Wirtschaftsanwälte in der Schweiz Das Land ist für ausländische Kanzleien schwieriges Terrain

Schweizer Wirtschaftsanwälte sind hochqualifiziert und international vernetzt. Doch die Abschottung des Marktes bring zahlreiche Probleme mit sich.
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Schweiz ist für ausländische Kanzleien schwieriges Terrain Quelle: Imago/Westend61
Blick über Zürich

Große Dichte internationaler Unternehmen.

(Foto: Imago/Westend61)

HamburgSchweizer Wirtschaftskanzleien bleiben lieber für sich. Kaum eine Firma ist bereit, sich mit internationalen Adressen zusammenzuschließen. „Fast könnte man meinen, sie hätten den Rütlischwur zum ewigen Kanzleibund abgegeben“, sagt Kanzleikenner und Rechtsanwalt Christoph H. Vaagt, in Anlehnung an die Sage über die Geburt der schweizerischen Eidgenossenschaft.

Der Kanzleiberater bewegt sich seit Jahren in der Branche und beobachtet, dass es ausländischen Law Firms extrem schwerfällt, in der Schweiz Fuß zu fassen. „Dementsprechend international arbeiten die schweizerischen Anwälte. Etwa die Hälfte ihres Geschäfts kommt aus dem Ausland zu ihnen.“ Hauptgrund ist die hohe Dichte internationaler Unternehmen, die in der Schweiz Geschäfte machen.

Neben dem deutschsprachigen Wirtschaftszentrum Zürich sind das französisch-sprechende Genf sowie das italienische Lugano wichtige Finanzplätze und Standorte für Wirtschaftskanzleien. Gerade diese Vielsprachigkeit des gerade einmal acht Millionen Einwohner großen Landes erschwert es den internationalen Sozietäten, in den Markt einzutreten. Vaagt: „Die angelsächsischen Law Firms machen schweizerisches Geschäft eher über die Kapitalmärkte in London und New York.“

Die Anwälte zeichnen sich durch Kanzleitreue aus, verfügen über multilinguale Expertise, sind international auf höchstem Niveau ausgebildet und regional verbunden. Die lokalen Sozietäten arbeiten erfolgreich, unabhängig und individualisiert. Dennoch dominiert in der Branche ein Verhalten á la ‚Das haben wir immer schon so gemacht‘. Eine durchgeplante Akquise etwa fehlt den meisten.

„Strategie und Business Development spielen eine untergeordnete Rolle. Das ist für sie weniger notwendig, denn der Wettbewerb ist nicht so stark wie in anderen Jurisdiktionen“, sagt Vaagt. Was gut funktioniert, wird nicht hinterfragt. „Das Einbeziehen jüngerer Anwälte in strategische Entscheidungen findet ebenso wenig Einzug in die Kanzleien, auch wenn der Wettbewerb um Talente schwieriger wird.“

Nur wenig Fluktuation

Zu den ungeschriebenen Gesetzen gehört, dass keine Sozietät Partner oder ganze Teams einer Wettbewerberin abwirbt. Die Partner verfügen über ausreichend Freiraum in ihrer Tätigkeit, so dass die meisten keine Notwendigkeit dafür sehen.

„Natürlich stehen die Kanzleien in einem wirtschaftlichen Wettbewerb zueinander, doch man kennt sich persönlich und wirbt sich nicht aktiv die Talente ab“, kommentiert Boris Vassella, Geschäftsführender Partner der juristischen Personalvermittlung Legaljob in Zürich, diese schweizerische Eigenheit. Folglich sind Partnerwechsel zwischen Kanzleien kein großes Thema und bilden die Ausnahme.

„Was die Partner jedoch viel stärker als noch vor einigen Jahren beschäftigt, ist die Frage, wie sie angestellte Anwälte bis zum Partnerentscheid halten. Der Nachwuchs bleibt nicht mehr selbstverständlich das gesamte Berufsleben lang in derselben Sozietät.“ Vassella ist selbst Jurist. Er beobachtet, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen auch in die Anwaltsbranche widerspiegeln. „Die Jüngeren haben andere Erwartungen an ihren Job und wünschen sich höhere Lebensqualität. Für sie steht nicht mehr die Ernennung zum Partner an oberster Stelle, sondern ausreichend Zeit für Familie und Hobbies“, erzählt Vassella.

