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Wirtschaftsbetrug Wie ein Unternehmer des Jahres offenbar jahrelang Investoren prellte

Robert S. galt als hochdekorierter Firmengründer. Dann soll er Geldgeber jahrelang um Millionen geprellt haben – auch dank einer trägen Berliner Justiz. Er schweigt dazu.
18.01.2021 - 09:02 Uhr Kommentieren
Die Berliner Strafverfolgungsbehörden und die Justiz stehen immer wieder wegen zu langsamer Verfahren in der Kritik. Quelle: dpa
Kriminalgericht Moabit

Die Berliner Strafverfolgungsbehörden und die Justiz stehen immer wieder wegen zu langsamer Verfahren in der Kritik.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Promis, Frauen, Küche – der Termin war ganz nach dem Geschmack der „Bild“-Zeitung. Im Juli 2013 verlieh Fußball-Legende Lothar Matthäus einer brünetten Berlinerin den Preis für die schönste Küche Deutschlands. „Mann Oh Mann, in dieser Küche steht Frau doch mal gern“, textete das Boulevard-Blatt.

Auf den Fotos neben Matthäus sieht man einen Mann, dem das Haar bis auf die Schultern fällt und der eine auffällige Hornbrille trägt: den Ehemann der Preisträgerin, Robert S., 2009 zum Unternehmer des Jahres gewählt. Der Traum seiner Frau war ihm offenbar viel Geld wert. Kosten der Küche: 200.000 Euro.

Was in der „Bild“-Story unerwähnt blieb: Seinen extravaganten Lebenswandel finanzierte S. möglicherweise schon damals mit dem Geld anderer Leute. Nach Informationen von ZDF-Info und Handelsblatt wird Robert S. an diesem Montag der Prozess vor dem Berliner Landgericht gemacht. „Die Vorwürfe sind im Wesentlichen gewerbsmäßiger Betrug, gewerbsmäßige Untreue und Bankrottdelikte“, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin.

S. soll seit vielen Jahren reiche Investoren dazu gebracht haben, ihr Geld in von ihm gebaute mutmaßliche Luftschlösser zu stecken, unter anderem in seine Pioneer Medical Devices AG. „Nach unseren Schätzungen dürften Anlegergelder im Volumen von etwa 60 Millionen Euro eingeworben worden sein. Und wir können nicht genau feststellen, wo diese Gelder hin sind“, sagt Joachim Voigt-Saulus, Insolvenzverwalter einer der Firmen.

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    Trotz mehrfacher Anfragen schweigt S. zu den Vorwürfen – auch zu seinem letzten Projekt, einer Kooperation mit dem Medikamenten-Importeur CC Pharma, der auch Corona-Tests und Masken anbietet. Dort will man sich weder zu S. noch zum Inhalt der Zusammenarbeit äußern.

    Justiz am Limit – ein Paradies für Wirtschaftskriminelle?

    Die Recherchen legen allerdings nahe, dass S. bei seinen mutmaßlichen Machenschaften von anderer Seite Unterstützung erhalten haben könnte: von einer überforderten deutschen Justiz – in Gestalt der Berliner Staatsanwaltschaft. Über Jahre ließ sie ihn weitgehend ungehindert agieren.

    Es sei wirklich absurd, „dass bei der massiven Anzahl der ihm vorgeworfenen Straftaten und der hohen Schäden die einzige Verurteilung, die er bisher erfahren hat, eine wegen Trunkenheit im Verkehr ist“, sagt der Düsseldorfer Anwalt Simon Zeidler. Er vertritt ein potenzielles Opfer von S.

    Handelsblatt und ZDF-Info konnten die Ermittlungsakten einsehen. Auf knapp 3000 Seiten ist nachzulesen, wie S. offenbar Investoren ausnahm, darunter auch Zeidlers Mandanten, den vermögenden Russen Aleksandr Kaplan, und mehrere Schweizer Geldgeber. S. soll Bilanzen frisiert, gefälschte Dokumente genutzt und diverse Firmen gegründet haben, um ein Schneeballsystem zu verschleiern.

    Schon 2018 schlussfolgerte die Berliner Kripo in einem Vermerk: „Der Beschuldigte (…) ist ein Wiederholungstäter, und es muss davon ausgegangen werden, dass er gleichgelagerte Straftaten begehen wird.“

    Gefälschte Dokumente, italienischer Geschäftspartner

    S. wusste sich vor allem als brillanter Unternehmer zu verkaufen. Im Mittelpunkt: seine mittlerweile insolvente Firma Pioneer Medical Devices AG. Ihr Zweck, gebrauchte Medizinprodukte wiederaufzubereiten, um die Umwelt zu schonen und die Kosten im Gesundheitswesen zu senken, klang für viele Geldgeber offenbar verlockend.

