber-Rat Spiel, Satz und Comeback

An diesem Wochenende startet das größte Tennisturnier der Welt in Wimbledon. Das Turnier, das Deutschland 1985 durch den Sieg von Boris Becker zur Tennisnation machte, ist wie immer seit Monaten ausverkauft.
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Durch drei Wimbledon-Siege von Boris Becker wurde Tennis in Deutschland in den 1980er-Jahren durchaus populär. Heute ist die Situation aber ganz anders. Quelle: dpa
Tennis-Legende Boris Becker

Durch drei Wimbledon-Siege von Boris Becker wurde Tennis in Deutschland in den 1980er-Jahren durchaus populär. Heute ist die Situation aber ganz anders.

(Foto: dpa)

Ganz anders stellt sich die Situation in Deutschland dar: Aus den Bumm-Bumm-Boomjahren ist ein 40:0 auf den Plätzen geworden. Die meisten Spieler sind über 40 Jahre alt, kaum jemand ist jünger. Ein niederschmetterndes Ergebnis für die einst zweitbeliebteste Sportart der Deutschen, die aktuell hinter Tanzen und Eiskunstlauf nur noch auf Platz zwölf rangiert.

Der Großteil der 40.000 Tennisplätze ist kaum noch ausgelastet, aus Tennishallen wurden vielerorts Indoor-Soccer-Places.

Die deutschen Könige von Wimbledon
Cilly Aussem (1931)
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Sie war die erste deutsche Wimbledon-Siegerin – auch wenn das heute kaum noch jemand weiß. Cilly Aussem, geboren am 4. Januar 1909 in Köln, war in den zwanziger und dreißiger Jahren eine der besten Tennisspielerinnen der Welt. Damals war Tennis noch eine Sportart für höhere Töchter, die Reisen zu den großen Turnieren in aller Welt konnten sich nicht viele leisten. Doch für Cilly Aussems Vater, Generalvertreter für Gervais-Käse, war das kein Problem. Er konnte ihr auch das regelmäßige Training an der Riviera finanzieren. Dort trainierte Aussem mit Bill Tilden, der damaligen Nummer eins der Tennis-Welt. Zusammen gewannen sie auch das Mixed-Doppel in Paris 1930. Ein Jahr später feierte sie beim selben Turnier auch den Titel im Einzel. Doch der ganz große Triumph folgte erst kurz darauf.

Cilly Aussem (1931)
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Am 3. Juli 1931 trat die damals 23-jährige Cilly Aussem im rein deutschen Wimbledon-Finale gegen die gleichaltrige Hilde Krahwinkel aus Essen an - und war erfolgreich. 7:5 und 6:2 hieß es am Ende für die Kölnerin. Bis dahin hatten die beiden Damen das deutsche Tennis bereits in ein neues Zeitalter geführt. Mit ihrem dynamischen Stil verliehen sie auch dem damaligen neuen Frauenbild ein dynamisches, erfrischendes Aushängeschild. Sie waren die ersten, die Aufschläge über dem Kopf ausführten und nicht mehr von unten, wie es damals für Frauen üblich war. Das brachte ihnen auch Kritik ein. Verbandsfunktionäre beklagten die zunehmende „Vermännlichung“ des Damentennis.

Im Jahr 1931 gewann Cilly Aussem neben Wimbledon und Paris auch noch die internationalen Turniere von Deutschland und Österreich, so das sie am Jahresende wie bereits im Vorjahr die Nummer zwei der Tenniswelt war – hinter der überragenden Amerikanerin Helen Wills Moody.

Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-09475 / CC-BY-SA

Cilly Aussem (1931)
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Doch noch im Jahr 1931 erlitt Cilly Aussem auf einer Südamerika-Reise eine schwere Lebererkrankung – die wurde später auch der Grund für ihr schnelles Karriereende. Schon vorher hatte Aussem mit körperlichen Strapazen zu kämpfen. Im Wimbledon-Halbfinale 1930 stürzte sie schwer und musste ohnmächtig vom Platz getragen werden. Darüber hinaus hatte sie sehr empfindliche Augen, stets konnte sie nur mit einem Blendschutz spielen. Nach den Matches musste sie schnell einen dunklen Raum zur Regeneration aufsuchen. Nach langen Pausen schaffte sie 1934 noch einmal ein Comeback, 1935 war sie wieder die erste der deutschen Rangliste. Doch die vielen Krankheiten hatten ihre Spuren hinterlassen. Nach einem frühen Ausscheiden in Wimbledon beendete sie ihre Karriere endgültig. 1936 heiratete sie den italienischen Grafen Fermi Murari dalla Corte Brà und zog mit ihm nach Somalia – wo sie an Malaria erkrankte. Bereits 1963, im Alter von nur 54 Jahren, starb die erste deutsche Wimbledon-Siegerin fast komplett erblindet unter dem Namen Gräfin Cäcilie Editha Murari dalla Corte Brà in Portofino, Italien. 2008 wurde Cilly Aussem in die neugegründete Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Boris Becker (1985, 1986, 1989)
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54 Jahre dauerte es, bis wieder ein Deutscher in Wimbledon gewinnen konnte. 1985 gewann Boris Becker sein Finale gegen den Südafrikaner Kevin Curren mit 6:3, 6:7, 7:6 und 6:4. Damit war der damals 17-Jährige der erste männliche Deutsche, der erste ungesetzte Spieler und der jüngste Spieler überhaupt, der das Turnier auf dem „heiligen Rasen“ gewinnen konnte. Danach startete Becker zu einer der erfolgreichsten Karrieren der deutschen Sportgeschichte. Bereits im darauffolgenden Jahr konnte er seinen Erfolg bei den All England Championships im Finale gegen den Tschechen Ivan Lendl wiederholen. Durch seine Erfolge avancierte Tennis in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zum beliebtesten Zuschauer-Sport hinter dem Fußball. Durch seine emotionale Spielweise wurde Becker weltweit beliebt. Seine Jubel-Geste nach Big Points, die „Becker-Faust“, wurde zu einem seiner zahlreichen Markenzeichen.