Auf der anderen Seite stehen weniger freie Partner-Stellen zur Verfügung, weil das Umsatzvolumen des Marktes nicht mehr in gleichem Maße wächst wie in den vergangenen Jahrzehnten. Somit fehlt oft die Perspektive für diejenigen, die doch Partner werden möchten. „Zwar haben sich in den Kanzleien alternative Positionen wie Counsel oder Managing Associate etabliert. Doch viele Partner tun sich schwer damit, Teilzeitmodelle für den Nachwuchs sowie auf Partnerstufe zu entwickeln.“

Daher gehen Kanzleien vermehrt dazu über, Unternehmensjuristen aufzunehmen. Diese bringen Erfahrung mit und sprechen die Sprache der Mandanten. So erhofft man sich, das Problem des fehlenden Nachwuchses in den Griff zu bekommen.

Boomende Beratungsfelder

Insbesondere in den Bereichen IT- und Datenschutz sowie andern Aspekten der digitalen Wirtschaft sieht Vassella wachsenden Beratungsbedarf. Dazu gehört im weiteren Sinne Compliance für Financial Services, im engeren Sinne sollten Anwälte sich mit Themen wie Fintech, Block-Chain-Technologie oder mit virtuellen Währungen beschäftigen. Weiterhin attraktive Geschäftsfelder sind das Wirtschaftsstrafrecht sowie Marken- und Patentrecht. Das Best Lawyers-Ranking für die Schweiz zeigt auch die Allzeit-Klassiker wie Litigation und Schiedsverfahren, Gesellschaftsrecht und Transaktionen, Bank- und Finanzrecht sowie Steuerrecht.

‚Legal Tech‘ ist in Deutschland in aller Munde, doch in der Schweiz können sich unter dem Begriff nur wenige etwas vorstellen. „Dass es dabei unter Umständen sogar um das eigene wirtschaftliche Überleben gehen kann, ist kaum jemandem bewusst“, sagt Petra Arends-Paltzer. Die Anwältin und Marketingberaterin ist Mit-Initiatorin der Swiss Legal Tech-Konferenz. „Legal Tech betrifft jeden, der in irgendeiner Weise mit Dokumenten zu tun hat. Die Standardisierung und Automatisierung von bestimmten Arbeitsschritten, etwa die Recherche, das Durchsuchen von Unterlagen, das Vertragsmanagement oder die Vorlagenverwaltung wird auch in Anwaltskanzleien zunehmend Realität werden.“

Es geht also nicht um das Ersetzen des anwaltlichen Rates durch eine künstliche Intelligenz, sondern um eine technischen Ergänzung. Doch der Markt zeigt sich zurückhaltend. Die meisten warten ab und beobachten, wie Wettbewerber damit umgehen. Ein schwerwiegender Fehler, findet Franz Kummer: „Ich würde keiner Kanzlei empfehlen, noch zwei Jahre zu warten, bis man die Strukturen auf Legal Tech anpasst oder sich mit dem Thema beschäftigt. Dann ist es nämlich zu spät.“

Kummer ist Mitinhaber und Gründer von Weblaw, einem Verlags- und Technologiedienstleister für den juristischen Markt. Für ihn ist klar: Kanzleien müssen Technologiekompetenz aufbauen. Multinationale Konzerne etwa nutzen Software-Tools und verlangen von ihren Anwälten, dass sie dazu ebenfalls fähig sind. „Die Erwartungen der Mandanten zu erfüllen, ist der eine Grund“, sagt Kummer. „Die Erwartungen des Nachwuchses an einen modernen Arbeitgeber sind ein anderer.“

Auch hier stehe die nicht vorhandene Fehlerkultur den Kanzleien im Weg. „Neue Technologien zu implementieren und auszuprobieren, das traut sich kaum jemand“, beobachtet Kummer. „Ein weiteres Problem ist der wachsende Wettbewerb. Denn mit Legal Tech kommen neue Player auf den Markt, die juristische Sachverhalte mit technologischen Mitteln abhandeln.“

So treten die Kanzleien auf der Stelle, denn sie möchten Fehlinvestitionen um jeden Preis vermeiden. Kosteneinsparungen sind der wesentliche Treiber der Entwicklung des Legal Tech-Marktes. Denn Mandanten winken horrende Abrechnungssummen nicht mehr wie früher blind ab, sondern prüfen genau, was wofür und von wem abgerechnet wird.

Die üblichen Stundensätze werden künftig nicht mehr so einfach abzubilden sein. „Die ‚Beauty Pitches‘ befeuern den Wettbewerb zusätzlich und üben Druck auf die Honorare aus“, sagt Kummer. „Die Sozietäten müssen alternative Dienstleistungen und Produkte entwickeln, um langfristig zu überleben.“

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  • Désirée Balthasar
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