    Was die Investoren nicht wussten: Schon einmal besaß S. eine solche Firma, die Vanguard AG – bis ihn dort die neuen Eigentümer wegen mutmaßlicher Manipulationen und finanzieller Selbstbedienung vom Hof jagten. Das Handelsblatt hatte den Fall 2009 aufgedeckt.

    Doch schon damals zeigte sich die Staatsanwaltschaft Berlin merkwürdig müde. Zuerst wurde das Verfahren nach vier Jahren gegen eine Geldbuße von 75.000 Euro eingestellt, dann nach Beschwerden von Kunden und Mitarbeitern beim Justizsenator wieder aufgenommen.

    2016 wurde S. wegen Untreue, Prozessbetrug und Urkundenfälschung angeklagt. Doch das Verfahren ist bis heute nicht abgeschlossen, einige der möglichen Straftaten sind mittlerweile verjährt. S. konnte derweil offenbar weitermachen – und den Russen Kaplan offenbar um fünf Millionen Euro prellen, die dieser in die Pioneer AG investierte. „So einem talentierten Gauner bin ich noch nie begegnet“, sagt Kaplan heute.

    Die Geschäftsidee von Robert S. klang bestechend: die Wiederaufbereitung von Operationsbesteck. Quelle: imago images / Westend61
    Operation im Krankenhaus

    Die Geschäftsidee von Robert S. klang bestechend: die Wiederaufbereitung von Operationsbesteck.

    (Foto: imago images / Westend61)

    Um den Wert seiner Firma aufzublasen, soll sich S. nach Angaben der Fahnder etwa gefälschter Dokumente, auch der Wirtschaftsprüfer von KPMG, bedient haben. Laut Ermittlungsakten bestreitet S. die Fälschung.

    Aus den Akten geht aber auch hervor, dass er immer wieder auf einen italienischen Geschäftspartner zurückgegriffen haben soll, wenn die Investoren misstrauisch wurden und Belege forderten. Zu dem Italiener notierten die Fahnder: „Der Beschuldigte verfügt auf seinen Rechnern über ein umfangreiches Repertoire an Verträgen auf Deutsch, Englisch, Russisch, blanko oder mit Unterschriften sowie Handlungsvollmachten und Ausweiskopien, die er offenbar nach Bedarf einsetzt.“

    Zögerliche Staatsanwaltschaft

    Festgenommen wurde jedoch zunächst niemand. So konnte Robert S. gleich ein neues Projekt anschieben. Im Technologiepark Adlershof in Berlin koordinierte er noch 2020 den Aufbau der Cleanpack Berlin GmbH. Geschäftszweck: die Aufbereitung von Medizinprodukten.

    Und obwohl S. von seinen Gläubigern auf Millionen verklagt und 2018 längst einen Offenbarungseid abgelegt hatte, hob er 2020 noch fleißig größere Summen ab – über einen Verein namens „dt. Interessenverband zur Förderung der Qualität bei der Aufbereitung von Medizinprodukten“, kurz DIAM. Mal gab er 3000 Euro für ein Golfturnier aus, mal 6000 Euro für einen Chauffeur. Über die Jahre sollen vom Verein mindestens 900.000 Euro in bar abgeflossen sein.

    Warum ließ die Berliner Staatsanwaltschaft ihn so lange gewähren? Darüber reden will sie nicht. Für Justizkenner wie Ralph Knispel von der Vereinigung Berliner Staatsanwälte ist die Untätigkeit kein Wunder. „Sparen, bis es quietscht! Das hat dazu geführt, dass die Ausstattung unterdurchschnittlich ist im Bundesvergleich und unzureichend, um der Arbeit Herr zu werden“, sagt Knispel.

    Dabei verursachen gerade Wirtschaftsdelikte riesige Schäden: 2018 waren es geschätzte 3,4 Milliarden Euro. Doch der deutschen Justiz fehle das Personal, kritisiert auch der Deutsche Richterbund. In den nächsten neun Jahren werden vier von zehn Richtern und Staatsanwälten in den Ruhestand gehen. Mehr als 10.000 Stellen werden frei.

    Sehr zur Freude mutmaßlicher Wirtschaftsbetrüger. S. jedenfalls hätte womöglich weitergemacht. Doch kurz nach einer Anfrage von Handelsblatt und ZDF bei der Berliner Staatsanwaltschaft wird er plötzlich verhaftet – nach einer weiteren Trunkenheitsfahrt im Sportwagen. Seit Ende 2020 sitzt S. nun in der Untersuchungshaft.

    Seine Frau allerdings scheint davon unbeeindruckt. Obwohl sich in den Akten der Staatsanwaltschaft unzählige unbezahlte Rechnungen finden, ist sie offenbar in eine teure Wohngegend in Berlin-Mitte umgezogen. Nur Robert und ihre Traum-Küche hat sie nicht mitgenommen.

    Mehr: Bundesländer fordern mehr Geld für die Justiz.

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