Boris Becker (1985, 1986, 1989)
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Die Spielweise von „Bumm Bumm Boris“ war stark auf die Offensive ausgelegt. Seine schnellen Aufschläge paarte Becker mit einem hervorragenden Netzspiel, was ihn zu einem der besten Serve-and-Volley-Spieler seiner Zeit machte. Legendär ist auch sein „Becker-Hecht“, ein im Hechtsprung geschlagener Volley. Sein druckvolles Spiel konnte der Leimener vor allem auf schnellen Belegen wie Teppich und eben Rasen erfolgreich einsetzen. Neben seinen drei Siegen (den letzten feierte er 1989 gegen Stefan Edberg) konnte Becker auch noch weitere Male das Finale in Wimbledon erreichen. 1990 unterlag er gegen Stefan Edberg, 1991 gegen seinen Dauerrivalen Michael Stich. Sein letztes Wimbledon-Finale verlor Becker 1995 gegen Pete Sampras.

Steffi Graf (1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996)
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Sieben Mal (!) konnte Steffi Graf das Turnier von Wimbledon gewinnen. Den ersten sicherte sich die damals 19-Jährige 1988 gegen Martina Navrátilová in drei Sätzen mit 5:7, 6:2 und 6:1. Im selben Jahr schrieb die Mannheimerin Geschichte. Bis heute ist sie die einzige Tennisspielerin, die in einem Kalenderjahr sowohl bei allen vier Grand-Slam-Turnieren als auch bei den Olympischen Spielen den Titel holen konnte. Somit errang sie den sogenannten „Golden Slam“. Danach startete sie zu einer der erfolgreichsten Karrieren der Tennis-Geschichte. Insgesamt feierte sie bei 22 Grand-Slam-Turnieren den Titel. Mit 377 Wochen auf Platz 1 der Weltranglisten hält sie bis heute den Rekord.

Steffi Graf (1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996)
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Ab 1996 bekam es die „Tennis-Gräfin“ aber immer häufiger mit Verletzungen zu tun. Im Jahr 1997 konnte sie nur 19 Machtes bei fünf Turnieren bestreiten – von den 19 Spielen gewann sie allerdings 16 (alle drei Niederlagen gegen die Südafrikanerin Amanda Coetzer). Am 8. Juni 1998 fiel sie durch eine zwölfmonatige Pause das erste Mal seit 1983 aus der Weltrangliste.

Doch Steffi Graf kämpfte sich noch einmal zurück. Im Jahr 1999 gewann sie gegen die 18-jährige Martina Hingis die French Open. Die Schweizerin hatte vor dem Finale schon getönt, ihr Sieg im Finale würde den Generationswechsel endgültig vollziehen. Im zweiten Satz sah Hingis dann tatsächlich schon wie die sichere Siegerin aus, ihr fehlten nur noch drei Punkte zum Triumph. Doch Graf drehte das Spiel noch einmal und gewann. Später nannte sie den Erfolg gegen Hingis „den schönsten ihrer Karriere“.

Die Gründe für den Abstieg liegen weniger an dem Karriere-Ende von Profis wie Steffi Graf und Boris Becker als an amateurhaften Entscheidungen abseits der Courts: So gibt es 2015 weder ein deutsches Turnier-Highlight der obersten Kategorie, noch gibt es national einsehbare Echtzeit-Ergebnisdienste für alle Alters- und Leistungsklassen oder eine strategische Kommunikation für den Spitzen- und Breitensport. Gerade einmal 6000 Fans gefällt der weltgrößte Tennisverband auf Facebook.

Die größte Chance für ein Comeback liegt dabei in den Händen der Landesverbände: Aus vielen Einzelinteressen muss endlich ein Team werden, das sich in den Dienst des Sports stellt und Sponsoren, Fans und Mitglieder aktiv zurückerobern will.

Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

Wie das geht, zeigt nicht nur die Sparkasse mit einem nationalen Erscheinungsbild und nationalen Kampagnen, sondern auch das Handwerk mit der Kampagne „Die Wirtschaftsmacht. Von Nebenan.“ In den meisten der 9000 Tennisklubs sollten sich viele Banker, Tischler Co. finden lassen, die berichten können, wie sich Image positiv wandeln lässt.

Der Autor: Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

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